Künstliche Intelligenz (KI) für Wissenschaft, Forschung und die Lehre: Schnell hat sich BayernKI Wissenschaft in Bayerns Forschungslandschaft etabliert. Dahinter steckt eine zentrale Infrastruktur, die aus Hoch- und Höchstleistungs-Systemen des Leibniz-Rechenzentrums (LRZ) und des Erlangen National High Performance Computing Center (NHR@FAU) zusammengestellt wurde, darunter speziell für KI-Anwendungen ausgelegte Computer. Das Herzstück sind rund 300 Graphics Processing Units (GPU), besser: H100-Prozessoren von NVIDIA mit 94 Gigabyte HBM2e-Speicher. „Beide Rechenzentren boten die notwendigen technischen Einrichtungen und die Erfahrungen mit dem Betrieb von Supercomputern und KI-Technologie“, begründen der Informatiker Gerhard Wellein, Professor an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU), sowie Dr. Nicolay Hammer, Leiter des Big Data & AI-Teams am LRZ die Standortwahl. Beide verantworten die zentrale KI-Infrastruktur. „Wir arbeiten in beiden Institutionen seit Jahrzehnten vertrauensvoll und konstruktiv zusammen, um Wissenschaftlerinnen neben Rechenleistung und praktischen IT-Diensten auch Beratung und Schulungen zur Verfügung zu stellen.“ Wie 100 KI-Professuren sowie neue Studiengänge finanziert der Freistaat Bayern diese KI-Infrastruktur im Rahmen seiner Hightech-Agenda: Nach einem Jahr BayernKI im Einsatz ziehen Hammer und Wellein ein erstes Fazit.
Ein Jahr BayernKI für die Wissenschaft – was hat diese Offensive für Wissenschaft und Forschung gebracht?
Prof. Gerhard Wellein: Zunächst einmal die Bündelung von Kompetenzen sowie innovativer Systeme und Computer an LRZ und am NHR@FAU, mit denen Forschende KI-Anwendungen bei Bedarf skalieren können. Schon in unseren diversen HPC-Systemen stehen Graphics Processing Units oder GPU zur Verfügung, etwa von NVIDIA und AMD. Am LRZ können Forschende mit dem Intel-System SuperMUC-NG Phase 2 arbeiten. Diese Bandbreite an verfügbarer Technologie dürfte einzigartig sein und bietet viele Möglichkeiten fürs Experimentieren und Lernen. Sie wurde ergänzt durch mehr als 300 H100-Prozessoren von NVIDIA mit 94 Gigabyte HBM2e-Speicher, die wir für BayernKI angeschafft und an beiden Rechenzentren platziert haben.
Dr. Nicolay Hammer: Offensichtlich wurden und werden diese Ressourcen dringend benötigt – im ersten Jahr verzeichnen wir eine hohe Nachfrage aus der bayerischen Forschung. Wir haben etwa zwei Millionen GPU-Stunden an Rechenleistung vergeben, die BayernKI-Wissenschaftssysteme sind ständig sehr stark ausgelastet und wurden bislang in rund 200 Projekten eingesetzt. Das bestätigt den Bedarf und die Strategie dieser KI-Infrastruktur.
Reichen diese Ressourcen angesichts der herrschenden KI-Euphorie aus?
Wellein: Die hohe Auslastung, stark wachsende Nutzungszahlen und neue Anwendungsszenarien deuten darauf hin, dass Kapazitätsgrenzen in Sichtweite kommen.
BayernKI wurde für Anwendungen wie Machine Learning, Mustererkennung oder Computer Vision, Verarbeitung von Sprache sowie generative KI ausgelegt: Wer setzt darauf?
Hammer: Die Zugriffsmöglichkeiten auf unterschiedliche KI-Systeme bringen Nutzende aus allen bayerischen Universitäten an die beiden Rechenzentren. Bemerkenswert und erfreulich ist, dass BayernKI nach unserer Beobachtung Forschende aus bislang eher unterrepräsentierten Bereichen anspricht – etwa von den Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Wir gewinnen mit BayernKI folglich Anwenderinnen und neue Einsatzszenarien fürs HPC und für Supercomputer. Diese führen ebenfalls KI-Methoden aus, daneben auch klassische Berechnungen und Simulationen, mit denen heute die Grundlagen zur Entwicklung von eigenen KI-Modellen geschaffen werden.
Wellein: Der Fokus von BayernKI liegt auf den oben beschriebenen Anwendungsfällen, das Entwickeln und Trainieren von Modellen, die besonders vom GPU-Einsatz profitieren. Doch KI wird in der Wissenschaft sehr breit eingesetzt. So kommt jetzt verstärkt die Inferenz ins Spiel, der Einsatz von trainierten Modellen zur Analyse oder Generierung von Texten oder Daten oder als Näherung für komplexe Modelle. Diese Entwicklung betrifft beinahe alle Forschungsbereiche von Natur- bis Geisteswissenschaften, von Physik über Klimatologie bis hin zur Medizin.
