Wenn man heute die Länder Nordafrikas besucht,
erwartet man dort Basare und Moscheen, eine vom Islam geprägte orientalische
Welt. Doch neben den Minaretten erheben sich auch römische Säulen,
und zum Urlaubsangebot gehören Ausflüge zu den antiken Stätten
im Landesinnern.
In Tunesien braucht man keine weiten Fahrten zu machen, um die Spuren vorislamischer Kulturen anzutreffen. Mit der Besichtigung der Hauptstadt Tunis verbindet sich ein Besuch von Karthago, dessen punische und römische Vergangenheit in einem archäologischen Park, einem Museum und zahlreichen Ausgrabungsstätten präsent wird. Karthago ist etwa zwanzig Kilometer von Tunis entfernt, doch inzwischen durch lockere Villensiedlungen mit der Stadt verbunden. Schon von weitem wird der Byrsa-Hügel sichtbar, der einstige Burgberg von Karthago, heute von der Kathedrale des heiligen Ludwig gekrönt.
Byrsa, ein phönizisches Wort, heißt Festung und erinnert daran, daß die Phönizier als kühne Seefahrer und Handelsleute um 1000 vor Christus, aus Tyros und Sidon am östlichen Mittelmeerrand kommend, in Nordafrika Fuß faßten. Überall an den Küsten gründeten sie ihre Niederlassungen.
Das Selbstopfer der Königin
Im Griechischen bedeutet Byrsa ein abgezogenes Tierfell, und damit sind wir bei einer Sagengeschichte, die Karthago in ein romantischeres Licht stellt als die anderen phönizischen Handelsplätze. Im Jahr 814 vor Christus - so lassen sich die Berichte der antiken Geschichtsschreiber datieren - kam Elissa, eine phönizische Königin, hierher in die Gegend des späteren Karthago. Aus ihrer Heimat Tyros war sie geflüchtet, um den Nachstellungen ihres Bruders zu entgehen, der ihren Gatten Sychäus ermordet hatte, um sich seiner Schätze und des Thrones zu bemächtigen.
Elissa war mit einigen Getreuen und ihren Schätzen übers Meer gesegelt und nach Afrika gelangt. Vom König des Landes erbat sie sich soviel Grund und Boden, wie sie mit einer Rindshaut umspannen könnte. Der König gewährte diesen, wie ihm schien, recht bescheidenen Wunsch. Die kluge Phönizierin aber zerschnitt das Tierfell in möglichst dünne Streifen und grenzte damit das gesamte Gebiet um die günstig gelegene Hafenbucht ab. So "ging allerhand auf eine Kuhhaut". Elissa aber, nun Dido genannt, schuf ihren Landsleuten eine neue Heimat. Kart-Hadascht, Karthago, das heißt "die neue Hauptstadt", wurde eine reiche und blühende Ansiedlung. Dies war der Nachbarschaft bald ein Dorn im Auge. Diese Flüchtlinge, die Punier, wie man die ehemaligen Phönizier nannte, kamen, von einer Frau geführt, durch moderne Methoden, mit Handel und Seefahrt, zu Gut und Geld. Und sie, die Ureinwohner, die sich nach hergebrachter Art von Ackerbau und Viehzucht nährten, gerieten ins Hintertreffen. Jarbas, der Fürst der Gaetuler, schickte der erfolgreichen Nebenbuhlerin eine Botschaft, einen Heiratsantrag, der die Form eines Ultimatums hatte: Wenn die Königin nein sagte, wollte er gegen sie zum Krieg rüsten. Er brachte Dido damit in schwere Gewissenskonflikte. Sie hatte ihrem sterbenden Gatten ewige Treue geschworen und wollte diesen Schwur halten. Aber sie wollte auch ihr Volk nicht dem Untergang preisgeben. So entschloß sie sich zu einer Tat, mit der man in ihrer Heimat in größter Not die Götter zu versöhnen hoffte, zum Selbstopfer.
