ILMES - Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung |
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Von Ulrich Oevermann entwickeltes Verfahren der kontrollierten hermeneutischen Auswertung vor allem von Interviews oder (protokollierter) natürlicher Kommunikation. Es lassen sich zwei wesentliche Aspekte unterscheiden:
Nicht wenige qualitative ForscherInnen sind der Ansicht, dass das Auswertungsverfahren auch dann gewinnbringend eingesetzt werden kann, wenn man die zugrundeliegenden Annahmen nicht teilt.
ad 1:
Die O. H. geht - wie jedes hermeneutische Verfahren - davon aus, dass die soziale Wirklichkeit sinnhaft ist. Die O. H. interessiert sich jedoch nicht nur, genauer: allenfalls in zweiter oder dritter Linie, für den subjektiv gemeinten (intendierten) Sinn, also den Sinn, den die sprechenden oder handelnden Subjekte ihren Äußerungen oder Handlungen beilegen, sondern vorrangig für die "objektive Sinnstruktur".
Ein einfaches Beispiel möge dies verdeutlichen: An der Äußerung "ich liebe dich" interessiert in der O. H. nicht in erster Linie, ob die Aussage tatsächlich mit den Intentionen der/s Sprecherin/s "übereinstimmt" (also aufrichtig ist), sondern welche Funktion diese Äußerung in dem Kommunikationszusammenhang, in dem sie steht, besitzt: Sie kann - als "Beschwörung" eines gemeinsamen übergreifenden Zusammenhanges in einer Paarbeziehung - den Sinn haben, den Partner/die Partnerin aktuell in eine gleichsinnige Gefühlslage zuversetzen, sie kann etwa in einem Streit den Partner zum Einlenken zu bringen versuchen, sie kann als Immunisierung gegen Kritik gemeint sein - "gemeint" aber nicht in dem Sinne, dass dies der Sprecherin/dem Sprecher bewusst sein muss!
Aus diesem Anspruch, vor allem auf die "objektive Sinnstruktur" von Kommunikationszusammenhängen gerichtet zu sein, leitet sich der Name O. H. ebenso ab wie aus dem weitergehenden Anspruch auf objektive Gültigkeit der mit Hilfe des Verfahrens gewonnenen Ergebnisse.
Der Anspruch, den "objektiven Sinn" von Handlungen, Äußerungen oder Interaktionen herauszuarbeiten, wird auch als Ziel formuliert, die generativen Strukturprinzipien des Falles zu untersuchen. Zugrunde liegt dem die Annahme, dass der untersuchte Fall durch Regeln hervorgebracht wird, die eben - wie z. B. meist Grammatikregeln - den Beteiligten häufig nicht bewusst sind. Grundsätzlich zielt die O. H. auf die Analyse einzelner Fälle, da Generalisierung für sie bedeutet, in den einzelnen (Handlungs-, Sprach-, Interaktions-)Segmenten die für den vorliegenden Fall zutreffenden "Strukturprinzipien" zu ergründen. Eine Generalisierbarkeit im statistischen Sinne (etwa: wie häufig treten gleichartige Fälle in einer gegebenen Grundgesamtheit auf?) wird nicht angestrebt.
Analysegegenstand der O. H. sind immer Texte, genauer: Textprotokolle. Diese können sich durchaus auf nicht-sprachliches Material beziehen, wenn auch protokollierte sprachliche Äußerungen meist im Zentrum der Analyse stehen. Was aber den Forschenden als Material zur Verfügung steht, ist immer Text - also z. B. ein Protokoll über beobachtete nicht-sprachliche Handlungen -, weil andere Datengrundlagen für die Interpretation (und auch deren Mitteilung) nicht denkbar sind. (Angesichts neuer Medien wie dem Internet steigen sicherlich in Zukunft die Möglichkeiten, nicht-sprachliche Protokolle, etwa Video-Aufnahmen, zu interpretieren und diese Protokolle zusammen mit den Interpretationen anderen zugänglich zu machen. Das ändert aber nichts daran, dass auch Video-Aufnahmen "Texte" sind im Sinne fixierter, vermittelter und perspektivischer Repräsentationen. Auch eine Video-Aufnahme zeigt nicht "das" Geschehen!)
Wie schon angedeutet, sind die hier skizzierten Grundannahmen, vor allem diejenigen einer "generativen Struktur", die - so lauten die Einwände - "über den Köpfen der Subjekte hinweg" wirksam ist, umstritten (vgl. Reichertz 1986; Schneider 1985).
ad 2:
Im Kern des methodischen Vorgehens steht die sequentielle Analyse von (Interaktions-, Interview- oder anderen) Protokollen. In dieser Analyse werden in einem abduktiven Verfahren Lesarten des Textes zunächst erzeugt und dann sukzessive ausgeschieden, so dass sich mit der Zeit eine Deutungshypothese über die Fallstruktur ergibt. Diese Deutungshypothese kann und muss dann an anderen Textausschnitten (oder gegebenenfalls anderem Datenmaterial) so lange geprüft werden, bis entweder die ursprüngliche Deutungshypothese verworfen und eine neue Hypothese dem Prüfungsverfahren unterzogen werden muss, oder die ursprüngliche - bzw., wenn diese sich als nicht haltbar erwiesen hat, eine weitere - Deutungshypothese sich als die mit dem Material am besten verträgliche erweist.
Im einzelnen sind dabei, wie Wernet herausgearbeitet hat, folgende Regeln zu beachten:
Die praktische Analysearbeit sollte i. a. in Gruppen geschehen, weil dies aufgrund der Vermehrung von Perspektiven zu einer größeren Anzahl von Deutungshypothesen führt und vorschnelle Festlegungen auf eine Hypothese vermeiden hilft.
© W. Ludwig-Mayerhofer, ILMES | Last update: 30 Dec 1999