Schon vor BayernKI gab es äußerst erfolgreiche Forschung rund um KI in Bayern – schafft es die Offensive, nach Informatik, Daten- und Naturwissenschaften weitere Disziplinen zu BayernKI und damit an die neue Technologie zu führen? Wie?
Hammer: Tatsächlich beobachten wir erste Nutzungsgruppen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch aus Ingenieurswissenschaften oder Wirtschaft und Management. Spannend finde ich insbesondere Anträge von Teams, die mit Hilfe von KI-Modellen Materialien oder Bauteile bewerten und deren Lebensdauer abschätzen oder damit Gebäude analysieren und deren Energiebedarf oder Belüftung verbessern wollen – diese alltagsorientierten Anwendungen zeigen die gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz von Forschung und ihren technischen Möglichkeiten.
Wellein: Wir arbeiten daran, BayernKI noch breiter in der Forschungscommunity bekannt zu machen und vernetzen uns dafür mit potenziellen Anwendungsgruppen oder präsentieren BayernKI bei Informationsveranstaltungen der Universitäten und Hochschulen, um uns hier auszutauschen und die technischen Bedürfnisse von Forschenden kennenzulernen. Als hilfreich beim Bekanntmachen von BayernKI haben sich die Trainingsangebote erwiesen, insbesondere die für Studierende und Forschende mit wenig Vorerfahrung.
Am Lehrstuhl Computerlinguistik der Universität Augsburg untersucht das Team um Prof. Annemarie Friedrich unter anderem Handschriften aus dem Mittelalter: Diese liegen als Bilddateien vor und sollen zuverlässig transkribiert werden. Mit Hilfe des Helma-Systems, das zur BayernKI-Infrastruktur gehört, passt die Gruppe vortrainierte TransformerOCR-Modelle an, die Handschriften erkennen. Außerdem kommen Algorithmen zur Objekterkennung wie Yolo zum Einsatz. „Ohne BayernKI könnten wir nicht an diesen Themen forschen“, sagt Friedrich. „Wir können Rechenleistung ohne komplizierten Antrag nutzen, der Support ist hilfreich.“ Die Forschenden untersuchen, wie genau die Modelle rund 1500 handschriftliche Zettel übertragen. „Die Übersetzung von Bild zu Text fällt den KI-Modellen schwer“, erklärt Friedrich. „Aber Wissenschaftlerinnen, die mit diesen Transkriptionen arbeiten, müssen wissen, wie zuverlässig sie sind.“
Wie verteilen sich die Teilnehmenden in den Ausbildungsangeboten von BayernKI auf Startende und Fortgeschrittene?
Hammer: Etwa zwei Drittel der Teilnehmenden buchen Angebote für Einsteigende, ungefähr ein Drittel belegt die Workshops für Fortgeschrittene. Das zeigt, dass BayernKI einen Bildungs- und Qualifizierungsauftrag realisiert. Die Kurse bringen Studierende und Forschende zur KI-Technik und möglichen Anwendungen. Der praktische Einsatz weckt danach meist weitere Ambitionen. Wir sehen viele Teilnehmende daher später in den Kursen für Fortgeschrittene wieder.
Neben Training bieten die beiden Rechenzentren Beratung für die Forschenden – wo brauchen sie besonders oft Unterstützung?
Hammer: Ähnlich wie beim HPC und Supercomputing gehören das Erkennen von Fehlern in oder Problemen mit der Software sowie die Optimierung zu den Herausforderungen, außerdem die Steigerung von Performance fürs Training. Daher haben wir BayernKI von Anfang an mit einem kompetenten Support-Team geplant, das sich auf beide Rechenzentren verteilt. Die Beraterinnen begleiten Arbeitsgruppen durch die ganze Projektlaufzeit, beantworten Fragen, helfen bei der Implementierung von KI-Anwendungen auf parallelisierte Systeme oder unterstützen die Skalierung auf nächstgrößere Systeme.
Wellein: Teilweise beginnt die Beratung schon viel früher, wenn Forschende beispielsweise wissen wollen, welche Projekte sie überhaupt auf den BayernKI-Ressourcen umsetzen können oder welche Systeme sie für ihre Anwendungen benötigen. Viele Fragen betreffen außerdem den Hintergrundspeicher und die dazu notwendigen Infrastrukturen, beides wird allzu oft vernachlässigt beim Einsatz von KI.
Haben Sie Überraschungen erlebt, die beispielsweise Planungen veränderten?
