Amores 1,3
An Hasilina über einen Sturm, der sich erhob, als er nach Krakau in Polen zog,
und über das Sternzeichen des Frühlings
Es war die Zeit, da die Sonne im regenreichen Osten aufgeht und auf das schmeichelnde Gestirn des Widders des Phrixos zuwandert, da Jupiter sich zum fruchtbaren Schoß der Jungfrau aufmacht, damit sie eine neue Nachkommenschaft hervorbringe [5] und eine neue Welt in der Jahreszeit des Frühlings zur Reife gelangt und die feuchte Erde ihr mildes Inneres auftut, um den Rosen Blüten zu verschaffen und Lilien den Fluren und um mit schattenspendenden Blättern die Laubdächer zu decken, und schon eilt Amor zu den Vereinigungen der Geschlechter und Cupido treibt ebenfalls dazu an, [10] indem er im warmen Sonnenlicht unbemerkt seine Fackeln schleudert. Da strebe ich, Celtis, getrieben von dem Verlangen, fremde Länder zu sehen, unter schlechten Vorzeichen den Reichen des Ostens entgegen, wo der rohe Sarmate die weiten Ländereien bebaut und in schlecht zusammengezimmerten Hütten die Fluren bewohnt [15] und wo die Weichsel in ihren weiten Flußwindungen ihre Wogen ausbreitet, die kürzlich noch die Grenze für die deutschen Lande bildete.
Ich war bis zu dem Hügel gekommen, von dem aus man die Gebäude der Königsburg sehen kann und stolz erhebt sich Krakau mit seinen Mauern. Nur gerade eben hatte es sich mir gezeigt, doch bald umhüllen Wolken die wandernde Sonne [20] und aus den verschiedenen Himmelsrichtungen erbrausten die Winde: Der Ostwind hätte mit seinen Stürmen aus dem Reich der Achämeniden die Welt auf den Kopf gestellt, wenn nicht der Westwind mit seinen raschen Pferden ihm entgegengetreten wäre. Von der einen Seite stürzt der kalte Nordwind daher, von der anderen der Südwind mit nassen Flügeln und schwerer Regen fällt in Strömen. [25] Ja auch der Äther erzitterte, erschüttert von dem Getöse, als Jupiter den Himmel mit einem Blitzstrahl spaltete und bersten ließ. Gleich schwiegen auch die klagenden Vögel in den traurigen Saatfelder, als Wald und Hain von ihrem eigenen Lärm widerhallen.
Aber ein Unglücksrabe kommt mit unheilvollem Gekrächze angeflogen [30] und prophezeit mit seinen Lauten allerlei Unglückverheißendes und gleich darauf ändert er seinen Flug und schlägt meine Schläfen mit seinen Flügeln, wobei er die zurückweichenden Wangen mit seinen furchbaren Krallen zerfleischt. Dreimal senkte mein Pferd erschreckt seinen Rücken, der mir als Sitz diente, zu Boden, dreimal und viermal hatte sich der Huf auf den Boden gestemmt, [35] und als das Pferd meine schwankenden Glieder über seine flüchtigen Flanken von sich schleuderte, ergriff es rasch die Flucht von der Stadt weg.
"Höchster Vater, wenn ich denn schon deine Blitze verdient habe," sagte ich, dann verbrenne den, der sich vergangen hat, unverzüglich mit dem Feuer des Blitzes, oder mach, daß ein plötzlich entstandener Sturzbach meinen Körper fortträgt, [40] damit ich den Fischen im Sarmatischen Meer als Futter diene, wo Scogus liegt und Trendulus in der Meerenge versunken ist und Stadus und das berühmte Skandinavien an der Ostsee. Ruhm, Berühmtheit, Auszeichnung und angeborene Tüchtigkeit zwingen mich, von meinem Vaterland wegzugehen und andere Gegenden aufzusuchen. [45] Wenn ich deshalb, o Vater, deine Himmelsblitze verdient habe, dann laß gleich meine Schatten zu den stygischen Gewässern hinabgehen. Aber wenn du das unbesonnene Herz mit deinen Flammen nur ermahnen wolltest, dann will ich unter deiner Führung diese Reise glücklich fortsetzen!"
