Die Varus-Schlacht
Daten, Fakten, Links

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Vorbemerkung: Diese Materialien sollen historisch Interessierten einen ersten Zugang  zum literarischen, historischen und archäologischen Kontext der Varus-Schlacht bieten. Kritik und Anregungen sowie Links zu dieser Seite sind ausdrücklich erwünscht. Mail: Joachim Gruber

1.  Begegnungen Roms mit den Nordvölkern

Erste Begegnung um 387: Schlacht an der Allia [Kapitolinische Gänse (Livius 5,47), Vae victis] gegen die Kelten, die sich von ihrem Kerngebiet in Mitteleuropa aus bis Nordspanien und Kleinasien ausgebreitet hatten. Zu der daraus resultierenden "existentiellen Angst" der Römer vor den Nordvölkern vgl. zuletzt Wolters 2000, 13f.

Die damals noch recht unbestimmte Vorstellungen von den Gebieten nördlich der Alpen zeigt die Rekonstruktion der Weltkarte des griechischen Gelehrten Eratosthenes: Die Erde ist kugelgestaltig. Die bekannte Welt schwimmt wie eine große Insel im Atlantik. Diese Insel ist durch Meere gegliedert, die mit dem Atlantik in Verbindung stehen (vgl. H. Berger: Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen. 2. Aufl. Leipzig 1903, 389ff.).

Den weiteren Weg Roms zur Hegemonialmacht in Italien zeigt die Zeittafel. Dabei ist die Auseinandersetzung mit den Karthagern in den drei Punischen Kriegen von besonderer Bedeutung (Trauma der Schlacht von Cannae im 2. Punischen Krieg 216). An ihrem Ende beherrschen die Römer ganz Italien und richteten im westlichen Mittelmeer Provinzen ein: Sizilien, Sardinien, Korsika und den größten Teil Spaniens. Oberitalien (Gallia cisalpina) wurde um 218 Provinz.

Durch die Romanisierung Südfrankreichs wurde ein Landverbindung zwischen Italien und Spanien geschaffen (provincia Narbonensis). Dort treffen die Römer wiederum mit Germanen (Kimbern und Teutonen) zusammen, nachdem schon 113 der Konsul Cnaeus Papirius Carbo bei Noreia in den Ostalpen durch die Kimbern eine verheerende Niederlage erlitten hatte.

2. Die Eroberung Galliens

Als Statthalter der provincia Narbonensis wußte Caesar | Caesar von den Bedrohungen aus dem Norden, und eine solche schien sich erneut anzubahnen: Kaum war der Statthalter in seiner Provinz, erfährt er, daß die Helvetier aus ihrem Gebiet in der heutigen Südwestschweiz auswandern wollen. Caesar muß begründen, warum er die Helvetier nicht auswandern lassen will, und er schreibt: sie hatten die Absicht, durch unsere Provinz zu ziehen (De bello Gallico 1,7,3 iter per provinciam facere), d. h. also durch römisches Gebiet und nicht irgendwohin durch das damals noch freie restliche Gallien. Grund für die Auswanderung der Helvetier war nicht nur Raumnot, sondern auch der Druck der Germanen. Hätten die Helvetier also ihr Siedlungsgebiet verlassen, dann wären die Germanen nachgerückt und zu unmittelbaren Nachbarn der römischen Provinz geworden. Das durfte nicht sein, und daher widersetzte sich Caesar dem Auswanderungsplan [Caesar, De bello Gallico 1,1-12], bekämpfte auch die unter Ariovist über den Rhein vorgerückten germanischen Stämme und schaft in den folgenden Jahren klare Verhältnisse: Ganz Gallien wurde römisches Einflußgebiet. Vorstöße über den Rhein ins freie Germanien mißglückten ihm aber ebenso wie solche nach Britannien. Caesar war es auch, der erstmals seinen Lesern den Unterschied zwischen Kelten, d.h. Galliern, und Germanen deutlich machte (De bello Gallico 6, 11-28)

