Internet - Arbeitsmittel und Forschungsobjekt

der Geographie

von

Günther Michler, Inst. f. Geographie d. Univ. München, Luisenstr. 37, 80333 München

e-mail g.michler@lrz.uni-muenchen.de oder e-mail g.michler@t-online.de

http://www.lrz-muenchen.de/~michler

 

0. Einleitung

 1. Begriffe und Schlagworte

 2. Entwicklung und gegenwärtige Struktur des Internet

2.1 Geschichte des Internet

2.2 Gegenwärtige Struktur des Internet

2.3 Administration im Internet

2.4 Benutzungsrichtlinien im Internet

 3 Das Internet heute

3.1 Internet als Telekommunikationsmedium

3.2 Internet in der Forschung

3.3 Internet in der Lehre

3.4 Internet im privaten Gebrauch

3.5 Internet und Wirtschaft

3.5.1 Online-Shopping

3.5.2 Online-Banking

3.5.3 Online-Arbeitsmarkt

3.5.4 Online-Reisen

3.5.5 Online-Makeln

3.5.6 Online-Medien

3.5.7 Online-Marketing u. -Werbung

3.5.8 Tele-Working online

3.5.9 Firmen-Reengineering

 4. Noch ungelöste Probleme im Internet

4.1 Unzulängliche Übertragungskapazität und -geschwindigkeit

4.2 Unzulängliche Qualität des Informationsangebotes

4.3 Rechtsprobleme im Internet

4.4 Unzureichende Datensicherheit

4.5 Mangelnde Medienkompetenz

4.6 Ökologische Konsequenzen

 5. Internet - Zugang zu strukturiertem Wissen für jedermann?

 6. Internet als zukünftiger Datenhighway?

Literaturverzeichnis

 Information ist zum vierten Wirtschaftsfaktor geworden - ebenso wichtig wie Rohstoffe, Arbeit und Kapital. Diese Information weltweit, zu jeder Zeit, an jedem Ort, top-aktuell und "online" abrufen zu können, ist der Trend, dem unsere "Informationsgesellschaft" mit zunehmender Geschwindigkeit folgen wird. Dabei verlieren Zeitpunkt und Ort an Bedeutung, wenn Information weltumspannend verarbeitet, gespeichert und abgerufen werden kann.

Seit etwa zwei Jahren sieht man im "Internet" das schon hinreichend funktionstüchtige und in Zukunft perfekte, weltumspannende Verkehrsnetz für Information. Welche Möglichkeiten das Internet bereits heute den verschiedenen Bereichen unseres Lebens bietet und welche zukünftigen Chancen und Gefahren durch das Internet absehbar sind, soll Thema dieses Beitrags sein. Dabei muß wohl nicht in jedem Punkt darauf hingewiesen werden, wieweit das Internet auch für die Geographie von Bedeutung ist: als Informationsmedium für Forschung und Lehre, aber auch als Forschungsgegenstand, werden doch durch dieses weltumspannende Datennetz eine ganz neue "Verkehrslandschaft" geschaffen, Standorte neu bewertet, Besitzverhältnisse und Marktmechanismen verschoben und viele andere ökonomisch, ökologisch, soziologisch und auch kulturell einschneidende Veränderungen weltweit in Gang gesetzt.

"Prognosen sind schwierig, weil sie in die Zukunft gerichtet sind". Diese pointierte Charakterisierung gilt auch für die Prognosen zur Kommunikationstechnik. 1893, bei der Weltausstellung in Chicago, wurde für das 20. Jh. ein weltweites Rohrpostsystem prognostiziert. Tendenziell hatte man zwar recht, wenngleich man völlig dem mechanischen Zeitalter verhaftet blieb. Vom elektronischen Datenhighway, dem Rohrpostsystem der Moderne, ahnte man damals nichts!

Im "Ur-Internet" 1980 waren erst 200 Computer als Netzknoten eingebunden, 1990 bereits 200000! Schätzungen gehen heute (Stand: Dez. 1996) von ungefähr 300000 Internet-Servern (das sind die Rechner, auf denen Information abgelegt und verwaltet wird) und 14 Mill. vernetzten Computern aus, über die weltweit 50-70 Mill. Menschen in über 100 Staaten der Erde, davon etwa 4 Mill. in Deutschland, Zugang zum Internet haben. Bis zum Jahr 2000 sollen etwa 300 Mill. Nutzanwender im Netz sein! Sein Wachstum von derzeit 10% monatlich, das entspricht einer Verdoppelung alle 7 Monate, macht das Internet zu der am schnellsten "wachsenden" Struktur, die je von Menschen geschaffen wurde.

Der technologische Wandel, der das materielle Gerüst für eine künftige Informationsgesellschaft bereitstellen soll, wird von Politik und Wirtschaft ziemlich vorbehaltslos als große Chance begrüßt und zwar nicht nur von "Strukturkonservativen" (F.-J. Strauß:"Konservativ sein, heißt an der Spitze des Fortschritts stehen"), sondern auch von Seiten der Umweltbewegung. "Wer die mit dem Informationszeitalter verbundenen Veränderungen .... nicht rechtzeitig erkennt, die Chancen nicht nutzt, die Risiken nicht begrenzt, den bestrafen nicht nur die Märkte, der wird auch mit drastischen Wohlstandsverlusten rechnen müssen" (Siegmar Mosdorf, MdB, Vorsitzender der Bundestags-Enquete-Kommission "Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft"). Die Befürworter des Internet treten daher für massiven Ausbau der Netzkapazitäten und Akzeptanz durch breiteste Volksschichten ein und verheißen eine umweltfreudliche saubere "Telewelt". Kritiker sehen im Internet bloß "Ströme von Banalitäten", gar eine "Sintflut der Moderne" und befürchten für die Zukunft eine Zerschlagung sozialer Strukturen, Zersplitterung traditioneller Lebenswelten, Vereinzelung und Datenkontrolle in Orwell´schem Ausmaß, ein Anheizen des Konsums durch Teleshopping, Ressourcenverbrauch und Berge von Elektronikschrott. Optimisten glauben, die über das Internet sicherlich erzielbaren hohen globalen Rationalisierungseffekte würden zu einer massiven Verringerung der Kapitalkosten führen, so daß weltweit freies Kapital zur Verfügung stünde, das in kleine Unternehmen fließen und so positive Auswirkungen auf die Armut, besonders der Entwicklungsländer, haben könnte. Pessimisten befürchten dagegen Arbeitslosigkeit in bisher nicht gekanntem Ausmaß!

 

Abb. 1: Die prognostizierte Zunahme der Beschäftigten im Informations- und Kommunikationssektor nach BMWi 1996

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1. Begriffe und Schlagworte

Mehrere Begriffe bilden die Grundlage für das Verständnis der neuen Informations- und Kommunikationstechnik (IuK):

Analog und digital

die Grundbegriffe der Kommunikationstechnik. Analoge Signale, z.B. Töne, werden als modulierte Welle in ihrer Gesamtheit übermittelt. Bei der Digitalisierung werden analogie Signale in (binäre) Zahlen kodiert, digital übertragen und dann - bei Bedarf - wieder in das analoge Original (z.B. Ton) zurückverwandelt. Digitale Signale brauchen erheblich weniger Transportkapazität als analoge und bilden heute das Rückgrat der Telekommunikation. Dem Nachteil der digitalen "Welterfassung", nämlich der riesigen Datenmenge, zusammengesetzt aus der einfachsten (man könnte sagen, primitivsten) Informationseinheit, dem Bit (ja/nein), stehen herausragende Vorteile gegenüber: absolute Eindeutigkeit der Information, keine Alterung (wie bei einem Gemälde oder einem Tonband zu beobachten), eine auf dem gleichen Übertragungsweg (Draht, Kabel, Funk, Lichtleiter) um das mindestens hundertfach höhere Transportkapazität und beliebig intelligente und eindeutige Bearbeitbarkeit durch Programme.

Datenhighway (Datenautobahn)

bezeichnet hochleistungsfähige Kabelnetze (in Zukunft verstärkt Glasfasernetze), in denen riesige digitale Datenmengen in kürzester Zeit transportiert werden können, um so aufwendige technische Kommunikationsformen wie Video-on-Demand, interaktives TV, Teleshopping oder Telearbeit zu ermöglichen. Der I-way (Information Highway) ist die Realisation dieses weltumspannenden Datennetzes. Derzeit ist das Internet die aktuelle "Inkarnation" des I-way, wenngleich erst ein schwacher Prototyp der prospektierten Hochleistungs-Datenautobahn.

Multimedia

keine neue Technologie, sondern die Kombination bzw. Integration verschiedener Medien, d.h. unterschiedlicher Kommunikationsformen und Informationsinhalte wie Sprache, Musik, Grafiken, Fotos, Film, Text oder andere Daten; der Einsatz von digitaler Technik und Datenkompressionsverfahren; die Möglichkeit der interaktiven Nutzung; Transport der Daten in einem integrierten Netz von Datenautobahnen (Datenhighway), die in neuen integrierten Endgeräten (z.B.Multimedia-Computer, Set-Top-Box für TV) für den Benutzer "entschlüsselt" werden. Die bislang getrennten Medien Telefon, Telefax, Funk, Television, Personalcomputer usw. sollen - nach ihrem digitalen Transport über den Datenhighway - in möglichst nur einem Multimedia-Gerät an den Menschen übergeben werden. Im Unterschied zum herkömmlichen Fernsehen gibt es für die Nutzer einen Rückkanal, durch den sie die multimedialen Programme "interaktiv" beeinflussen können. Multimedia und ein leistungsfähiger Datenhighway sollen quasi den Übergang in die totale Informationsgesellschaft ermöglichen.

Cyberspace

= Kyberraum, kybernetischer Raum (Kybernetes, griech. "Steuermann"), aus dem Roman "Newromancer" des amerikanischen Science-Fiction-Autors William Gibson, ist jene virtuelle Landschaft, die nur in den vernetzten Computern der Welt existiert und in die der Computerbenutzer während seines Netzaufenthaltes "eintaucht". Inzwischen wird der Begriff auch als Synonym für Internet gebraucht. Datenhelme und -handschuhe sollen in Zukunft ihren Trägern das aktive Eingreifen in diese künstliche Realität (virtual reality) erlauben. Der Cyberspace gleicht immer mehr einem Abbild der Wirklichkeit und einem Spiegelbild der Menschheit. Wieweit sich die Geographie als "Raumwissenschaft" mit dem Cyberspace beschäftigen soll oder wird, sei dahingestellt. Das Netz, dessen Leistungsfähigkeit als digitales Verkehrsnetz, die Verortung der Zugänge und "Verschiebebahnhöfe" stellen Raumstrukturen im klassischen Sinne dar, ebenso natürlich ein Großteil der Auswirkungen des Internet auf unser Leben.

Virtual Reality

Nachbildung der realen Welt mit entsprechenden Hilfsmitteln (Datenhelm und -handschuh, s.o.), um sie den menschlichen Sinnen als dreidimensionale Raumstruktur erfahrbar zu machen (konventionelles Beispiel: Flugsimulator). Teilweise auch synonym für die virtuellen Welten im Cyberspace gebraucht.

HTTP u. HTML

Hypertext Transfer Protocol, dient dazu, im World Wide Web über programmierte Verbindungen (Hyper-Links) auf andere Dokumente weltweit im Netz zugreifen zu können. HyperText Markup Language ist das Hypertextformat des World Wide Web.

World Wide Web/WW

Hypermediales Informationssystem auf der Basis der Seitenbeschreibungssprache HTML (Hypertext Markup Language), das die verschiedenen Internetdienste unter Verwendung von Hypermedia unter einer Oberfläche zusammenfaßt und die graphische Aufbereitung und Verknüpfung der Inhalte (Links, auch zu anderen Servern weltweit) aus Text-, Bild-, Ton- und Videosequenzen ermöglicht. Von T. Berners-Lee vom CERN 1989 vorgeschlagen trägt es seit etwa 1994 maßgeblich zur einfachen Handhabung und damit Popularität des Internet bei.

TCP/IP

Transmission Control Protocol/Internet Protocol, das den Datenverkehr im Internet regelt. Sorgt auch für die Adressierung eines jeden Rechners durch die IP-Adresse.

. .Client-Server-Architektur

Der Client (Kunde) ruft Informationen von einem Server ab. Der Web-Client ist das Programm, das die Daten anfordert und - auch wenn diese ganz unterschiedliche Dateiformate haben - lesbar macht (Browser, von engl. "blättern")

Top-User

all jene, die das Internet stark frequentieren. Nach einer Studie der Burda Medienforschung ist der typische Internet-Nutzer in Deutschland männlich, zwischen 20 und 40 Jahre alt und Student bzw. Akademiker. Außerdem sind Unternehmer und leitende Angestellte sowie freiberuflich Tätige, also vor allem für Innovationen aufgeschlossene Bevölkerungsgruppen, im Netz. Von den beruflichen Nutzern sind 28%, von den Privatnutzern nur 18% Frauen. Fast 500000 Computer in Deutschland und damit etwa 5% der Bevölkerung haben mittlerweile Zugang zum Internet, weltweit sollen es 50 Millionen sein.

Internet-Dienste:

E-Mail = Senden und Empfangen von Nachrichten

FTP = Abruf von freiverfügbarer Software und Daten aus Archiven

Archie = Suche nach Programmen, die über FTP verfügbar sind

WWW = s. oben, weltweiter Zugriff auf Informationen

und andere von untergeordneter Bedeutung

Raum- und Zeitgrenzen spielen in der Welt der digitalen Netze kaum noch eine Rolle. Diese besondere Eigenschaft der Kommunikation im Cyberspace und seinen "virtuellen " Welten hat ein eigenes Lebensgefühl und eine eigene Mythologie geschaffen. "Eher einem Ökosystem als einer Maschine gleichend, ist der Cyberspace eine bioelektrische Umwelt, die buchstäblich universal ist: Es gibt sie überall, wo ein Anschluß zur Verfügung steht". Dieses Ökosystem eigener Art gleicht einem riesigen Abenteuerspielplatz (K. Dräger u. F.O. Wolf 1996), in dem "Hacker als wagemutige Guerilleros in die feindliche Umwelt des Pentagons eindringen und dessen Geheimnisse der Öffentlichkeit zugänglich machen, New Age- und Techno-Fans mit Höchstgeschwindigkeit durch computersimulierte fraktale Landschaften fliegen. Andere verbinden den Cyberspace mit neuen transzendentalen Erfahrungsräumen oder aufregenden Abenteuerwelten...." Vieles erinnert an den Erfinder- und Entdeckergeist, der die alten Seefahrer bei der Erforschung der Erde vorantrieb, Amerikas Pioniere beflügelte oder den Anstoß zur Erforschung des Weltraums gab. Wieder andere erkennen im Cyberspace den Raum zum weltweiten Diskurs, den die vernetzten, herrschaftsfreien, gutinformierten Individuen gleichberechtigt - in Anlehnung an die antiken Stadtversammlungen - in einer nunmehr globalen elektronischen Agora führen. Freiheit und Abenteuer, aber auch eine Art elektronische Basisdemokratie ("Cybersociety") bilden die erste von vier großen Visonen, die mit der Informationsgesellschaft verbunden werden - eine heroische Utopie (meinen K. Dräger u. F. O. Wolf), wenn man bedenkt, daß gerade 1/5 der Weltbevölkerung über einen Telefonanschluß verfügt (s. jedoch Kap. 6.). F. Rötzer (1995) zeichnet das Bild einer Telepolis, die sich nirgendwo und zugleich überall dort befindet, wo man durch technische Schnittstellen in sie eintreten kann. Er beschreibt diese virtuelle Stadt, in die wir - die "Netizens" - allmählich einziehen, die Wege zu ihr und ihre Verankerungen im wirklichen Raum. Die virtuelle Stadt bildet eine neue Lebewelt mit wesentlichen Elementen der herkömmlichen Stadt (zentrale Funktionen wie rascher Informationsfluß), die endgültig den nostalgischen Traum von einer zentrierten und überschaubaren Stadt hinter sich lassen wird. Wieweit diese virtuellen Raumstrukturen Forschungsgegenstand der Geographie sein können, sei dahingestellt. Die "Datenverkehrslandschaft" und die "Verortung" ihrer Schnittstellen im Raum sind eindeutig Forschungsgegenstand auch der Geographie, ebenso wie die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnik auf die Ausgestaltung der Zivilisationslandschaft.

Die zweite große Vision der Informationgesellschaft sieht man im Entstehen eines hemmungslosen Konsumparadieses, einer "Jetzt-Sofort-Alles"-Maschine (K. Dräger u. F.O. Wolf 1996): Bankgeschäfte rund um die Uhr, optimierte Fahrräder nach den eigenen Körpermaßen bestellen, elektronische Tageszeitung nach eigenen Interessen, Ansehen oder Abspielen von Video- und Audio-Dokumenten aus dem gespeicherten Reichtum aller Kulturen - alles ohne Problem vom "elektronischen Leitstand" im Wohnzimmer aus!

Die dritte große Vision des Informationszeitalters ist der gesellschaftliche Übergang von der Industrie- zur postindustriellen Wissensgesellschaft. Er wird von A. Toffler (Berater im US-Repräsentantenhaus) als "Abschied vom Proletariat" bezeichnet und als längst vollzogen angesehen: "Die Wissensarbeiter der modernen Gesellschaft, das Kognitariat, bilden bei uns (USA!) bereits die Mehrheit der beschäftigten Bevölkerung. Sie verfügen selbst über ihre Produktionsmittel: Wissen und Information".

Die vierte Vision der Informationsgesellschaft ist die Einleitung einer neuen "langen Phase" des Wohlstands. Nach dem russischen Wirtschaftswissenschaftler N. Kondratieff lassen sich - neben den 5-7-jährigen Konjunkturzyklen - ökonomische Wellen von 40-50 Jahren beobachten, in denen Basisinnovationen die Wirtschaft umstrukturieren und eine lang andauernde Wachstumsphase auslösen. Informationstechnologie (breitbandige Glasfasernetze, Datenkomprimierungstechniken, integrierte Multimedia-Endgeräte) und Gentechnik sollen nun - nach Dampfmaschine und Textilfabriken, Eisenbahn und Stahlwerke, Chemie und elektrischer Strom, Petrochemie und Auto - eine fünfte lange Welle der Prosperität auslösen.

