ILMES - Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung |
Artikel drucken |
Auf Karl Mannheim zurückgehender Begriff, der eine Methode der Sinnauslegung bezeichnet.
Mannheim (1964 [1921-22]) unterschied zwischen drei Formen des Sinns von Handlungen oder allgemeiner kulturellen Gebilden: Der objektive Sinn bezeichnet eine soziale Sphäre oder Institution, aus der heraus eine Handlung ihre gesellschaftliche Bedeutung erhält. So ist – um ein Beispiel Mannheims aufzugreifen – die Handlung, in der man einem Bettler Geld gibt, eingebettet in die gesellschaftliche Institution »Hilfe« mit den Rollen »Armer« oder »Bettler«, »Gebender« und die Gabe als »Almosen«. Als Ausdruckssinn bezeichnet Mannheim den subjektiv gemeinten Sinn, also das, was der Gebende mit seiner Handlung zum Ausdruck bringen wollte, beispielsweise Mitleid. Der dokumentarische Sinn schließlich bezieht sich darauf, was sich aus einer Beobachterperspektive in der Handlung manifestiert oder eben dokumentiert (in Mannheims Beispiel könnte sich beispielsweise in einer helfenden Gabe die Heuchelei des Gebenden zeigen); die Handlung wird also als Hinweis aus das »Wesen« oder den Habitus der betreffenden Person gelesen.
Harold Garfinkel (1972) analysierte im Anschluss an Mannheim die d. M. (in seinen Worten: d. M. der Interpretation) als ein Verfahren, mit dem Gesellschaftsmitglieder im Alltag Handlungen Sinn und Kohärenz verleihen: Die Handlungen werden als Ausdruck einer sinnhaften Realität interpretiert, deren Natur ihrerseits aus den Handlungen konstruiert und rekonstruiert wird. Garfinkel untersuchte dies zunächst am Beispiel von Studierenden, die ein Gespräch mit einem hinter einem Sichtschutz verborgenen »Berater« führen sollten. Die Fragen der Studierenden sollten so formuliert sein, dass der Berater mit »Ja« oder »Nein« antworten konnte. Obwohl die Antworten des Beraters nach einem Zufallsschlüssel gegeben würden und folglich teilweise sehr widersprüchlich waren, gelang es den Studierenden, den Antworten sinnvolles Muster zuzuschreiben.
Ein wesentlicher Teil von Garfinkels Argumentation bezog sich darauf, dass auch Soziologinnen und Soziologen in ihren Forschungsberichten (und bei der Lektüre derselben) sich der dokumentarischen Methode bedienen, indem sie den Forschungsprozess und die Ergebnisse (trotz notwendig lückenhafter Dokumentation und Präsentation) als Resultate kohärenten, gezielten und wissenschaftlichen – also nachvollziehbaren, transparenten – Handelns darstellen.
Ralf Bohnsack (1991) bezog sich wiederum auf Karl Mannheim, als er in den 1980er Jahren ein Verfahren der Auswertung von Gruppendiskussionen entwickelte. Danach werden die Diskussionen in vier Schritten ausgewertet:
In jüngerer Zeit wurde der Anwendungsbereich der d. M. auch auf Einzelinterviews und visuelle Materialien (Bilder, Filme) erweitert.
Literatur:
© W. Ludwig-Mayerhofer, ILMES | Last update: 15 Apr 2011