Michael Erler (DIE ZEIT 1. Juli 1999)
Leben wie ein Gott auf Erden
Epikur oder: Wie man glücklich wird.
Neun Anmerkungen zu einem antiken Lehrer des guten Lebens
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Als der Dichter Horaz einmal in einen kleinen Ort kam, wollte man ihm weismachen, dort würde Weihrauch ohne Flamme auf dem Altar schmelzen. Doch Horaz ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. An Wunder glaubte er nicht und war überzeugt: Für alles gibt es eine natürliche Erklärung. Ihn habe schließlich der Epikurschüler Lukrez gelehrt, daß Ungewöhnliches in der Natur nicht von übellaunigen Göttern kommt.
Als Kinder der Aufklärung haben wir für Horaz' Reaktion Verständnis. Auch wir wollen uns nicht irritieren lassen, auch wir möchten jede Situation im Leben meistern können. Und doch verunsichern uns die Ansprüche einer komplexer werdenden Welt, der Zwang, pausenlos Entscheidungen treffen zu müssen, ohne sich der hierfür notwendigen Kriterien sicher zu sein, die Herausforderung, sich unausgesetzt in fremdartigen Situationen zurechtzufinden. Anstatt unsere Umstände zu beherrschen, fühlen wir uns ihnen ausgeliefert.
Eine besondere Haltung scheint notwendig, um dem Ziel näherzukommen, ein gutes und glückliches Leben ohne Verwirrung, in innerer Ausgeglichenheit zu führen. Eben hierzu aber will Epikurs Lehre beitragen. Die kleine Episode mit Horaz ist symptomatisch. Sie illustriert, was der Philosoph Epikur verspricht: Die Fähigkeit zur Selbstheilung in irritierender Situation. Heilkraut ist die epikureische Lehre, die Überzeugung "Vor Gott braucht man sich nicht zu fürchten, dem Tod soll man nicht mit argwöhnischer Angst gegenüberstehen, das Gute ist leicht zu beschaffen, das Schlimme jedoch leicht zu ertragen".
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Wer Glück sucht, muß Angst und Furcht überwinden; wer Glück verspricht, muß Mittel anbieten, dieses Phänomen zu besiegen. Der Verkaufserfolg populärer Abhandlungen über Lebenshilfe signalisiert den Bedarf. Auch die Philosophie bekundet wachsendes Interesse an Fragen praktischer Lebenskunst, angemessener Lebenshaltung und Handreichungen für ein glückliches Leben. Dabei erinnert sie sich zunehmend an die Antike, an jene Konzepte antiker "Selbstsorge" (P. Hadot; M. Foucault), die vor allem in den diesseitsorientierten Philosophenschulen des Hellenismus hervortraten.
Insbesondere Epikur, der gegen Ende des 3. Jh, v. Chr. in Athen in einem Garten (Kepos) seine Schule gründete, profitiert zur Zeit von dieser Renaissance. Und mit Recht. Attraktiv macht ihn sein Anspruch, von Angst befreien und zu Glück verhelfen zu können. Denn Epikur beläßt es nicht bei einem unverbindlichen "Leben Sie. Wir kümmern uns um die Details. Um die Details muß sich schon jeder selbst kümmern. Und gerade dafür bietet Epikur Handreichungen an, verbindet allgemeine Belehrung mit Hinweisen, wie diese Belehrung im Leben praktisch werden kann.
Epikur also als Vertreter einer Lebensart: Eben dies hat ihm schon in der Antike - besonders in Krisenzeiten - viele Anhänger gewonnen, und dies kann gerade heute wieder hilfreich sein. Naturerklärung nämlich ist für ihn nicht Selbstzweck. Sie verfolgt therapeutische Ziele: Beunruhigendes soll sie ausschalten, indem sie Unbekanntes verständlich macht, Unerreichbares als irrelevant, Unvermeidbares als hinnehmbar erweist.
"Leer ist das Wort eines Philosophen, durch das kein Affekt eines Menschen geheilt wird", so lautet Epikurs Maxime. Aufklärung und Seelentherapie. Das erstrebte Glück (Eudaimonie) besteht für Epikur in der Erfüllung eines sinnvollen Lebensentwurfes, dessen Voraussetzungen allgemein vermittelbar sind. Epikur verspricht: Wer seine Lehre und seine Anweisungen Tag und Nacht überdenkt, wird "niemals, weder im Wachen noch im Schlafen, beunruhigt werden und wird unter den Menschen leben wie ein Gott". Glück ist machbar, das ist seine Botschaft.