Sie ließ einen Scheiterhaufen errichten, angeblich um die Festlichkeiten zu ihrer Hochzeit einzuleiten, betete zu den Göttern und sprang in die Flammen. Die Himmlischen nahmen das Opfer an; erschüttert versprach Jarbas, Didos Untertanen zu schonen.
"Dido" - nicht nur bei Vergil
So lautet die Geschichte der karthagischen Königin bei den Geschichtsschreibern Timaios und Justin, und sie hat bis in die Neuzeit hinein manche Nachdichtungen erfahren, wie etwa das Drama "Dido" von Goethes Freundin Charlotte von Stein.
Berühmter wurde freilich die Version Vergils in seiner "Aeneis", von der es nicht sicher ist, wieweit sie auf den römischen Autor Naevius zurückgeht oder Vergils eigene Erfindung ist. Da landet der Held Aeneas nach dem Fall seiner Heimatstadt Troja als Flüchtling in Karthago und wird von der Königin, die das Flüchtlingsschicksal am eigenem Leibe erlebt hat, freundlich aufgenommen. Beide werden ein Liebespaar, doch die Verbindung kann nicht dauern. Auf göttliches Geheiß muß Aeneas Dido verlassen, denn er ist - wie er selbst gut weiß - berufen, im fernen Italien eine eigene Stadt zu gründen, die Heimat für die ihn begleitenden Trojaner und seinen Sohn. Aus enttäuschter Liebe stirbt Dido auf dem Scheiterhaufen. Sterbend verflucht sie den ungetreuen Geliebten und prophezeit ewige Feindschaft zwischen seinem und ihrem Volk, und einen Rächer: Es wird Hannibal sein.
Das "Urkarthago"
Man hat zu allen Zeiten gern wissen wollen, ob in der Didogeschichte ein wahrer Kern steckt. Gab es wirklich eine solche Gründergestalt - Sagen haben ja meist einen historischen Kern - und was hat es mit dem mehrfach vertretenen Datum von 814 auf sich? Keine archäologischen Funde deuteten bislang so weit zurück. In allerjüngster Zeit aber ist es deutschen Archäologen gelungen, an der Bucht von Karthago unter den römischen Fundamenten zu den ältesten punischen Schichten vorzustoßen. Dieses Urkarthago läßt sich ins 9. vorchristliche Jahrhundert datieren, wie es die Gründungslegende will.
Menschenopfer für Tanit?
In der Nähe des einstigen punischen Hafenbeckens, wo Dido einst gelandet sein soll, stoßen wir heute auf den Namen eines Ortes, der als Titel eines historischen Romans bekannt wurde: Salambo. Gustave Flaubert schildert darin phantasievoll das alte Karthago, seine Macht, seinen Luxus und die Religion mit ihren in unseren Augen grausamen Zügen. Im Tempel der obersten Göttin Tanit (oder Tinnit) wurden Menschenopfer dargebracht. In Krisenzeiten wurden die erstgeborenen Knaben dem Flammentod überantwortet, um die Göttin gnädig zu stimmen. Tophet hieß die Opferstätte, die inzwischen von den Archäologen gefunden wurde.
Wie die Geschichte von Abraham und Isaak zeigt, war der Brauch, den Erstgeborenen der Gottheit zu opfern - wie auch die Erstlinge der Herde - keineswegs vereinzelt, und es besteht kein Grund, diese Sitte als "barbarisch" zu leugnen.
In der ältesten und tiefsten Schicht des Tophet hat man eine kleine Totenkapelle mit einer Urne gefunden. Auf einem Pfeiler ein Relief: eine auf einem Hügel - oder ist es ein Scheiterhaufen? - kniende und betende Frau. War dies ein Denkmal der legendären Dido, und sollte es an das Ritual des Opfertodes erinnern? Der Fund, die sogenannte Cintaskapelle, ist heute im Bardo-Museum in Tunis zu sehen, einem der schönsten Museen antiker Kultur. Im ehemaligen Harem eines Fürstenpalastes sind hier kostbare Stücke aus punischer und römischer Zeit ausgestellt, die besser als jedes Geschichtsbuch von Afrika in der Römerzeit künden.