3. Die Germanenpolitik unter Augustus

Augustus war der Erbe Caesars. Er führte Caesars Eroberungen in Gallien in der Weise zu Ende, daß er das Land, aufgeteilt in Provinzen, dem Imperium eingliederte. Die Rheingrenze wurde durch Kastelle gesichert, die Kette der Rheinstädte von Mainz bis Xanten hat ihren Ursprung zu einem großen Teil in den damals errichteten Militärlagern. Aber an dieser Grenze herrschte keine Ruhe. Wir hören von wiederholten Versuchen germanischer Stämme, den Rhein zu überschreiten. Wollte man also die Rheingrenze auf Dauer sichern, mußte man auch das rechtsrheinische Vorfeld unter seinen Einflußbereich bringen. Das geschah durch verschiedene Bündnisse mit rechtsrheinischen Stämmen, aus denen Rom auch eine gewisse Schutzpflicht ableitete. Es kam auch zu Ansiedlung germanischer Stämme auf linksrheinischem Gebiet, besonders in dem fruchtbaren Landstrich zwischen Krefeld und Bonn, wo die Ubier siedelten (nach Wolters, 2000, 26). Ihre Stadt, oppidum Ubiorum, wurde das spätere Köln | Köln. Es kam aber auch schwereren Zwischenfällen. Zum Jahre 17 oder 16 v. Chr. wird berichtet, daß Sugambrer, Usipeter und Tenkterer in ihrem Gebiet, also rechtsrheinisch, einige römische Hauptleute festgenommen und gekreuzigt hatten (Cassius Dio 54, 20, 5f.). Germanen überschritten daraufhin den Rhein, der römische Feldherr Lollius stellt sich ihnen entgegen, wurde besiegt und sogar der Adler der 5. Legion ging verloren (vgl. Zeittafel). Das war eine Riesenschande, die öfters in der Literatur erwähnt wird und auf die Zeitgenossen eine nachhaltigen Eindruck gemacht haben muß. So gibt Horaz der Hoffnung Ausdruck, daß Augustus die wilden Sugambrer besiegen und im Triumphzug über das Forum führen möge (Hor. carm. 4,2,34ff.). Aber die Sugambrer scheuten die Konfrontation und unterwerfen sich kampflos; auch das weiß Horaz (carm. 4, 14, 51). Der Eindruck dieser Ereignisse in Rom läßt sich vielleicht so zusammenfassen: Jenseits des Rheins saßen Völker, mit deren unberechenbaren Vorstößen in das Imperium Romanum man stets rechnen mußte.

4. Die römischen Kastelle am Rhein und in den rechtsrheinischen Gebieten

Es zeigt sich, daß die erwähnte Kastelle alle so angelegt sind, daß von ihnen aus entlang der Flußläufe eine Expansion nach Osten möglich war: Von Mainz aus konnte man den Main aufwärts vorstoßen, und in der Tat hat man vor einigen Jahren bei Marktbreit ein römisches Lager entdeckt. Von Mainz aus war aber auch der Zugang durch die Wetterau ins Gebiet der Chatten und bis zur Weser möglich. Gegenüber der Ruhr-Mündung liegt Moers-Asberg. Von dort führte der uralte sog. Hellweg nach Osten Richtung Paderborn, und gegenüber der Lippe-Mündung liegt Xanten. Hinzu kommen die Kastelle in Bonn | Bonn und Neuss.