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Epikur selbst gab das beste Beispiel dafür. Davon waren seine Schüler überzeugt. Lukrez, der bedeutende römische epikureische Dichter des 1. Jh. v. Chr., preist seinen Lehrer: Wie ein sterblicher Gott habe er unter den Menschen gelebt. Denn Epikur habe die Naturmechanismen durchschaut, habe mit seinen Affekten umzugehen gelernt, habe eine richtige Einstellung zu den Göttern gehabt, habe für gutes Zusammenleben gesorgt.
Noch auf dem Sterbebett, von schlimmen Schmerzen geplagt, hat sich Epikur seine Gelassenheit nicht nehmen lassen. Erinnerung an gute Gespräche diente ihm als Therapie. "Lebe stets so, als ob Epikur dir zuschaut": Epikurs Leben wird zum Exempel, seine von Lukrez gepriesenen Errungenschaften werden zu Vorschriften für seine Nachfolger und zu objektiven, für alle gültigen Vorgaben, wie ein gelungenes und glückliches Leben zu erreichen sei.
Denn Epikur bietet nicht nur Rezepte zur Befreiung von Furcht, sondern läßt auch jeden als Patienten zu. Jung und Alt gleichermaßen sind aufgefordert, sich vom Meister belehren zu lassen. Auch dies unterscheidet Epikur von vielen antikem Kollegen und hat Eindruck gemacht. Noch Raffaels "Schule von Athen" weist eine der Figuren im Ensemble antiker Philosophen nicht zuletzt dadurch als Epikur aus, daß sich bei ihm - und nur bei ihm - Schüler jeden Lebensalters versammeln. Epikur ist überzeugt: Grundsätzlich jeder Mensch ist in der Lage, sich ein Leben wie ein epikureischer Gott zu bereiten, Bedingung ist, daß er sich vor vierfacher Furcht bewahrt: vor Gott und Tod, vor Unerfüllbarkeit eigener Wünsche und vor maßlos großen Schmerzen.
Das Angebot von Techniken zur Anwendung dieser Lehre in den Widrigkeiten des täglichen Lebens macht ihn auch heute attraktiv für Orientierungssuche.
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Glück gilt heutzutage als Privatsache, als Frage individueller Einschätzung und subjektiver Empfindung. Jeder will und soll nach seiner Façon glücklich werden. Der Weg dorthin muß deshalb subjektiver Vorliebe überlassen bleiben. Allgemeingültige Rezepte machen argwöhnisch, stehen im Verdacht der Intoleranz - ein Verdacht, den Glücksversprechungen zahlreicher Sekten zu bestätigen scheinen. Angebote aus der Antike, die Ziel und einen für alle gangbaren Weg vorgeben wollen, haben es deshalb schwer. Doch scheint sich das Blatt zu wenden. Trotz subjektiver Ausgangsposition wird auch in der jüngeren Ethikdiskussion die Frage nach allgemein vermittelbaren Grundlagen für ein glückliches Leben lauter. Man kann sich hierfür auf den Sprachgebrauch berufen. Setzt nicht der Nachruf "er führte ein erfülltes Leben" die Existenz objektiver Kriterien voraus; geht nicht jeder Glückwunsch von einem unausgesprochenen Konsens darüber aus, was Glück bedeutet? Wer solche Fragen stellt, dem hat die Antike einiges zu bieten.
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Epikur als Lehrer für richtige Lebensführung: Hier mögen sich Bedenken einstellen, steht Epikurs Name doch
gemeinhin für eine Lustlehre, die mehr dem Magen als der Vernunft verpflichtet ist, die sexuelle Ausschweifung legitimiert und hemmungslosem Ausleben eigener Bedürfnisse das Wort redet. Ein antiker Becher zeigt Epikur als Skelett in entspannt lässiger Haltung im Gespräch mit dem Stoiker Zenon. Thema des Disputs ist die Lust als Ziel jeden Handelns. Freilich, Epikurs Aufmerksamkeit gilt weniger seinem Partner als einem Stück Kuchen auf einem Tisch vor ihm. Epikur der lässige Schlemmer: Ein Schweinchen zu seinen Füßen unterstreicht, was populärer Einschätzung schon in der Antike, aber auch heute entspricht. Denn der Name "Epikur" hat es zum Bestandteil des allgemeinen Wortschatzes gebracht. Auch wer mit der Antike nicht viel im Sinn hat, glaubt zu wissen, was ein "Epikureer" ist. Jünger Epikurs gelten als Lebenskünstler, als den Freuden des Diesseits zugetan und fähig, sich in allen Lebenslagen durchzuschlängeln.