Die europäische Kommission spricht vom Heraufziehen einer neuen sanften Arbeits-, Lern-, Unternehmens- und Freizeitkultur, die durch eine zunehmend "immaterielle Wirtschaft" Ökologie und Ökonomie versöhnen helfe. Telearbeit z.B. (s. 3.5.8) verbessere die Chancen, in ländlichen oder abgelegenen Regionen zu wohnen und zu arbeiten. So könne langfristig der Niedergang der europäischen Kleinstädte und Dörfer gestoppt, der Berufsverkehr verringert und die Umwelt (s. jedoch 3.5.8 u. 4.6) geschont werden. Zurück zu Inhaltsverzeichnis

2. Entwicklung und gegenwärtige Struktur des Internet

2.1 Geschichte des Internet

Das Ur-Internet entstand Ende der 60er Jahre aus einem Forschungsprojekt (ARPAnet) des amerikanischen Verteidigungsministeriums und wurde erstmals mit vier Rechnern am 1. Sept. 1969 realisert. Man wußte, daß elektronische Zentralrechner bei einem Atomschlag nicht nur durch direkte Zerstörung, sondern auch durch eine elektromagnetische Schockfront lahmgelegt würden. Ziel des ARPAnet war es daher, ein Netzsystem zu entwickeln, das auch partielle Ausfälle verkraften konnte. Ein solches Netz kann selbstverständlich nicht hierarchisch gegliedert sein, sonst hätte der Ausfall von Zentralrechnern verheerende Folgen. Vielmehr sollten die einzelnen Computer als mehr oder weniger gleichrangige Knoten miteinander vernetzt sein, und auch der Datentransfer von einem Rechner zum anderen sollte nicht auf vorgeschriebenen Pfaden erfolgen müssen. Stattdessen wurden Adressierungs- und Übertragungsstandards geschaffen, die bewirken, daß das zu übertragende Datenpaket mit Hilfe der angehängten Zieladresse von einem Knoten zum anderen weitergereicht wird, bis es am Zielcomputer angekommen ist. Wenn eine Verbindung unterbrochen oder ein Rechner nicht erreichbar ist, werden die Daten einfach über einen anderen Weg zum Ziel geschleust. Aus diesen Vorgaben entstand 1982 die Internet Protokoll Spezifikation/TCP/IP (s. Kap. 1, Begriffe). Da etwa zur gleichen Zeit an der University of California ein neues Betriebssystem mit Namen UNIX entwickelt wurde, konnte diese Netwerksoftware gleich fester Bestandteil dieses Betriebssytems werden. Durch Veröffentlichung der TCP/IP-Spezifkation wurde erreicht, daß das Protokoll auch für viele andere Rechner-Plattformen umgesetzt wurde. TCP/IP stellt heute die Basis der Kommunikation im Internet dar. Daher wird das Internet auch als die "Gesamtheit aller Computer bezeichnet, die über TCP/IP Verbindungen erreichbar sind".

Weitere Entwicklungsschritte im einzelnen s. Umdruck des Leibniz-Rechenzentrums v.E. Lang v. 13.4.1995 ... Fußnote

Daß das amerikanische Militär mit seinen hierarchischen Strukturen und dem Hang zur weitreichenden Kontrolle über das Internet das offenste, dezentralisierteste und anarchischste Kommunikationsmedium der Welt schuf, gilt als besondere Ironie moderner Technikgeschichte.

2.2 Gegenwärtige Struktur des Internet

Das Internet - wie es sich heute darstellt - würde im strengen Sinne des Begriffs "Netzwerk" kaum als Netz bezeichnet werden können, zu heterogen sind die Übertragungswege, -protokolle, -netzadministration und inhaltliche Gestaltung. Keineswegs kann es mit einem klar gegliederten und mit einer Netzwerksoftware bekannter Hersteller (z.B. Novell) verwalteten Netzwerk eines Betriebes verglichen werden. Das Internet ist vielmehr ein Geflecht aus gegenwärtig etwa 300000 Computernetzwerken, an das - geschätzt - derzeit etwa 10-15 Mill. Rechner angeschlossen sind, welche - trotz aller Heterogenität - über das TCP/IP Protokoll miteinander kommunizieren können. Rund 40% der Geräte stammen aus dem akademischen, 35% aus dem kommerziellen Sektor, die übrigen aus dem Bereich Militär und Regierung der USA.

 

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MIDS

Karte 1: Das Internet - natürlich auch Informationsquelle über das Internet! Eine Darstellung über die weltweite Verteilung der Hosts (engl. "Gastgeber"), d.h. der anwählbaren Rechner der verschiedenen Teilnetze (Internet, Bitearn, FidoNet u. UUCP) - Originalausdruck aus dem Internet (Unter der Anbieteradresse www3.mids.org können detaillierte Karten in guter Druckqualität zu Themen des Internet bezogen werden.

Die an das Internet angeschlossenen Rechner sind in der Regel in lokale Netze (Local Area Network/LAN) eingebunden. Organisatorisch zusammengehörende LANs sind meist in regionalen Netzwerkverbunden organisiert (MAN). Letztere besitzen wiederum mindestens einen überregionalen Zugang, den WAN-(=Wide Area Network) Anschluß. Die Verbindungskomponenten, die LANs zu MANs und diese schließlich zum WAN kombinieren, werden Router genannt. Hier bietet sich an, mit nur einer Zahl die Dynamik dieses von den USA beherrschten Wachstumsmarktes zu skizzieren: die kalifornische Firma CISCO, gegründet 1984, erzielt (bei 50%igem Marktanteil n. eig. Ang.) 1996 4 Mrd. $ Unsatz allein mit diesen Router-Geräten

Sehr oft werden die Teilnetze mit eigenen Namen versehen (z.B. Europanet, Deutsches Wissenschaftsnetz/WiN oder Münchner Hochschulnetz/MHN). Durch verschiedene Techniken verbessert erweckt das weltumspannende Internet mittlerweile ein homogenes Erscheinungsbild, obwohl es technisch aus einem heterogenen Konglomerat an Netzwerken aufgebaut ist. Neben all den Rechnern, die das TCP/IP-Protokoll beherrschen und "Verbindung" zum "Rest der Welt" haben (s. o.), kann man mittlerweile auch andere große Netzwerke (Bitnet, DECnet, T-Online der Dt. Telekom) zum Internet zählen, nach dem diese sogenannte Gateways für den Datenaustausch mit dem Internet eingerichtet haben.

Während die am Hochschulnetz betriebenen Rechner "physikalisch" an ihren Provider, das Leibniz Rechenzentrum/LRZ, angeschlossen sind, müssen sich externe Internet-User in der Regel per Telefon und Modem bei einem Provider "einloggen". Wer auf einen Anschluß über Telefon angewiesen ist, aber bereits über ISDN-Telefon-Anschluß verfügt, kann bekanntlich zwei Leitungen parallel nutzen und erreicht mit zusätzlicher Datenkompression Übertragungsgeschwindigkeiten bis zu 300000 Bits/sec, also an die 2,25 MBit/min. Damit lassen sich bereits Video-Konferenzen in guter Qualität einberufen. Im Münchner Raum bieten - neben den überregionalen Online-Diensten, s. u. - folgende Firmen (Auswahl) derzeit einen Internet-Zugang an:

MetroNet, DFN-Verein, Eunet, Germany-Net, IBM Global Netwwork, Internet Services, Nacamar, P-Net, Spacenet, Fibunet, Touchnet u. X-Link/NTG

Unter www.cache.rrzn.uni-hannover.de können die lokalen Provider für ganz Deutschland abgerufen werden. Einen Leistungsvergleich der Provider-Angebote für Internet-Kunden findet man in PC Professional, H. 11, 1996, S. 80.

 Außerdem bieten die vier Online-Dienste AOL (American Online), T-Online (ehemals BTX bzw. Datex-J der Dt. Telekom), Compuserve, MSN und EOL (Europe Online) über eigene Client-Software Zugang zum Internet. Diese Online-Dienste haben dem Internet gegenüber den Vorteil eines zentralen und zuverlässigen Abrechnungssystems. Ihr Nachteil: ihr eigenes Informationsangebot präsentiert sich wie auf einer riesigen Festplatte in relativ unübersichtlicher Baumstruktur. Mit den vielfältigen Möglichkeiten von Verbindungen ("Links") und dem Layout, welches das World Wide Web im Internet bietet, können die herkömmlichen Online-Dienste nicht konkurrieren.

 Unter MHN/Münchner Hochschulnetz wird das Datennetz verstanden, welches die Rechner von mehr als 250 Instituten der LMU, ca. 120 der TUM und ca. 10 Fachbereichen der FH München sowie einige Fachbereiche der FH in Weihenstephan verbindet. Insgesamt werden über das LRZ 14000 Endgeräte mit Internet-Zugang versorgt, die auf 50 Standorte verteilt sind. Für die Nutzung der Netzverbindungen und der sonstigen Technik wendet das LRZ jährlich (ohne Personalkosten) rd. 2 Mill. DM auf. Über die Server des LRZ oder durch eigene Server ist auch die Universität München als vielseitiger Anbieter im Netz präsent. Die Fakultät für Geowissenschaften ist allerdings unter http://www.kri.physik.uni-Muenchen.de/geo.html ausführlich nur durch das Institut für Kristallographie vertreten. Eine 8-seitige Liste aller angeschlossenen Server in München und Umgebung mit Links zu den jeweiligen Servern erhält man unter http://www.leo.org/demap/cities/Muenchen.html.

Unter www.w3.org/pub/DataSources/www/Servers.html findet man eine vollständige Liste der weltweit installierten Server (Zugang über www.leo.org ). Über eine Karte lassen sich die Listen der Server aller wichtigen deuschen Städte anwählen und ausdrucken. Unter http://www.rz.uni-karlsruhe.de/outerspace/virtual library/ findet man eine Übersicht über Themenbereiche im deutschen Internet, ebenso unter www.dtag.de/hotlist.html.

 Während des Entwicklungsprozesses von neuen Technologien entstehen häufig Nutzungs- und Anwendungsmöglichkeiten, die zunächst nicht geplant waren, so auch beim Internet. Vor der Entwicklung des World Wide Web diente das Internet der Forschung, dem Austausch von E-Mail-Nachrichten und den Hackern als Spielwiese. Erst das WWW, zunehmend populärer ab 1994, machte das Internet für eine breite Schicht von Anwendern interessant. Hinzu kam der extreme Preisverfall bei Computern, dem Zubehör und der Software bei gleichzeitiger Vervielfachung der Leistung, wodurch die Grundlage für die weite Verbreitung und Kommerzialisierung des Internet gelegt wurde.

Das World Wide Web (WWW) mit seiner einfach zu bedienenden, Text, Bild und Ton integrierenden Benutzeroberfläche hat für das Internet dasselbe bewirkt wie das Betriebssystem Windows für den Personal Computer. Es ist ein Verbund von Internet-Servern, die mit einer speziellen Software ausgestattet sind, welche die Wiedergabe von weltweit verteilten Hypertext-Dokumenten, das sind durch Querverweise miteinander verbundene Informationen, ermöglicht. Durch das sogenannte Hypertext-Konzept sind die komplizierten Vorgänge der plattformübergreifenden Computer-Kommunikation auch für den Laien bedienbar geworden. Von einer einzigen Homepage aus gelangt man oft auf Hunderte von Web-Seiten, die untereinander durch Hyperlinks verknüpft sind. Diese können auf demselben Server oder irgendwo verstreut auf anderen Servern weltweit liegen! Die Gesamtheit der miteinander verbundenen Web-Seiten wird als Website bezeichnet. Das "Web" (engl. Geflecht) ist somit ein virtuelles Netz aus verbundenen Informationen und deckt sich keineswegs mit dem realen, physikalischen Computernetz des Internet.

Einen starken Auftrieb für das Internet brachte der im Jahr 1994 von der frisch gegründeten Firma Netscape entwickelte Browser (von engl. "blättern, schmökern"), ein Datenanforderungs- und Betrachtungsprogramm" für die vielen unterschiedlichen Dateiformate, die auf den Rechnern im Internet abgelegt sein können. Durch die Entwicklung der Hypertext Markup Language (Dateien sind an der Extension "html" erkennbar) gelang es, eine Weg-Seiten-Sprache zu kreieren, die nicht nur vergleichsweise einfach zu programmieren ist, sondern auch Mehrdimensionalität erlaubt und die Verknüpfung mit anderen Rechnern im weltweiten Netz gestattet.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Software-Werkzeuge, mit denen man ohne große Vorkenntnisse selbst Informationen ins Netz stellen kann. Man würde diese Informationen, sofern man nicht selbst einen Server am Netz unterhält, bei einem Provider (für die Münchner Universitäten z.B. das LRZ) auf dessen Server bereithalten. Für kommerzielle Zwecke bieten Firmen diese Dienstleistung bereits ab 39.- DM pro Monat für 10 MB Speicherplatz an. Mit zunehmender Übertragungskapazität wandeln sich auch die Inhalte des Internet: Durch die verstärkte Verwendung von Bildern, Tönen und anderen Multimedia-Elementen verändert sich das WWW (World Wide Web) derzeit von einer Hypertext- zu einer Hypermedia-Umgebung.

 "Geld ist Zeit", die Datengeschwindigkeit eine Kostenfrage. Langfristig werden Übertragungsraten bis 2,4 Mrd. Bit/s geplant (s. auch Kap. 4.1). Einen Schlüssel hierzu bietet die neue Übertragungstechnik ATM. Dieser asynchrone Transfermodus eignet sich zum Transport von Audio-, Video- und Computerdaten und bringt vor allem Bandbreite - statt der in Deutschland bislang üblichen 2 Mill. Bit/s (Mbps) fließen mit ATM 34 oder sogar 155 Mbps durch das Netz. Die Technik für eine rasche Übermittlung von großen Datenmengen gibt es also bereits. Die Bayerische Staatsregierung unternimmt derzeit hohe Anstrengungen (s. Broschüre "Bayern Online" der Bayerischen Staatskanzlei), um in der kommenden Telekommunikationsgesellschaft vorne zu sein und zu verhindern, daß die Gesellschaft in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zerfällt, in die Informationsbesitzer und die -nichtbesitzer, in die Klassen der "Onlines" und der "Offlines" (Details s. 4.1). Wie stark der Datenverkehr durch Netzausbau zunehmen kann, zeigt Abb. 3. Im Sommer 1996 wurde eine 155 Mbps-Leitung zwischen dem Leibniz Rechenzentrum München und der Universität Erlangen geschaltet. Binnen weniger Wochen stieg das transportierte Datenvolumen auf das Fünffache!

 

 Abb. 2: Die Internet-Anbindung in Deutschland ist noch vergleichsweise gering. (Zahlen aus Global Online 12/96).

 2.3 Administration des Internet

Im Gegensatz zu anderen Netzen mit einer strengen Administration gibt es für das Internet kein explizites Führungsgremium. Viele Instanzen, staatliche Stellen, Forschungsinstitute, Firmen und auch Vereine sind für den Betrieb von mehr oder weniger großen Teilbereichen des Internet zuständig. Sie tragen auch die Kosten in ihrem Bereich bis zur Anbindung an das restliche Internet. Einige wenige übergeordnete und unabhängige Gremien haben koordinierende und beratende Aufgauben übernommen, die das Internet als Ganzes betreffen: Internet Society/ISOC, Internet Engineering Task Force/IETF und Internet Architecture Board/IAB. Die Entscheidungen dieser Versammlungen werden von den Internet-Anwendern als verbindlich akzeptiert. Da es jedem freisteht, an der Entwicklung des Internet mitzuarbeiten, sind auch Firmen vertreten, um so möglichst früh die technischen Trends umsetzen zu können.

Eine besonders wichtige administrative Aufgabe ist die Vergabe von Internet-Adressen (jede Adresse darf im weltweiten Rechnerverbund nur einmal vorkommen!). Hierzu vergibt das zentrale InterNIC (Network Information Center) in den USA ganze Adressenbereiche an das europäische NiC (RIPE-NCC, d.h. Reseaux IP Europeens - Network Coordination Center), welches wiederum einen Teil der Adressen an die deutsche Organisation, das DE-NIC, weitergibt. Das DE-NIC (zur Zeit an der Univ. Karlsruhe) vergibt die Adressen z.B. an das LRZ, welches sie wiederum an die Institute der Münchner Universitäten verteilt. Das NOC, derzeit für ganz Deutschland an der Universität Stuttgart angesiedelt, kümmert sich um den Betrieb des Netzes. Das Leibniz-Rechenzentrum/LRZ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (finanziert vom Bayer. Kultusministerium) ist als NOC für das Münchener Hochschulnetz anzusehen.

 

 Abb. 3: Die Entwicklung des über das Leibniz-Rechenzentrum transportierte Datenvolumens im Rahmen des Münchner Hochschulnetzes. Der Anstieg auf das Zehnfache von Nov. 95 - Nov. 96 war nur durch die Inbetriebnahme der 155 Mbps-Leitung im Sommer 1996 möglich.

 Datentransportvolumen

 

  Abb. 4: Datentransportvolumen des Wissenschaftsnetzes der bayerischen Hochschulen über den Knoten Leibniz-Rechenzentrum/LRZ im Juli 1996 u. Nov. 1996

 Die Internet-Protokoll-(IP)-Adressen bestehen aus vier Zahlen, die durch Punkte voneinander getrennt sind. Jede Zahl darf den Wert 256 (28) nicht übersteigen. Beispiel einer IP-Adresse: 192.191.190.6. Die einzelnen Zahlen bestimmen Netzwerke, die in drei Klassen A, B und C eingeteilt sind. Die letzte Ziffer bezeichnet den jeweiligen Rechner.

Da Menschen aber Namen vorziehen, wurde schon frühzeitig das sogenannte Domain Name System (DNS) entwickelt. Dieses System konvertiert die Zahlenfolge in einen Namen, den Rechnernamen.

Rechnername.Subdomain.Domain.Topleveldomain

Die Top-Level Domain steht ganz rechts und wird durch den Country-Code abgekürzt:

at Österreich, au Australien, fr Frankreich, uk Großbritannien, de Deutschland u.a.

