Photos taken by
Fabian Diesner and Sebastian Huber are available here:
http://picasaweb.google.com/pynchonweek2008/InternationalPynchonWeek2008
Brain Drain Against the Grain: A Report on Against the Grain:
Reading Pynchon's Counternarratives, International Pynchon Week 2008
Bruno Arich-Gerz
http://www.electronicbookreview.com/thread/fictionspresent/speculated
Anarchistische Ästhetik
Die Münchner Pynchon-Woche bringt Ordnung ins Chaoswerk des Romanciers
Luddismus, Zeitreisen und sprechende Hunde, Paranoia, Vaudeville und
Metafiktionen, Mathematik, Soziologie und amerikanische Gründungsmythen:
Der literarische Tausendsassa, Geheimniskrämer und Verschwörungstheoretiker
Thomas Pynchon liefert mit seinem weitverzweigten OEuvre Stoff für
Generationen von Literaturwissenschaftlern. Seit 1979 wird ihm mit den "Pynchon
Notes" gar eine eigene Zeitschrift gewidmet, was hierzulande wohl nur
mit dem Dechiffriersyndikat um Arno Schmidts Schriften vergleichbar ist.
Wie ist dieser Autor greifbar, der sich oft antimodernistisch gibt,
Technikfex und Maschinenstürmer zugleich, der jedoch virtuos wie kaum ein
anderer auf der Klaviatur der postmodernen Erzählstrategien spielen kann?
Einer, der sich seit Jahrzehnten nahezu jedem medialen Zugriff verweigert,
um in seinen Romanen umso akribischer mediale Ausformungen der Kulturgeschichte
zu reflektieren, die bis zu ihren technischen Wurzeln zurückverfolgt
werden.
Die viertägige "International Pynchon Week" in München bat
nun im Amerika Haus zur vorläufigen Bestandsaufnahme. Der Titel der
Konferenz "Against The Grain", initiiert vom Amerika-Institut der
Ludwig-Maximilians-Universität, suggerierte bereits, dass sich die
teilnehmenden Redner vorwiegend mit Pynchons jüngstem, ebenso umfang- wie
facettenreichem Geniestreich "Against The Day", zu Deutsch
"Gegen den Tag", beschäftigen würden, um ihn gegen den Strich zu
lesen (F.A.Z. vom 7. Dezember 2006). Naturgemäß wagte niemand den großen
Überblick, den wagemutigen Sprung ins Zentrum; die umsichtige Annäherung
geht schließlich von den Rändern aus, von der Analyse einzelner Tropen und
Motive sowie dem Aufzeigen literarischer Verwandtschaften und thematischer
Schwerpunkte bis in die vermeintlich abseitigste Verästelung, wie sie etwa
Jeffrey Severs (Austin, Texas) anhand einer aufschlussreichen,
intertextuellen Entwicklungsgeschichte für Pugnax skizzierte, einen Henry
James lesenden Hund, der mit den Freunden der Fährnis sein aeronautisches
Abenteuer in "Gegen den Tag" beginnt.
Pugnax' Lektüre von "Die Prinzessin Casamassima" (1886)
wurde später von Graham Benton (California State University, Maritime)
erneut fruchtbar gemacht und in einen größeren Kontext gerückt. Sie führt
nämlich ohne Umschweife zu Pynchons ambivalenter Auseinandersetzung mit
Gesichtspunkten radikalen politischen Engagements. Benton, der seit Jahren
anarchistische Konzepte in Pynchons Schaffen untersucht, wurde in
"Gegen den Tag" von einer Fülle derselben überrascht. Er ging so
weit, sie von der inhaltlichen, politischen Ebene auf die narrative zu
übertragen und von einer möglicherweise "anarchistischen Ästhetik"
zu sprechen, die sich in der Verwendung disparater Stile, irrwitziger
Genreparodien und exzessiv ausufernder Abschweifungen bemerkbar mache, was
engstirnige Kritiker immer wieder als schieres Chaos definierten.
Letztendlich könne Pynchons Opus magnum in seinem utopischen Gehalt als
indirekte Anleitung verstanden werden, wie die Welt zu lesen und womöglich
zu verändern sei.
Frank Palmeri hat als Englisch-Professor an der Universität von
Miami, Florida, in seinen Büchern bereits mehrfach die satirische Umformung
historischer Ereignisse, insbesondere bei Pynchon, erörtert. Jetzt verwies
er auf die Vielzahl der Charakteristika einer plutokratischen Dystopie und
verwies luzide auf die geschichtlichen Bezüge der skrupellosen
Industriellen-Figuren in "Gegen den Tag", um sich den anarchischen
Umtrieben der Fiktion aus anderer Perspektive zu nähern. Denn Pynchon
stelle beiläufig den kapitalistischen Endzeitszenarien mehrere Utopien
gegenüber, die als unerreichbare Orte zwar einen Idealzustand
repräsentierten, sich aber auch rasch in ihr Gegenteil verkehren könnten.
