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20 Jahre SeisSol: Erdbebenwellen und mehr berechnen

Technologie:Supercomputing Forschungsbereich:Environmental Computing
10.06.2026

Erdbeben und Tsunamis auf der Spur: Mit SeisSol und Supercomputern modellieren Forschende seit 20 Jahren, wie sich seismische Wellen und Erdbebenbrüche ausbreiten. Der Wissenschaftscode feiert 2026 Geburtstag und erzählt eine Geschichte von den Vorteilen vertrauensvoller, interdisziplinärer Teamarbeit.

Fünf Jahreszahlen prägen diese Forschung besonders:
1992 zitterte die Erde um die Stadt Landers in der Mojave-Wüste – es war Kaliforniens stärkstes Erdbeben seit dem großen Beben von San Francisco 1906.
2004 riss das bislang stärkste Erdbeben der Neuzeit vor der Küste Sumatras und die folgende Flutwelle mehr als 200.000 Menschen in den Tod.
2018 zerstörten Erderschütterungen und ein Tsunami die Stadt Palu in Sulawesi/Indonesien.
2019 folgten in Ridgecrest und Searles Valley, Kalifornien, innerhalb von zwei Tagen Beben der Stärke 6.4 und 7.1.
2023 kamen durch zwei besonders starken Beben in der Ost-Türkei innerhalb von nur 9 Stunden Zehntausende Menschen ums Leben.
Von allen Naturgewalten fordern Erdbeben und Flutwellen immer noch die meisten Leben. Forschende spüren daher fieberhaft den Ursachen nach. Die genannten Katastrophen werden dafür immer wieder aus anderen Perspektiven, mit neuen Erkenntnissen und Methoden betrachtet. Eng verwoben damit ist SeisSol: Mit der Software, die in diesem Jahr 20 Jahre alt wird, wurden die Erdbeben und ihre Auswirkungen wiederholt auf den Supercomputern des Leibniz-Rechenzentrums (LRZ) modelliert.

Diese Arbeiten gewannen große Aufmerksamkeit und internationale Preise: Erfolge, die der Informatik-Professor Michael Bader mit einer über Jahre gewachsenen, interdisziplinären und vertrauensvollen Teamarbeit begründet: Am Lehrstuhl Geophysik und Seismologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) konzipiert wurde SeisSol in Kooperation mit der TUM School of Computation, Information und Technology sowie dem LRZ stetig weiterentwickelt: „Es ist längst nicht selbstverständlich“, beobachtet Bader, „dass eine Arbeitsgruppe einen von ihr entwickelten Code so bereitwillig zur Informatik oder ins Rechenzentrum trägt, damit er dort optimiert wird. Oft verstecken sich darin die Kronjuwelen der eigenen Forschung, also grundlegende Erkenntnisse in Form von Modellierung und Algorithmik. Es braucht viel Vertrauen für so eine Zusammenarbeit.“

Präzise und fließende Modellierung

Erdbeben entstehen in der Regel dort, wo unterirdisch tektonische Platten in Bewegung sind. Können diese nicht aneinander vorbeigleiten, baut sich an den Rändern Spannung auf. Gesteinsschichten geben nach und die gespeicherte Energie abrupt frei. In diesem Fall sprechen Geophysikerinnen von Transformbeben. Zerstörerischer wirken Subduktionsstörungen, dabei schiebt sich nach einer Kollision eine Platte unter die andere. Wer die Ursachen dieser Phänomene erforscht, erkundet neben seismischen Wellen auch Spannung und Bruchenergien, außerdem die Verformungen von Gestein, Temperatur, Untergrund und viele Voraussetzungen mehr. Und für all diese Phänomene gibt es Formeln: „SeisSol verwendet eine Discontinuous Galerkin-Diskretisierung, die bis 2006 zwar in der numerischen Strömungsmechanik, aber noch nicht für geophysikalische Anwendungen eingesetzt wurde“, erläutert die Geophysikerin Alice-Agnes Gabriel, heute Professorin am Scripps Institution of Oceanography an der University California in San Diego.