Jedoch: zum carpe diem gehört eben auch das memento mori. Friedrich Nietzsche hat recht: "Ein Gärtchen, Feigen, kleiner Käse und dazu drei oder vier gute Freunde - das war die Üppigkeit Epikurs". Epikur selbst schon hatte darauf bestanden: "Nicht Trinkgelage und Festumzüge, nicht der Genuß von Knaben und Mädchen, von Fischen und allem, was ein aufwendiger Tisch bietet, erzeugt das lustvolle Leben, sondern nüchterner Verstand".
Epikurs Weg zum Glück führt nicht über sinnlose Maximierung von Lust, sondern bedient sich der Vernunft und orientiert sich an Maß und Grenze. Epikur verlangt Askese, meint damit aber nicht radikalen Verzicht, sondern kluges Abwägen. Epikur also als Vertreter einer Lebensart: Dies trifft in der Tat eine Grundintention seiner Lehre. Askese als Übung im Reduzieren der Bedürfnisse und als kalkuliertes Tauschgeschäft: Verzicht ist geboten, wenn negative Folgen den Lustgewinn schmälern. Auch des Guten kann es zuviel geben. Epikur als Philosoph des Maßes, der einem Leben ohne Grenzen Grenzen setzen will - dies paßt zu neueren Entwicklungen. Was vor einiger Zeit noch verpönt war, wird zunehmend als Erkenntnis ernst genommen: Freiheit muß nicht grenzenlos sein.
Epikur plädiert also für eine reflektierte Genußfähigkeit. Natürliches Begehren - nur dessen Befriedigung dient dem Glück - ist von künstlich geschaffenen Bedürfnissen zu trennen, deren Erfüllung zu kleinen Glücksmomenten verhelfen mag, nicht aber zu einem dauerhaft gelungenen Leben.
Moderne Hedonisten sollten sich von Epikur belehren lassen: Skeptische Distanz zu den Bedürfnissen, die sich aus Werbung, Mode und Prestige speisen - eine aufgeklärte Lebenshaltung eben - sie bedingt den Genuss. Grenze, Maß und Reduktion sind Konditionen jener Seelenruhe, die Epikur vorlebte. Der Name Epikurs steht also nicht für den "Lebenskünstler", sondern für den Lehrer einer Lebenskunst, die reflektierte Lust mit aufgeklärter Kenntnis der Welt zu verbinden weiß.
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Gewiß, die Welt der Phänomene, wie Epikur sie sieht, bietet dem Betrachter keine Normen für richtiges Verhalten. Zufall und Sprunghaftigkeit kennzeichnen die Naturabläufe: Nach dem Tod ist alles vorbei, die Götter existieren, aber kümmern sich nicht um uns, die Natur folgt keinem sinnstiftenden Plan, menschliche Existenz entspringt dem Zufall. Jedoch, Sinnfreiheit bedeutet nicht Sinnlosigkeit. Für Epikur ist eine entgöttlichte Welt nicht Anlaß zur Resignation, sondern Mittel zur Befreiung und Ursache von Glück. Aufgeklärter Umgang mit der Natur zeigt nämlich, daß sie alles bereithält dessen der Mensch bedarf. Es geht nicht darum, Natur zu beherrschen, sondern sie auszulegen und auf sie zu hören. Nur wer die Dinge sieht, wie sie sind, kann sie richtig einschätzen und angemessen mit ihnen umgehen.
Die Welt als Textbuch für die Kultivierung des Selbst. Theoretische Betrachtung der Welt wird zum Bestandteil jenes therapeutischen Programms, das Epikur als Orientierungshilfe anbietet. Nur wer weiß, wie zufälligen Unannehmlichkeiten oder natürlicher Gewalt zu begegnen ist, wird die "Angst des Kindes in uns" (Lukrez) überwinden. Dann gewinnt man jene distanzierte Haltung, die den Betrachter über den Dingen stehen und Lust empfinden läßt. Weltbetrachtung bleibt also nicht rein theoretisch, sondern führt zur Bildung einer besonderen Lebensform und wird somit praktisch.
