An drei Computerarbeitsplätzen wird konzentriert gerechnet. Studierende optimieren unter anderem das 3D-Modell eines Heckflügels, andere diskutieren gerade Batteriedaten, und auch der Aufriss eines Rennwagen-Chassis ist auf einem der Monitore zu sehen. Willkommen beim TUfast Racing-Team: Auf der Galerie im Gebäude der Fakultät Maschinenwesen der Technischen Universität München (TUM) am Forschungscampus tüfteln Studierende seit September an einem Rennwagen mit Elektromotor. „Jedes Jahr im Herbst formiert sich ein neues TUfast Racing-Team, einige Studierende verlassen uns nach der Rennsaison, andere kommen neu dazu“, berichtet Julius Nasch, der Automobiltechnik studiert und in diesem Jahr mit zwei technischen Leitern die Racing-Crew managt. Er koordiniert verschiedene Arbeitsgruppen, die das Design, die technische Entwicklung von Bauteilen oder Motor, den Aufbau der Karosserie sowie die Tests von Modell xb026 konzeptionieren und umsetzen, die Finanzierung des Projekts planen und Sponsoren ansprechen oder ab Sommer die Renneinsätze organisieren. Nasch achtet darauf, dass Zeitpläne eingehalten werden, die Kosten nicht aus dem Ruder laufen und springt ein, wo Not am Mensch ist. „Zurzeit arbeiten rund 100 Leute an Entwicklung und Aufbau unseres Wagens.“ Bis zur Rennsaison von Mai bis Ende August wächst das Arbeitsvolumen. Dann sind auch noch Präsentationen, Businesspläne, Werbematerialien zu erstellen, daneben Reparaturen, weitere Optimierungen am Fahrzeug und noch mehr Fahrtests durchzuführen.
Am aktuellen Modell xb026 wird fieberhaft gearbeitet, in der vorigen Version (xb025) war der Rennwagen so ausgestattet:
• Vier Elektromotoren mit jeweils 35 Kilowatt (kW). Gesamtleistung: auf 80kW begrenzt, Leistungsverteilung durch Torque Vectoring
• Die Batterie bringt 600 Volt Maximalspannung und rund 6 Kilowatt-Stunden (kWh) Kapazität.
• Monocoque aus Carbonfaser in Leichtbauweise: Der Wagen wiegt insgesamt rund 161 Kilogramm
• Beschleunigung von 0 auf 100 km/h: in circa drei Sekunden
• Maximalgeschwindigkeit: ca. 120km/h
Der Studierendenclub TUfast Racing existiert seit 2002 und nimmt seither an verschiedenen Wettbewerben der Formula Student teil: in den letzten Jahren mit einem selbst gebauten und stetig optimierten Rennwagen, der sowohl mit Fahrer als auch ohne seine schnellen Runden dreht oder Kurvenverhalten demonstriert. Für den Lerneffekt der Teilnehmenden ändert die internationale Rennserie nach jeder Saison das Reglement: „Das verändert jedes Jahr das Fahrzeug“, weiß Mathew Mashkov, der vier Jahre lang bei TUfast Racing mitmachte, sich zuletzt um die Aerodynamik kümmerte, jetzt aber seinen Bachelor in Maschinenbau vorbereitet und daher das Team sowie seinen Nachfolger Benjamin Schelling berät. „Das sind zwar nur Iterationen, die aber trotzdem große Einschnitte für die Konstruktion bedeuten und daher komplett neue Berechnungen erfordern.“
Für die Saison 2025/26 verlangte die Formula Student unter anderem einen 10 Zentimeter niedrigeren Heckspoiler, das wirkt auf Straßenlage und Aerodynamik und fordert „ein weitgehendes Redesign des gesamten Aerodynamikpakets“, so Nasch. TUfast Racing will zudem die vier E-Motoren mit jeweils 35 kW künftig direkt mit Wasser kühlen, um die Leistungsdichte und Dynamik des Antriebs zu erhöhen: Auch das bedeutet eine Menge Entwicklungsaufwand und Planung, zumal die meisten Studierenden nebenbei fürs Racing-Projekt arbeiten: „Jede Arbeitsgruppe betreut ein Bauteil“, beschreibt Nasch die Organisation. Zwölf Teamleitungen wiederum verantworten Aerodynamik, Design, Aufbau und andere technische Themen: „Meistens haben wir zum Saisonstart viel mehr Ideen, was man am Auto ändern könnte. Da wir aber aus Zeit- und Kostengründen nicht alles auf einen Schlag ändern können, muss bewertet und priorisiert werden. So entsteht ein Konzept für ein schnelles Fahrzeug, das in sich schlüssig, leistungsfähig und umsetzbar ist.“
