Zur Hauptnavigation springen Zur Hauptnavigation springen Zum Inhalt springen Zum Fußbereich springen

Euro-Q-Exa: „Ein Forschungsspielzeug, allerdings ein wichtiges“

Technologie:Quantencomputing Forschungsbereich:Future Computing

Euro-Q-Exa nimmt gerade seinen Betrieb für die Forschung auf: Die Physikerin Jeanette Lorenz hat schon Rechenzeit beantragt, zuvor mehrere Quantensysteme miteinander verglichen und weiß, was das innovative Quantensystem mit einem Supercomputer kann.

Auf Basis von Ionenfallen, Photonen, Neutralatomen, Diamanten oder supraleitenden Schaltkreisen: Aktuell werden in Europa unterschiedliche Quantencomputer gebaut, von den meisten Chips und Systemen gibt es bereits mehrere Generationen. Wie aber können die Technologien verglichen, der Fortschritt gemessen oder die Leistung von Systemen beurteilt werden? Mit ihrem Team suchte Jeanette Lorenz  promovierte und habilitierte Physikerin vom Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme (IKS), nach Antworten. Die Forschenden konfrontierten vier verschiedene Technologien mit einer Optimierungsfrage aus der Mathematik, dem Problem des Handlungsreisenden. Zum Einsatz kamen
Q-Exa vom Leibniz-Rechenzentrum (LRZ), ein System auf Basis supraleitender Schaltkreise mit 20 Qubits,
— das AQT-System vom LRZ, das mit Ionenfalle und Laser 20 Qubits bietet, außerdem
— ein System von Pasqal, das mit Neutralatomen und zehn bis 100 Qubits arbeitet, sowie
— ein Quanten-Annealing-System von D-Wave mit rund 5000 Qubits. 

Das Paper „Application-Driven Benchmarking of the Traveling Salesperson Problem: a Quantum Hardware Deep-Dive” beschreibt Unterschiede und Erfahrungen aus dem Vergleich. „Jede getestete Plattform hatte einen unterschiedlichen Reifegrad und verfügte über Eigenschaften, die wiederum die Gestaltung von Algorithmen beeinflusst“, berichtet Lorenz und fordert: „Wir sollten Technologien und Systeme mit einem breiteren Spektrum an Rechenaufgaben und Algorithmen konfrontieren – von mathematisch anspruchsvollen bis hin zu praktischen wie etwa dem Problem des Handlungsreisenden – um ihren Fortschritt besser vergleichen zu können.“ Außerdem fehle es an Maßstäben sowie einheitlichen Kennzahlen zu Technik, Betrieb und Leistung, um die noch junge, innovative Computerklasse einordnen, aber auch verbessern und weiterentwickeln zu können sowie die Pläne der Hersteller verstehen und verorten zu können.

Schon hat die Fraunhofer-Forscherin Rechenzeit für den ersten europäischen Quantencomputer in Deutschland beantragt: „Konkret interessieren uns bei diesem System die Aspekte der Integration, das Zusammenspiel von klassischem und Quantencomputing und wie wir für hybride Workloads Software entwickeln können“, so Lorenz. „Wir werden mit Euro-Q-Exa außerdem besser erkunden können, für welche Forschungsaufgaben Quantencomputer die richtige Wahl sind. Er schafft zwar noch keinen Quantenvorteil, aber er ist ein wesentlicher Schritt hin zu besseren Systemen für die Wissenschaft und das Engineering.“ Im Interview rückt Lorenz einige falsche Vorstellungen zurecht und beschreibt, was heute bereits möglich ist im Quantencomputing. 