5. Der Vorstoß des Drusus bis zur Elbe

Horaz sprach in seinen im Jahre 13 v. Chr. herausgegebenem Gedichtband  von der Unterwerfung der Sugambrer. Aber die gaben keine Ruhe. 12 v. Chr. überschritten sie wieder den Rhein, und jetzt folgte ein weit ausholender römischer Gegenschlag, in drei Phasen:
1. Nachdem Drusus, der Stiefsohn des Augustus, die eingedrungenen Sugambrer zurückgeschlagen hatte, führte er eine Erkundungsfahrt entlang den friesischen Inseln bis zur Ems durch, d. h. in einem bis dahin für die Römer völlig unbekannten Gebiet in jenem nördlichen Ozean, den man als Grenze der Welt ansah. Im folgenden Jahr 11 v. Chr. drang Drusus bis zur Weser vor, ins Land der Cherusker. Im Herbst des Jahres wird in Oberaden bei Bergkamen an der Lippe ein Legionslager errichtet. Die dort nachgewiesenen monumentalen Holzbauten konnten durchaus als eine Demonstration römischer Macht verstanden werden (Wolters 2000, 44).  In den beiden folgenden Jahren gingen die Operationen von Mainz aus, in deren Verlauf Drusus durch die Wetterau zu den Cheruskern und schließlich zur Elbe zog. Nach dem Bericht des Cassius Dio (55,1,3) soll ihm dabei eine Erscheinung vor dem weiteren Vordringen gewarnt haben: �Ein Weib von übermenschlicher Größe stellte sich ihm mit den Worten entgegen: Wohin willst du denn, unersättlicher Drusus? Dir ist es nicht vergönnt, alle diese Lande zu schauen. Zieh also ab; denn schon ist das Ende deiner Taten und deines Lebens da!" (Übersetzunge von Otto Veh, Cassius Dio, Römische Gechichte Band IV, Zürich/München 1986,  193). Auf dem Rückmarsch stürzt Drusus vom Pferd und bricht sich den Oberschenkel. Auf die Nachricht hin eilt sein älterer Bruder Tiberius von Rom nach Mainz und weiter nach Germanien, wo er Drusus sterbend vorfindet. Drusus Vorstöße nach Osten waren also gescheitert.

6. Die Ziele der römischen Germanienpolitik: Welteroberung oder Grenzsicherung?

In der althistorischen Forschung ist umstritten, mit welchen Zielen die Römer in den Jahren zwischen 12 und 9 v. Chr. bis an die Elbe vorstießen. Drei verschiedene Antworten sind möglich:
1. Die Vorstöße dienten lediglich der Sicherung Galliens.
2. Es war die Okkupation des ganzen rechtsrheinischen Gebiets bis zur Elbe oder sogar noch darüber hinaus geplant.
3. Augustus wollte die Welteroberungspläne Caesars in die Tat umsetzen und sich somit als wirklicher Nachfolger seines inzwischen vergöttlichten Adoptivvaters präsentieren. Sein Stiefsohn Drusus sollte dazu sozusagen die Vorarbeit leisten. Über die Welteroberungspläne Caesars schreibt ein zeitgenössischer Autor, Nikolaos von Damaskus, folgendes: "Caesar beabsichtigte, nachdem er bis zu den Britanniern und dem westlichen Ozean vorgedrungen war, im Osten gegen die Parther und Inder zu ziehen und diese zu unterwerfen, damit er alles Land und Meer beherrsche" (FgrH  90 F 130), und in Plutarchs Caesar-Biographie (Kap. 58) lesen wir: �Caesar beschloß, gegen die Parther einen Kriegszug zu unternehmen, nach deren Besiegung durch Hyrkanien am Kaspischen Meer und am Kaukasus entlang um das Schwarze Meer herumzuziehen und in Skythien einzudringen, dann die an die Germanen angrenzenden Länder und Germanien selbst zu bezwingen, durch Gallien nach Italien zurückzukehren und in diesem Kreis auf allen Seiten den Ozean zur Grenze des römischen Reiches zu machen." Man wußte also von solchen Plänen. Da es aber für Augustus damals in den Jahren12 bis 9 v. Chr. nach der Rückgabe der bei Carrhae 53 v. Chr. verlorenen römischen Feldzeichen durch die Parther i. J. 20 v. Chr. keinen unmittelbaren Anlaß gab, in den Osten zu ziehen, ist diese 3. Erklärungsmöglichkeit für die Vorstöße des Drusus nach Osten wohl auszuschließen.