Für ihren Flitzer setzen die Studierenden auf Leichtbauweise und einen Monocoque aus Carbonfaser, bei dessen Konzept außerdem auf die High Performance Computing-Ressourcen des Leibniz-Rechenzentrums (LRZ): Am Hochleistungsrechner CoolMUC werden Chassis und aerodynamische Anbauteile modelliert sowie die neue Kühlung und die Thermik rund um die Motoren simuliert. „Wenn sie ein gutes Konzept haben, bekommen studentische Forschungsgruppen ausnahmsweise Zugang zum Linux-Cluster“, erklärt Thomas Frank, promovierter Strömungsmechaniker, der im Computational X Support-Team die Arbeitsgruppe für Strömungssimulationen leitet und seit 2022 das TUfast Racing-Team betreut. „Daneben empfehlen wir ihnen unsere Trainings und Einführungsworkshops, um ihnen einen schnelleren Einstieg ins HPC zu ermöglichen, und wir unterstützen sie, wenn Fragen beim Simulieren auftauchen.“
Von Herbst bis Frühsommer greifen Mitglieder aus dem Racing-Team auf den CoolMUC, um ihren Flitzer aerodynamisch zu modellieren und optimieren. „Auf unseren Computern könnten wir jeweils nur einzelne Bauteile berechnen“, erklärt Schelling, der Luft- und Raumfahrttechnik studiert und in diesem Jahr die Aerodynamik verantwortet. „Am CoolMUC können wir die gesamte Aerodynamik des Wagens simulieren, dabei noch verschiedene Fahrzustände analysieren und daher aus der Simulation viel mehr Information herausziehen.“ Zum Einsatz kommt dabei Simcenter StarCCM, eine Software aus dem Product Lifecycle Management-Paket von Siemens, die auf multiphysikalische Simulationen spezialisiert ist. „Aerodynamik-Teams setzen diese Software oft ein, wir vom Application Lab haben sie daher auf dem CoolMUC vorinstalliert“, erklärt Frank.
Für die kommende Rennsaison wurden bis Ende Januar rund 2000 Rechen stunden für 500 Simulationen absolviert. Bis zum Rennstart werden weitere HPC-Sessions folgen. Beim Rechnen und Modellieren entstehen schnell Datensätze von rund 150 Gigabyte und mehr, die Notebooks und vor allem die Speicherkapazitäten von kleinen Clustern überfordern. Deshalb reservierten Frank und seine Kolkleginnen noch einen Datencontainer mit fünf Terabyte Volumen im Data Science Storage vom LRZ, damit die Fahrzeugdaten und Simulationsergebnisse abgespeichert und bearbeitet oder auch neu berechnet werden können: „Die Workflows am LRZ erleichtern Einiges“, so Schelling und sein Kollege Mashkov ergänzt: „Dadurch lernen wir nebenbei den Umgang mit Hochleistungsrechnern und können viel mehr Fragen lösen.“
Numerische Strömungssimulationen (CFD) machen Verwirbelungen und Luftwiderstände an Front- und Heckflügeln, Diffusoren oder Lufteinlässen sichtbar, die wertvolle Rundenzeit kosten könnten. Damit lassen sich die Geometrien für die bessere Aerodynamik präzise optimieren, bevor die Formen für die Bauteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff gefertigt werden – ein entscheidendes Detail, um den Anpressdruck in schnellen Kurven zu maximieren. Zudem lassen sich die Wärmeströme zwischen den Elektromotoren, den Wechselrichtern oder Invertern und dem Hochvolt-Akku computergestützt modellieren. So können Kühleinlässe optimal platziert und der extrem kompakte Bauraum effizient genutzt werden. So wird außerdem sichergestellt, dass der 600-Volt-Akku auch bei maximaler Leistungsentnahme innerhalb seines optimalen Temperaturfensters bleibt: "Ich muss schon wissen, wie ich mit großen Datenmengen und mit Rechenzeiten auf parallelen Prozessoren umgehe sowie was eine Software für Strömungsmechanik macht“, beschreibt LRZ-Spezialist Frank die wohl größte Herausforderung. „Wer die Grundlagen nicht versteht, rechnet bunten Zahlensalat und kann numerische Fehler in den Simulationen nicht minimieren und quantifizieren.“