In den USA gibt es aus historischen Gründen 6 Top Level Domains

.com kommerzielle Organisation

.edu Schulen u. Hochschulen

.gov Regierungsinstitutionen

.mil mlitärische Einrichtung

.net Netzwerk betreffende Organisationen .org andere

.int Internationale Organisationen .arp aus dem ursprünglichen

.us selten ARPAnet (selten)

Um auch den Nutzer eines Rechners zu bestimmen, kann die IP-Adresse um den Nutzernamen erweitert werden. Beide werden durch das Symbol "@" (engl. at) voneiander getrennt. So entsteht die E-Mail-Adresse, z.B.

g.michler@lrz.uni-muenchen.de

Ursprünglich als Wissenschaftsnetz enstanden, sind heute die wirtschaftlichen und privaten Anwendungen sicher unfangreicher als die wissenschaftlichen. Wie sich das mit den hohen staatlichen Aufwendungen für die nur zu "non profit"-Nutzungen vorgesehenen Wissenschaftsnetze vereinbaren läßt, bleibt bis jetzt unklar. Sicher wird der weitere Ausbau des Internet zu einem "Volksnetz" bzw. allgemein zugänglichen "Datenhighway" neue administrative Strukturen und Finanzierungsmodelle erfordern (s. Kap. 4).

2.4 Benutzungsrichtlinien im Internet

Das Internet ist ein Netz von Netzwerken. Daher gelten auch von Region zu Region unterschiedliche Benutzungsregeln. Ein beträchtlicher Teil des Netzes wird aus öffentlichen Haushalten bezahlt, weshalb hier der kommerzielle Gebrauch eingeschränkt ist. Das Deutsche Wissenschaftsnetz/WiN, betrieben von der Deutschen Telekom, wird vom Verein zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes (DFN-Verein) bezahlt. Dieser finanziert sich aus den Mitgliedsbeiträgen seiner Mitglieder, darunter besonders durch das BMFT, daneben Universitäten, Forschungsabteilungen von Firmen usw. Der Gebrauch des WiNs ist also zu Forschungszwecken auch kommerziellen Einrichtungen erlaubt. Rein kommerzielle Zwecke wie Werbung, Angebots- und Rechnungsstellung sind dagegen im WiN nicht gestattet. Allerdings ist hier die Grauzone beliebig groß.

Natürlich kann man Internet-Informationen schneller beziehen, wenn man Bilder und Graphiken nicht mitübertragen läßt, was sich bei vielen Informationsangeboten durchaus machen läßt. Gleichzeitig kann damit - wenn dies viele Nutzer tun - das Netz insgesamt entlastet werden. Unter dem Schlagwort "Netiquette" (Netz + Etikette) der Universität Passau findet man 13 der wichtigsten "Benimmregeln" des Internet! Zurück zu Inhaltsverzeichnis

 3. Das Internet heute

 Viele sehen im Ausbau der neuen Online-Medien einen ökonomischen Paradigmen-Wechsel von der industriellen in die digitale Wirtschaft. Für sie ist das alte Paradigma der rein physischen Interaktionen überholt! Wesentlichen Anteil an diesem Wertewandel hat das Internet. Nicht von ungefähr wurde es zum Schlagwort des Jahres 1996. Es wächst in einem Ausmaß, das selbst kühnste Voraussagen übertrifft. Mittlerweile schätzt man rd. 50 Mill. Teilnehmer bei einer monatlichen Wachstumsrate von 10%. Für das Jahr 2000 reichen die Schätzungen für die Zahl der Internet-Nutzer von 100-500 Mill. Menschen. Die Zahl der Seiten im WWW hat die Marke von 150 Mill. überschritten und verdoppelt sich momentan etwa alle 60 Tage (s. Abb. 3).

 

Abb. 5: Die exponentielle Zunahme des Datenvolumens im World Wide Web

Heute ist das weltweite Computernetz Internet das offenste und vielseitigste Medium, das es je gab. Es ist "sozial offen, dezentral und hierarchiearm" (Bundespräs. Herzog anläßlich der 10. Medientage, Okt. 1996). Das Internet ist eingebunden in den großen Globalisierungsprozeß der Wirtschaft und fördert diese Globalisierung gleichzeitig. Heute schon führt der enorme Informations- und Kommunikationsbedarf der arbeitsteiligen Wirtschaft dazu, daß 50-60% des Bruttosozialprodukts in den kommunikativen Aufwand fließen (H. Burda 1996, BMWi-Report). Es ist abzusehen, daß ein Großteil dieser Informationsströme in Zukunft durch das Internet bzw. dessen - ungeahnt verbessertes - Nachfolgenetz fließen werden. Viele Anwendungen des Internet sind schon heute mit der vorhandenen Technik zufriedenstellend lösbar (z.B. E-Mail, Literaturrecherche), andere Anwendungen sind prinzipiell ebenfalls gelöst, bedürfen nur der Leistungssteigerung, Sicherung und weiteren Verbreitung der Netze (z.B. Online-Shopping). Im folgenden Kapitel sollen einige Anwendungen aus verschiedenen Benutzerkreisen beschrieben werden.

3.1 Internet als Telekommunikationsmedium

Im Vergleich zum Versenden von Briefen mit der herkömmlichen Post (in Userkreisen gern als "Snailmail" bezeichnet) hat E-Mail einige Vorzüge. Die Nachricht ist binnen weniger Minuten oder Stunden (bei schlechter Verbindung) beim Empfänger. Durch seine persönliche Adresse im Internet ist jeder angemeldete E-Mail-Nutzer weltweit erreichbar, da die Adresse nicht mehr ortsgebunden, sondern personengebunden ist. Ein Abruf erhaltener E-Mails oder Versenden von Nachrichten ist weltweit an jedem Internet-Terminal möglich. Das einzelne E-Mail ist in der Regel kostenlos, lediglich aus den gesamten Nutzungsgebühren (s. Provider) muß man bei kaufmännisch richtiger Vorgehensweise einen Teilbetrag auf die E-Mail-Nutzung umlegen. Ein Einfachbrief in die USA kostet DM 3.- (von den USA nach Deutschland DM -.90!), ein E-Mail nur wenige Pfennige. Es ist daher abzusehen, daß die Briefpost schweren Zeiten entgegengeht, mit tiefgreifenden Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Kommunikationsverhalten (Nicht-E-Mail-Nutzern wird die Kommunikation erschwert und verteuert). So wurden in den USA 1996 täglich bereits rund 95 Mill. E-Mails verschickt, mehr als herkömmliche Briefe (85 Mill.). Das Versenden einer E-Mail an mehrere Adressaten gestaltet sich wesentlich einfacher, ebenso die Weiterleitung erhaltener E-Mails bzw. deren Archivierung. Besonders interessant ist die Möglichkeit, x-beliebige Dateien (umfangreiche Texte, Grafiken, Fotos und sogar Videosequenzen) anzuhängen und mit auf die Reise zu schicken, so daß mit dem einfach handbaren E-Mail-Versand der Datentransport weltweit kostengünstig bewerkstelligt werden kann. Besonders vorteilhaft gegenüber FAX oder Telefon ist die Tatsache, daß sowohl die E-Mail-Nachricht wie auch die angehängten Dateien vom PC des Empfängers gleich "intelligent" weiterverarbeitet werden können. Schließlich kann per Computer durch Erfassung aller E-Mail-Adressen ein weltweites Adressenverzeichnis geschaffen werden. Unter www.ask.uni-karlsruhe.de erreicht man z.B. ein Werkzeug zur Beschaffung von Internet-Benutzerinformationen wie E-Mail-Adressen, Telefonnummern oder Postanschriften (alternativ auch netfind sowie www.tour11.com, http://www.whowhere.com/ oder www.suchen.de/). Bleibt noch anzumerken, daß eine bedauernswerte Gruppe unserer Gesellschaft, die Blinden, besonderen Vorteil aus digitaler Information zieht. Blinde können digital übermittelte Information, also z.B. E-Mails oder Internet-Zeitungen über Spezialgeräte (sich hebende bzw. senkende Stifte zum Fühlbarmachen der Blindenschrift) unmittelbar lesen.

Derzeit verwaltet das LRZ München als Knoten des Münchner Hochschulnetzes etwa 100000 E-Mails täglich. Die europäische und deutsche Wirtschaft liegt nach Ansicht von INTEL Chef Andrew Grove beim Einsatz moderner Kommunikationstechniken im Vergleich zu den USA und Asien weit zurück. "Manager in Europa haben noch nicht erkannt, wie effektiv elektronische Post (E-Mail) und das weltweite Computernetzwerk Internet zur Kommunikation und zur Verbreitung von Geschäftsideen genutzt werden kann". Dem kann man - noch - nicht uneingeschränkt zustimmen, ist doch der weitverbreitete Fax-Versand zwar teurer, doch zeitlich unmittelbar, örtlich eindeutig für das Empfänger-Fax bestimmt und hat als Telekopie des Originals bzw. durch den Bestätigungsausdruck des Faxgerätes eine beachtliche Beweiskraft, die dem E-Mail bislang fehlt. Hier offenbaren sich die juristischen Mängel des Internet, doch an E-Mail-Übermittlung mit Beweiskraft (z.B. elektronische Unterschrift) wird gearbeitet (s. 3.5.2 u. 4).

Mit zunehmender Übertragungsleistung des Internet wird auch die Übertragung multimedialer Daten interessant. Telefonieren - weltweit - über das Internet, zu den Kosten von Ortsgeprächen, ist heute schon möglich. Gegenwärtig sollen bereits eine Million Internet-Nutzer über das Internet telefonieren, für das Jahr 2000 wird von etwa 16 Mill. Internet-Telefonierern ausgegangen. Auch Video-Telephonieren und Video-Konferenzen sind über Internet realisierbar. Da hierfür riesige Datenmengen übertragen werden müssen, ist dazu eine hohe Übertragungsgeschwindigkeit und/oder eine effektive Komprimierung der digitalisierten Audio- und Videodaten nötig. Zur Telekommunikation bzw. -"organisation" kann man auch einen neuen Kalendermanager von Siemens zählen, der als intelligenter Zeitagent Terminwünsche seines Benutzers mit dem Kollegium abstimmt und betroffene Personen, falls es zu Verschiebungen kommt, telefonisch oder per Internet benachrichtigt.

Über das Internet Relay Chat (IRC) ist ein Gedankenaustausch mit ca. 30000 Teilnehmern weltweit möglich. Im IRC gibt es 100e sogenannter Channels, d.h. Konferenzräume, die einem bestimmten Thema gewidmet sind. Das 1988 in Finnland gestartete IRC wird nun in 60 Ländern genutzt. Jährlich treffen sich diese Chats in einer anderen Stadt, um einmal ihre Gesprächspartner persönlich zu sehen.

3.2 Internet in der Forschung

Gerne wird das Internet aufgrund seiner heutigen heterogenen "Fülle" unter passionierten Forschern als ein eher zeitraubendes Medium betrachtet, dessen Nutzen umstritten ist. Dabei ist das Internet gerade aus einer Vernetzung von militärischen und zivilen Forschungseinrichtungen hervorgegangen. Allerdings, amerikanische Forscherpersönlichkeiten verstanden es schon immer besser, mit modernen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten umzugehen als europäische!

 Folgende Vorzüge des Internet für Wissenschaft und Forschung sind unbestritten:

a. Austausch von E-Mail- Nachrichten - für den einzelnen Wissenschaftler praktisch kostenlos (s. 3.1)

b. Elektronischer Austausch von Anwenderdateien oder neuen Programmen bzw. Updates, bei hohen Übertragungsraten oder in komprimierter Form auch Videosequenzen und Multimedia-Darstellungen

c. Einrichtung und Nutzung von News-Groups zu einer Fülle von Forschungsthemen

d. Die Nutzung von großen Datenpools (z.B. Klimadatenbanken; Satellitenbilder), u.a. auch der Daten des Statistischen Bundesamtes mit Links zu statistischen Behörden anderer Länder bzw. zum System "Eurostat" der EG. Unter www.deutsches.Patentamt.de ist z.B. der Zugriff auf das Patentinformationssystem möglich (17 Mill. Dokumente), unter www.din.de sind die deutschen DIN-Normen abrufbar.

e. Literaturrecherche in zahlreichen angeschlossenen Bibliotheken, z.B. auch in der Library of Congress (Washington). Unter www.-opac.bib-brb.de/br lassen sich in der Bayerischen Staatsbibliothek ausgedehnte Recherchen starten oder über Fernleihe Literatur weltweit bestellen. Unter www.bs.cs.tu-berlin.de/bibliotheken bzw. www.dtag.de erhält man eine Liste aller über das Netz zugänglichen Bibliotheken.

f. Direktkontakt zu Lieferfirmen der diversen Forschungszweige

g. Zugang zu großen Buchhändlern, auch zu deren Katalogdateien, z.B. unter www.telebuch.de oder http://www.bookserve.com/de hat man Zugriff auf über 1 Mill. Titel.

h. Wissenschaftlicher Gedankenaustausch, auch über Grenzen und Hierarchien hinweg! (Ausschaltung hierarchischer Hemmnisse)

i. Aktuelle Einsicht in im Internet veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten (ohne Kosten) (Aktualität, Forschungs"front")

j. Möglichkeiten des thematischen Quereinstiegs in das eigene Thema durch die vielfältigen Informationen, die über Suchmaschinen und Agenten gefunden werden (Anregung)

k. Bei Gewährleistung hoher Übertragungsraten: Einklinken in weit entfernt ablaufende Prozesse, Experimente usw. (z.B. Fern-Operation in Klinik)

 Interessant für regionale Informationssuche ist eine Auflistung der Server in allen Staaten der Erde, welche die dort im Lande auf Servern verstreut liegende Information mit Links anzusteuern vermögen (www.w3.org/pub/DataSources/www/Servers.html ). Seit Mai 1996 versorgt der Informationsdienst EurekAlert mit neuesten Nachrichten aus der Wissenschaft. Hunderte von Forschungseinrichtungen innerhalb und außerhalb der USA beliefern den Dienst ständig mit Material, das ein Gremium von Fachjournalisten auswählt und bearbeitet. Besonders effektiv sind News-Groups, die (teilweise auch in Form geschlossener Diskussionsforen) weltweit den Gedankenaustausch der auf das jeweilige Thema spezialisierten Forscher/-gruppen bündeln (Beispiel: Mass spectrometry Internet Resources mit FAQs ("frequently asked questions"), eine Newsgroup zu massenspektrometrischen Verfahren). Selbst Recherchen und Gedankenaustausch (in Foren und Newsgroups) zu Diplom- und Zulassungsarbeiten werden schon im Internet getätigt. Am internationalen Kommunikationsdienst Netnews (bzw. Usenet.News) nehmen derzeit weltweit über 290000 Serversysteme von Universitäten, Großforschungseinrichtungen, Firmen und Privatleuten mit ca. 11 Mill. Benutzern (Lesern) teil. Den Anfang machten 1979 die Studenten der Duke University und der Univ. of North Carolina, als sie ein System zum Austausch von Informationen entwickelten. Zur Zeit existieren ca. 12000 international verbreitete englischsprachige Gruppen in ca. 25 formalen Hierarchien sowie ca. 400 deutschprachige Gruppen in der Hierarchie .de (z.B. www.chemie.fu-berlin.de ). Daß sich in einem Netz von 11 Mill. Teilnehmern sinnvolle und konstruktive Diskussionen entwickeln können, resultiert aus der Disziplin der Benutzer (siehe "Netiquette"). Zur Zeit beträgt die täglich erzeugte Datenmenge etwa 300 Mbyte.

 3.3 Internet in der Lehre

Auch in Schule bzw. Universität kann das Internet beträchtlichen Nutzen bieten. Hier ist allerdings die große Euphorie (und die Klage über die zu geringen Internet-Anschlüsse an den Schulen) nur z.T. nachzuvollziehen. Da im Internet eine Überfülle von medialen Angeboten schlummern, kann das Internet für weniger zielstrebige Schüler zu einem großen Ablenker und Verführer werden, noch stärker als das Fernsehen. Andererseits kann die Offenheit des Internets Lernende sehr positiv beeinflussen. Es weitet den Horizont und schult den Umgang mit den neuen Medien ("Medienkompetenz", s. 4.5). Das Bundesministerium für Bildung u. Wissenschaft will mit einer Finanzhilfe von 59 Mill. DM und einer Unterstützung durch die Dt. Telekom in Höhe von 36 Mill. DM 10000 der 44000 deutschen Schulen binnen drei Jahren an das Internet anschließen.

Gegenüber anderen Medien bietet das Internet nicht nur multimediale Lerninhalte (bald auch in zufriedenstellender Geschwindigkeit, s. Datenhighway), sondern erfüllt durch die mögliche Interaktivität auch die zentrale Forderung für einen wirkungsvollen Unterricht. Ein Angebot von multimedialen Lernprogrammen, Kursen und Studiengängen - auf CD oder gleich abrufbar über das Internet - wird sicherlich den konventionellen Unterricht ergänzen und besonders für den Selbstunterricht neue Möglichkeiten eröffnen. Lernende können aus multimedialen Lerneinheiten größere Lernmengen in kürzerer Zeit und mit einer höheren Gedächstnisleistung absolvieren, behaupten u.a. Experten der Andersen Consulting Education. An die Schulen können Unterrichtseinheiten zu aktuellen Fragen rasch unter Einsatz vieler Medien (multimedial) verteilt werden. Besichtigungen von Museen, Stadtrundfahrten, Führungen durch Betriebe usw. können über das Internet realitätsnah erfahren werden. So werden z.B. unter www.tkz.fh-rpl.de/ifb/home.htm Multimedia-Führungen durch 150 Kultureinrichtungen in Europa angeboten, u.a. auch durch die Bayerische Staatsoper.