Wie steht es aber mit der Frage nach einer Eroberung des freien Germaniens bis zur Elbe? Dabei spielt auch eine Rolle, daß in der gleichen Zeit, nämlich im Jahre 15 v. Chr., als die Lager am Rhein angelegt wurden, das Voralpenland bis zur Donau von den Römern unterworfen wurde, um dem Einfall nördlicher Stämme nach Oberitalien ein für allemal ein Ende zu machen, aber auch um eine Verkehrsverbindung zwischen Gallien und den römischen Donauländern zu schaffen. Auf jeden Fall wurde diese Eroberung in der Propaganda durch Horaz wie auch auf Münzen (vgl. Römer zwischen Alpen und Nordmeer S. 12) gehörig gefeiert. Früher wurde gelegentlich die Meinung vertreten, dieser Feldzug habe der Vorbereitung für die Eroberung ganz Germaniens gedient. Heute ist die Mehrzahl der Forscher skeptisch. Das Gebiet nördlich der Donau wurde nämlich erst am Ende des 1. Jh. durch die Anlage des Limes in das Gebiet des Imperiums einbezogen. Aber es gibt immer wieder Überraschungen: Am 28. Juni des Jahres 2000 wurde mit Hilfe der Luftbildarchäologie ein römisches Militärlager am Ostrand der Schwäbischen Alb bei Neresheim entdeckt, das der Luftbildarchäologe Otto Braasch mit aller Vorsicht in die spätaugusteische Zeit, also an den Anfang des 1. Jh. datiert (Archäologie in Deutschland 1, 2001, 41). Gab es also doch noch unter Augustus Versuche, von Süden aus nach Germanien vorzustoßen? Wie diese Entdeckung einzuordnen ist, bleibt einer genaueren Untersuchung vorbehalten. Interesse verdient sie auf jeden Fall im Zusammenhang mit den Überlegungen zu einer Eroberung Germaniens, ebenso wie die neuen Funde von Waldgirmes | Waldgirmes an der Lahn.

Die Vorstöße des Drusus nach Osten waren gescheitert. Nach dem Tod des Drusus übernahme sein jüngerer Bruder Tiberius das Kommando am Rhein. Der zeitgenössische Historiker Velleius Paterculus schreibt (Vell. 2,97,4): �Siegreich durchzog Tiberius alle Gebiete Germaniens, und zwar ohne jeglichen Verlust für die ihm anvertrauten Truppen. ...  Er unterwarf Germanien so vollständig, daß er es fast zu einer steuerpflichtigen Provinz machte." (Übersetzung von M. Giebel, Velleius Paterculus, Historia Romana - Römische Geschichte, Stuttgart 1989, 211)

Eine nächste Phase beginnt im Jahre 1 n. Chr. Wir hören von einem ungeheueren Krieg (immensum bellum Vell. 2, 104,2), ohne daß wir die näheren Umstände kennen. Tiberius beendete die Kämpfe in den Jahren 4 und 5 erfolgreich.

7. Varus in Germanien

Neuer Statthalter und Oberbefehlshaber der Rheinarmee, mit 6 Legionen, also ca. 36.000 Mann Sollstärke die damals stärkste Armee im römischen Imperium, wurde im Jahre 7 n. Chr. P. Quinctilius Varus. Unter der Amstzeit des Varus wird ansatzweise die Absicht erkennbar, das rechtsrheinische Germanien zumindest entlang der Lippe dauerhaft in den römischen Machtbereich einzugliedern. Militärlager werden an der Lippe in Holsterhausen (20 km ö. von Wesel), in Haltern | Haltern(15 km ndl. von Recklinghausen) und in Anreppen (ca. 14 km nw. von Paderborn) errichtet oder ausgebaut.

Über das Verhalten des Varus gegenüber den Germanen und über die Varusschlacht gibt es einige umfangreichere Texte. Velleius Paterculus (2, 117, 2) schreibt u. a.: �Varus stammte aus einer angesehenen, wenn auch nicht hochadligen Familie. Er war von milder Gemütsart, ruhigem Temperament, etwas unbeweglich an Körper und Geist, mehr an müßiges Lagerleben als an den Felddienst gewöhnt. Daß er wahrhaft kein Verächter des Geldes war, beweist seine Statthalterschaft in Syrien: Als armer Mann betrat er das reiche Syrien, und als reicher Mann verließ er das arme Syrien. Als er Oberbefehlshaber des Heeres in Germanien wurde, bildete er sich ein, die Menschen dort hätten außer der Stimme und den Gliedern nichts Menschliches an sich, und die man durch das Schwert nicht hatte zähmen können, die könne man durch das römische Recht lammfromm machen." Und Velleius, der selbst in Germanien als Befehlshaber der Reiterei gedint hatte, setzt hinzu: Die Leute dort sind aber (wer es nicht erfahren hat, wird es kaum glauben) bei all ihrer Wildheit äußerst verschlagen, ein Volk von geborenen Lügnern." (Übersetzung von M. Giebel, Velleius Paterculus, Historia Romana - Römische Geschichte, Stuttgart 1989, 247f.)

