FRANZ PETER WAIBLINGER
HERBERT ROSENDORFER: Kirchenführer Rom. Edition Leipzig, Berlin 1998. 288 Seiten, 39,90 Mark.
Herbert Rosendorfers eigenwilliger Kirchenführer paßt in die Jackentasche, aber nicht unbedingt zu den Erwartungen aller Romfahrer
Ob es in Rom wohl mehr Kirchen oder mehr Bars gibt, hatte Herbert Rosendorfer in seinem poetischen und gelehrten, enthusiastischen und heiteren Panorama der Stadt gefragt (Rom. Eine Einladung). Nach einem regelrechten Romführer, der ein paar Jahre später erschien, läßt er nun, rechtzeitig vor dem Anbruch des Heiligen Jahres, die Bars ganz beiseite und stellt dem Reisenden hundert römische Kirchen vor, eine beachtliche und durchaus überzeugende Auswahl aus der unbekannten, unübersehbaren Gesamtzahl, auf praktische Weise nach dem Alphabet angeordnet.
Walther Buchowiecki hat in vier dicken Bänden über die wichtigsten Kirchen in Rom nicht alles, aber fast alles gesagt, doch das Handbuch ist unhandlich auf der Reise, und so viel will man vielleicht gar nicht wissen, wenn es heiß ist und die schlichteste Bar der schönsten Basilika vorgezogen wird. Rosendorfers Führer, der in jede Jackentasche paßt, hat nun ein ganz anderes Ziel, und damit unterscheidet er sich zum Beispiel von Heinz-Joachim Fischers Baedeker-Bändchen, in dem immerhin rund fünfzig Kirchen besprochen werden. Rosendorfers Buch ist nämlich für Rombesucher gedacht, "die aus religiösen Gründen in die Stadt reisen, aber auch kunsthistorisch und historisch interessiert sind". Deswegen folgt bei jeder Kirche auf eine kurze Baubeschreibung mit knappen geschichtlichen Hinweisen ein Abschnitt über den Patron der Kirche, in dem die Legende oder die biographischen Fakten berichtet werden.
Wer nun vermutet, Rosendorfer habe ein frommes Andachtsbüchlein geschrieben, hat sich schwer getäuscht. Er räumt gnadenlos auf mit allem, was der aufgeklärten Vernunft unserer säkularisierten Epoche nicht standhält – und was übrig bleibt, ist immer noch überwältigend und unbegreiflich. Das Buch wendet sich also auch an Leser, die den Namen Jesus sozusagen zum ersten Mal hören: Bei Il Gesù wird demgemäß sogar der Religionsstifter in einer Kurzbiographie vorgestellt.
Die Amtskirche kommt oft schlecht weg, und nicht nur mancher Kirchenvater, sondern auch manches Dogma erregt den Zorn des Autors. Das wird die Pilger nicht erschüttern, und wenn, so finden sie in der Einleitung die Telephonnummer des Präfekten der Glaubenskongregation. Doch wenn der Autor den (gestohlenen) Santo Bambino von S. Maria in Aracoeli eines "der abstoßendsten Sakralmonster der katholischen Christenheit" nennt, könnte er sich schon manche Sympathie verscherzen.
Wirklich nützlich sind Rosendorfers klärende Anmerkungen zu den italienischen Kirchennamen. Jetzt sollte jeder wissen, daß es San Pietro, aber Sant’ Andrea und Santo Stefano, Santa Susanna, aber Sant’ Agnese heißt. Hilfreich sind auch die Angaben zu den Öffnungszeiten, und erfreulicherweise sind alle Kirchen mit Farbphotos abgebildet (bei S. Ignazio wird allerdings die Fassade von S. Andrea della Valle gezeigt).
Die Erläuterungen zu den Kirchenpatronen, der kritische Blick auf legendäre und echte Heilige – darin liegt die Besonderheit und die Stärke dieses Kirchenführers. Die übrigen Informationen sind notgedrungen begrenzt, und bei unendlichen Geschichten dieser Art sollte man Beckmesserei vermeiden.
Ein sachkundiges Lektorat hätte das nützliche Buch vielleicht vor einigen Versehen bewahrt, auf jeden Fall wären dem Leser Schreibfehler bei Eigennamen und andere Flüchtigkeiten erspart geblieben. Der Dichter und Romliebhaber Rosendorfer hätte diese Mühe verdient.
© Franz Peter Waiblinger 1999