Schon heute sind die Bildungsangebote im Internet beträchtlich. Die Wissenschaftsseite der SZ informiert hierzu regelmäßig, z.B. am 7.11.1996 über die Informationen des Bundesamtes für Strahlenschutz ( www.bfs.de ). Das britische Marktforschungsinstitut Datamonitor rechnet damit, daß sich multimediales Lernen wegen seiner Kosten- und Zeitersparnis, vor allem aber wegen seines größeren didaktischen Erfolges auf Dauer durchsetzen wird. Lernschwache könnten Lektionen mehrmals am Computer wiederholen und das Lerntempo selbst einstellen. Schließlich meinen Hersteller von Lernsoftware und Telelearning-Systemen sowie Online-Anbieter von Aus- und Fortbildungsprogrammen, daß durch die multimediale Zusammenstellung der Spaß am Lernen sehr gefördert werden könne ("Edutainment"). Noch größeren Anklang als - letztlich doch begrenzte - multimediale Cds dürfte das multimediale Angebot des Internets finden, vor allem durch seine Interaktivität, die den Nutzer durch das weltweite WWW führen kann. So kann das Gemälde eines Künstlers zu den Einzelheiten des Bildinhalts verweisen, zu zeittypische Vergleiche, zu einer Bibliothek, dem Wohnort des Künstlers usw. In einem derartigen "Hypertext" wird zwar auch erzählt, aber nicht mehr linear, von einem definierten Anfang zu einem Ende, sondern verzweigt, wobei die Verzweigung vom Nutzer nach individuellen Interessen selbst gewählt werden kann. Der Nutzer gerät so in eine virtuelle, vielfältige Kulturwelt, die gerade durch die mögliche Verbindung sachlich, zeitlich und räumlich weit auseinanderliegender Inhalte fasziniert. Natürlich sind auch betriebliche und Erwachsenenbildung im Internet vertreten. Das "Online Magazine Oberland" z.B. bietet Unternehmen und Institutionen die Möglichkeit, ihre Fortbildungsangebote für die Öffentlichkeit im Internet zu präsentieren ( www.oberland.de/text/bildung.html ). Ob hypermediales Lernen mit CDs oder Internet auch zu psychischen Störungen führen kann, wie manche Fachleute behaupten, bleibt abzuwarten.

 Nahezu jede deutsche Universität ist im Internet vertreten. Studenten können hier Informationen aller Art abrufen. Wenn in Zukunft die Universitäten stärker angebotsorientiert arbeiten (z.B. Studenten "werben" müssen), könnte das Internet ein wichtiges "Werbemedium" der Universitäten sein. Unter www.ahaonline.de beispielsweise erhalten die Studenten wichtige Informationen: sie können sich Bafög-Modelle selbst ausrechnen, sich einem Englisch-Test für ein Auslandsstudium unterziehen, eine Studienplatz-Tauschbörse oder Job-Angebote studieren. Eine Sammlung geographischer Institute im Internet findet man unter www.rz.uni-karlsruhe.de ...ace/virtuallibrary/91.en.html

Sehr vorbildlich vertreten ist z.B. das Geographische Institut Kiel mit folgenden Informationen:

Adresse, allg. Information, Geschichte, Mitarbeiter mit Forschungsschwerpunkten, Studiengänge, Studienorganisation, Lehrveranstaltungen, Bibliothek, angefertigte Dissertationen u. Diplom-Arbeiten, Lageplan, Telefonverzeichnis, Stellenausschreibungen, Studienberatung, Schriftenreihe, Qerverweise zu anderen relevanten geowissenschaftlichen Einrichtungen usw. Wünschenswert wären noch folgende Informationen: FAQs (frequently asked questions), Schriftenverzeichnis der Mitarbeiter, allgemeine Forschungsausrichtung des Instituts, Gerätepark, implementierte Arbeitstechniken, Musterstudienaufbau, Berufsaussichten, Schwerpunkte der Bibliothek, Exkursionen vom Studienort (Vielfalt der Themen und Objekte), externe Stellenangebote, vermittelte Absolventen, Fachschaftsmitteilungen usw.

Die Fakultät für Geowissenschaften der L.-M.-Universität findet man unter www.kri.physik.uni-muenchen.de/geo.html

In den USA sind bereits "virtuelle Hochschulen" im Entstehen. Staatssekretärin Cornelia Yzer will deshalb in die Zukunftsaufgabe "Multimedia-Universität" in den nächsten 5 Jahren 240 Mill. $ investieren. In Deutschland soll um die Fernuniversität Hagen ( http://vus.fernuni-hagen.de ) ein Verbund von Fernstudienanbietern geschaffen werden. Die TU Chemnitz hat einen Internet-Studiengang eingerichtet (Informations- und Kommunikationssysteme), der sich besonders an Berufstätige richtet. Auch für Sprachstudien gibt es bereits zahlreiche Angebote. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis sich deutsche Studenten in eine Vorlesung in Singapur einklinken können oder - bisher noch der Schmunzelecke zuzurechnen - Pennäler sich an den Hausaufgabenservice in Bombay wenden!

 3.4 Internet im privaten Gebrauch

Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, daß in den Online-Diensten ein gigantisches Kommunikations- und Informationsmedium erwächst, das auch für private Anwender von handfestem Nutzen ist. Gründe für eine private Nutzung der Datennetze sind - besonders für Menschen in eher abgelegenen Gebieten - in der Optimierung (Zeiteinsparung, höhere Bequemlichkeit, Verbilligung) von eher arbeitsorientierten Abläufen wie z.B. Telebanking, Teleshopping, elektronische Fahrpläne usw. zu sehen. Doch auch für Nutzer in Ballungsräumen mit einer Überfülle von "Angeboten" in allen Lebensbereichen ist das Internet ein wichtiges zusätzliches Medium.

Für private Nutzer sind - mehr oder minder - alle Vorteile interessant, die für Wissenschaft, Bildung und Geschäftsleben auch gelten. Sie können sich das Informationsangebot (z.B. eine Zeitung) nach ihren Wünschen zusammenstellen lassen, Angebote weltweit einholen oder ausgedehnte multimediale Bildungsreisen unternehmen, wie sie so perfekt vor Ort nicht möglich wären (ohne allerdings die "originale Atmosphäre" zu erleben). Selbst aus den ins Internet eingespeisten Live-Kameras kann er Nutzen ziehen, z.B. aus der live-Beobachtung des Wetters und der Warteschlange am Lift an der Jenner-Bergstation. Angesichts von rd. 50 Fernsehprogrammen heute und 500 in naher Zukunft sind die Tage konventioneller Fernsehzeitschriften gezählt. Schon jetzt kann man sich über das Internet ein auf den eigenen Geschmack zugeschnittene Programmvorschau zusammenstellen lassen. Etwa 31000 Europäer beziehen das kostenpflichtige elektronische Abonnement einer "Digest"-Zeitung, die aus 2000 Zeitungen der Welt extrahiert wird. Das Internet-Shopping Network (Kalifornien) hat Tausende von Computer-Produkten auf Lager, bei virtual vineyards lassen sich gute kalifornische Weine bestellen, Onsale versteigert Rechner und InsWeb vermittelt Versicherungen.

In den Internet Relay Chats kann jeder sich in "Unterhaltungen" zu fast beliebig vielen Themen einklinken (ohne allerdings persönliche Nähe zu erleben). Viele kleine tägliche Mühen verringern sich erheblich (Fahrplanauskunft, Reisebuchung, Preisvergleich, Veranstaltungskalender mit Buchungsmöglichkeit usw.). Auf File-Servern in der ganzen Welt liegen riesige Mengen an kostenloser Software und Information, die man leicht auf den eigenen Rechner übertragen kann (mit FTP = File Transfer Protocol).

Die Newsgroups des Usenet sind der zentrale Marktplatz für den Informationsaustausch. Das Usenet besteht aus zahlreichen Rechnern, auf denen sich elektronische Diskussionsforen, sogenannte Newsgroups (Nachrichtengruppen), befinden. Man muß sich diese Foren als virtuelle Pinwände vorstellen, an denen Internet-Nutzer Anfragen, Antworten oder Diskussionsbeiträge zu einem fest umrissenen Thema veröffentlichen (Postings = Originalbeiträge, threads = Frage-Antwort-Frage-Ketten). Zu jedem Schlagwort - von A wie Archiv bis Z wie Zen-Buddhismus - finden Internet-Teilnehmer hier Gleichgesinnte, mit denen sie Informationen austauschen können oder die sie um Rat bitten können. Insgesamt gibt es etwa 12000 Newsgroups, darunter 400 deutschsprachige. Einen guten Überblick verschafft man sich mit einer Newsreader Software, die bei der ersten Auswahl die einzelnen Nachrichten-Bereiche auf den Rechner überträgt. Eine gute derartige Software sortiert die Information bereits nach Themenbereichen, erlaubt eine Stichwortsuche sowohl im Artikel-Kopf wie auch innerhalb der Nachrichten. Etwa 100000 News-Artikel werden täglich erzeugt. Eine ausführliche Liste der Newsgroups findet man unter http://home.netscape.com/escapes/newsgroups/index.html. Viele Hilfestellungen zu Newsgroups geben die Postings (Artikel) in der News-Gruppe de.newusers.

Einige Haupthierarchien der Newsgroups sind:

alt alternative Gruppen, diese können aus einer Meinungsumfrage heraus geschaffen werden und unterliegen ständigem Wandel

comp alles zum Thema Computer

rec Hobby- und Freizeitthemen (recreational)

sci wissenschaftliche Themen (science)

soc soziale und wirtschaftliche Themen (social)

talk Diskussionsforen für verschiedene Themen

Jede dieser Hauptgruppen wird wiederum in verschiedene Themengebiete unterteilt, z.B.

alt.culture.alaska: alternative Gruppe zur Inuit-Kultur

rec.arts.theatre.musicals: Diskussionsforum für Musicals

Zu fast jeder Newsgruppe gibt es auch eine FAQ (Frequently Asked Questions), eine Liste der am häufigsten gestellten Fragen. So wird vermieden, daß ein Neuankömmling die gleichen Fragen wie seine Vorgänger stellt. Viele Ratsuchende klinken sich z.B. in medizinische Diskussionsforen ein, die sich zu fast allen Krankheitsfeldern gebildet haben, eine digitale Spielart der Selbsthilfegruppen, doch weltübergreifend. Gerade Informationen aus der Naturheilkunde verbreiten sich im Internet wesentlich schneller als über die herkömmlichen Publikationen. Beispiel: Zuckerkranke finden ihre Newsgroup unter www.th-darmstadt.de/thurm.html

 Grund für eine Nutzung der Datennetze durch staatliche Organe ist vor allem eine Optimierung der Verwaltung (Rationalisierung zum "schlanken" Staat). Doch auch die Beziehungen des einzelnen Bürgers zu öffentlichen Einrichtungen lassen sich durch Nutzung der Datennetze erheblich verbessern bzw. vereinfachen. Der Versand von Nachrichten und Informationen von den Verwaltungen an die Bürger kann aktuell und selektiv erfolgen. Die Bürger können ihre Anträge in elektronische Formulare eintragen. Vorteil für beide Seiten: die Daten liegen bereits als weiterverarbeitbare Dateien vor! So ist z.B. eine Abgabe der Steuererklärung per elektronischer Post bereits in Planung.

Die allgemeine Verfügbarkeit von Verwaltungsdaten über die Netze macht es möglich, die im Interesse eines reibungslosen Verwaltungsablaufs geforderte Bündelung der Aktivitäten an zentralen Standorten (s. Gebietsreform) aufzugeben und den damals notwendigen, aber wenig bürgerfreundlichen Rückzug aus der Fläche wieder rückgängig zum machen. Nach dem Grundgedanken der "one stop agency" werden Service-Zentren geplant (wie Bürgerbüros, Zentren für Wirtschaftsförderung, Genehmigungsverfahren u.a.), die viele Dienstleistungen bündeln und dem Bürger die bisherige Behördenrallye ersparen.

Auch auf die Ausgestaltung unserer politischen Demokratie soll der Zugang zu den internationalen Datennetzen förderlich sein. Die offenen Strukturen im Internet erlauben die ungehinderte Kommunikation und Kooperation zwischen verschiedensten Partnern über weite Räume, erstarrte Formen, innere und äußere, gesellschaftliche und strukturelle Barrieren hinweg. Man erwartet ein informationelles Gleichgewicht zwischen Regierenden und Regierten, einen Zugang zu Bildung für alle usw., wesentlich gefördert durch die interaktiven Möglichkeiten des neuen Mediums. So sind die bundesdeutschen Parteien nicht nur mit ihren Zentralen im Internet vertreten, auch die Ortsgruppen informieren im Internet (z.B. der CSU-Ortsverband Eichenau b. München).

Durch die globale Vernetzung, die einen schnellen Informationsaustausch und aufeinander abgestimmte politische Aktionen in den unterschiedlichsten Weltregionen ermöglicht, können sich Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) nationalstaatlichen Restriktionen und/oder Mobilisierungsbedingungen entziehen und dadurch an Autonomie gewinnen. "Diese Tendenzen lassen sich durchaus als eine Form der Transnationalisierung gesellschaftspolitischer Zusammenhänge interpretierten" (H. Walk u. A. Brunnengräber 1996), wobei allerdings bei der Realsierung die nationalstaatlichen Restriktionen wieder wirksam werden....

Beispiel 1: Das Climate Action Network/CAN, in dem mittlerweile über 150 NGOs zusammengeschlossen sind, haben sich die Entwicklung und Implementation kurz- und langfristiger Maßnahmen zum Schutz der Erdatmosphäre sowie die Beeinflussung internationaler Klimaregelungen zur Aufgabe gemacht.

Beispiel 2: Hidrovia, ein Zusammenschluß von 200 NGOs zur Einflußnahme auf den Ausbau der Flüsse Paraguay und Parana auf 3400 km Flußlänge.

Beispiel 3: Greenpeace unterhält ein weltweites Whale Watching Programm in 40 Staaten sowie der Antarktis, das über www.physics.helsinki.fi/whale kommuniziert und abrufbar ist.

Exemplarisch seien nachfolgend Adressen von Internetanbietern aufgelistet, die auf dem Sachgebiet des Natur- und Umweltschutzes rasch und umfassend informieren und auch agieren:

 http://ecosys.drdr.virginia.edu/All.html 26-seitige Liste zu umweltrelevanten Informationsanbietern im Internet

http://www.umwelt.de Umweltverbände, Buchbesprechungen, Ökomessen, Unternehmen mit ökologisch-orientiertem Warenangebot, allgemeine Nachschlagewerke zu Natur- und Umweltschutz, Baubiologie

http://www.greenpeace.de Informationen zu Projekten und aktuellen Umweltproblemen

http:///www.eea.dk European Environmental Agency/EEA ;Umweltdaten, EEA Newsletter, Scientific Reports u.a.

http://kaos.erin.gov.au/Portfolio/epa/other_govt.html Neben Umweltdaten zu Australien auch Informationen zur Umweltpolitik in anderen Ländern

http://www.fiz-karlsruhe.de/peu Fachinformationszentrum Karlsruhe zu regenerativen Energiequellen

http://www.icf.de/UISonline Umfangreiches Umweltinformationssystem zu Berlin

http://www.primenet.com/ dineh/ Informationen zum Umweltschutzprojekt der Navajo-Indianer

Heute stehen für die Bürger bereits 2000 WWW-Seiten aus dem Bayerischen Innenministerium, dem Landeskriminalamt und den Polizeipräsidien München, Oberbayern und Mittelfranken (Fahndung, Verkehr, Schützen und Vorbeugen, Statistik) zur Einsicht bereit. Jeder Bürger kann sich die aktuelle Fahndungsliste auf den Bildschirm holen und erhält Einzelheiten mitgeteilt, die in den konventionellen Medien derart ausführlich nicht gebracht werden können (u.a. Abbildungen der Tausendmarkscheine aus dem Lösegeld der Oetker-Entführung). Man erhofft sich dadurch einen erhöhten Fahndungsdruck auf Gesetzesbrecher. Vorsichtshalber sind jedoch Internet und internes Polizeinetz völlig getrennt, um nicht Hackern das Einschleichen in die Polizei-Computer zu ermöglichen. Weiteres Beispiel dieser Aktivitäten: Unter www.bayern.de/STMi/Scientology informiert das Bayerische Innenministerium über den Maßnahmekatalog gegen die Scientology-Sekte und relevante Gerichtsurteile.

Erwartungsgemäß sind auch weltanschauliche Gruppen im Internet vertreten, wobei der "Antichrist" die Nase vorn zu haben scheint (z.B. hell - the online guide to Satanism: www.marshall.edu/Tildeallen12 , weitaus aufwendiger als die Vatikan-Website www.vatican.va ). "Die Web-Seite des Papstes und des Teufels liegen im Internet nur einen Mausklick voneinander entfernt"! Es gibt Web-Sites für Atheisten, Hexenkulte und viele amerikanische Verkündigungskirchen. Der strafversetzte französische Bischof Jaques Gaillot hat seinen Bischofssitz einfach in das Internet verlegt, in dem er die 500 n. Chr. aufgegebene Diözese "Paternia" im algerischen Atlasgebirge virtuell wiederaufleben ließ! Die Internet-Seiten der Erzabtei St. Ottilien beschäftigen sich nicht nur mit geistlichen Themen, sondern informieren auch über die weltweiten Aktivitäten des Klosters in Mission und Entwicklungshilfe. Religion im Internet - wie überall auf der globalen Infobahn quillt auch hier das Angebot inzwischen über, "droht der einzelne auf Online-Suche nach Wahrheit und Erleuchtung in der Flut multimedialer Information unterzugehen". Der Einfluß des Internet auf den weltanschaulichen "Habitus" der Menschheit ist noch kaum abzuschätzen!

Auch wenn das Internet für einen Teil seiner Benutzer keine berufliche Relevanz haben sollte oder für ihr Leben wenig hilfreich ist, sind diese dennoch vom Internet fasziniert, erleben sie schließlich die Geburt eines neuen Mediums mit. "Online" zu sein wird als absolut innovative Kommunikationsform erlebt, die alle bisher gekannten Medien in sich vereint, die Grenzen mühelos überwindet und von Grund auf demokratisch (teilweise sogar anarchisch) ist. Mittlerweile können auch schon Privatleute bei vielen Providern günstig ihre eigene Homepage einrichten und damit Bewohner des "Global Village" werden (bei T-Online der Dt. Telekom sind 1 Mbyte Speicherplatz kostenlos!).

 3.5 Internet und Wirtschaft

Obwohl ursprünglich keineswegs für die Wirtschaft konzipiert wird das Internet auf vielen Gebieten der Wirtschaft kleine bis große Revolutionen auslösen. 1996 werden im Internet Umsätze von 14 Mrd. DM getätigt (n. Marktforschungsunternehmen Forrester) - noch nicht viel im Verhältnis zu den prognostizierten Erwartungen. Daß globale Netzwerke für kommerzielle Zwecke bislang nur bedingt interessant sind, liegt an den noch ungelösten Problemen wie mangelnde Rechtssicherheit, unsicherer Zahlungsverkehr, unklare Produkthaftung und Verbraucherschutz sowie fehlender Urherberrechtsschutz. Da hierzu Lösungen auf den Weg gebracht werden (s. Kap. 3.5.2 u. 4), sind die Prognosen äußerst positiv.