Aus den Texten läßt sich weiterhin entnehmen, daß der Cherusker Arminius zusammen mit seinem Bruder Flavius in Rom erzogen worden war. Er diente in den Jahren 4 bis 6 im römischen Heer und war bei dem Feldzug des Tiberius Anführer der cheruskischen Hilfstruppen. Für seine Verdienste erhielt er das römische Bürgerrecht und den Ritterrang. Die Politik des Varus brachte ihn zum Widerstand gegen Rom. In Verbindung mit anderen germanischen Anführern gelang es ihm, im Herbst des Jahres 9 den Varus im Teutoburger Wald in einen Hinterhalt zu locken und drei Legionen und weitere Truppenteile niederzumachen. Varus tötete sich selbst.

8. Der Ort der Varusschlacht und der Fundort Kalkriese

Bis zu den Funden von Kalkriese war man allein auf die wenigen, meist tendenziell gefärbten Berichte der antiken Autoren angewiesen. Velleius, der Zeitgenosse, sagt nichts über den Ort der Schlacht. Aber Tacitus berichtet zum Jahre 15 n. Chr. also 6 Jahre nach der Schlacht, daß der Sohn des Drusus, Germanicus, den Ort aufgesucht und die Leichen bestattet habe: Der Text (Annales 1, 60) lautet folgendermaßen:

"Germanicus schickte Caecina mit 40 Kohorten durch das Gebiet der Brukterer an die Ems, während die Reiterei unter dem befehl des Pedo durch das Gebiet der Friesen zog. Er selbst fuhr mit vier Legionen, die er suf Schiffe verladen hatte, über die Seen. Fußvolk, Reiterei und Flotte trafen gleichzeit an der Ems ein. Die Brukterer schlug Stertinius, den Germanicus mit einer leichte Abteilung abgeschickt hatte. Während des Mordens und Plünderns fand er den Adler der 19. Legion, der unter Varus verlorengegangen war. Dann führte er sein Heer weiter bis zu den äußersten Brukterer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe, nicht weit vom Teutoburger Wald, in dem, wie es hieß, die Überreste des Varus und seiner Legionen unbegraben lagen, wurde verwüstet." (Übersetzung nach W. Sontheimer, Tacitus, Annalen I-IV, Stuttgart 1964, 66f.)

An dem Text lassen sich kurz die Probleme zeigen, die mit der Lokalisierung  nicht nur dieses Zuges des Germanicus, sondern eben auch der Bestimmung des Ortes der Varus-Schlachtverbunden sind:
1. Von wo brach Caecina mit dem Fußvolk auf? Wahrscheinlich von Xanten.
2. Wie marschierte er? Wahrscheinlich die Lippe aufwärts, dann nach Norden.
3. Auf welcher Linie zog Pedo mit der Reiterei durch das Gebiet der Friesen? Direkt an der Küste entlang oder weiter im Landesinnern?
5. Wie weit war die Ems schiffbar? Wo trafen die Heeresabteilungen an der Ems zusammen? Südlicher in der Gegend von Rheine oder weiter nördlicher?
6. Wie zog das verbündete Heer weiter? Doch wohl schwerlich nach Süden Richtung Paderborn, sondern, weil man zu den Cheruskern wollte, eher zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge oder am Nordrand des Wiehengebirges.
8. Wie weit von einer der möglichen Routen lag das Schlachtfeld ab? Tacitus sagt �nicht weit" (haud procul). Nun behaupten einige Philologen, damit könnten höchstens 6 - 8 km gemeint sein. Aber im folgenden Kapitel schildert Tacitus, welche Pionierarbeiten nötig waren, um von der Marschroute aus an den Ort der Schlacht zu kommen. Er schreibt: �Caecina wurde vorausgeschickt, um die entlegenen Waldgebiete zu durchforschen und über das sumpfige Gelände und den trügerischen Moorboden Brücken und Dämme zu führen" (Übersetzung nach W. Sontheimer). Das klingt nicht so, als hätte man nur eine Strecke von 6-8 km zu bewältigen. Aber eines ist deutlich: Das ganze Geschehen kann sich durchaus in der Nähe des Fundortes Kalkriese abgespielt haben, sowohl die Varusschlacht selbst wie auch der Zug des Germanicus. Nehmen wir an, Germanicus zog zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge nach Osten. Er kommt in die Gegend von Osnabrück. Er erfährt: Nicht weit ist der Ort der Varus-Schlacht. Er läßt den Weg Richtung Kalkriese von Pioniereinheiten erkunden und gangbar machen und findet den Ort der Schlacht. So könnte es gewesen sein. Das heißt aber: Der Text des Tacitus bestätigt nicht ausdrücklich die archäologische Entdeckung, aber er widerspricht ihr auch nicht, und damit ist die Beweislast wieder bei der Archäologie. Und die hat v.a. zwei Trümpfe:

