Julian Kücklich:
Konzepte der Dreiwertigkeit in
Goethes Wahlverwandtschaften
Nun freilich, sagte Eduard, für einen
dritten ist auch wohl noch Platz
Warum nicht? versetzte Charlotte,
und auch für ein viertes.
1. Leitfragen
- Personenkonstellation Im Mittelpunkt des Romans stehen die Beziehungen der Personen Eduard, Charlotte, Otto (Hauptmann) und Ottilie. Inwiefern ist die Identität dieser Personen relational konzipiert? Stellt dies einen Bruch mit traditionellen Konzepten der Identität dar? Die Beziehungen der Personen untereinander sind grundsätzlich un-eindeutig. Fungiert die Ehe in diesem Zusammenhang als Paradigma eines überkommenen Welt- und Selbstbildes?
- Handlung Die Analogie zwischen dem naturwissenschaftlichen Konzept der "Wahlverwandtschaften" und der Personenkonstellation legt nahe, dass mit den Personen im Roman verschiedene Experimente durchgeführt werden. Dabei zeigt sich jedoch, dass die Wiederholung einer Operation nicht notwendig zum selben Ergebnis führt. Auch die Negation einer Operation führt nicht unbedingt zurück zur Ausgangssituation. Lässt sich mit den Romanfiguren "rechnen"? Welche Konsequenz hat dies für den "Satz der Identität"?
- Wahrnehmung Medial vermittelte Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle innerhalb des Romans. Dabei fungieren jedoch nicht nur Briefe, Ferngläser, Landkarten etc. als Medien, sondern auch Personen (Mittler!), insbesondere was die Selbstbeobachtung der Personen angeht. Inwiefern wird der Beobachter- standpunkt explizit problematisiert? Welchen Stellenwert hat das Problem der Beobachtung von Beziehungen, an denen der Beobachter selbst Anteil hat? Welche Konsequenzen hat dies für die Selbst- und Fremdbeobachtung?
- Zeichen Die Interpretation von Zeichen wird im Roman immer wieder thematisiert, insbesondere die Möglichkeit der Fehlinterpretation. Ließe sich der gesamte Roman als Prozess der Semiose lesen, vorausgesetzt man legt ein dreiwertiges Zeichenmodell zu Grunde? Inwiefern spielt der Roman mit den nicht realisierten Anschlussmöglichkeiten?
2. Schlüsselstellen
- 1. Kapitel Das Grundproblem des gesamten Romans ist bereits im ersten Kapitel in nuce angelegt: Charlotte erscheint die Zweisamkeit der Ehe als Einheit, während Eduard der Meinung ist, dass sich erst durch Hinzunahme eines Dritten eine in sich geschlossene Situation ergebe. In diesem Zusammenhang äußert Charlotte den Satz: "Nichts ist bedeutender in jedem Zustande, als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhältnis durch den [...] Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verändert [...] wurde." Eduard hingegen meint, dass die potentielle Gefahr dieser Situation ein reines Bewusstseinsproblem sei: "Das kann wohl geschehen [...] bei Menschen, die nur dunkel vor sich hinleben, nicht bei solchen, die schon durch Erfahrung aufgeklärt sich mehr bewußt sind." Das Problem des Dritten ist also von Anfang an mit dem Verhältnis von Sein und Reflexion verknüpft.
- 2. Kapitel Das zweite Kapitel ist insofern bedeutsam, als es eine Doppelung einführt, die sowohl die Personenkonstellation als auch die Handlung betrifft. Zum einen wird hier erstmals darauf hingewiesen, dass das Verhältnis zwischen Eduard und Charlotte ein doppeltes ist: "Du willst gewiß, daß ich das, was ich dem Ehemann versagte, dem Liebhaber zugestehen soll." Zum anderen gesteht Charlotte ihrem Mann, "daß es mir mit Ottilien geht, wie dir mit dem Hauptmann." Im weiteren Gespräch müssen die beiden jedoch feststellen, dass sich diese beiden Probleme, "nicht gegeneinander aufheben." Schließlich wird in diesem Kapitel in Form eines Tintenflecks auch das Motiv des kontingenten Zeichens eingeführt, dessen Interpretation nicht konventionalisiert ist und daher durch eine Nachschrift abgesichert werden muss. Im vierten Kapitel wird eine weitere Doppelung eingeführt, bei der der Hauptmann als zweites Ich Eduards figuriert: "Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag." Die Doppelung betrifft also nicht nur die Fremdreferenz, sondern auch die Selsbstreferenz.