Eine frühe Nutzung der Netzwerke ging von Computerfirmen aus. Sie bieten schon lange Updates und Treiber-Software über das Internet bzw. andere Online-Dienste (besonders Compuserve) an. Je nach Zugangsberechtigung können die Abnehmer-Firmen oder die privaten Anwender auf diese Software zugreifen. Microsoft z.B., die weltgrößte Software-Schmiede, versorgt seine Kunden über das Internet mit Informationen, Tips, Tools und Treibern sowie seine Händler über das HIT (Händler Info Tool) mit Informationen ( www.microsoft.de ). Mittlerweile nutzen immer mehr Unternehmen als "internet worked enterprises" das weltweite Datennetz, um weltweit neue Produkte, Dienstleistungen und Vertriebskanäle zu schaffen.

3.5.1 Online-Shopping

Grundsätzlich ist Teleshopping nichts neues: Großversender wie Quelle und Otto-Versand betreiben das Geschäft seit Jahrzehnten. Doch das Internet erlaubt es, auf das Wälzen von Katalogen, Ausfüllen von Bestell- und Überweisungsformularen zu verzichten. Alle diese Vorgänge sollen bei zunehmendem Vordringen des vernetzten Computers in private Haushalte am heimischen Terminal erledigt werden.

Ende 1995 ging das erste (voll virtuelle) Internet-Kaufhaus Deutschlands (Netzmarkt) in Erlangen "online" und verzeichnete im August 1996 400000 Besucher, d.h. täglich bis zu 20000 Zugriffe. Bisher war Computer-Shopping eine Domäne der US-Bürger, von denen bereits 40% gerne ihre Einkäufe teilweise direkt vom PC aus erledigen. Dort laden mittlerweile mehr als 600 Shopping-Malls (Einkaufswelten) zum virtuellen Bummel im Internet ein (z.B. ein CD-Shop unter www.cdnow.com ). Die Struktur dieser Malls mit einer bunten Mischung verschiedenster Geschäfte gleicht oft den ganz normalen Einkaufszentren. Die Produkte können betrachtet und nähere Informationen und Beschreibungen abgerufen werden. Ist die Entscheidung für ein Produkt gefallen, so wird dieses in den virtuellen Einkaufswagen gelegt usw.

Wichtiger Wettbewerbsvorteil: Das Internet kennt keine Ladenöffnungszeiten, und die Angebote sind rund um die Uhr präsent. Außerdem können Online-Händler ihren Warenbestand und damit Kosten reduzieren (virtuelle Lagerhaltung). Sie reichen eingegangene Bestellungen direkt an Hersteller oder Lieferanten weiter. Es finden sich auch erste Artikelmakler mit Dumping-Angeboten im WWW, die gegen eine Gebühr Bestellungen aufnehmen, diese an die Hersteller weiterreichen und dann mit einem weltweit agierenden Paketdienst den Liefertermin vereinbaren.

Mit dem neuen Programm "IntershopMall" kann man ein digitales Einkaufszentrum so problemlos einrichten und verwalten wie früher ein einzelnes Kaufhaus. Das Kaufhaus, virtuell betrieben vom Wohnzimmer aus, kann gegenüber dem Internetkunden mit gleichem Erscheinungsbild auftreten als ein realer "Konsumtempel" und (fast) gleiche Funktionen erfüllen. Damit bietet das Internet besonders Spezialanbietern große Chancen. Trotz globaler Präsenz entfallen die Kosten für einen "physischen" Betrieb. Beispiel: das Ökokaufhaus unter www.umwelt.de/Markt/Ökokaufhaus Kunden erhalten auch Zugang zu den Herstellern verschiedenster Sparten über eigene Herstellerkataloge, z.B. für Computerprodukte unter www.hscsc.com/edv

Fast täglich findet man im Internet weitere überraschende Lösungen für den Handel. Physische Präsenz wird zunehmend durch Telepräsenz ersetzt, z.B. Virtuelle Messen (z.B. Elektronikmessen) mit "Ausstellungshallen" und Adreßübersichten (Standmiete für 3 Monate DM 1500.-, z.B. www.netfair.de ) oder der "Der heiße Draht" (Hannover) mit dem weltweiten Zugriff auf 250000 Kleinanzeigen ( www.dhd.de )

Teile des herkömmlichen Handels sehen allerdings große Probleme auf sich zukommen: Im Cyberspace herrscht Sortiments- und Preistransparenz. Die Online-Vernetzung stellt die Angebote der unterschiedlichen Hersteller und Händler durch Sortiments- und Preisvergleich einem Wettbewerb, wie es ihn in dieser Offenheit und Schärfe noch nie gab. Wie effektiv sich diese Transparenz in der Praxis des Internet herstellen läßt, zeigt das Programm "Bargain Finder" (Schäppchen-Jäger) der amerikanischen Andersen Consulting. Deren Software-Agent führt im Netz automatisch Preisvergleiche durch! Mit dem Enstehen virtueller Supermärkte können die Hersteller außerdem den direkten Kundenkontakt ausbauen und die Distributionsmacht des Handels erheblich schwächen. Buchhändler sehen z.B. mit Sorge, daß Verlage sich über Online-Netze unmittelbar an ihre Kunden wenden und Künstler ihre Werke unmittelbar vermarkten. So befürchten Experten, daß viele herkömmliche Vertriebswege ganz entfallen könnten - mit verheerenden Folgen für den Arbeitsmarkt.

Ob allerdings die Ökobilanz des Teleshopping - wie erhofft - positiv wird, ist zweifelhaft. Zwar wird die Fahrt des Kunden zum Kaufhaus vermieden, nicht jedoch die Lieferung des Produkts (das der Kunde meist gleich selbst mitgenommen hätte), ausgenommen rein digitale Produkte, die über das Netz geliefert werden werden. Erst eine wegoptimierte Liefertechnik bringt ökologische Einsparungen. Da ein Einkaufsbummel im Internet dem Kunden ermöglicht, seine Waren überall auf der Welt einzukaufen, kann für hochwertigere Produkte leicht der Fall eintreten, daß eine Lieferung aus z.B. Hongkong (globaler Einkauf) selbst mit Luftfracht günstiger kommt als von einem nahegelegenen Versandhaus (regionaler Einkauf). Die ökologischen Auswirkungen des Online-Shoppings gehen schließlich über den Verkehrsaspekt weit hinaus. Über das weltweite Datennetz werden weit mehr Angebote als eigentlich nachgefragt werden. "Hat man gestern von der Existenz eines bestimmten Produktes nicht einmal gewußt, ist es heute über die globale Vernetzung leicht zu entdecken, morgen vielleicht im Besitz einer großen Masse und übermorgen Schnee von gestern" (J. Malley 1996).

 3.5.2 Online-Banking

Schon seit 1983 ist über Bildschirmtext der damaligen Bundespost (heute T-Online der Dt. Telekom) das Nutzen von Bankdiensten via Computer (früher auch über eigene BTX-Terminals) und Modem über das Telefonnetz möglich. Nach zögerlichem Anfang nutzen mittlerweile von den 1,2 Mill.T-Online-Usern etwa 60% diese bequeme Möglichkeit, von zu Hause aus am Bildschirm Bankgeschäfte zu erledigen. Seit etwa Mitte 1996 bieten einige Banken diese Möglichkeit auch über das Internet an. Doch während in dem geschlossenen Benutzerkreis von T-Online (alle Daten gehen - nach Abfrage der Identifikationsnummer und des Paßwortes - über den Zentralrechner der Telekom) die Sicherheit dieses Datenverkehrs sehr hoch ist, ist man im offenen Internet erst im Versuchsstadium.

Als erste Bank ging die DIREKT-Anlage Bank in das Internet. Ihr Angebot reicht von Wertpapiergeschäften, Depotverwaltung, Einrichtung von Sparplänen bis zum direkten Kontakt mit der Kundenbetreuung. Da bei Bankgeschäften hochsensible Daten über zahllose Internet-Knoten laufen, wurde ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheit gelegt. Spezielle Java-Applets verschlüsseln die Daten, bevor sie ihren Weg durch das Web antreten. Die Hamburger SPARDA-Bank bietet als erste Bank ein Giro-Konto im Internet an. Um jede Manipulation durch unbefugte Dritte von vornherein zu unterbinden, erhält jeder Online-Kunde der SPARDA-Bank eine Hardware-Kodierungsbox namens MeChip. Diese wird an die parallele Schnittstelle und die Tastatur des Rechners angeschlossen. Durch diese hardwaregestützte Verschlüsselungstechnik entfällt die lästige Eingabe von Transaktionsnummern und Paßwörtern. Auch die Kreditkartenfirmen Master und Visa arbeiten an einem Standard für sichere Transaktionen. Um einen angemessenen Sicherheitsstandard im Internet zu erreichen, haben sich Mitte Oktober 1996 zwölf führende Unternehmen und Anwenderorganisationen zusammengeschlossen. In dieser Allianz (FORCESTO) sollen kryptologische Verfahren für "lange Schlüssel" (d.h. umfangreiche Verschlüsselungssysteme) standardisiert werden. Außerdem versteht sich die Allianz als Lobby, um nationale Schranken und Exportverbote zu überwinden (IBM, HP, Sun, DEC, Apple, Citibank u.a.).

Der zunehmend globale Markt verlangt nach einer globalen Währung ("Cybergeld"). Die Kreditkartenfirmen - derzeit sind etwa 500 Mill. Karten von Visa, Mastercard usw. im Umlauf - erwarten, daß sie diesen globalen Zahlungsverkehr abwickeln werden. Es drängt sich die Frage auf, ob die Einführung einer einheitlichen europäischen Währung mit all den Aufwänden und Turbulenzen möglicherweise ein bald überflüssiges Provisorium darstellt.

 3.5.3 Online-Arbeitsmarkt

Über das Internet läßt sich eine moderne und kostengünstige Personalaquisition durchführen. Stellenangebote u. -gesuche können weltweit publiziert und jedem kostenlos zur Verfügung gestellt werden! Der Inserent muß mit seiner Stellenanzeige nicht bis zum nächsten Stellenmarkt in den Tageszeitungen warten, sondern kann via Internet seine Suche nach neuen Mitarbeitern beginnen. Dem Benutzer bleibt es erspart, sich durch eine Fülle von Anzeigen in den Zeitungen zu kämpfen, in denen er keine Suchkriterien wie Region oder Branche, Vollzeit oder Teilzeit, Studentjob u.a. anwenden kann. Falls die Firma über standardisierte Bewerbungsunterlagen verfügt, können diese vom Interessenten direkt angefordert oder ausgedruckt werden. Prompte Reaktionen sind per E-Mail möglich. Manche Bewerber verweisen bei Bewerbungen bereits auf ihre eigene "Homepage" mit Foto und Lebenslauf. Bei Job-Office ( www.conceptnet.com ) wird auf Wunsch die Stellenanzeige auch multimedial angefertigt (Text, Audio, Video und Animationen). Der größte deutsche Job-Vermittler im Internet, Jobs & Adverts, mit mehr als 500 Job-Angeboten konnte bis Herbst 1996 bereits den 1000000sten Zugriff auf sein umfangreiches Job-Angebot registrieren (Kosten: Arbeitgeberinserat für 4 Wochen: 1000.-DM, Arbeitnehmerinserat 150.- DM). Erst kürzlich erhielt Jobs & Adverts die höchste Auszeichnung des "Magellan Internet Guide" - vier Sterne. Lediglich acht deutsche Anbieter können sich bislang mit dieser imageträchtigen Auszeichnung schmücken. Seit 4. Dez. 1996 ist auch das gesamte Job-Angebot der Bundesanstalt für Arbeit in T-Online einzusehen. Diese will 1996/97 5 Mill. DM investieren, um das Arbeitsamt vollständig online auch in das Internet zu stellen. Die Fa. Telinex GmbH vermittelt auf ihren Internet-Seiten für freiberufliche Fachleute und kleine Dienstleistungsunternehmen Anfragen und Aufträge aus der Wirtschaft, Industrie und Verwaltung. Nachteil der Job-Offensive in den neuen Medien: Technikmuffel, die weder Fernsehen noch PC besitzen, können auf dem Arbeitsmarkt von morgen schnell den Anschluß verlieren!

 3.5.4 Online-Reisen

Unternehmen, die vornehmlich nur "Organisation" als Produkt verkaufen, z.B. Reisebüros, werden vom Internet besonders hart betroffen sein. "Multimedia" und Online-Dienste können - nach Unternehmensberater Roland Berger - das klassische Reisebüro bald überflüssig machen. Schon heute werden 30% der Reisen per Telefon gebucht, in wenigen Jahren dürfte der Anteil nach Einschätzung von Marktbeobachtern auf 50% steigen. So ist nicht verwunderlich, daß der Anteil der konzernunabhängigen Reisebüros seit 1985 von 71 auf 34% abgestürzt ist. "Es geht auch nicht an, daß ein Urlaub auf den Fidschi-Inseln für den Kunden bequemer zu buchen ist als ein Urlaub in Bayern" (Bayer. Wirtschaftsminister Otto Wiesheu bei der Präsentation der Tourismus-Jahresbilanz 1996 in München). In der Tat ist es endlich nach 15 Jahren vergeblicher Versuche soweit, daß ein Deutschland-Urlaub demnächst in allen Reisebüros weltweit und sogar vom heimischen PC zu buchen sein wird.

Nach dem Beitritt aller deutschen Landesfremdenverkehrsverbände zur Deutschland Informations- und Reservierungsgesellschaft (DIRG) ist der Weg frei zum Aufbau eines umfassenden Informations- und Buchungssystems für Hotels, Ferienwohnungen und Pauschalangebote. Über "Bayern Touristik Line" ( www.bayern.de ) kann jedermann Informationen über bayerische Ferienorte abrufen. Unter dem Arbeitstitel MINTour (Multimedia Information Network for Tourism) haben sich die Fremdenverkehrsverbände Spaniens, Italiens und Griechenlands vereint, um unter einer einheitlichen Benutzeroberfläche die touristisch relevanten Einzelinformationen aller Kommunen und Gemeinden im Netz zu präsentieren (soll im Frühjahr 1997 online gehen). Individualreisende haben durch den weltweiten Zugriff auf Informationen die Möglichkeit, Reisen selbst zusammenzustellen, indem sie aktuelle Fahrpläne, Detailauskünfte zu kulturellen Veranstaltungen u.a. aus dem Netz beziehen. Neue Vermittler wie Info-Broker (weltweite Liste von Brokern unter www.cs.cmn.edu/Tildejdg/invest_brokers ) und Incoming-Agenturen, die ihre Tätigkeit auf bestimmte Urlaubsregionen oder spezielle Reiseformen beschränken, treten verstärkt in Konkurrenz zu etablierten Reisevermittlern. So werden insbesondere Unternehmen, die am Anfang der Leistungskette stehen (Hotels, Reiseveranstalter) von den Online-Medien profitieren, da diese ihnen einen neuen Vertriebsweg und damit den Zugang zu neuen Kundenkreisen ermöglichen, während die realen Reisebüros die mit Abstand größten Verlierer sein werden, indem sie von wenigen, aber höchst effektiv arbeitenden "virtuellen" Reisebüros ersetzt werden, denn "elektronischer Vertrieb schaltet die Mittler aus!"

 Dem Internet trauen manche eine noch weitergehende Revolution des Reisens zu: Reisen könnten, zumindest teilweise, durch multimediale Angebote von CDs oder aus dem Internet ersetzt werden. Die Vorteile virtuellen Reisens wären - neben einer an Perfektion grenzenden individuellen Bedürfnisbefriedigung - vor allem das Vermeiden der ökologischen und kulturellen Probleme klassischer Fernreisen. Doch - ganz abgesehen von der bislang keineswegs befriedigenden Technik virtuellen Reisens - spricht das Gewicht, das dem Reisen zur Befriedigung individueller Lebenszufriedenheit gerade von den Deutschen als "Reiseweltmeistern" beigemessen wird, gegen eine nennenswerte Akzeptanz des virtuellen Reisens. Die Ansprüche an Natur-, Sonnen-, Strand- und Meererleben, der Wunsch, auszuspannen und den Reiz des Fremden zu erleben, lassen sich in absehbarer Zukunft nicht durch digitale Datenströme befriedigen. Anders könnte hingegen die Zukunft von Kurztrips und Wochenendausflügen sowie Besichtigungsreisen aussehen, deren oft dürftiges Angebot (Zeit, Sprache, Wetter) schon heute von vielen multimedialen Angeboten im Internet oder auf CD übertroffen wird. Virtuelle Reisen mittels der Cyberspace-Computertechnik könnten daher nach Einschätzung der Münchner Tourismusforscherin Felicitas-Stracke in Zukunft bestimmte Urlaubsformen ersetzen. Dies gelte z.B. für Bus-Rundfahrten, Naturreisen in empfindliche Naturreservate und gefährliche Abenteuertouren. "Bei Stadtrundfahrten mit dem Bus seien die Sehenswürdigkeiten schließlich auch nur hinter einer Glasscheibe zu besichtigen". Positiver Nebeneffekt: Die Sehenswürdigkeiten werden geschont und Ressourcen eingespart. Beispiele: Im Frühjar 1996 nahmen Schüler und Studenten als aller Welt virtuell und live über das Internet an der Erkundungsreise des Titanic-Endeckers Robert Ballard in die Unterwasserwelt Floridas teil. Jede Woche wandern rd. 200000 Besucher durch das WebMuseum, das als Erweiterung des ehemaligen WebLouvre entstanden ist (www.cnam.fr/wm). In den virtuellen Museumshallen sind Gemälde klasssischer Meister, mittelalterliche Raritäten oder zeitgenössische Kunstwerke zu besichtigen. Damit die Bilder schnell auf den Monitor kommen, halten 31 Server weltweit jeweils das komplette Angebot bereit (auch die Universität Berlin). Ob allerdings virtuelle Reisen alternativ zu realen Reisen angetreten werden oder durch virtuell konsumierte Reiseziele der Wunsch nach realen Reisen eher geschürt wird, bleibt abzuwarten. Im letzteren Falle wären Cyber-Reisen nicht fernwehreduzierend, sondern eher fernwehfördernd. Ganz sicher jedoch können Geschäftsreisen in Zukunft zu einem beträchtlichen Teil durch Video-Konferenzen ersetzt werden. Grenzen dürften nur dort zu sehen sein, wo es auch um "Vertrauen" geht, etwa bei einer Vertragsunterzeichnung.