Sie stieß 2012 nach ihrer Promotion zum SeisSol-Team an der LMU, erarbeitete verschiedene Simulationen, integrierte und optimierte dabei grundlegende Formeln und habilitierte sich 2022 in diesem Themenfeld. Ursprünglich geht der Code jedoch auf den Mathematiker und Geophysiker Martin Käser zurück, der gemeinsam mit dem Numeriker Michael Dumbser an der LMU die Ausbreitung seismischer Wellen rechnerisch analysierte. Neben Differentialgleichungen, mit denen sie Fragen der Wellen- und Erdbebenbruchausbreitung lösten, setzten sie dabei auf die Diskontinuierliche Galerkin-Methode (DG) und kombinierten diese mit einem neuen Zeitschrittverfahren, den Arbitrary-High-Order Derivates. Hinter der ADER-DG-Methode stecken Gleichungen zur Darstellung von seismischen Wellen: Diese Gleichungen werden erstens für eine präzisere Berechnung von Wellen in viele kleine räumliche und zeitliche Abschnitte gestückelt; so lassen sich, zweitens, die vielen Rechenschritte effizient auf tausenden Knoten von High-Performance Computing-Systemen (HPC) verteilen. Den Unterschied in den Ergebnissen von der DG- sowie der ADER-DG-Methode können sich Nicht-Mathematiker vorstellen wie der zwischen Foto und Film: Liefern DG-Rechnungen viele Einzelbilder, schafft ADER-DG fließende Übergänge. Wellen werden realistischer dargestellt, es wird sichtbar, was Erschütterungen beschleunigt: „Es geht bei SeisSol darum, anhand von Sensordaten und Messungen die grundlegende Physik von Erdbeben und Tsunamis zu simulieren und die dabei ablaufenden Prozesse immer besser zu verstehen“, fasst Bader zusammen. „Zum Start meiner Professur 2011 ergab sich die Möglichkeit an SeisSol zu arbeiten. Mir gefiel von Anfang an die Kombination aus High Order Numerik, Höchstleistungsrechnen und Geophysik, das motivierte, mich intensiver mit SeisSol zu beschäftigen.“

Vom geschlossenen zum offenen Code

In den ersten Jahren machte SeisSol als numerisches Verfahren von sich reden. Dieses wurde mit immer mehr Parametern komplexer, stellte Wellenausbreitungen auch dreidimensional dar: „2012 war SeisSol die akkurateste, aber teuerste, computergestützte Methode zur Lösung der Wellengleichung“, berichtet Gabriel. Der Code lieferte Präzision, brauchte aber viel Rechenzeit. Das sollte sich ändern, als sich das interdisziplinäre Team von LMU, TUM und LRZ – gefördert von der Deutschen Forschungsgesellschaft – für die Überarbeitung fand. Die Geophysikerinnen der LMU überlegten damals, wie sie die Entwicklung von Erdbrüchen modellieren und in SeisSol integrieren könnten. Die Informatik-Teams von TUM und LRZ planten den Code außerdem als Open Source-Programm, damit mehr Forschende SeisSol einsetzen konnten: „Der geschlossene, numerisch geprägte Code“, so Gabriel, „wurde zu einem anwendungsorientierten, mit dem wir erstmals ein echtes Erdbeben modellierten.“

Dafür erweiterte das Geophysik-Team das Set der Formeln und Algorithmen um Bruchprozesse. Währenddessen optimierten die Informatiker der TUM mit den Spezialistinnen des LRZ den Code: Mit Hilfe des adaptiven Zeitschrittverfahrens wurden Algorithmen verbessert, leistungskritische Rechnungen indes durch neue Programmierung ersetzt. Die Ein- und Ausgabe-Routinen von SeisSol wurden modernisiert, so dass schrittweise aus dem ehemaligen Fortran-Code bis 2023 endgültig ein C++-Paket mit Spuren von Python wurde. Als erste Simulation auf Petascale-Niveau wurden die Erschütterungen von Landers berechnet: SeisSol erwies sich als äußerst skalierbar und effizient, erledigte auf SuperMUC mehrere Billiarden Gleitkomma-Rechnungen pro Sekunde (PetaFLOPs). Mit dieser Arbeit erreichte das Team 2014 das Finale des renommierten Gordon-Bell-Preises der Association for Computing Machinery. Den Best Paper Award der Supercomputing-Konferenz (SC) in den USA gewann es drei Jahre später mit der bislang längsten und umfangreichsten Simulation des Sumatra-Andamanen-Erdbebens, die ebenfalls SuperMUC berechnete.