Sein konziser Vortrag ließ dabei nicht außer Acht, dass Pynchons
Ausführungen nur mit äußerster Vorsicht zu interpretieren sind. So anregend
er etwa alternative Lebensformen darstellen mag, so offenkundig kann er sie
im selben Atemzug veralbern, wenn er beispielsweise sein Romanpersonal
Anarchistengolf spielen lässt, bei dem über Nacht neue Löcher auftauchen
können und ein regulärer Ablauf nicht existiert. Die übergeordnete
Diskussion dieser Tagung zeigte in der Folge, wie schwer sich zuweilen eine
Trennlinie zwischen Sinn und Unsinn, zwischen tiefgründiger Anverwandlung
und kindischer Spielerei in Pynchons Kosmos ziehen lässt. Dass ihr dies
gelang, machte das Werk des Unfassbaren dann doch um einiges
fassbarer. ALEXANDER MÜLLER
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2008, Nr. 138 / Page 36
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Am Ende doch ein Dialektiker?
Thomas-Pynchon-Forscher
tagen in München
Die bange Hoffnung, ER könne sich inkognito unter den Anwesenden
befinden, um zu hören, was der Forschung zu seinen Rätseln so einfällt, ist
fester Bestandteil der zweijährlich stattfindenden Thomas-Pynchon-Konferenzen. Die Veranstalter der
diesjährigen Tagung in München gingen offensiv mit diesem Wunsch, dieser
Befürchtung um und verteilten Papiertüten, die sich die jüngeren
„Pynchonites” auch prompt über den Kopf zogen – eine Anspielung auf den
Auftritt des Unbekannten bei den „Simpsons”, in welchem die Pynchon-Figur eine
ebensolche Tüte über dem Kopf trug.
Das war dann aber auch genug der Auseinandersetzung mit dem
populärsten Gemeinplatz über Pynchon: dass man nicht weiß, wie der Kameraverweigerer
aussieht. Schließlich gab es eine entscheidende Schlacht zu schlagen.
Schwerpunkt der Konferenz war Pynchons neuester Roman „Against the Day”
(„Gegen den Tag”) . Der kam bei der amerikanischen
Kritik nicht gerade gut weg. Die New York Times attestierte dem über
1000-seitigen Werk, es sei „kompliziert aber nicht komplex”, mehrere
Kritiker sekundierten und gaben verärgert zu, beim besten Willen nicht zu
wissen, was sich Pynchon mit dem Verwirrspiel zwischen Wildwest-Pistole und
Technik-Abenteuer gedacht habe.
Den Fehdehandschuh hob Keith O’Neill von der State University of New
York auf, indem er an den Literatenkampf zwischen H.G. Wells und Henry James
zu Beginn des letzten Jahrhunderts erinnerte. Damals ging es um die Frage,
ob sich ernsthafte Literaten – etwa Wells – auch an Abenteuerromanen
versuchen oder aber – wie James – nur über psychologische Tiefen meditieren
dürfen. Bekanntlich „gewann” James diesen Streit und das allzu
Unterhaltsame wurde aus der hohen englischsprachigen Literatur exkludiert. Pynchon schreibe
gegen diese Schließung an, so O’Neill. Die Reaktionen der Kritik habe er in
den Moralpredigten des Aeronauten Lindsay Noseworth in „Gegen den Tag”
vorweggenommen.
Womit freilich noch nicht gesagt wurde, was in dem Werk mit der
verstörend wuseligen Oberfläche eigentlich verhandelt wird. Dafür gab es
eine Menge erhellender Einzelstudien. Jeffrey Severs von der University of
Texas etwa verfolgte die Fährte des Hundes bei Pynchon und zeigte, wie Vierbeiner vom
tendenziell monströsen Werwolf im Frühwerk zur freundlichen Epiphanie in
den letzten Romanen wurden (und heißt dog nicht rückwärts god?). Hanjo
Berressem von der Universität Köln hingegen erklärte, wie hochabstrakte
Vektorgeometrie als Vorlage der Figurenbewegung in „Against the Day” dient.