 3.5.5 Online-Makeln

Ähnliche Anpassungsprobleme wie die Reisebüros dürften alle Firmen haben, die im weitesten Sinne "makeln" - zunächst einmal die Makler selbst. Die USA sind hier ebenfalls viel weiter als Europa: Interessiert man sich für Immobilien in Kalifornien, kann man von fast jeder größeren Siedlung detaillierte Auskunft erhalten über soziologische Struktur der Einwohner (Einkommensklassen, Ethnien, Geschlecht, Altersaufbau usw.), Immobilienbestand, Lage, Kauf- und Mietpreise, zentrale Einrichtungen, Nebekosten und vieles mehr. Schließlich kann man sich ein Haus nach eigenen Wünschen zusammenstellen, den Plan ausdrucken und einen Kostenvoranschlag erbeten! Beispiel: deutsche Immobiliendatenbank unter www.immomedia.de.

Ebenso erhöht das Internet die Transparenz und damit den Wettbewerbsdruck bei Bank- und Versicherungsgeschäften. So lassen sich unter www.focus.de Versicherung an die 8600 Versicherungsmodelle abrufen. Schon etablieren sich auch Dienstleister, die Übersichten über die günstigsten Festgeld- oder Kreditzinsen anbieten. Es ist sogar denkbar, daß diese künftig automatisch die Anlagen eines Kunden auf die jeweils günstigste Bank umschichten! Unter www.auctions.on-line.com findet man Kunstauktionen im Internet mit internationalem Versteigerungskalender!

 3.5.6 Online-Medien

Große Umwälzungen stehen allen Medienfirmen bevor, sofern ihre wirtschaftliche Basis auf dem - z.T. durch das Copyright geschützten - Verkauf von Medieninhalten ruht (Bilder, Videos, Musik, Bücher usw.). Unter www.telebuch.de kann heute über Internet jedermann kostenlos in den buchhändlerischen Verzeichnissen recherchieren, über jeden Titel detaillierte Informationen wie Preis und Lieferzeit einsehen und gleich online bestellen. Auch ausländische Titel werden günstig besorgt, u.a. auch US-Titel zu einem Preis, der nur 10% über dem Originalpreis liegt und sämtliche Besorgungskosten enthält. Neben der Tatsache, daß die Inhalte vieler trägergebundener Medien wie Buch, Zeitung, Video ins Internet verlegt werden, bietet das Internet einen zusätzlichen Mehrwert: Wissen, etwa in Form von Lexika, kann über das Internet auf den neuesten Stand gebracht werden. Nutzer der multimedialen Encarta-Enzyklopädie von Microsoft erhalten z.B. regelmäßig über das Internet Updates zu ihrer Lexikon-CD. Die erste elektronische Ausgabe einer deutschen Tageszeitung, die SVZ-Online, wird seit Mai 1995 in Schwerin "verlegt". Einzelne Universitäten (Vorreiter: Univ.Chemnitz) gestatten bereits die alleinige Publikation von Disserationen im Internet, so daß der Aufwand für die Pflichtexemplare entfällt. 

Viele befürchten allerdings auch negative Auswirkungen der Netze auf das Informationsangebot. Jeder, der publizieren will, kann es nun auch! Kein Lektor oder Redakteur wacht mehr über die Qualität dieser privaten Publikationen. Der Unterschied zwischen richtig und falsch, vermutlich und tatsächlich verschwimmt. Selbst unter anscheinend akribisch belegten Aussagen kann gezielte Desinformation lauern. Die verbreitete Befürchtung, daß die Vernetzung zum kleinsten gemeinsamen Nenner aller Kulturen führt, dürfte aber in Anbetracht des im Vergleich zu heute wesentlich erweiterten Medienspektrums weniger wahrscheinlich sein. Zudem können in Zukunft auch kulturelle Nischen profitabel versorgt werden. Befürchtungen allerdings, daß das Internet zu einer noch stärkeren internationalen Dominanz des Englischen beiträgt, sind nicht von der Hand zu weisen. Besonders die nationalbewußten und kulturell sich bedrängt fühlenden Frankokanadier führen ihren Kampf gegen die "amerikanischen Sprachimperialisten" auch im Internet weiter, um die "Vorherrschaft des Englischen im Internet, dem entscheidenden Schlachtfeld der Zukunft", zu brechen (Michel Cartier, Kommunikationswissenschaftler an der Univ. Quebec).

Bleibt noch die Frage, ob "sich der Mensch ob der Angebotsfülle in Zukunft zu Tode konsumiert und informiert" (Bill Gates 1996, BMWi). Dies wäre angesichts der Zunahme des Angebots bei den herkömmlichen Medien (z.B. 500 Fernsehprogramme) eine ernstzunehmende Gefahr, da der Leser oder Zuschauer nur unzureichende Mittel der Informationsfilterung hat. Die Protagonisten der Informationsgesellschaft nähren stattdessen die Vision, daß durch leistungsfähige Selektionsmechanismen (s. Kap. 5) jedem Nutznießer nur die Daten zufließen werden, die seinen Interessen und Bedürfnissen auch tatsächlich entsprechen. Hinzu käme, daß herkömmliche Medien eher den passiven Konsumenten förderten, die neuen Online-Medien dagegen durch ihre Möglichkeiten der Interaktivität ganz neue Chancen böten, Aktivität und Individualität der partizipierenden Menschen zu fördern.

 3.5.7 Online-Marketing und -Werbung

Online-Marketing und -Werbung im Internet werden zunehmend wichtiger und haben wohl eine große Zukunft: So versendet z.B. die amerikanische Firma Cyberpromo täglich im AOL-Netz für 50000 Kunden Werbebotschaften! Eine eigene Seite im Internet ist heute nicht mehr nur für Großunternehmen obligatorisch, da zukünftig gerade im Business-to-Business-Bereich immer mehr Kontakte über das Internet angebahnt werden (Adreßgewinnung, Marketing und Verkauf). Der Zugang zu Kontaktadressen wird durch das Internet wesentlich vereinfacht und "demokratisiert". Das "German-Business-Net" (www.german-business.de) bietet z.B. Verweise zu wichtigen deutschen Unternehmen, Institutionen und staatlichen Einrichtungen (IHK, Messen, Verlage, Politik ). Das Große Deutsche Branchenbuch im Internet enthält 7000 Branchen mit rund 2,5 Mill. Einträgen. Das Technologie-Transfer-Netz Bayern (www.bayern-innovativ.de) wurde eingerichtet, um der Kooperation zwischen Mittelstand und Hochschule neue Impulse zu geben, die Innovationsbereitschaft in kleineren und mittleren Unternehmen zu steigern und eine Informationssuche rund um die Uhr zu ermöglichen. Über 100 TT-Stellen (Technologie-Transfer-) präsentieren ihre Kompetenz im Internet; eine Datenbank gestattet die gezielte Suche nach Ansprechpartnern für konkrete Fragestellungen.

Doch nicht nur Waren- und Leistungsanbieter können über das Internet global vermarkten. Auch der Kunde hat die Möglichkeit, weltweit nach den besten Angeboten zu recherchieren - eine gerade von den Hochpreisländern gefürchtete Möglichkeit! Für den Kunden brechen möglicherweise goldene Zeiten an. Es bleibt allerdings die Frage, wie der potentielle Kunde - angesichts der durch die Umbrüche des Informationszeitalters zu erwartenden Wegrationalisierens von Arbeitsplätzen - die für sein Einkaufsparadies erforderliche Kaufkraft erwirtschaften kann.

Schließlich wird die Werbebranche selbst durch das Internet gravierende Einschnitte erfahren. Werbung im Gießkannenprinzip in Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen und anderen Massenmedien wird vermutlich gegenüber der Werbung im Internet zurückgehen. Dort ist zu unterscheiden zwischen der ebenfalls gießkannenartigen Werbung auf Eingangsseiten des Internet, z.B. der Suchmaschinen, und der gezielten Werbung an die E-Mail-Adresse von ausgewählten potentiellen Kunden (s. 2.5). Im letzteren Falle ermöglicht das Internet ganz neue Wege der gezielten Werbung. Eigene "Agentenprogramme" gehen im Netz auf "Entdeckungsreise", notieren und vergleichen die Interessen der Internet-Benutzer, horchen auf, wenn Sie Gemeinsamkeiten entdecken und notieren neue Neigungen. Dieses Konzept testet z.B. Firefly mit einem kostenlosen Film- und Musik-Empfehlungsdienst (http://www.firefly.com). Firefly entwickelt zunächst ein grobes Porträt seines Nutzers, vergleicht es mit ähnlich veranlagten Teilnehmern und schlägt - individuell zugeschnitten - Musik- und Filmtitel vor. Das System ist dynamisch und ändert sich ständig. M. Hawley vom Medialab des MIT hält heute schon für technisch möglich, daß private Daten der Käufer, etwa von Micky-Maus-Figuren kaufenden Kindern, gesammelt werden. Anschließend könnte sich der Synchron-Sprecher von Disney via Internet in den Heimcomputer des Kunden einklinken, von wo aus die Werbeslogans per Funk an die "sprechende" Puppe weitergeleitet werden!

Da Internet-Werbung bisher - wie das gesamte Angebot - kaum einer Kontrolle unterliegt, können natürlich auch abstruse Werbebotschaften, etwa zu nutzlosem Esoterik-Tand, unmittelbar den Benutzer erreichen, ohne Korrektiv durch eine aufmerksame Öffentlichkeit. Für Geographen interessant: unter www.webcom.com/bright/petermap.html wird die Weltkarte nach der Peters Projektion als revolutionär neuartiger Entwurf beworben, die ein geographisch akkurates Bild der Welt liefern soll (doch sie ist lediglich flächentreu - bei stark verzerrten Formen).

 3.5.8 Tele-Working online

Die weltweite Vernetzung der Computer erleichtert und beschleunigt den Trend zur Telearbeit. Hier ist zu unterscheiden zwischen der "Heimarbeit am Computer" und gelegentlichem Datenaustausch mit der Zentrale, was schon seit etwa 15 Jahren über Modem und Telefon hinreichend möglich ist, und der Arbeit "online", bei der ein rascher Datenaustausch über ein leistungsfähiges Netz erforderlich ist (z.B. bei Auskunftsdiensten). In den USA sind i.w.S. bereits 9 Mill. Menschen via Datenleitung für ihre Firma tätig, die Zahl der Telependler beträgt etwa 2 Mill. In dem Maße wie Naturgewalten und Großereignisse den gewohnten Lebensrhythmus für viele Amerikaner durcheinanderbringen, wächst das Interesse an Telearbeit (Telecommuting). Die meisten Unternehmen, die nach dem Erdbeben von 1994 in Kalifornien auf Heimarbeit gesetzt haben, verfolgen das Konzept weiterhin (Jack Nilles, Urheber aller Telecommuter in den USA, s. http://run.futurion.de ). Auch in Japan mit seinen übervölkerten Ballungsräumen und täglichen Pendlerströmen wird über Tele-Arbeit nachgedacht. In der Region Paris konnte IBM die Zahl seiner Niederlassungen von 18 auf 6 verringern. Das spart IBM nicht nur 200 Mill. FF Miete im Jahr, sondern setzt auch 85000 qm Bürofläche frei. 2000 Mitarbeiter arbeiten dort online von zu Hause aus und vermeiden so Verkehr. Deutscher Pionier mit 350 digitalen Heimjobs ist die Stuttgarter IBM-Zentrale. Laut Wissenschaftsminister Rüttgers soll in der BR Deutschland die Zahl der Telearbeitsplätze von derzeit 30000 auf 800000 im Jahr 2000 steigen, was u. a. zu einer Einsparung von 3,2 Mrd. gefahrenen Kfz-Kilometern pro Jahr führen soll. Diese Prognose setzt allerdings Manager voraus, die den Verzicht auf Anwensenheitspflicht nicht als Statusverlust empfinden, sondern die einen aufgeklärten Führungsstil praktizieren, in dem Anwesenheit nicht mehr mit Produktivität verwechselt wird.

Begriffe wie Arbeitszeit und Arbeitsort verschwimmen, wenn es dank der Technik für Beschäftigte im Informations- und Kommunikationssektor kaum noch eine Rolle spielt, wann und wo sie arbeiten. Telearbeit macht neue Siedlungs-, Umgangs- und Lebensformen möglich. War die Verstädterung ein Produkt des industriellen Zeitalters, weil die Industrieproduktion erforderte, daß der Produktionsfaktor Mensch zu den Produktionsstätten kam, so transportiert die moderne Kommunikationsgesellschaft den Produktionsfaktor Information zu den Menschen. "Der verstärkte Ausbau von Telearbeit kann zu einer weiteren Aufwertung ländlicher Räume, zur Entlastung der Zentren und zu völlig neuen Siedlungsstrukturen führen" (S. Mosdorf, MdB, SPD). Selbst entlegene Teile Europas können in Zukunft hoffen, die Nachteile ihrer Randlage durch Telearbeit und Call Centers zu überwinden. Die 350000 Highlander in Nordschottland z.B., die auf 1/6 der Fläche des Vereinigten Königreichs leben, profitieren bereits von den vielen dort eingerichteten Call-Centers (u.a. auch der Telefonauskunft). Bald soll dort im allernördlichsten Thurso die erste Fernlehr-Universität eingerichtet werden.

Die Vernetzung durch den Information Highway führt zunehmend auch zu einer Internationalisierung von bedeutenden Teilen des Arbeitsmarktes, insbesondere von geistiger Wertschöpfung, was in seiner Bedeutung für die traditionellen Industrienationen über das schon bekannte Outsourcing von industrieller Fertigung weit hinausreicht. Telearbeit könnte bald in Länder der Dritten Welt vordringen, sofern diese eine ausreichend gebildete Bevölkerung und hinreichend Infrastruktur aufweisen. Für Teilbereiche Indiens ist das heute schon der Fall. Siemens stockt seine Belegschaft in Bangalore in den nächsten 5 Jahren von 200 auf 1000 auf (und baut gleichzeitig in München 6000 ab). Auch Weltkonzerne wie Texas Instruments, Digital Equipment oder Citicorp lassen in Indien unschlagbar billige Software produzieren (www.futurion.de, S. 6). Die Deutsche Lufthansa läßt ihre Buchhaltung seit etwa zwei Jahren in Indien (Bombay) erledigen! Desillusionierend für den deutschen Arbeitsmarkt ist somit die Tatsache, daß durch den Information Highway in Zukunft auch geistige Wertschöpfung und Gehaltskosten nach internationalen Maßstäben beurteilt werden! So ist es nicht verwunderlich, daß die Meinungen sehr auseinandergehen darüber, ob die Informationstechnologie neue (sicherlich neue, gemeint sind jedoch zusätzliche!) Arbeitsplätze schaffen wird. Während der deutsche EG-Kommissar M. Bangemann 10 Mill. neue Arbeitsplätze für Europa bis zum Jahr 2000 auf dem Informations- und Kommunikationssektor voraussagt und Bundeswirtschaftsminister Rexroth 1,5 Mill. für Deutschland prognostiziert, sieht S. Mosdof (MdB, SPD) zwar neue, aber keine zusätzlichen Arbeitsplätze entstehen, da wir gleichzeitig jeden Monat etwa 20000 Arbeitsplätze verlieren! "Wieder einmal stehen sich Verharmloser und Schwarzmaler unversöhnlich gegenüber" (Peter Glotz, Medienexperte).

Negative Stimmen bezweifeln auch, ob durch Telearbeit wirklich weniger Büroflächen gebaut und so weniger Bodenressourcen verbraucht werden. Heute stehen z.B. in Hamburg bereits 600000 qm Bürofläche leer; das Prosperieren der Telearbeit würde nur die Geisterstädte der Bürokratie vergrößern helfen (V. Schütte 1996). Wenn "Telependeln" tatsächlich Individualverkehr auf dem Weg zum (bisherigen ) Arbeitsplatz ersetzen würde, sind andere umweltpolitische Konsequenzen zu befürchten: Falls Teleworker nur einmal pro Woche ins (externe) Büro fahren müssen, wird für diesen Personenkreis Leben auf dem Lande bzw. in den grünen "Speckgürteln" der Ballungsräume attraktiver. Verstärkte Suburbanisierung, Automobilisierung und Zersiedelung der Landschaft wären die Folgen. Schließlich wird die Aushöhlung des sogenannten normalen Arbeitsverhältnisses fraglos einen radikalen Umbau unserers sozialen Sicherungssystems erfordern. Der Betrieb als Ort sozialer Kommunikation und personeller Zusammenarbeit geht tendenziell verloren. Die Arbeitswelt als Raum sozialer Erfahrungen verflüchtigt sich. Die Arbeitszeit wird nicht mehr am Achtstundentag gemessen. Die Entlohnung wird sich weniger an der Vergütung von Anwesenheit, sondern stärker an der Honorierung von Ergebnissen messen. Die Folge könnten Vereinbarungen zu Lasten des Schwächeren sein, in der Regel des Arbeitnehmers. Das "virtuelle Unternehmen" und seine Eigentümer können gut leben mit Scheinselbständigen ohne solidarischen Schutz, mit abhängig beschäftigten Individuen ohne Arbeitnehmerstatus und ohne Interessenvertretung (K. Zwickel, Industriegewerkschaft Metall). Das Verschwinden fester Arbeitsverhältnisse könnte zum drängendsten sozialen Problem des nächsten Jahrhunderts werden, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Forderungen nach neuen, sozialverträglichen Formen der arbeitsrechtlichen Gestaltung werden daher immer lauter! Zum Glück, so meinen viele Arbeitssoziologen, werde Telearbeit dort nicht überhandnehmen, wo Kreativität und Innovationen gefordert seien, denn diese würden nur auf dem Boden lebendigen Austauschs im unmittelbaren Dialog und kollegialem Kontakt gedeihen.