"Ceterum censeo ..."
Wer Rom und Karthago hört, denkt an die drei Punischen Kriege, an Hannibal und an den alten Cato, der seine Reden angeblich mit dem Ausspruch zu beschließen pflegte: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam - und im übrigen stimme ich dafür, daß Karthago zerstört werden muß." Drei Jahre nach Catos Tod, 146 v. Chr., wurde Karthago, die mächtigste Rivalin Roms im Mittelmeer, besiegt und dem Erdboden gleichgemacht. In die Ackerfurchen auf den Feldern streute man Salz. Nie sollte Karthago wiedererstehen, nie mehr ein Feind wie Hannibal die Römer schrecken.
So kennt man es aus dem Geschichtsunterricht, und nun steht man staunend vor den Mosaiken im Bardo-Museum von Tunis, einem einzigartigen Schatz, der aus allen antiken Stätten Tunesiens zusammengetragen wurde. Hier erblickt man farbenfrohe Bilder eines heiter-kultivierten, friedlichen Lebens in Stadt und Land. Rivalität, Haß und Krieg behielten glücklicherweise nicht das letzte Wort. Was sich Vergils Königin Dido zuerst gewünscht hatte, trat ein: Die Nachfahren des Aeneas, die Römer, Karthager und die Ureinwohner lebten friedlich zusammen, freilich nun unter Roms Vorherrschaft.
Karthago ersteht neu
Als Caesars Adoptivsohn und Erbe Octavian-Augustus die Bürgerkriege beendet und die Alleinherrschaft in Form des Prinzipats begründet hatte, führte er die Pläne seines Adoptivvaters aus: In einer feierlichen Aktion ließ er den Fluch der Vorfahren aufheben und Karthago neu besiedeln. Der Tophet, die alte Opferstätte der Karthager, blieb fortan verschlossen. Es waren Menschenopfer genug gebracht worden, nicht nur in den Punischen Kriegen, sondern auch in den blutigen Schlachten des Bürgerkrieges auf afrikanischem Boden.
Augustus verlieh der Stadt bald das römische Bürgerrecht. Sie stieg auf zu einer der Metropolen des Reiches, als Felix Carthago, die Reiche, Glückliche, wie sie auf Münzen heißt.
Tunesien, eine Kornkammer des Reiches
Die Epoche des römischen Kaiserfriedens nach der Zeitenwende ließ nicht nur Karthago, sondern das ganze Umland aufblühen. Zu den Brunnen und Zisternen aus der punischen Zeit kamen nun die römischen Aquädukte. Über eine Länge von 124 Kilometern wurde unter Kaiser Hadrian eine Wasserleitung für Karthago erbaut, die das Wasser aus den Bergen herbeibrachte. Zum Teil unterirdisch, teils auf bis zu 40 m hohen Bogen strömte das Wasser in die Zisternen, die man heute noch bei dem Ort La Malga sehen kann, eine ausgedehnte Anlage mit Wasserverteilern, die ein Netz von Leitungen belieferten. Auch für die Thermen, die in keiner römischen Stadt fehlen durften, stand genügend Wasser zur Verfügung. Und ebenso für die Landwirtschaft, die durch intensive Pflege und Bewässerung über eine weitaus größere Fläche verfügte als in unserer Zeit. Das Gebiet des heutigen Tunesien, die damalige Provinz Africa proconsularis, war eine der Kornkammern des Reiches und lieferte das Getreide für die Stadt Rom, vor allem in der Spätantike, als die Erträge Ägyptens für den Osten benötigt wurden. Der Ölbaum wurde kultiviert, afrikanisches Öl war eines der Hauptausfuhrprodukte.