- 4. Kapitel Im vierten Kapitel findet das Gespräch über die "Wahlverwandt- schaften" statt, in dem eine Metapher aus der Chemie auf menschliche Verhältnisse zurückbezogen wird. Interessant daran ist, dass die Diskussion darüber nur unter Bezugnahme auf die Konzepte der Selbst- und Fremdreferenz möglich ist: "Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muss es auch gegen andere ein Verhältnis haben." Zur Erklärung der Wahlverwandtschaft reichen diese beiden Kategorien jedoch nicht aus, es muss ein Drittes hinzugenommen werden, das als "eine Art von Wollen und Wählen" bezeichnet wird. Schließlich wird das ganze anhand der Buchstaben A, B, C und D noch einmal auf einer abstrakteren Ebene abgehandelt. Dabei sind die einzelnen Buchstaben jedoch keineswegs gleichberechtigt: "Du stellst das A vor, Charlotte, und ich dein B: denn eigentlich hänge ich doch nur von dir ab und folge dir, wie dem A das B." Implizit wird hier also eine Stellenwertlogik als poetologisches Modell des Romans entworfen. (Vgl. Ende 5. Kapitel)
- 11. Kapitel Durch eine "sonderbare Verwechslung" verbringt Eduard eine Liebesnacht mit seiner Frau. Dabei steht der realen Vereinigung zwischen Eduard und Charlotte eine imaginäre zwischen Ottilie und dem Hauptmann gegenüber: "Eduard hielt nur Ottilien in den Armen; Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander." Dabei muss berücksichtigt werden, dass der Hauptmann als Parallelfigur zu Eduard eingeführt wird (gleicher Vorname, vgl. 3. Kapitel) und dass Eduard und Ottilie einander im Verlauf des ersten Teils immer ähnlicher werden (vgl. Anfang 7. Kapitel, 8. Kapitel [Musik] und 9. Kapitel [E & O]). Die nahezu vollkommene übereinstimmung zwischen den beiden wird im folgenden Kapitel durch die übereinstimmung der Handschrift zum Ausdruck gebracht: "Um Gottes willen! rief er aus, was ist das? Das ist meine Hand! [...] Von diesem Augenblick an war die Welt für Eduarden umgewendet, er nicht mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen." Durch die Hinzunahme des Dritten und des Vierten, die in gewisser Hinsicht beide Parallelfiguren zu Eduard sind, wird also die Identität des Ersten problematisch.
- 13. Kapitel Es zeichnet sich ab, dass sich Eduard und Ottilie zu ähnlich sind, um nebeneinander existieren zu können: "Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles". Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass die Entfernung Ottiliens und des Hauptmannes nicht in den ursprünglichen Zustand zurückführt: "[S]ie legte das alles so verständig bei sich zurecht, daß sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern, beschränktern Zustand könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen." Schließlich wird anhand des "doppelten Briefes" das Problem der Interpretierbarkeit von Zeichen verhandelt: "Er war gewarnt, doppelt gewarnt, aber diese sonderbaren zufälligen Zeichen, durch die ein höheres Wesen zu uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft unverständlich." Das Motiv des doppelten Briefes wird im folgenden Kapitel noch einmal aufgenommen.
- 18. Kapitel Es wird ein Besuch Mittlers bei Eduard geschildert, nachdem dieser Charlottes Gut verlassen hat. Er lebt in einer vollkommenen Imagination eines Lebens mit Ottilie, die durch einen fingierten Briefwechsel gestützt wird. Dabei wird auch noch einmal deutlich gemacht, dass Ottilies Anwesenheit Eduards Identität bedroht, bezeichnenderweise erneut durch das Bild der Handschrift: "Bald unterschreiben wir einen Kontrakt; da ist ihre Hand und die meinige, beide löschen einander aus, beide verschlingen sich." Diese enge Verbindung manifestiert sich im Zeichen des Glases, in dem die Initialen der beiden eingraviert sind, wodurch auch das Problem der Interpretierbarkeit noch einmal angesprochen wird. Am Ende des ersten Teils befindet sich Eduard also in einer Situation der vollkommenen Kontingenz, die durch seine Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, weiter verschärft wird. Während er also zu Beginn als defizitäres Subjekt geschildert wird, dem ein weiteres Bezugsobjekt fehlt, um innere Geschlossenheit zu erreichen, ist er nun geradezu autistisch auf sein eigenes Spiegelbild Ottilie fixiert, die droht, seine eigene Identität zu annullieren. In dieser Situation beginnt der Prozess der Semiose leerzulaufen, Eduard kann die Zeichen, mit denen er konfrontiert wird, nurmehr im Sinne seiner imaginären Schicksalsverbindung mit Ottilie interpretieren.
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