1. Die Funde am Fuß des Kalkrieser Berges in Gestalt von Waffen- und Rüstungsteilen sowie anderen für eine Truppe wichtigen Gegenständen und v.a. zahlreiche Münzen weisen auf eine militärische Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen hin, die sich über eine längere Strecke hingezogen hat und  die für die Römer mit erheblichen Verlusten verbunden gewesen sein muß. Davon spricht auch Cassius Dio, der von mehrtägigen Kämpfen während des Zuges des Varus berichtet (56, 21).

2. Die dort gefundenen Münzen reichen nicht über das Jahr 9 n. Chr. hinaus und eben das ist das Jahr der Schlacht.

9. Das Ende der römischen Präsenz im rechtsrheinischen Gebiet

Nach dem Untergang des Varusheeres übernahm wieder Tiberius das Kommando am Rhein. Die Truppen wurden nicht nur ersetzt, sondern die Zahl der Legionen sogar auf acht erhöht.Tiberius sichert wieder Stück für Stück das rechtsrheinische Gebiet. In diese Zeit könnte auch die Errichtung des neu entdeckten Lagers bei Neresheim fallen. Diese Aktionen setzte der Adoptivsohn des Tiberius, der schon erwähnte Germanicus fort. Nach dem Vorbild seines leiblichen Vaters Drusus führte er zwischen 14 und 16 die Heere immer tiefer nach Germanien hinein. Hauptgegner waren die Cherusker unter der Führung des Arminius. Die Römer erlitten wiederum heftige Verluste. Aber dennoch konnte Germanicus am 26. Mai des Jahres 17 einen großartigen Triumph über die Cherusker und Chatten und die anderen Volksstämme, die bis an die Elbe wohnen, feiern (Tabula Siarensis; vgl. Potter, David S.: The Tabula Siarensis, Tiberius, the Senate, and the Eastern Boundary of the Roman Empire. ZPE 69, 1987, 269-276; vgl. Katalog-Handbuch "Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht". Mainz 2000, 328). Den Arminius selbst konnte er allerdings nicht bezwingen. Tiberius, der inzwischen Kaiser geworden war, änderte jetzt, wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ereignisse in Armenien, die Germanenpolitik, die Truppen wurden an den Rhein zurückgezogen, der fortan nördlich des Neuwieder Beckens zur Westgrenze des Imperium Romanum geworden war. Südlich davon wurde mit der Errichtung des Limes | Limes am Ende des 1. Jh. teilweise auf rechtsrheinische Gebiet übergegriffen, aber ein Eroberung des Landes bis an die Elbe wurde nicht mehr erwogen. Und so kam es, daß das Land westlich des Rheins immer stärker romanisiert wurde, das Lateinische wurde zur Landessprache, das Keltische wurde in in Randgebiete zurückgedrängt. Die Franken übernahmen diese Kultur und legten die Grundlagen für das romanische Frankreich. Der Osten blieb dagegen germanisch, und Germanen konnten in der Spätantike auch die von den Römern besetzten Gebiete Süddeutschlands erobern bzw. dort neue Stämme bilden. Und so wurde denn auch dieser Teil des römischen Imperiums nicht auf Dauer romanisiert.


Weiterführende Literatur

Genannt sind nur neueste Arbeiten

Zur Gesamtthematik:

Wolters, Reinhard: Die Römer in Germanien. München 2000. Dort S. 122-124 wichtige weiterführende Literatur.