Luxus und Ausbeutung
Freilich wurde auch damals schon Raubbau an der Natur getrieben. Aus dem Holz des Zitrusbaumes, einer Koniferenart, fertigte man Tischplatten, und es war Mode in Rom, Tische aus solchem Holz zu besitzen; Möbelstücke mit seltener und besonders schöner Maserung waren teuer bezahlte Sammler- und Liebhaberobjekte. Dem Philosophen Seneca machte man es zum Vorwurf, daß er das einfache Leben pries, aber eine der größten Sammlungen solcher Tische sein eigen nannte.
Keine "Tropenholzverordnung" bewahrte die Zitrusbäume vor der Vernichtung, einem Schicksal, dem auch viele einheimische Tierarten nicht entgingen. Löwen, Leoparden, Elefanten und Nashörner, Giraffen, Gazellen und Strauße wurden in Massen nach Rom transportiert, um dort bei den Spielen im Amphitheater ihr Leben einzubüßen. Die einheimische Bevölkerung profitierte vom Tierfang als einträglicher Erwerbsquelle. Mosaiken zeigen, wie die Tiere von Jägern in die Transportkäfige getrieben werden.
Ein Kolosseum in Afrika
Die Bevölkerung teilte auch die Begeisterung der Römer für die Zirkusspiele. In den meisten Städten entstand nach römischem Vorbild ein Amphitheater. Das imposanteste dieser Bauwerke im tunesischen El Djem ist kaum kleiner als das Kolosseum in Rom. Inmitten einer weiten Ebene, umgeben von einem kleinen Dorf mit niedrigen Häusern, wirkt es beinahe noch eindrucksvoller als sein Vorbild im römischen Großstadtgewühl. 50 000 Zuschauer fanden hier Platz. Woher kamen sie, fragt sich der heutige Besucher. Im dritten Jahrhundert nach Christus lag hier das antike Thysdrus, das als Zentrum eines ausgedehnten Ölerzeugungsgebietes einer der reichsten Orte Nordafrikas war. Diesen Reichtum stellte man zur Schau mit dem "Bürgerhaus" der Antike, einem Amphitheater für die Zirkusspiele.
Gladiatoren und Künstler
Die Bewohner des römischen Afrika ergötzten sich aber nicht nur an Tierhetzen und Gladiatorenkämpfen. Man eiferte der Hauptstadt auch nach, was Bildung und geistige Genüsse anging. Wer seine Villen mit Mosaiken schmückte, die Orpheus, Odysseus oder Hermes darstellten, bewies damit, daß er "klassisch gebildet" war und Freude an Dichtung und Kunst hatte.
Das schönste Bildnis von Vergil stammt aus Hadrumetum, dem heutigen Sousse. Das Mosaik zeigt den Dichter umgeben von zwei Musen, mit der "Aeneis" in der Hand. Lange vor Vergil aber hatte ein aus Afrika stammender Dichter der bis dahin nur für prosaische Zwecke genutzten lateinischen Sprache poetischen Glanz verliehen: der Komödiendichter Terenz, mit vollem Namen Terentius Afer, der Afrikaner. Um das Jahr 185 v. Chr. in Karthago geboren, aus Libyen stammend, war er als Kriegsgefangener nach Rom gekommen und von Scipio, dem späteren Zerstörer Karthagos, in seinen Kreis aufgenommen worden. Das berühmte Wort des Terenz: "Homo sum, humani nil a me alienum puto - Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd, stammt also von einem "römischen Afrikaner".
Zauberer und Kaiser
Auch ein anderer lateinischer Dichter aus Afrika errang dauernden Ruhm: Apuleius aus Madaura, im heutigen Algerien, der Verfasser des Abenteuer- und Schelmenromans "Der goldene Esel", mit dem "Märchen von Amor und Psyche". Farbig schillernd wie sein Roman war auch das Leben des Apuleius, der als brillanter Vortragskünstler durch die Lande zog. Auch in geheime Kulte war er eingeweiht und galt für viele als Zauberer und Wunderapostel.