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Epikurs Lehre als "Philosophia medicans" (M. Giqante): Nicht nur die Naturbetrachtung, sondern auch die Ethik steht im Dienste einer Therapie der Seele. Affekte sollen kontrolliert, Bedürfnisse reduziert, befremdliche Naturerscheinungen erklärt werden - und damit kann jene, "Windstille der Seele" eintreten, die wahre Lust und damit Glück bedeutet. Nicht die einzig wahre Lösung philosophischer Probleme, nicht die einzig richtige Analyse eines Phänomens, sondern schon der Umstand, daß eine plausible Erklärung möglich ist, trägt zur Befreiung und Beruhigung der Seele bei. Das Angebot alternativer Erklärungsmodelle für befremdliche Phänomene, das Aufzählen von Beweisen ohne Präferenz, die Aufforderung, sich selbst Optionen auszudenken, dies ist nicht Ausdruck einer unwissenschaftlichen Weltsicht, sondern entspricht der therapeutischen Grundintention epikureischer Lehre.
Auch zu Epikurs Zeit wurde die Welt infolge politischer und sozialer Veränderungen als schwer überschaubar und als beängstigend empfunden. Die Tendenz zur Weltkultur ging einher mit der Suche nach kleiner Form, Globalisierung (damaligen Zuschnitts) wurde beantwortet mit Individualismus und Suche nach Orientierung. Just dies bot Epikurs '"Fachwissenschaft von richtiger Lebensführung" (ars vitae) an: Hilfe zur Selbsthilfe, Methode und Materia1 für den Erwerb einer Disposition, die falsche Einstellungen zu korrigieren und richtige Grundhaltung zu kultivieren erlaubt. Nicht bloße Kenntnis philosophischer Lehre und nicht philosophischer Diskurs zeichnen den epikureischen Philosophen aus, sondern die Fähigkeit, die gelernte Dogmatik in jeder möglichen Situation zur Maxime praktischen Handelns werden zu lassen.
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Laß' dich nicht irritieren. Um in alltäglichen Situationen angemessen reagieren und sich Ruhe und Sicherheit verschaffen zu können, muß die Epikureische Lehre zum unverlierbaren Bestandteil des Handelnden werden. Einüben, Anwendung, Beratung oder Habitualisierung von Wissen spielen bei den Epikureern deshalb eine wichtige Rolle. Breviere, Sentenzsammlungen, Katechismus oder Handbuch offerieren Epikurs Lehre in leicht faß1icher und memorierbarer Form, verbunden mit methodischen Anweisungen zur Anwendung im täglichen Leben: Noch im 2. Jh. n. Chr. läßt ein wohlhabender, um daß Seelenheil seiner Mitbürger besorgter Kosmopolit in Oinonada, einem kleinen Ort im südöstlichen Kleinasien, eine mehr als mannshohe, monumentale Inschrift (geschätzte Länge bis zu 80. Meter) aufstellen; ausführliche Darstellungen epikureischer Lehre gehen einher mit methodischer Hilfestellung für deren Umsetzung in kritischer Situation, exemplarischen Reflexionsmustern, die Irritationen vorbeugen sollen: Ein öffentlich ausgestellter Text als Hilfe zur Selbsthilfe für Passanten aus aller Welt.
Anders als der moderne Hedonist Dorian Gray, der sich durch die Lektüre eines Buches vergiftet, erfahren seine antiken Vorgänger aus der Lektüre Erbauung, Befreiung von der "Pest des Unwissens" (Diogenes). Lesen wird Bestandteil jener Techniken der "Selbstsorge" (M. Foucault), die Epikureer für die Suche nach Lust und Glück anbieten. Philosophia medicans wird zur Philologia medicans. Freie Aussprache über Probleme, Gewissenserforschung, Schuldbekenntnisse gegenüber Freunden werden empfohlen. Vieles wirkt modern, läßt an Beichte und therapeutisches Beratungsgespräch denken. Allerdings geht es nicht um Vergebung, der Sünden, sondern um die Befähigung zu jener Eigenanalyse, die am Anfang jeder Besserung und jedes Heilungsprozesses steht. Traditionelle Formen religiöser Kommunikation werden zu diesem Zweck akzeptiert, aber umfunktionalisiert. Da die Götter fern der Menschen ihre Existenz genießen, dient das Gebet nicht mehr der Kontaktaufnahme mit dem Gott, sondern der Vergewisserung und dem Aufbau des eigenen Selbst: Denn Vergegenwärtigung des Göttlichen, wie es wirklich ist, bewahrt vor furchteinflößenden Vorstellungen und trägt zur richtigen Einschätzung äußerer Umstände bei. Das Gebet wird zum meditativen Selbstgespräch, stärkt das Selbst und wird Teil epikureischer Selbstpflege.