Die Schurken sind die Opfer
An die eigentliche Frage machte sich der Doyen der Pynchon-Forschung,
der Berliner Emeritus Heinz Ickstadt. Er legte dar, dass Elektrizität in
„Gegen den Tag” eine ähnlich komplexe Rolle spiele wie das legendär
überdeterminierte Symbol der V2-Rakete in Pynchons wichtigstem Roman „Die
Enden der Parabel”. Auf der einen Seite diene sie der Aufklärung – im
gleichen Atemzug aber verdunkle sich die Welt durch die Festigung des
Großkapitals. Pynchon, so Ickstadt, schreibe über nichts Geringeres als über
die Dialektik der Aufklärung, wobei er, in bester Tradition, die Dialektik
offen- halte. Das ist nun tatsächlich eine treffende Beschreibung von
Pynchons Technik, er löst Gegensätze nicht auf, er spiegelt sie: Die
Schurken sind am Ende fast Opfer – und die vermeintlich Guten entwickeln
genau so verwerfliche Strukturen wie die Magnaten. Das Prinzip der
Doppelung zieht sich denn fast auch penetrant durch „Gegen den Tag” – und
alle Forscher hatten ihre helle Freude daran, auf immer neue verwirrende
Spiegelungen hinzuweisen.
Das Verblüffende an Pynchon ist, dass er, obwohl er nie explizit Stellung bezieht,
doch als explizit politischer Autor gelesen wird. Bei keinem anderen
namhaften Schriftsteller wäre es denkbar, dass ein junger
Literaturwissenschaftler mit wilder Frisur unversehens vom philologischen
ins agitatorische Register wechselt und den Anwesenden Ratschläge mitgibt,
wie sie sich gegen das „System” immunisieren können. Auf einer Pynchon-Konferenz ist das kein Fauxpas.
Heinz Ickstadt gab jedoch zu bedenken, dass Pynchons Spätwerk die
politische Offenheit der frühen Bücher entbehrt. Während etwa in „Gravity’s
Rainbow” eine Zone des radikalen Umbruchs geschildert wird, in welcher die
kleine Pforte, durch die die Utopie eintreten kann, weit offensteht, ist
die Welt von „Gegen den Tag” geschlossen; gezeigt werden nur noch die nicht
beschrittenen Auswege aus dem verhängnisvollen Lauf der Geschichte. Das
eigentlich utopische Moment, so Ickstadt, habe sich bei Pynchon jedoch in der Figur des Kindes verkapselt (in der Tat
wimmelt es in Pynchons letzten Romanen ja nur so von Kindern). Ickstadt
erinnerte an einen Essay über George Orwell, in dem Pynchon ein Foto von Orwell mit seinem
Adoptivsohn zum Zentrum seiner Überlegungen macht. In der Figur des Kindes
– als Möglichkeit, dass in der nächsten Generation alles anders werde –
kondensiert sich für Pynchon Orwells politisches Engagement. Etwas verlegen wies
Ickstadt darauf hin, dass das einzige existierende neuere Foto von Pynchon ihn mit seinem kleinen Sohn zeigt. Das Auditorium nahm
es andächtig zur Kenntnis. Da war sie wieder: die Person Pynchon. Aber nur ganz kurz. Man wollte IHM ja nicht zu nahe
treten.
PAUL-PHILIPP HANSKE
Text: Süddeutsche Zeitung, 17.06.2008, Nr. 139 /
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Freaks erforschen ein Mysterium
38 Vorträge über einen
Autor: Bei der "International Pynchon Week" wird der Held der Postmoderne
ergründet
Der beste Mann kommt von der Ersatzbank. Eingesprungen ist Douglas
Lennark [sic] für einen ausgefallenen Redner und spricht - mehr oder minder
frei und hinter einem beängstigenden Durcheinander von handgeschriebenen
Papieren - fulminant über den Schriftsteller Thomas Pynchon. "Liebe,
Transzendenz und wie die Sternlein stehen" könnte der Vortrag heißen,
so klar ist das nicht; es ist auch nicht so wichtig, was er sagt, sondern
wie er es sagt, atemlos und mit Ehrfurcht vor seinem Idol. "Ich bin
vom Fanklub", sagt er zur Begrüßung.
Lennark [sic] spricht
einen lustigen schottischen Akzent, ist Jahrgang 44 (sieht aber älter aus),
hat graue, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare, ein ungesundes Zahnbild
und dicke Brillengläser. Er ist ein Freak, einer, der Geburtsdaten und den
damit verbundenen astrologischen Konstellationen der Romanfiguren von
Thomas Pynchon hinterherstöbert und nicht müde wird, auf die
außergewöhnliche Sonne-Uranus-Konjunktion hinzuweisen, unter der Pynchon
geboren wurde. "Am achten Mai, am Tag des Genies", sagt er, und
der Zuhörer fragt sich eine Sekunde verstört, welche Verbindung wohl
dahintersteckt, dass acht Jahre nach seiner Geburt die Wehrmacht
kapitulierte.