Als er eine reiche ältere Witwe geheiratet hatte, klagten ihn deren Verwandte, wohl in Sorge um ihr Erbe, wegen Zauberei an. Der gelernte Jurist wurde jedoch freigesprochen; seine glänzende Verteidigungsrede (Apologia) ist noch erhalten. Mit Stolz bemerkt er, daß es ihm als Afrikaner gelungen sei, zu den Staranwälten auf dem römischen Forum gezählt zu werden. Juristen gab es in seiner Heimat so viele, daß man Afrika geradezu "die Amme der Advokaten" nannte. Manche von ihnen leisteten bedeutende Beiträge zum römischen Recht.
Einer aber, der sich seine ersten Sporen auf dem Forum in Rom verdient hatte, stieg bis zur höchsten Würde des Reiches auf: Septimius Severus. In Rom erinnert ein Triumphbogen an den Kaiser, im afrikanischen Wüstensand eine ganze Stadt, Leptis Magna in Libyen, etwa 120 Kilometer östlich von Tripolis. Hier wurde Septimius Severus 146 n. Chr. geboren. Über die juristische Laufbahn gelangte er in die Staatsämter in Rom, wurde Konsul, Statthalter und Heerführer. Auf seine Soldaten gestützt, gelang ihm der Griff nach der Macht, die er tatkräftig und zur Stärkung des Reiches ausübte. Großzügig sorgte er für das Gedeihen der Städte, im Interesse der Sicherheit erneuerte er das Straßennetz in Germanien und Rätien.
Seine Heimatstadt Leptis Magna aber machte er zum "Rom Afrikas". Die große, prächtig ausgestattete Thermenanlage der Stadt wurde schon unter Hadrian erbaut; sie diente möglicherweise als Vorbild für die riesige Anlage der Caracalla-Thermen in Rom, die vom Sohn des Septimius Severus errichtet wurden. Ein großes Theater mit Blick aufs Meer, ein Forum und eine Basilika, über 90 m lang und 40 m breit, lassen heute noch die Touristen staunen. Einzigartig sind die Pilaster an der Basilica, Pfeiler, die von oben bis unten mit Skulpturen geschmückt sind, mit Blatt- und Rankenwerk und allerlei Figuren.
Frühes Christentum in Afrika: lateinisch statt griechisch
Die Basilika von Leptis Magna verdankt ihren guten Erhaltungszustand nicht nur der Konservierung durch den Wüstensand. Sie wurde in eine christliche Kirche umgewandelt. Schon früh zog in die Römerstädte Afrikas der neue Glaube ein. Theodor Mommsen schreibt in seiner "Römischen Geschichte": "In der Entwicklung des Christentums spielt Afrika geradezu die erste Rolle; wenn sich dieses auch in Syrien herausgebildet hat, so ist es in und durch Afrika Weltreligion geworden." Hier vollzog sich ein entscheidender Wandel. Die vom griechischen Osten geprägte Kirche begann nun lateinisch statt griechisch zu reden. In Afrika erwuchs dem Christentum eine mächtige Phalanx wortgewaltiger Verkünder des Glaubens: Tertullian und Cyprian, Arnobius, Laktanz, Minucius Felix und der größte von ihnen, Augustinus. Als Anwälte und Redner waren sie in der afrikanischen Latinität verwurzelt, als Meister der Sprache stellten sie den juristischen Scharfsinn des römischen Denkens in den Dienst der Glaubensverteidigung.
Aber es waren nicht nur die Theologen, die für das Latein optierten. In Afrika war, abgesehen von Ägypten, das Griechische keine Verkehrssprache. So übernahm man zwar die christliche Liturgie auf griechisch, gepredigt wurde aber auf lateinisch, und bald gab es auch lateinische Übersetzungen der griechischen Evangelien. Die Kirchensprache Latein war also ursprünglich eine Übertragung in die Volkssprache. Sie wurde sanktioniert von einem afrikanischen Bischof, der als Papst Victor I. in Rom am Ende des zweiten Jahrhunderts das Latein statt des Griechischen pflegte.