Sie haben verschiedene Quantentechnologien mit dem Problem des Handelsreisenden konfrontiert – liefern diese Systeme dazu schon konkrete Antworten?
PD Dr. Jeanette Lorenz: Nein, das Problem des Handlungsreisenden können diese Quantencomputer wie die meisten aktuellen nicht lösen. Noch zeigt die verfügbare Hardware Grenzen auf, auch die aktuellen Algorithmen können nicht immer an spezialisierte Systeme angepasst und dafür optimiert werden. Folglich können wir uns im Quantencomputing nur mit einfachen Problemen oder Spielereien befassen. Das heißt nicht, dass diese Computer unnütz sind. Ganz im Gegenteil, Forschende untersuchen damit, wie Technologien und verschiedene Hardware funktionieren, auf welche Algorithmen sie ansprechen, wie wir sie mit klassischen Ressourcen verzahnen, um sie zu steuern. Außerdem brauchen wir Kennzahlen um die Leistungskraft und Funktionen von verschiedenen Technologien und Qubits miteinander vergleichen, aber auch um den technischen Fortschritte im Quantencomputing besser bewerten zu können.

Ziel Ihrer Arbeit war im Speziellen der Vergleich verschiedener Quantentechnologien. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Lorenz: Quantencomputer brauchen zwei Zustände, die man überlagern kann. Das wird heute mit unterschiedlichen Technologien realisiert. In supraleitenden Schaltkreisen entstehen künstliche Qubits, während Systeme mit Ionenfallen oder neutralen Atomen mit echten Teilchen und perfekten Qubits arbeiten. Eine Erkenntnis war, dass jede getestete Plattform einen unterschiedlichen Reifegrad hatte und über Eigenschaften verfügte, die wiederum die Gestaltung von Algorithmen beeinflusst. In unserer Studie qualifizierten wir Unterschiede, indem wir die Systeme mit dem gleichen Rechenproblem, das Problem des Handlungsreisenden, konfrontierten. Eine Beobachtung ist beispielsweise, dass Qubits aus supraleitenden Schaltkreisen schneller arbeiten, aber mit größerem Rauschen oder höherer Fehlerquote, eine weitere, dass Neutralatom-Systeme Rechenprobleme in die Konnektivität der Qubits kodieren können. Wir sollten Technologien und Systeme mit einem breiteren Spektrum an Rechenaufgaben und Algorithmen konfrontieren – von mathematisch anspruchsvollen bis hin zu praktischen wie etwa dem Problem des Handlungsreisenden – um ihren Fortschritt besser vergleichen zu können.

Sie fordern einheitliche Benchmarks für Quantencomputer und Algorithmen – welche Zahlen sind wichtig?
Lorenz: Die Geschwindigkeit beim Rechnen ist sicher ein entscheidender Faktor, aber auch die Zuverlässigkeit der Ergebnisse, außerdem Werte rund um die Eigenschaften der Technologien, die auch auf ihren operativen Betrieb wirken. Braucht ein Quantensystem Kühlung? Wie leicht ist es in klassische Computer zu integrieren? Welche Latenzzeiten entstehen, wenn beide Systeme zusammenarbeiten? Wir haben festgestellt, dass der Cloud-Zugang, über den Quantencomputer heute durch Rechenzentren oder durch Anbieter verfügbar werden, eher ungünstig ist, weil so Latenzzeiten kumuliert werden. Könnten das Vor- und Nachbereiten der Daten fürs Quantencomputing sowie die Berechnungen in geschlossenen Blöcken abgearbeitet werden, dann wäre die Latenz kein Problem. Aber so funktioniert hybrides Rechnen eben nicht, dabei werden Tausende oder Millionen von einzelnen Rechenschritten zwischen den Systemen ausgetauscht, also sollten wir die Latenz durch technische Eingriffe oder Programmierung zumindest vermindern können.