Während ich die Worte "unter deiner Führung soll die Reise glücklich verlaufen" wiederhole, blendet eine heftige [50] Flamme mit widerscheinendem Feuer meine Augen. Dann lag mein Körper lange Zeit ohne Empfindung auf dem Boden und in dem blutleeren Gesicht zeigte sich keine Farbe. Jener Tag hätte als letzter dem Dichter die Lebenszeit beschlossen, wenn nicht Phöbus zufällig seine gewohnte Hilfe gebracht hätte. [55] "Phöbus, Vater der Dichter," so hatte ich sagen wollen, erleichtere doch, du Gott, das traurige Schicksal des Dichters! Wenn ich in die Länder des Ostens komme, will ich dein berühmtes göttliches Wesen selbst besingen, indem ich dich mit der Leier der Musen verherrliche." Er hörte es und kam, die heiligen Schläfen umwunden mit Lorbeer, [60] dreimal und viermal schüttelte er sein glänzendes Haupt und sagte: "Steh auf und deine Glieder sollen ihre frühere Kraft wiederbekommen, damit du selbst dein Vaterland nach allen vier Seiten hinbesingen kannst, das im Osten die angeschwollene Weichsel begrenzt; die südliche Seite aber nimmt die gewaltige untere Donau ein, [65] in der Westregion jedoch heißt der Rhein die Grenzlinie und das Volk an der Ostsee bewohnt den nördlichen Teil. Alles Land, das innerhlab dieser vier Seiten Germanien in der Mitte umfaßt, wirst du mit apollinischem Liede in der Welt bekannt machen. Aber geduldig wirst du, Celtis, mannigfache Mühen ertragen müssen, [70] während du zehn Jahre lang durch die Welt ziehst. Ohne große Mühe kommt für keinen große Bekanntheit und der unstete Ruhm ist immer mit Schweiß verbunden." So sprach er und indem er enteilt, durchteilt er mit seinen Flügeln, die sich durch die Lüfte schwingen, den Dunst, und zugleich begleitet ihn die Schar der Musen.
[75] Vieles ging mir durch den Kopf, und so mache ich voller Unruhe auf in die Stadt. Bald war ich von deinen Augen, Hasilina, gefangengenommen und mein Sinne liegen betäubt danieder, von großer Finsternis umhüllt, und vor Liebe blind bin ich unfähig meine geistigen Kräfte zu entfalten und ich denke mit ganzem Herzen immer nur an dich, [80] und immer steht deine schöne Gestalt vor meinen Augen. Wie in den schattigen Wäldern die Vögel den Gesang üben und schon vom Feuer der Frühlingssonne erwärmt sind und wegen der erhofften Freuden aufgeregt mit den Flügeln schlagen und zugleich mit ihrem Gesang anderem Gesang antworten: [85] So rufe ich dich immer wieder leidenschaftlich mit meinen Liedern zur Leier, um deine Umarmung, reizendes Mädchen, zu genießen. Schau, o gefühllose Frau, mein verzehrtes Mark an und sieh die durch die Libesglut entkräfteten Glieder! Sieh, daß mein Atem beinahe den kraftlosen Leib verläßt [90] und verkündet, daß du die Ursache meines Todes bist. Da hat nun der Sonnengott schon einmal seine schrägee Bahn durchlaufen und seine Schwester trug zwölfmal ihre volle Mondcheibe seit der Zeit, als du, Harte, meine Sorgen auf dich gelenkt hast und mein weiches Herz mit unbezwingbarem Feuer zermürbst. [95] Mag die Welt die Sonne sehen oder mögen die Nachtzeiten dahinziehen, es gibt keine Ruhe und kein Maß. Entweder haben mir die schickalbringenden Schwestern ein solches Los gesponnen, das mich zwingt, unter der Liebe zu sterben, oder mein Herz wird immer von einer gefährliche Liebeskrankheit befallen sein, [100] von einer Krankheit, die zufällig mir meine Sterne gegeben haben.
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