 3.5.9 Firmen-Reengineering (Business Process Reengineering/BPR)

Unter akutem "Globalisierungsdruck" unterziehen sich viele Firmen einem Reengineering zur langfristigen Erhaltung von strategischen Wettbewerbsvorteilen in einem sich rasch wandelnden dynamischen Umfeld. Darunter versteht man die Analyse und Optimierung aller Geschäftsvorgänge, von der Beschaffung bis zum Kundenservice. Sind alle Computer vernetzt, kann diese Umstrukturierung zu einem globalen Reengineering führen. Geschäftsprozesse mit Tochterunternehmen, Lieferanten, Kunden, Wissenschaftlern und Technikern in der ganzen Welt lassen sich mit Hilfe des Internet neu und effektiv strukturieren. Hierfür gibt es gelungene Beispiele:

Der deutsche Sportartikelhersteller PUMA - den Fußstapfen des Marktführers NIKE folgend - arbeitet bereits erfolgreich als virtuelles Unternehmen. Strategie, Marketing und Koordination des Netzwerkes - die Kernkomponenten des Unternehmens - sind nach wie vor in Herzogenaurach, einer Kleinstadt in der Nähe von Nürnberg, angesiedelt. Eine zentrale Einkaufsorganisation und ein dezentralisiertes Einkaufsnetzwerk befinden sich in Asien, Produktionsstätten in China, Taiwan, Indonesien und Korea, die Logistik in Hongkong, Verkauf und Distributionsnetzwerke in Europa, Afrika, Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Mit Ausnahme der Kernfunktionen werden unternehmerische Leistungen der Wertschöpfungskette in 80 global verteilten Partner-Firmen erbracht. Bis Ende 1996 werden in Deutschland von den ursprünglich 1600 Mitarbeitern nur noch 500 übriggeblieben sein.

Viele Merkmale dieser virtuellen Organisationen unterscheiden sich signifikant von denen, die man heute noch in herkömmlichen hierarchischen Firmen findet. Information wird zum Rohstoff, schnelle Information zum wesentlichen Wettbewerbsvorteil, die daraus resultierende hohe Innovationsgeschwindigkeit zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Nur mit moderner Informationstechnik können daher derartige Unternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen.

Doch mit der richtigen Technik allein ist es nicht getan. Beim Computerhersteller SUN (Sitz der deutschen Niederlassung in Grasbrunn bei München) müssen die weltweit 1700 Beschäftigten in mehr als 125 Ländern und mit noch mehr verschiedenen Muttersprachen alle die gleichen technischen, wissenschaftlichen und kommerziellen Begriffe kennen. "Alle müssen die gleiche Sprache sprechen". So führt die moderne Informationstechnik auch zur Änderung von Denkmustern. Der Einsatz von Groupware führt zu tiefgreifenden Auswirkungen auf die Unternehmenskultur. Wenn jeder Mitarbeiter die gleichen Informationen zur Verfügung hat, gibt es kein Herrschaftswissen mehr. Moderne Informationstechnik zwingt also die Unternehmen, sich neu zu organisieren.

Um den vielen mittelständischen Firmen in Bayern Hilfestellung zu geben, hat die Bayerische Staatsregierung seit 1995 150 Mill. DM investiert und am 12. Juni 1996 mit der Initiative "Intelligente Dienste" begonnen. Unter www.bayern.de wurde ein virtueller Bayern-Führer eingerichtet - als globaler Marktplatz für Unternehmen und Betriebe aus Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistung, Veranstalter und Agenturen für Tourismus, Werbung und Medien, für Einrichtungen aus Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technologie, Verbände und Vereine usw. Das Bayernweb bietet seinen Kunden weltweite Angebots- und Unternehmenspräsenz, bequemen 24-Stunden-Service, 365 Tage im Jahr, vom Schreibtisch oder von zu Hause, konfortablen Leistungsvergleich mit direkter Kontaktaufnahme sowie regelmäßige aktuelle Information, die allen oder auch nur geschlossenen Benutzergruppen zugänglich gemacht werden kann. Eine übersichtliche Benutzerführung ist durch verschiedene Gliederungsprinzipien, z.B. nach Regierungsbezirken, Städten usw. realisiert.

Als Beispiel für zukünftige Nutznießer des Bayernweb-Angebotes seien die in Kaufbeuren-Neugablonz ansässigen 120 Unternehmen der Glas-, Metall- und Schmuckwarenindustrie mit 1500 Mitarbeitern und 300 Mill. DM Umsatz angeführt. Die Neugablonzer Industrie hatte in den 80er Jahren einen Umsatzrückgang um 50% und einen ebensolchen Rückgang der Betriebe und Beschäftigten zu verzeichnen. Hauptursachen sind verschärfte Konkurrenz, die verlorengegangene Bindung zwischen Exporteuren und Erzeugern sowie fehlende Telekommunikationsinfrastruktur. Durch Nutzung des Internets über das Bayernweb sollen Neugablonzer Unternehmen an neue Telekommunikationstechnologien herangeführt und neue Vertriebswege erschlossen werden. Dies soll insbesonders durch den Aufbau eines Informationssystems über die Leistungsvielfalt der Neugablonzer Industrie, seine Positionierung im Internet und dessen Ausbau hin zu einem Online-Bestell- und Abrechnungssystem ("virtueller Marktplatz") erreicht werden.

Nach ISDN und Mobilfunk könnte das Telefonieren über Internet zu einer neuerlichen Revolution der Telekommunikation führen. Allein die Möglichkeit, zum Preis eines Ortsgesprächs Weitverkehrsverbindungen zu führen, ist für die etablierten Telekommunikationsriesen beängstigend. Wenn die Produzenten es noch schaffen, Übergänge in das bestehende Telefonnetz zu schaffen und die Abrechnungsfrage geklärt ist, könnte dies die ganze Telefonbranche revolutionieren. Schon im Jahr 2000 sollen 16 Mill. Menschen über das Internet telefonieren, derzeit sind es knapp 1 Mill. Mit welchem Reengineering die weltweit agierenden Telekommunikationsgesellschaften auf diese Herausforderung reagieren werden, bleibt offen. Aufgund der ökonomischen Dimension dieser Firmen dürfte deren wirtschaftliche Macht massiv auf die bislang so freizügige Entwicklung des Internet Einfluß nehmen - vermutlich über Eigentumsansprüche an den Netzen. Zurück zu Inhaltsverzeichnis

 4. Noch ungelöste Probleme im Internet

Jeder Benutzer des Internet wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Beachtlichen Erfolgen, etwa einer ertragreichen Literaturrecherche in fernen Bibliotheken, stehen frustrierende Internetsitzungen gegenüber. Die größten Probleme des Internet sind unzureichende Übertragungskapazitäten und mangelnde Rechtssicherheit, wie Datensicherheit, Persönlichkeitsschutz, Schutz der Eigentums- und Urheberrechte oder das "Abgleiten der repräsentativen Demokratie in die Beliebigkeit des elektronischen Plebiszits" (K. Dräger u. F. O. Wolf 1996).

 4.1. Unzulängliche Übertragungskapazität und -geschwindigkeit

Bei zu vielen Internet-Adressen sind die Übertragungsraten zu langsam ("WWW = World Wide Wait"). "Der größte Feind des Internet ist sein Erfolg", wenn sich immer mehr Benutzer an das Netz anschließen und dieses überlasten. Die großen Überland-Datenleitungen und Kabelnetze zwischen großen Clustern (z.B. Leibniz-Rechenzentrum) bestehen - wie schon erwähnt - aus feststehenden, eigenständigen Datenleitungen. Hier kommt es zu Engpässen, die sich jedoch durch weiteren Ausbau, z.B. mit Glasfaserkabel, beheben lassen. Soweit Internet-Datenaustausch über Telephonleitungen abgewickelt werden muß, also vom Provider zum einzelnen Benutzer "auf dem Lande", könnte die starke Zunahme des Datenverkehrs zur Überlastung des Telefonnetzes führen. Das amerikanische Telephonsystem wird in der Tat durch das Internet immer häufiger überlastet. In der regionalen amerikanischen Telephongesellschaft Nynex nimmt der Datenverkehr monatlich um 10% zu. Auch in Deutschland steigt die Belastung des Telephonnetzes durch Online-Dienste laut Telekom-Verlautbarung mit einer Jahresrate von mehr als 100%. Allein im September 1996 hat T-Online 28,4 Mill. Verbindungen registriert, mehr als doppelt soviel wie im Vorjahreszeitraum (doch bei insgesamt 52 Mrd. Inlandstelefonaten!). Wie groß die Reserven der Deutschen Telekom im Falle einer wachsenden Netzbelastung sind, war nicht zu erfahren. Die Telekom betrachtet dies als Betriebsgeheimnis.

Im Münchner Raum hat sich im Auftrag des LRZ ein Firmenverbund aus LRZ, Stadtwerken, Bayernwerk und Geldinstituten gebildet, der ein Glasfasernetz aufbauen soll. Die Stadtwerke verfügen über eine Vielzahl von Schächten und Tunnels quer durch München, in die sich ohne übermäßigen Aufwand Stränge für die Datenübertragung versenken lassen.

Weltweit ist der Wettlauf um die leistungsfähigste Informations- und Infrastruktur schon längst entbrannt. Die Investitionen sollen sich in den kommenden 10 Jahren auf global mehr als 2 Bill. $ belaufen. In den USA werden jährlich 80 Mrd. DM in die Modernisierung der Telekommunikationsnetze investiert. Schon heute fließt jeder zehnte ausgegebene Dollar in den USA in die Informations- und Kommunikationstechnik. Bis zum Jahr 2000 sollen alle US-amerikanischen Schulen, Kliniken und Bibliotheken an das Netz angeschlossen werden. In Japan sollen alle Haushalte und Unternehmen innerhalb von 10 Jahren Anschluß an ein landesweites Glasfasernetz erhalten. Dazu sollen 400000 km Lichtleiter für etwa 1,5 Bill. DM verlegt werden. Der Großraum Tokyo verfügt heute schon über ein 20000 km langes Glasfasernetz. In Deutschland sind zur Zeit 120000 km Glasfaserkabel, dazu 16 Mill. Kabelanschlüsse und fast 40 Mill. konventionelle Telefonanschlüsse (davon 5 Mill. ISDN) verlegt. Doch während zur Zeit die 366 Mill. Westeuropäer genausoviele Telefongespräche führen wie alle übrigen 5,4 Mill. Weltbewohner zusammen, liegen sie bei Online-Diensten teilweise erheblich zurück. Nur 10% aller Internet- und 10% aller Compuserve-Nutzer leben in Europa!

Eine erhebliche Reduzierung der hohen Zukunftsinvestitionen in neue Leitungen könnten Übertragungstechniken eröffnen, durch die über das bestehende Telefonnetz (zweiadriger Kupferdraht) höhere Übertragungsraten (weit über dem heutigen ISDN-Standard) erreicht werden sollen. Im Test befindet sich die VDSL-Übertragungstechnik ("Very High Data Rate Digital Subscriber Line") mit 50 MB/s beidseitig, ADSL mit 2 MB/s in beide Richtungen bzw. 9 MB/s in eine und 640 kB/s in die Gegenrichtung. Die Basis für diese Technik bilden eine exzellente und rechenintensive Fehlerkorrektur auf beiden Seiten der Leitung.

 4.2. Unzulängliche Qualität des Informationsangebots

Ohne Vorwissen im Internet gezielt nach Informationen zu suchen, kann eine zeitraubende Angelegenheit sein. Falsche oder überholte Adressen ("Web-Leichen") frustrieren den Internet-Nutzer, zahllose Links (Verweise) funktionieren nicht, viele Web-Seiten wimmeln von Rechtschreibfehlern und schlechter Grammatik, das Suchergebnis der "Suchmaschinen" liefert unzählige, oft völlig unbrauchbare Hinweise zum "Schlagwort" (Hamburger Restaurant in Tokyo statt Restaurants in Hamburg) usw. Kann man bei unzulänglichen und unfertigen Internetinformationsangeboten davon ausgehen, daß sich mit der Zeit die Qualität des brandneuen Mediums bessern wird, so stellen die vielen abstrusen, abzulehnenden Angebote - in herkömmliche Medien unzulässig - ein ganz anderes Problem dar. Allein über die Internet-Seite "Dark Side of the Web" lassen sich über 1400 Adressen aufrufen, darunter Bilder-, Text- und Videosammlungen von Tod, Krankheit, Sakrilegien, Horrortrips und Nekrophilie. Ein etherial mail leitet Schreiben an prominente Verblichene weiter ("Jimi Hendrix antwortet auch aus dem Jenseits, seine E-Mail-Adresse lautet: JH@www.purp.hze.stoned.com ). Letzteres kann man - wie auch den Bettler im Internet (www.panhandler.com) - den zwar sinnlosen, aber noch belustigenden Angeboten des Internet zurechnen Der Vergammelung der Sprache und Sitten im (fast anonymen) Internet stellt die engagierte Online-Gemeinde einen Online-Knigge gegenüber (Netiquette, smilies oder emoticons). Böswilligen Nutzern gelingt es immer wieder, durch automatischen Datenverkehr (z.B. die berüchtigten Scripts) das Netz so zu belasten, daß es lahmgelegt wird. Dagegen können aber aufmerksame Provider rasch eingreifen.

 4.3 Rechtsprobleme im Internet

Es gibt bislang kein gültiges Internet-Recht. Wohl aber existieren in allen Staaten der Erde Rechtsvorschriften, die auch auf Datennetze anwendbar sind. Doch aufgrund der Internationalität des Netzes sowie den technischen Schwierigkeiten, Urheber und Transportwege eines zu beanstandenden Angebots auszumachen, ist es für einen betroffenen Benutzer nahezu unmöglich, die Justiz eines weit entfernten Landes einzuschalten. "Ein globales Medium bekommen wir entweder global in den Griff oder gar nicht" (Bundesjustizminister E. Schmidt-Jortzig). Diese Aussage charakterisiert das Dilemma, vor dem eine ordnende Macht, letztlich der Gesetzgeber, vor der "internationalen Hydra" Internet steht. Viele fordern eine Dachorganisation, die Struktur und Ordnung in das Internet bringt. Soll die Gesetzeskonformität des Internet gewährleistet werden, so steht man angesichts der Internationalität des Internet vor der Frage: welche Gesetze welcher Länder? Versucht man die anarchische Struktur des Internet nach gültigen Regeln der Wissensspeicherung zu strukturieren (der Ruf nach einem "Bibliothekar" für das Internet), so ist die Internationalität des Angebots ein großes Hemmnis. Außerdem kann die spontane Aktualität des Internet nicht rasch genug geordnet werden.

Die Welt der Kommunikation wird daher niemals ein einziges Unternehmen, eine einzige gestaltende Organisation beherrschen können, weil Offenheit nunmal zur unabdingbaren Voraussetzung für den Austausch von Informationen wird. "Das Internet selbst bedeutet Offenheit, seine Stärke ist die Anarchie". Mittlerweile hat Bundesforschungsminister Rüttgers den Entwurf eines deutschen Multimedia-Gesetzes vorgelegt, das. u.a. vorsieht, daß Anbieter von Online-Diensten nicht für die Inhalte verantwortlich sind, sondern die Urheber (Gesetzestext auf www.bmbf.de ).

"Durch die Medien werden wir gelehrt, eine psychologische Distanz zu entwickeln zwischen dem, was wir machen, und den Effekten, die wir erzielen" (Computer"kritiker" Joseph Weizenbaum). Um daher die Verantwortlichkeit zu sanktionieren, müssen Informationen in Online-Netzen jemandem zurechenbar sein, der für die Folgen der Verbreitung einsteht und enventuell entstehende Schäden beseitigt. Doch es wird nicht leicht sein, internationale und auf den weltweiten Netzen durchsetzbare Regelungen zu treffen, welche Informationsangebote zu ächten sind, welche Daten über die Nutzer gespeichert werden dürfen und welche Zweckbindungen dafür einzuhalten sind (J. Jacob, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, 1966, BMWi). Darüber hinaus müssen demjenigen, der seine Rechte verletzt sieht, Mittel und Wege zur Durchsetzung auch gegenüber Anbietern in fernen Ländern eröffnet werden, damit er im konkreten Fall nicht wehrlos ist, weil er den Aufwand zur Abwehr von Unrecht nicht leisten kann.

Das Internet droht einerseits, das gesamte bisherige Urheberrecht in Frage zu stellen, andererseits behindert die derzeitige Unsicherheit bezüglich des Copyright die Entwicklung des Internet. Richtete sich der Kampf bisher gegen den illegalen Handel mit Kassetten, CDs oder Computersoftware, so muß in Zukunft damit gerechnet werden, daß professionelle Fälscher und "Feierabendpiraten" ihr illegales Handeln zunehmend in das Internet verlegen. Bereitete die analoge Technik schon wenig Probleme für die illegalen Kopierer, so stehen im digitalen Zeitalter dem völlig verlustfreien Kopieren keine technischen Hindernisse mehr entgegen. Digitale Informationen lassen sich nicht nur unbeschränkt vervielfältigen, sie können auch nach Belieben mit anderen Datensätzen kombiniert und dadurch verfremdet werden. Schließlich verschmelzen im Multimedia-Bereich die einst säuberlich getrennten Verbreitungswege für Text, Ton und Bild. Schon jetzt haben Multimedia-Produzenten große Schwierigkeiten, die Urheberrechte für ein vielfältig zusammengesetztes Multimedia-Produkt aus den bisher getrennten Produktionsbereichen zu erwerben.

Unser Rechtswesen versucht derzeit noch, mit herkömmlichen Rechtskategorien dem Phänomen Internet und Multimedia beizukommen, doch eine adäquate Neugestaltung des Copyright wird immer dringender, soll nicht die digitale Zukunft in Anarchie versinken. Wird dabei das zukünftige Copyright zu streng gefaßt, steht man vor dem Dilemma, daß die Rechtsregeln die freie Kommunikation stören. Sicher ist jedenfalls, daß die moderne Kommunikationsgesellschaft mit ihrem geistigen Eigentum anders umgehen muß als bisher gewohnt. Der Begriff der Originalität wird sich wohl in eine weniger personifizierte Richtung hin entwickeln. Beispiel: Bald werden Rechner eigenständig Zusammenfassungen von Texten erstellen können. Wird dadurch der Computer zum Urheber der Exzerpte? (N. Negroponte 1995).

Viele Wissenschaftler wollen die Aktualität des Mediums Internet nutzen, da die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in traditionellen wissenschaftlichen Zeitschriften oft viele Jahre dauert. Sie verbreiten daher ihre Ergebnisse in den elektronischen Zeitschriften oder den Diskussionsforen des Internet. Das Risiko, daß andere die Erkenntnisse unerlaubt ausbeuten, nehmen die Forscher dabei in Kauf.