In der Arena von Karthago haben viele Christen als Blutzeugen für ihren Glauben ihr Leben gelassen. Die Märtyrerakten künden vom heldenmütigen Auftreten einer Perpetua und Felicitas und beweisen den unerschütterlichen Zusammenhalt der Gläubigen aus allen Schichten.
Der Größte der afrikanischen Christen, der Kirchenvater Augustinus, wurde 354 in Thagaste geboren, dem heutigen Souk Ahras in Algerien. Seine Heimat war das ehemalige Königreich Numidien, westlich und südlich des Gebietes von Karthago.
Afrikanische Könige im römischen Triumphzug
Hier hatte König Masinissa geherrscht, der sich, von Karthago bedrängt, auf die Seite Roms geschlagen hatte und im Dritten Punischen Krieg dafür großzügig belohnt worden war. Sein Nachfolger Jugurtha suchte sich abzusichern, indem er riesige Summen an Bestechungsgeldern verteilte. "Ganz Rom ist käuflich!" behauptete er zynisch, wobei ihm der Geschichtsschreiber Sallust in seinem "Jugurthinischen Krieg" leider zustimmen mußte. Jugurtha wurde von einem Landsmann, dem König von Mauretanien, ausgespielt und fand sein Ende in Rom im Mamertinischen Kerker, nachdem er im Triumphzug mitgeführt worden war.
Andere Könige hatten ein glücklicheres Los, wie Juba von Mauretanien, der als Knabe im Triumphzug mitgehen mußte, dann aber als königlicher Förderer der Künste und Wissenschaften in den Gebieten des heutigen Algerien und Marokko residierte, wo die Bauten von Volubilis und Caesarea, dem heutigen Cherchell, noch an ihn erinnern. Als Augustinus geboren wurde, waren Numidien und Mauretanien längst römische Provinzen, aber man war stolz darauf, keine von italischen Siedlern aufgepfropfte, sondern eine eigenständige afrikanische Latinität zu besitzen.
Augustinus - der Erbe der afrikanischen Latinität
Augustinus betrieb Studien in Madaura und sagte über Apuleius, den berühmten Sohn der Stadt: "Nobiscum Afer - Er ist Afrikaner wie wir." Wie er wurde auch Augustinus ein Meister der lateinischen Sprache, voller Kraft und Leidenschaft, heute noch anrührend in seinen "Confessiones", den "Bekenntnissen", mit denen er die abendländische Autobiographie begründete. Nach seinen Aufenthalten in Karthago, Rom und Mailand verbrachte er die letzten Jahrzehnte seines Lebens als Bischof in Hippo Regius. Die Hafenstadt beim heutigen Annaba in Algerien war eine phönizische Gründung. Regius, königlich, hieß sie als frühere Residenzstadt Jugurthas, und nun war sie Handelshafen mit direkter Route für den Getreidetransport nach Ostia.
Der Einfall der Vandalen
Augustins Bischofssitz war eine elegante und wohlhabende Kaufmannsstadt, und keiner ihrer Einwohner konnte ahnen, daß es mit dem behaglichen, kultivierten Leben bald ein Ende haben sollte. Das römische Reich war nicht mehr das unerschütterliche Bollwerk wie in der frühen und mittleren Kaiserzeit. Nach dem Tode Theodosius' des Großen im Jahr 395 wurde das Reich geteilt: Die beiden Söhne des Kaisers, Honorius und Arcadius, herrschten in Ravenna und Konstantinopel über das West- und Ostreich. Ihre Bemühungen, die heranflutenden Völkerscharen von den Grenzen abzuwehren oder sie einzugliedern, waren zum Scheitern verurteilt.