Wellein: Die Verfügbarkeit von Hardware und die Preisdynamik auf den Märkten haben unsere Pläne beeinflusst – wir haben deshalb Antragsverfahren und Beschaffungen beschleunigt, um zusätzliche Rechenleistung aufbauen zu können. Mit dieser Situation werden wir sicher weiter umgehen müssen, es herrscht weltweit weiterhin riesiger Bedarf an KI-Hardware.
Hammer: Positiv überrascht hat uns das große Interesse der Hochschulen an BayernKI. Nicht zuletzt haben wir unter den beantragten Projekten eine hohe Qualität von KI-Anwendungen sowie viele unterschiedliche Einsatzfelder gesehen – Bayern und Deutschland müssen sich sicher nicht verstecken, wenn es um Ideen und Entwicklung innovativer KI-Verfahren geht.
An der TH Rosenheim erforscht Prof. Benjamin Tischler die Thermodynamik und Energieversorgung von Gebäuden – vom Einfamilienhaus bis hin zu Wohnquartieren oder Bürokomplexen. Künftige Bauten sollen energieeffizient, nachhaltig und robust gegen Hitze und Kälte sein sowie von KI-Systemen gesteuert werden können. Tischler und seine Kolleginnen schaffen für die Planung dynamische, digitale Zwillinge oder Modelle, mit denen schon vor dem Bau die Technik geplant und angepasst werden kann. Mit den Ressourcen von BayernKI entwickelt die Gruppe universelle und dateneffiziente KI-Modelle für Gebäude, die mit Simulations- sowie realen Sensordaten aus Hunderten bestehender Gebäude trainiert werden. Damit dreht Tischler gewohnte Prozesse um: Bislang scheitert der breite Einsatz von Gebäude-KI, weil die Technik mit hohem Aufwand an fertige Bauten angepasst werden muss: „Unsere Ansätze nutzen das Wissen aus einer Vielzahl von Quellgebäuden“, erläutert Tischler. „Sie reduzieren daher den Messdatenbedarf im Zielgebäude drastisch und ermöglichen den Einsatz eines einzigen KI-Modells für unterschiedlichste Gebäude. So ebnen wir den Weg für Automatisierung und Skalierbarkeit von KI im Gebäudebetrieb.“
BayernKI soll weiter ergänzt werden – wo liegen dabei die Schwerpunkte?
Hammer: Im Herbst 2026 wird BayernKI insgesamt um mehr als 250 NVIDIA GB200 Grace Blackwell-Chips erweitert, außerdem wird 2027 herum am LRZ der neue Supercomputer Blue Lion aufgebaut, der auf der Vera Rubin-Architektur von NVIDIA basiert und damit auch für KI-Methoden gerüstet ist. Natürlich bleiben wir beim weiteren Ausbau von BayernKI grundsätzlich technologie-offen und werden möglichst die Bandbreite von verschiedenen Prozessoren erhalten, weil das die Unabhängigkeit von Forschung und Wissenschaft fördert und zu den Grundlagen einer umfassenden KI-Ausbildung gehörten sollte.
Nicht nur Bayern gibt mit seiner Hightech-Agenda Gas in Sachen KI – wie ordnet sich BayernKI in die nationalen und europäischen Offensiven ein? Gemeinsam mit dem Hochleistungs-Rechenzentrum Stuttgart und seinen Partnern betreibt das LRZ die AI-Factory HammerHAI, in Schweinfurt wird Blue Swan, eine Giga-Factory von EU und Deutschland, geplant.
Hammer: Die anvisierten Zielgruppen der genannten Angebote unterscheiden sich und damit die Strategien. Europa will mit AI-Factories wie HammerHAI nicht nur die Wissenschaft ansprechen, sondern insbesondere auch Industrie, Mittelstand und Startups. Auch die geplante Gigafactory Blue Swan soll Angebote an die Wissenschaft und Wirtschaft machen und damit Kooperationen und Wissensaustausch fördern. BayernKI Wissenschaft ist ein Angebot an die bayerische Forschung. Setzt man das Angebot in Relation zur Bevölkerungszahl und damit zur Größe des Freistaats, investiert Bayern bis 2028 in diese KI-Infrastruktur übrigens nicht sehr viel weniger wie die EU in ihre AI-Factories.
Bayerns weltliche Patronin, die Bavaria, erfüllt Wünsche: Was wünschen Sie sich für BayernKI?
Hammer: Diese Antwort fällt mir leicht – wünschenswert ist natürlich die gesicherte Finanzierung bis zum Projektende 2028 und hoffentlich auch noch weit darüber hinaus.
Wellein: Dem schließe ich mich gerne an, aber dann würde ich ja die Erfüllung eines Wunsches vergeben. Also hoffe ich außerdem darauf, dass die Angebote von BayernKI sich weiter herumsprechen und aktiv von Forschenden aller Fachbereiche genutzt werden – das nutzt ja der Wissenschaft und indirekt uns allen. vs | LRZ