 4.4 Unzureichender Datensicherheit

Jedes Surfen eines Internet-Nutzers kann von Fremden "notiert" werden, so daß der Nutzer für andere zum "gläsernen" Menschen wird. Man betrachte nur die legalen Folgen: Aus diesen Informationen läßt sich ein deutliches Käuferprofil der Internet-Nutzer anfertigen. Sehr spezifische Werbesendungen können dann exakt auf die Interessen der Empfänger abgestimmt werden. So wird möglich, Zielgruppen und ihre Bedürfnisse genau zu ermitteln. Diese Art der Datenspeicherung und Datenverarbeitung ist nach dem Deutschen Datenschutzgesetz nicht zulässig, doch die Einhaltung dieses Gesetzes ist mit der heute existierenden Technik des Internet nicht zu kontrollieren.

Das Internet wird zunehmend als Trägermedium für die Kommunikation zwischen Niederlassungen und Zweigstellen genutzt (s. 3.9). Dazu ist jedoch eine wirkungsvolle Sicherheitstechnik erforderlich. Im Zeitalter der Großrechner konnte man noch mit herkömmlichen Sicherheitskonzepten auskommen, doch mit dem Einsatz der Personal Computer, dem Aufbau von LANs und dem Anschluß an offene Netze sind die Angriffspunkte schier unerschöpflich geworden. Denkweisen und Sicherheitsstrategie in Unternehmen haben sich dagegen nur rudimentär geändert. Heute gehört die Sicherheit zu den Hauptbedenken bei 90% der Anwender, die dem Anschluß an das Internet (und an Intranets) entgegenstehen. Das Internet hat so entscheidend dazu beigetragen, das Gefahrenbewußtsein hinsichtlich Datenkriminalität zu schärfen. Wachsender Wettbewerbsdruck und Meldungen über Spionage aus dem Internet - hierüber klagen besonders amerikanische Firmen und Institutionen - sensibilisieren zunehmend für unternehmensweite Sicherheitskonzepte.

Mittels Firewalls wird der ein- und ausgehende Datenverkehr einer genauen Prüfung unterzogen und damit die Sicherheitspolitik des Unternehmens wirkungsvoll durchgesetzt. Firewalls lassen sich also tatsächlich als "Brandschutzmauern" des Unternehmens beschreiben. Als Hard- oder Softwareausführung filtern sie ein- und ausgehende Datenpakete nach definierten Regeln und kontrollieren den Benutzerverkehr zwischen internem und externem Netzwerk. Sie unterscheiden zwischen Quell- und Zieladressen der Datenpakete, ob z.B. ein Datentransfer zugelassen wird. Unter den Begriff "Brandschutzmauer" fällt natürlich auch der Schutz vor den leidigen Computerviren. Einen anderen Weg von Datensicherheit bietet Verschlüsselungssoftware. Diese ist jedoch immer noch sehr umstritten. So stellen sich die USA und Deutschland gegen eine komplexe Kodierung anhand starker Verschlüsselungsalgorithmen in öffentlichen Netzen, um ihre eigenen Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden nicht über Gebühr zu behindern. Manche EDV-Experten sehen jedoch die Gefahren des Netzes als übertrieben an. "Why do you need firewalls, when you have doors", nach dieser Feststellung betrachten sie die Mitarbeiter eines Unternehmens als viel größere Schwachstelle als das Netz. 1995 betrug in Deutschland die Zahl der abgeschlossenen Ermittlungsverfahren in der Computerkriminalität 27902, davon aber 23315 an Geldautomaten. Zur Zeit werden rund 80% der Datenkriminaltiät von Innentätern verübt. Es ist meist weitaus einfacher, einzubrechen und die Magnetbänder zu stehlen als den Sicherheitscode zu knacken!

 4.5 Mangelnde Medienkompetenz

Die Europäische Kommission sieht das größte Problem der Informationsgesellschaft in den heutigen Menschen: "Sie müssen an eine Umwelt angepaßt werden, die auf andere Art und Weise organisiert ist, in der insbesondere die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Arbeit und Lernen, abhängiger Beschäftigung und Selbständigkeit nicht mehr so klar sind oder zu verwischen drohen". Die Menschen des Informationszeitalters brauchen folgerichtig Medienkompetenz, d.h. sie müssen souverän mit den neuen Medien umgehen und die neuen Möglichkeiten der Interaktivität nutzen. Um aber richtig handeln zu können, braucht man Erfahrung. Erfahrungen aber sammelt man in der Realität. Neue Informationstechnologien zwingen uns dagegen mehr und mehr in die Virtualität, so daß reale Erfahrungen aus Umwelt und Natur zu kurz kommen und Menschen auf plötzliche reale Herausforderungen unzureichend vorbereitet sind. Diesem Manko steht jedoch der Erfahrungsaustausch mit räumlich, zeitlich oder kulturell weit entfernten Welten gegenüber, der bisher nicht möglich gewesen war.

 4.6 Ökologische Konsequenzen des Internet

Auch die erwarteten, ökologisch positiven Effekte des heraufziehenden Informationszeitalters sind nicht unreflektiert zu übernehmen. Hier muß zwischen den direkten Öko-Bilanzen der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) und den indirekten Öko-Effekten des IuK-Zeitalters (s. Kap. 3) unterschieden werden.

Nach neuesten Schätzungen des Wuppertal-Instituts ist der Material- und Ressourcen-Verbrauch eines Computers rund zwei Drittel so hoch wie der eines Automobils (ohne elektronische Bauteile), da die Herstellung eines Computers sehr energieintensiv ist. Die Miniaturisierung der Bauteile läßt die großen Investitionen für Forschung und Produktion gerne vergessen! Allein für den Energieverbrauch während der Herstellung (und des Recycling, soweit vorgenommen) ergibt sich ein lebenszyklusweiter Rostoffbedarf von rund 11 t (und zusätzlich 33 t Wasser) pro produzierter PC-Einheit von 22 kg Gewicht. Während der Gebrauchsphase werden bei gewerblicher Nutzung weitere rd. 5 t, bei privater Nutzung 2 t Material in Form von Energierohstoffen verbraucht - nicht viel weniger Rohstoffe als für den lebenszyklusweiten Materialverbrauch eines Autos (25 t). Nach J. Malley gibt es bis heute kein Beispiel, daß eine neue Technologiewelle zu weniger Ressourcenverbrauch geführt hätte. Schließlich ist auch die Beseitigung des Elektronikschrotts (in Deutschland jährlich 1,5 Mill. t, davon allein 120000 t Computerschrott) und der Aufbau von Infrastrukturnetzen mit der Inanspruchnahme von natürlichen Ressourcen verbunden.

 

5 Internet - Zugang zu strukturiertem Wissen für jedermann?

Durch das Internet wird schon jetzt - und noch immens mehr in Zukunft - Wissen aller Sparten in Form digitaler Information zur Verfügung gestellt. In diesem riesigen Datenpool ist - ohne ein abfälliges Urteil über Interessen anderer fällen zu wollen - sehr viel unnötiges und qualitativ geringwertiges Wissen darunter. Dies ist z.T. wohl darauf zurückzuführen, daß sich die Präsentation wertvollen Wissens bislang aufgrund der unsicheren Zahlungsmodalitäten im Internet noch nicht amortisiert, was sich aber bald, z.B. durch Einführung einer elektronischen Unterschrift (s. 3.4.2), bessern wird.

 

.

 

 Abb. 6: Derzeitige Nutzung der Online-Dienste in Deutschland (nach BMWi 1996)

 Niemand muß in der "Sintflut an Informationen" ertrinken, wenn er die neue Qualität der Informationsgewinnung nutzt, die das Internet bietet. Hierzu stellt das Internet zahlreiche Suchwerkzeuge zur Verfügung:

a. Kataloge (hierarchisch gegliedert) b. geographisch orientierte Suchwerkzeuge c. Suchmaschinen (search engines)

Letztere sind wohl am bedeutendsten und bequemsten. Sie stellen riesige Datenbanken dar, die zu einem bestimmten Stichwort eine Liste von passenden Fundstellen mit direkt anklickbaren Netzadressen (URL) enthalten. Vergleichbare Dienste gibt es auch für E-Mail-Adressen, Software-Pools und Artikel, die in Newsgroups erschienen sind. Neben Aktualität und Vollständigkeit der Datenbasis ist es vor allem die Flexibilität der Abfragesteuerung, die über die Qualität einer Suchmaschine entscheidet. Wer genaue Suchergebnisse benötigt, muß sich mit den jeweils spezifischen Abfragemechanismen auseinandersetzen. Zu "Sonnenenergie" findet die Suchmaschine Lycos unter "Solar" und "energy" 102515 Dokumente, Excite 934625 Dokumente!. Engt man den Begriff mit "und " ein, reduziert sich das Angebot bereits auf 3223 Treffer, bei der Suchmaschine Yahoo nur 122 Treffer (s. auch Test in Tab. 1)

 Name

Sprache

lake pollution

lake

pollution

lake and (+) pollution

lake or (;) pollution

Tafoni

Kommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aladin

D

848

808

41

0

848

0

 

Aliweb

E

 

 

 

 

 

 

Gibt keine Zahl der gefundenen Seiten an

Altavista

E

200000

1577743

401583

10000

84

18

 

Crawler

D

6

98

98

6

6

0

zeigt auch andere Begriffe, z.B. See - to see

Cusi

 

 

 

 

 

 

 

sucht mit versch. Suchmaschinen, z.B. Altavista, Lycos

Dino

D

6

98

98

6

2

0

 

Excite

E

833123

659669

182584

833123

833123

31

 

Flipper

D

100

100

75

7

100

0

 

Flix

D

0

0

0

7

0

0

zeigt auch andere, z.B. Odyssee

Galaxy

E

1235

1047

210

22

1235

0

 

Global Network Navigator

E

38183

33168

5512

497

38183

 

arbeitet mit WebCrawler

Hot Bot

E

16511

475481

150732

16511

16511

33

 

Hot News and Top Links

E

6

98

98

6

6

0

arbeitet mit Dino

InfoSeek

E

468371

468371

126928

21529287

478416

28

 

IRB

E

468371

468371

126928

21529287

478416

28

arbeitet mit InfoSeek

Lycos

E

48784

44150

6280

0

0

8

zeigt auch andere Begriffe

Magellan

E

60378

46459

15107

60378

60378

1

 

Meta Crawler

E

30

38

49

39

39

24

zeigt auch andere Begriffe

Netscape Internet Search

E

468371

468371

126928

33383887

4780416

17

 

Opentext

E

10

84683

20275

0

0

4

 

RBSE

E

55

53

2

1

55

 

zeigt haupsächlich andere, z.B. Houston University Clear Lake

Topic

E

0

62

32

2

0

0

 

W3 Catalog am CUI

E

13

 

 

 

über 412

0

 

Web Crawler

E

38183

33168

5512

497

38183

0

 

Web.de

D

492

483

3

483

485

0

 

Yahoo

E

1

2681

227

1

1

31

 

 Tabelle 1: Test der Suchprogramme ("search engines") im Internet für die Begriffe lake pollution und Tafoni (eine Kleinverwitterungsform). Während der sehr allgemeine Begriff lake pollution eine hohe Dokumentenzahll nachweist und daher durch zusätzliche Begriffe eingeschränkt werden muß, ist die Trefferzahl für den sehr speziellen Begriff Tafoni naturgemäß gering.

 Wenn man die Suche auf Neuzugänge beschränken will, listet www.newtoo.manifest.com die täglichen Neuzugänge (zur Zeit weit über 1000) auf und bietet die Möglichkeit, diese nach Begriffen zu durchsuchen. In die Suchmaschine Echosearch der Fa. Iconovex (www.iconovex.com) gibt man seinen Suchbefehl nur einmal ein. Das Programm schickt ihn an die sieben leistungsfähigsten Suchdienste (darunter Altavista und Excite), tilgt Doppelnennungen und legt die relevanten Web-Seiten auf der Festplatte des Nutzers ab. Dort analysiert www.echosearch.com die Texte mittels künstlicher Intelligenz, faßt sie zusammen und präsentiert schließlich das Resultat.

Lange Zeit glaubte ein Großteil der EDV-Welt, daß Computer nur strukturiertes Wissen (also z.B. Inhalte von Datenbanken) intelligent verarbeiten könnten. Retrieval-Software war ein erster Anfang, fortlaufende Texte nach Schlagworten absuchen zu können. Durch die im Internet installierten Suchmaschinen wird es wohl bald möglich sein, auch unstrukturiertes Wissen (also z.B. Texte) nach Schlagworten oder sogar Inhalten zu durchforsten und dem Internet-Nutzer entsprechend seinen Interessenvorgaben zur Verfügung zu stellen. Man erwartet, bald "Suchmaschinen" nach vorgegebenen Interessensgebieten generieren zu können. Ein derartiges "Tool" sollte letztlich in der Lage sein, für jeden Benutzer individuell nach seinen Interessensrichtungen "Abstracts" aus dem gesamten Wissen der Welt zu generieren.

Softwareagenten (z.B. empirical media http://www.empirical.com) sollen in Zukunft in der Lage sein, das WWW darauf abzusuchen, ob sich an der bereits bekannten Information, die der Nutzer z.B. auf seiner Festplatte bereithält, Änderungen ergeben haben. Der persönliche Helfer namens wisewire registriert die Interessen seines Herrn, stellt sich permanent auf neue Gewohnheiten ein, baut daraus ein Nutzerprofil, das die Sucharbeit effektiver machen soll. Firefly Network (Cambridge, MA) hofft, intelligente Software-Agenten entwickeln zu können, die Forschungsergebnisse verschiedener Labors miteinander vergleichen und den Forschern mitteilen, was sie voneinander lernen können.

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 6 Das Internet als zukünftiger Datenhighway?

Das Internet - wie viele "Errungenschaften" ein Überbleibsel des Kalten Krieges - hat in seiner Globalität gerade erst das Frühstadium erreicht. Es inspiriert die gesamte Telekommunikation, die Medienmultis, Wirtschaftsmanager, Künstler, Journalisten und Politiker. Wie herausragende Visionen zuvor leitet auch die Vorstellung von einem digitalen, weltumspannenden Netz mit seinen großartigen Möglichkeiten einen der einschneidensten Paradigmenwechsel ein, dem sich die Menschheit je gegenübersah. Die Möglichkeit der digitalen Erfassung unserer Welt durch Computer war ein derartiger Paradigmenwechsel, der erst eineinhalb Jahrzehnte (Personal Computer) bzw. etwa 40 Jahre (Zentralrechner) zurückliegt; Kernenergie, Glühlampe und Dampfmaschine gingen jeweils voraus.

Geschwindigkeit, Information und Innovation sind die entscheidenden Parameter einer globalisierten Zukunft. Das Internet bzw. ein hochleistungsfähiger Datenhighway - wie immer er auch einmal aussehen mag - wird zentrales Rückgrat dieser zukünftigen Welt sein. Schon werden Pläne geschmiedet, weltweit einen Zugang zum Internet zu schaffen - auch für jene 4/5 der Weltbevölkerung, die bislang noch nicht einmal einen Telefonanschluß haben. So schlug der US-Unternehmer CraigMcCraw als Chef der Telekommunikationsfirma Teledesic vor, 840 Satelliten in eine nahe Erdumlaufbahn schießen, die an jedem Ort der Erde den Anschluß an das Internet ermöglichen sollen. Dann wird auch der schon "verloren" gegebene Kontinent Afrika sich bequem der globalen Informationsgesellschaft anschließen und Nutzen aus ihr ziehen können. Doch hinreichend verläßliche Prognosen bleiben schwierig. Sicher ist wohl nur, daß die Entwicklung in atemberaubendem Tempo weitergehen wird."...nicht einmal über die Zukunft des legendären Internet kann man viel sagen. Wer hätte vor 5 Jahren vorhergesagt, daß heute (angeblich) 40 Mill. Menschen auf dieser Spielwiese herumtollen. Die einen prophezeien gigantische Geschäfte, die anderen klägliche Einbrüche....Die Deutschen wären gut beraten, wenn sie sich ganz praktisch auf diese neue Welt vorbereiteten" (Peter Glotz, Medienexperte Zurück zu Inhaltsverzeichnis

 Literaturverzeichnis

 Bayerische Staatskanzlei (Juni 1966): Bayern Online. Datenhochgeschwindigkeitsnetz in Bayern und neue Kommunikationstechnologien für Bayern. München

 BMWi-Report (Nov. 1995): Die Informationsgesellschaft. Fakten, Analysen, Trends. Bonn

 Business-online, Ausgaben 2/96 und 1-2/97

 Canter, Lawrence A. u. Siegel, Marta S. (1995): Profit im Internet. Düsseldorf

 Dräger, Klaus u. Wolf, Frieder O. (1996): Schneller, bunter, sanfter. Die Verheißungen der Informationsgesellschaft. In: Politische Ökologie, H. 49

 Herbert, Ina (1995): Das Internet Praxisbuch. 185 S.

 Hüneberg, Reinhard, Heise, Gilbert u. Mann, Andreas (1996): Handbuch Online Marketing. Landsberg

 Lux, Harald (1995): Der Internet-Markt in Deutschland. Heidelberg

 Malley, Jürgen (1996): Von Ressourcenschonung derzeit keine Spur. Die Auswirkungen der Computerisierung auf die Umwelt. In: Polit. Ökologie, H. 49

 Martin, Hans-Peter u. Schumann, Harald (1996): Die Globalisierungsfalle. München

 Müller-Michaelis, Wolfgang (1996): Informationsgesellschaft im Aufbruch. Frankfurt

 Negroponte, N. (1995): Total Digital. München

 Office for official publications of the European Communities (1995): European Union databases. Online and offline electronic information services. Luxemburg

 PC-Professional (nov. 1996): Provider-Gebühren in Deutschland

 Pelkmann, Thomas u. Freitag, Reinhild (1996): Business-Lösungen im Internet. München

 Ramm, Frederik (1966): Recherchieren und Publizieren im World Wide Web. 334 S.

 Steffen, Jorge (1996): 44 ganz legale Internet-Tricks. Düsseldorf

 Tapscott, Don (1996): Die digitale Revolution.

 Tödter, Oliver u. Rolf, Arno (1996): Einkauf mit Nebenwirkungen. Wie verhalten sich Tele- und Online-Shopping in Bezug auf die Umwelt. In: Polit. Ökologie, H. 49

 Wirschaftswoche, H. 42, Okt. 1996 und andere Ausgaben

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