Die gesamte Veranstaltung
ist eine Freakveranstaltung. Alle zwei Jahre treffen sich Wissenschaftler
und Anhänger des Meisters der literarischen Postmoderne. Vor zwei Jahren in
Granada, vor vier in Malta, vor sechs in Köln, immer in etwas ablenkender
zeitlicher Nähe zu den großen Fußballturnieren. Von Mittwoch bis Samstag
geht in diesem Jahr die Veranstaltung, Vortrag auf Vortrag, im Münchner
Amerika-Haus.
In ihrer Redundanz hat
die Veranstaltung schon etwas Liebenswertes. Keine multimedialen
Präsentationen wie etwa beim US-Professor Lawrence Lessig, keine Szeneattitüden,
sondern harte Uni-Holzklappstühle für das Publikum, ein Pult für den
Redner, umrahmt von schweren Vorhängen und einem gepflegt getäfelten
60er-Jahre-Interieur mit ballonhaften Lampen.
Pynchon hat seinen
Anhängern nach zehn Jahren wieder neuen Stoff gegeben. "Gegen den
Tag" ist vergangenen Monat auf Deutsch erschienen, hat knapp 1600
Seiten und bislang 18 000 Käufer hierzulande gefunden. Das ist erstaunlich
für einen amerikanischen Autor, der sich der Öffentlichkeit entzieht, keine
Interviews gibt, nicht auf Lesereisen geht; ein Gespenst in der Literatur
wie Maurice Blanchot, der für das Verschwinden des Autors in der
europäischen Moderne stand. (Während Blanchot die Einsicht in die eigene
Entbehrlichkeit allerdings noch verschlungen begründete, stülpte sich
Pynchons Alias bei der TV-Serie "Simpsons" einfach ironisch eine
Tüte über den Kopf.)
Die "International
Pynchon Week" zeigt ganz gut auf, warum der 71-jährige Autor so viele Anhänger
gefunden hat; und das, obwohl sein Schaffen mit sechs Romanen und einigen
Kurzgeschichten übersichtlich ist: Jeder liest Pynchon anders, deutet ihn
anders, ist sich seiner eigenen Interpretation aber so ungewiss, dass jeder
fremde Ansatz willkommen ist, was das Ganze zu einer, trotz des
universitären Charakters, sympathischen Veranstaltung macht: Es geht nicht
um das Recht-haben-Wollen, sondern um Anregungen, wie seine Texte besser zu
verstehen sind.
So betont Graham Benton
von der California State University die Bedeutung der Anarchie für Pynchon.
Anarchie, stellvertretend für Staatsferne und Staatsskepsis, war in den
frühen Romanen nicht das Thema, sondern mehr das Konzept, das unser Bild
der Welt hinterfragt - wie wir die Realitäten sehen und wie sie für die
Öffentlichkeit aufbereitet werden. Die Anarchie Pynchons, meint Benton,
liegt vor allem in seinem Stil: verwirrende Handlung, zu lang, zu exzessiv,
zu disparat, zu kompliziert. Das war der Grundtenor der ersten negativen
Rezensionen, was sie störte, war genau dies.
"Sollte dies nicht
die Welt sein, dann ist es zumindest die Welt, wie sie sein könnte, wenn
man ein, zwei Dinge darin verändert", schrieb Thomas Pynchon in einer
Vorankündigung auf Amazon.com. Die Scheidewege sind es, die den Schriftsteller
interessieren.
38 Vorträge waren zu
hören, über seine Bezüge zur Mathematik, darüber, warum alle Hauptfiguren
am Ende Spione sind und warum Pynchons Hunde eigentlich immer sprechen. Und
doch hat Douglas Lennard [sic], der Fan, vielleicht eingängiger als die
Wissenschaftler erklären können, warum Pynchon so verehrt wird, als er die
Liebe und das Vertrauen in das Band der Familie bei Pynchon erwähnte.
Denn Pynchon ist
tatsächlich herzzerreißend, wenn er sentimental wird, so wie in der
Abschiedsszene, als Dally sich von Adoptivvater Merle trennt: "Sie
hatten sich so oft in den Armen gelegen, dass ihr Abschiedsabrazos
keineswegs unangenehm waren. Merle, der ein Gefühl dafür hatte, welche
Einsätze hier auf dem Tisch lagen, wusste, dass er sie jetzt besser nicht
verschreckte. Keiner von ihnen hatte je ein großes Interesse daran gehabt,
dem anderen das Herz zu brechen. Theoretisch wussten sie beide, dass Dally
weiterziehen musste, doch alles, was er im Augenblick wollte, war abwarten,
und sei es nur einen weiteren Tag." MATTHIAS WULFF
Text:
Welt Online, June 15; http://www.welt.de/wams_print/article2105462/Freaks_erforschen_ein_Mysterium.html
The spelling of names in the original article has been maintained.
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