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Wer alle Tätigkeit auf sich selbst richtet und alles zur Selbstpflege umfunktionalisiert, setzt sich dem Verdacht aus, er betreibe einen reinen Kult des Ego, propagiere modernes Dandytum. Eben darum aber geht es Epikur nicht. Keineswegs ist sich ein Epikureer selbst genug, um Lust und Glück zu gewinnen. Hierzu bedarf er neben Nahrung und Hinwendung zur Welt der Mitmenschen, der Freundschaft. Selbstsicherheit und Geborgenheit bedürfen nämlich einer dem eigenen Glück zuträglichen Umwelt. Diese mag zunächst in einem kleinen Kreis von Gartengenossen bestehen. Doch sehen die Epikureer die Welt als gemeinsame Wohnung an.
Ziel ist für die Epikureer wie später für J. St. Mill das größtmögliche Glück einer größtmöglichen Zahl. Dann, so lautet die Hoffnung, ist man auf dem Weg zu einer idealen Gesellschaft: Soziales Leben ohne Gesetze, ja ohne Staat, auf der Grundlage wohlverstandenen Eigennutzens wird nicht nur Epikur, sondern allen Menschen
ein Leben wie ein Gott auf Erden erlauben. Epikurs vielzitierte Aufforderung zu politischer Abstinenz - "lebe im Verborgenen" -, die von ihm propagierte Pflege des Selbst, die utilitaristische Grundlage seiner Philosophie sollten nicht über den philanthropischen Charakter der Lehre hinwegtäuschen. Es scheint paradox: Epikurs utilitaristische Lehre fordert Hinwendung zum Mitmenschen und fördert gesellschaftliche Entwicklung.
Der Kepos ist keine Kuschelecke für moderne Weltflucht. Sein Angebot, mit der Welt einen Pakt zu schließen, sich als Teil von ihr zu begreifen und dem Leben dadurch Sinn zu geben, macht die Lehre attraktiv. Gewiß, zentrale Bereiche epikureischer Philosophie scheinen heute obsolet. Der praktische Aspekt seiner Lehre jedoch, die von ihm entwickelten Techniken der Selbstsorge sind - wie kürzlich eine Konferenz in Würzburg gezeigt hat - schon in der Antike auch zu Zeiten platonischer und christlicher Jenseitssehnsucht in der Spätantike quasi als Propädeutik, als Dispositionsbildung für die 'wahren Lehren' akzeptiert, praktiziert, ja literarisch geworden. Schon damals kam sie der Suche nach neuen Formen der Lebensführung offenbar entgegen. Noch Dante wußte trotz vehementer Ablehnung seiner Grundthesen Freundliches Über Epikur als Lehrer einer Kunst der Lebenspraxis zu sagen, und Raffael scheute sich nicht, Epikur zusammen mit den anderen bedeutenden philosophischen Schulen der Antike unter diesem Aspekt an den Wänden des Vatikans zu verewigen.
Die Erkenntnis, daß der Bereich unserer Möglichkeiten begrenzt ist, daß wir lernen müssen, uns in der Welt einzurichten, die Beobachtung, daß sich infolge der Computerisierung eine sachbezogene Weltsicht mehr und mehr zu einer objektbezogenen Weltsicht wandelt und der Mensch zum Hauptzweck seines Tuns wird (G. Schulze), bedingen, daß Fragen praktischer Lebenskunst an Bedeutung gewinnen. Was andere ängstigt: Zufälligkeit und Einmaligkeit des eigenen Lebens, Komplexität der Welt, neue Technologien und fremdartige Situationen - das sind für Epikur Herausforderungen, denen man sich stellen muß und mit seiner Hilfe auch stellen kann. Resultat ist eine Lebenshaltung, die sich in jener heiteren Gelassenheit den Dingen gegenüber äußert, die noch in der Renaissance Lorenzo Valla als Merkmal von Epikureern konstatiert. Du musst lachen und philosophieren, das fordert Epikur. Beides gehört zu seinem therapeutischen Konzept. Denn Lachen ist gesund.
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