Die Lösungsmöglichkeiten für das Optimierungsproblem des Handlungsreisenden, der nach dem besten Weg zwischen beliebig vielen Punkten sucht, skaliert schnell in Bereiche, die klassische Computer überfordern: Könnten solche Aufgaben zum Vergleichsmaßstab für Quantencomputer werden?
Lorenz: Um das Problem des Handlungsreisenden zu lösen, wird heute ein Variational Quantum Eigensolver, kurz: VQE, eingesetzt, ein Algorithmus, der Quantencomputing mit klassischen Methoden kombiniert. Man kann darüber streiten, ob er ein gutes Werkzeug für Benchmarks ist. Um die Leistungen von Quantencomputern zu bewerten, sollten eher fehlertolerante Algorithmen zum Einsatz kommen. Diese sind näher an den praktischen Anwendungen und verwenden logische Qubits, die aus mehreren physikalischen Qubits kombiniert wurden, um Fehler aufzuspüren und zu korrigieren. Ein Beispiel ist der Shor-Algorithmus, ebenfalls ein hybrider Quantenalgorithmus, mit dem sich große Zahlen in ihre Primfaktoren zerlegen lassen. Die enthaltende Subroutine für den Quantencomputer erfordert Perfektion, also möglichst viele perfekte Qubits, daher kann der Shor-Algorithmus praktisch noch nicht oder nur auf kleinsten Skalen ausgeführt werden. Aber man könnte ihn so modifizieren, dass er bei neuer Hardware zeigt, ob damit immer höhere Zahlen faktorisierbar sind.

Sie haben bisher mit Quantencomputern gearbeitet, die bis zu 20 Qubits boten: Jetzt steht mit dem Euro-Q-Exa ein deutlich größeres System mit bis zu 54 Qubits zur Verfügung – was können Quantencomputer dieser Größe?
Lorenz: Wahrscheinlich enttäusche ich jetzt Vorstellungen, aber auch dieser Quantencomputer ist eher ein Forschungsspielzeug, allerdings ein wichtiges. Interessant ist die Anzahl der Qubits, die 54 Qubits sind zwar noch nicht perfekt und daher wird die Rechenkraft noch keinen Supercomputer schlagen, aber die Ergebnisse von Euro-Q-Exa sind mit Standardmethoden nicht mehr vollumfänglich zu simulieren. Das ist eine komische, aber überaus interessante Situation: Wie können wir also sicherstellen, dass die Ergebnisse korrekt sind? Das werden wir evaluieren. Rein praktisch gesehen kann man mit Euro-Q-Exa wahrscheinlich noch keine großskaligen Berechnungen lösen, aber sicher einige VQEs und kleinere, fehlertolerante Algorithmen ausführen oder lineare Gleichungen berechnen sowie kleinere und mittelgroße Moleküle simulieren.

Was werden Sie mit Euro-Q-Exa machen – wieder einen Vergleich zwischen Systemen?
Lorenz: Tatsächlich haben wir bereits Rechenzeit beantragt. Euro-Q-Exa zeigt zunächst den Fortschritt im Vergleich zu Q-Exa, dem 20-Qubit- und Vorgängersystem am LRZ. Er ermöglicht neue Vergleichsmaßstäbe und Benchmarks, insbesondere für die aktuell verfügbaren europäischen Quantencomputer. Konkret interessieren uns bei diesem System die Aspekte der Integration, das Zusammenspiel von klassischem und Quantencomputing und wie wir für hybride Workloads Software entwickeln können. Wir werden mit Euro-Q-Exa außerdem besser erkunden können, für welche Forschungsaufgaben Quantencomputer die richtige Wahl sind. Wären die 54 Qubits perfekt, könnten wir schon größere Berechnungen ausprobieren. Der Quantencomputer schafft zwar noch keinen Quantenvorteil, dafür wären wohl Tausende, wenn nicht sogar Millionen von Qubits notwendig, aber er ist ein wesentlicher Schritt hin zu besseren Systemen für die Wissenschaft und das Engineering. Nach den Plänen von Herstellerunternehmen sollen in ein paar Jahren größere Computer den Quantenvorteil schaffen, das ist noch Spekulation. Bis es so weit ist, müssen noch viele technische Lösungen entwickelt werden – Euro-Q-Exa wird uns dabei helfen. Interview: vs | LRZ