Im Jahr 410 wurde das gesamte Reichsgebiet wie von einem Donnerschlag erschüttert. Die Westgoten unter ihrem König Alarich eroberten Rom, plünderten und verheerten die heilige Stadt. Die Vandalen hatten sich in Spanien niedergelassen. Flüchtlingsströme erreichten die afrikanische Küste. Bischof Augustinus suchte ihr Los nach Kräften zu lindern. Afrika schien ihm vor Katastrophen gefeit, kannte er doch den weströmischen Statthalter Bonifatius als tüchtigen Feldherrn. Da gingen plötzlich Gerüchte um, Bonifatius sei am Kaiserhof in Ungnade gefallen. Um seiner Absetzung vorzubeugen und sein Leben zu sichern, habe er sich mit den ärgsten Reichsfeinden, den Vandalen, verbündet. Ja er habe ihren König Geiserich ins Land gerufen!
Ob Bonifatius dies wirklich getan hat, ist bis heute umstritten; auf jeden Fall nutzten die Vandalen die Krise und landeten mit vielen Tausenden von Männern, Frauen und Kindern an der Küste Marokkos. In Eilmärschen zog Geiserich durch Mauretanien und Numidien nach Osten. Bonifatius, inzwischen wieder mit dem Kaiserhof versöhnt, stellte sich Geiserich zur Schlacht und wurde besiegt. Die Reste des römischen Heeres zogen sich in die nächste befestigte Stadt zurück: nach Hippo Regius, dem Bischofssitz des Augustinus.
Belagerung und Weltuntergangsstimmung: die Antwort des Augustinus
Geiserich belagert die Stadt, verzweifelt ziehen die Bewohner zum Bischofspalast. Nicht nur Bitten um Trost bringen sie vor ihren Oberhirten, auch Vorwürfe werden laut: Warum muß die christliche Stadt, ja das gesamte christlich gewordene Reich solche Drangsale erdulden? Ist es nicht, wie die Heiden sagen, die Strafe für den Abfall vom Glauben der Väter? Und wo ist der liebende, barmherzige Gott der Christen? Warum hilft er nicht? Schwerwiegende Fragen, auf die Augustin in seinem Werk "Der Gottesstaat" eine Antwort versucht. Er weist darauf hin, daß es auch in der heidnischen Zeit Katastrophen gab und betont, daß Weltgeschichte und Heilsgeschehen grundsätzlich voneinander zu trennen seien. In der gegenwärtigen Situation aber sagt er: "In diesen Tagen unserer Heimsuchungen erflehe ich das eine von Gott, daß er unsere von den Feinden belagerte Stadt befreien möge. Und wenn das nicht in seinem Ratschluß liegt, dann möge er seinen Dienern genügend Kraft geben, alle Fügungen zu ertragen oder aber mich aus dieser Welt zu nehmen."
Das Ende einer Epoche
Am 28. August 430 stirbt Augustinus, während die Belagerung seiner Stadt noch fast ein Jahr weitergeht. Dann wird Hippo Regius erobert, Geiserich gründet sein vandalisches Königreich in Afrika. Ein Jahrhundert später gliedert Kaiser Justinian die nordafrikanischen Länder ins oströmische Reich ein. Er bemüht sich um die Wiederherstellung der einstigen römischen Ordnung, läßt Festungen anlegen und bewehrt die Städte mit Mauern. Das Leben geht weiter, doch der einstige Glanz ist dahin. Unter Justinians Nachfolgern verstärken drückende Steuerlasten und eine korrupte Verwaltung den allgemeinen Hang zur Weltflucht. Viele Menschen verlassen die heimische Scholle und beschließen ihr Leben als Einsiedler in der Wüste.
Das byzantinische Reich erschöpfte sich in inneren Streitigkeiten. Die Statthalter in Afrika konnten der neuen Gefahr, die aus dem Osten kam, keinen Widerstand entgegensetzen. Im Jahr 639 erschien das erste Heer der Araber in Afrika und pflanzte das Banner des Islam auf. Eine Epoche war zu Ende.
© Marion Giebel
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