Von September bis Januar wird bei TUfast Racing gerechnet, konstruiert, danach folgen bis April die Fertigungsphase und schließlich die ersten Fahrtests und Optimierungen. Im Mai schließlich präsentiert TUfast seinen neuen Flitzer, und der startet ab Juni durch. „Bei der Formula Student geht es nicht nur um Geschwindigkeit“, stellt Team-Manager Nasch fest. „Ein Rennsieg ist nicht unbedingt nötig, um die Konkurrenz für sich zu entscheiden. Bewertet wird auch, wie Teams Technik entwickeln, Aufgaben und Verantwortung delegieren oder die Kosten im Blick halten.“ Allerdings motivieren mehrere Dutzend Pokale, die sich im Regal bei TUfast reihen, den Ehrgeiz: In vier europäischen Rennen will das Racing-Team 2026 antreten, dort natürlich erste Plätze erreichen und Mitte August am Hockenheimring den deutschen Wettbewerb in allen Disziplinen für sich entscheiden: „Das ist der anspruchsvollste, mit den starken Konkurrenten aus Aachen, Stuttgart, Zürich“, sagt Nasch und lacht.
In der letzten Saison beschleunigte der 161 Kilogramm leichte xb025 in drei Sekunden auf Tempo 100 und schaffte in der Spitze rund 120 Kilometer pro Stunde. Doch die Rennwagen der Studierenden werden nicht nur im schnellen Fahren bewertet, sie müssen auch verschiedene Disziplinen der Beschleunigung bestehen, sicher in Kurven manövrieren, die Langstrecke von 22 Kilometern sowie Fahrerwechsel und Aufladen aushalten – an diesem Punkt bewährt sich selbst konstruierte Technik: Springt der Wagen nicht mehr an, bleiben vom Rennen nur die Punkte, die für Ingenieursleistung, für Effizienz, Konzept und Design, Kostenmanagement oder Businessplan vergeben werden: „Die Formula Student ist vielseitig, es geht um Motoren, Materialien, Elektronik, Batterien, auch um Management- und Teamfragen und es macht auch Spaß. Da kann sich jeder ausleben“, sagt Mashkov, der Racing-Routinier. Viele Studierende bereiten sich bei TUfast auf eine Karriere im Mobilitätsbereich oder sogar im Motorsport vor. Das Alumni- und Sponsoren-Netzwerk unterstützt Rennen wie auch später den Einstieg. Aber ist Motorsport noch nachhaltig und zeitgemäß? „Außerhalb von Rennstrecken bringt das Auto sicher wenig“, gibt Nasch offen zu. „Aber die Leichtbauweise mit Carbon wird in der Autoindustrie und in der Raumfahrt für Nachhaltigkeit eingesetzt. Elektrik, Batteriesteuerung, Ladezustände – das sind Praxisthemen, die nicht nur im Fahrzeugbau immer wichtiger werden. Ich habe letztes Jahr aus Spaß mitgemacht und entschieden, einmal will ich das richtig mit allem Drum und Dran machen.“ (Autorin: vs | LRZ)
• Der Studierendenclub der Technischen Universität München wurde 2002 von 5 Studierenden gegründet.
• TUfast teilt sich heute in drei Teams auf: Bei TUfast Racing steht E-Mobilität und autonomes Fahren im Fokus. Das Eco-Team spezialisiert sein Fahrzeug auf Langstrecken und Effizienz; das Moto-Team konstruiert voll-elektrische Motorräder.
• Die Zusammensetzung der Teams ändert sich jedes Jahr. Neben Studierenden der Ingenieurswissenschaften sind auch die aus Wirtschafts- und Finanzbereichen gesucht.
• Teilnehmende sollten mindestens 10 Wochenstunden investieren, Leitende nutzen prüfungsarme Phasen oder ein Freisemester. Höchstteilnahmedauer: 5 Jahre.
• Sponsoren unterstützen das Vorhaben und stellen dem Verein Material, Services sowie finanzielle Mittel zur Verfügung.
• TUfast online: https://tufast.de/ zum Racing-Team: https://tufast-racingteam.de
• Formula Student Germany (FSG): www.formulastudent.de