Raus aus der Geophysik, rein in die Multi-Physik

Gleichzeitig wuchs die Dokumentation: Das Team baute die Website SeisSol.org auf, verlinkte darauf zu Quellcode, Tutorien und Veröffentlichungen. Informierte über Vorteile sowie Lizenz- und Nutzungsbedingungen der Software und über Gelegenheiten, diese näher kennenzulernen. Spätestens mit dem von der EU geförderten Center for Excellence in Solid Earth (ChEESE) etablierte sich SeisSol in der internationalen Geophysik. In diesem Projekt entstand von 2019 bis 2023 unter anderem ein Software-Paket aus Open Source-Programmen zu Modellierung von Erdbeben und Tsunamis, aber auch zur Verbesserung von Frühwarnsystemen und zur Risiko-Einschätzung. Neben Forschenden greifen Behörden und Unternehmen darauf zu, um etwa Risiken einzuschätzen. „SeisSol entwickelt sich gerade zu einem Community-Code“, freut sich Gabriel. „Es werden immer mehr Paper publiziert, für die SeisSol die Grundlagen schafft und mit deren Autoren und Autorinnen ich noch nie gesprochen habe. SeisSol ist erwachsen geworden.“ Michael Bader betrachtet SeisSol dennoch als „jungen Code“: „Es ist ein Unterschied, ob man ein neues numerisches Verfahren entwickelt oder einzelne HPC-Leistungen wie Performance und Skalierbarkeit einer Software ausgezeichnet werden. Viel wichtiger ist doch die Nutzbarkeit in der Wissenschaft und hier nimmt die Nutzung von SeisSol gerade stark zu.“

Die letzten Jahre sind geprägt durch technische Entwicklungen: In HPC-Systemen machten sich Graphics Processing Units (GPU) breit, klassische Simulationen werden dadurch beschleunigt, automatisiert oder können durch statistische Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI) erweitert werden. Obwohl SeisSol längst für heterogene Systeme optimiert ist, sieht Michael Bader weitere Aufgaben: „Man wird doch nie fertig mit einem Code“, sagt er mit einem feinen Lächeln. „Als wir SeisSol auf GPU angepasst haben, hat es nicht lange gedauert, und wir stießen an allen Ecken und Enden auf neue Herausforderungen für weitere Verbesserungen.“

SeisSol wird heute nicht mehr nur in der Geophysik eingesetzt, auch Ingenieure oder Akustikerinnen berechnen damit Strömungen und Wellenbewegungen. Die Geophysik hat unterdes ihre Schwerpunkte hin zu multi-physikalischen Anwendungen verschoben: Neben seismischen Wellen rückten kombinierte Tsunami- und akustische Wellenausbreitung sowie komplizierte Bruchprozesse in den Fokus. Auf Basis von SeisSol-Simulationen, die ein Erdbebenszenario für die Cascadia Subduktionszone im Nordwesten der USA und Kanada modellierte, entstand ein digitaler Zwilling für Tsunami-Frühwarnungen, mit dem ein Team unter der Leitung der University of Texas 2025 den Gordon-Bell-Preis gewann.

„Wir können nach zerstörerischen Erdbeben und Tsunamis heute sehr schnell SeisSol-Simulationen aufsetzen, noch nicht komplett, aber semi-automatisiert, so sind wir Teil der schnellen wissenschaftlichen Antworten auf Katastrophen geworden“, erzählt Gabriel. „Üblicherweise setzen die Werkzeuge, die direkt Erdbeben eingesetzt werden, auf sehr vereinfachte Physik. SeisSol bringt jetzt Supercomputing und sehr komplexe Berechnungen in die Vor- und Nachbearbeitung, die wir damit sicher ein bisschen revolutioniert haben.“

Gefördert vom US-amerikanischen Geological Survey (USGS) sollen mit Hilfe der Software jetzt auch Erdbeben-Frühwarnsysteme weiter verbessert werden. SeisSol hilft überdies so genannte Shake Maps von besonders gefährdeten Regionen zu erstellen. Dazu werden echte Erdbebendaten jetzt mit Simulationsergebnissen zusammengebracht. Surrogat-Modelle, für die physikalische Modellierung und statistische Modelle kombiniert werden, helfen überdies, Erdbeben und ihre Ursachen besser zu erklären. Und schon wird der nächste Fortschritt einkalkuliert: „Quantencomputing ist für viele geophysikalische Anwendungen eine interessante Entwicklung“, sagt Gabriel. SeisSol wird auch daran beteiligt sein. „Wir können Details wie den Untergrund von Erdbeben noch nicht ausreichend modellieren. Dafür müssen wir die partiellen Differentialgleichungen ins Quantencomputing bringen, erste Ansätze gibt es dazu bereits.“  vs | LRZ

SeisSol-Team