Zu 1.: Gesamtdarstellungen der Geschichte der römischen Republik

Bleicken, Jochen: Geschichte der römischen Republik. Oldenbourg Grundriß der Geschichte 2. 4. Aufl. München 1992.

Zu 2.: Die Eroberung und Romanisierung Galliens

Freyberger, Bert: Südgallien im 1. Jahrhundert vor Chr. Phasen, Konsequenzen und Grenzen römischer Eroberung (125-27/22 v. Chr). Geographica Historica 11. Stuttgart 1999.

Zu 3.: Die Germanenpolitik unter Augustus

Welwei, Karl-Wilhelm: Probleme römischer Grenzsicherung am Beispiel der Germanienpolitik des Augustus. In: Schlüter, Wolfgang/Wiegels, Rainer (Hrsg.): Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese. Akten des Internationalen Kongresses vom 2. bis 5. September 1996 an der Universität Osnabrück. Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption, Bd. 1 (Osnabrück 1999) 675-688 .

Kühlborn, Johann-Sebastian: Frühe Germanenpolitik. Schlagkraft. Die Feldzüge unter Augustus und Tiberius in Nordwestdeutschland. In: Katalog-Handbuch "Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilistatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht". Mainz 2000, 27-33.

Zu 4.: Die römischen Kastelle am Rhein und in den rechtsrheinischen Gebieten

Kühlborn, Johann-Sebastian: Germaniam pacavi - Germanien habe ich befriedet. Archäologische Stätten augusteischer Okkupation. Münster 1995.

Zu 5.: Der Vorstoß des Drusus bis zur Elbe

Kehne, Peter: Die Eroberung Galliens, die zeitweilige Unterwerfung Germaniens, die Grenzen des Imperium Romanum und seine Beziehungen zu germanischen Gentes im letzten Jahrzehnt der Forschung. Germania 75, 1997, 265-284.

Zu 6.: Die Ziele der römischen Germanienpolitik: Welteroberung oder Grenzsicherung?

Welwei, Karl-Wilhelm: Römische Weltherrschaftsideologie und augusteische Germanienpolitik. Gymnasium 93, 1986, 118-137.

Zu 7.: Varus in Germanien

John, Walter: P. Quinctilius Varus. In: Real-Encyclopädie der Classischen Altertumswissenschaften XXIV (1963) 907-984.

Zu 8.: Der Ort der Varusschlacht und der Fundort Kalkriese

Wiegels, Rainer/Woesler, Winfried (Hrsg.): Arminius und die Varusschlacht. Geschichte - Mythos - Literatur. Paderborn/München/Wien/Zürich 1995 (mehrere Beiträge)

Wiegels, Rainer: Die Varusschlacht.Wendepunkt der Geschichte? Stuttgart 2007. Rez. J. Gruber, Gymnasium 115, 2008, 384-387

Gruber, Joachim: Tacitus und der Ort der Varus-Schlacht — Vom Zeugniswert der literarischen Quellen. Gymnasium 115, 2008, 453-467

Zu 9.: Das Ende der römischen Präsenz im rechtsrheinischen Gebiet

Lehmann, Gustav Adolf: Das Ende der römischen Herrschaft über das »westelbische« Germanien: Von der Varus-Katastrophe zur Abberufung des Germanicus Caesar 16/17 n.Chr. In: Wiegels, Rainer/Woesler, Winfried (Hrsg.): Arminius und die Varusschlacht. Geschichte - Mythos - Literatur. Paderborn/München/Wien/Zürich 1995, 123-141.

Schallmayer, Egon: Der Limes in Obergermanien und Raetien bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr.. In:  Katalog-Handbuch "Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht". Mainz 2000, 64-74.

Rabold,Britta/Schallmayer, Egon/Thiel, Andreas: Der Limes. Die Deutsche Limes-Straße vom Rhein bis zur Donau, Stuttgart 2000.



Weitere Informationen auf folgenden Seiten:

Norbert Fiks, Die Römer in Ostfriesland

Fördergesellschaft Kalkriese

Park und Museum Kalkriese

Universität Konstanz

Universität Osnabrück Fachbereich Alte Geschichte

Literaturhinweise



12.11.2007