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Vom
Nutzen und Vorteil der Historie für die Kunstpädagogik Historische
Bildungsforschung gerät in einer auf empirische Erfassung des Jetzt
gerichteten Post-PISA-Ära tendenziell zu einer randständigen Disziplin.
In der Kunstpädagogik kommt hinzu, dass Interesse an und Fähigkeit zu
einem historisch sauberen Quellenstudium und philologisch-hermeneutischer
Textarbeit oft nicht sehr ausgeprägt sind. So sind bis heute in einigen
Standardwerken zur Fachgeschichte tradierte Interpretationen und Wertungen
als Stand der Forschung und Konsens verbreitet, ohne dass noch selbst auf
die Quellen kritisch zurückgegriffen würde. Die
äußerst sorgfältige, sehr sachlich abwägende Arbeit von Helene Skladny
zeigt nun eindrucksvoll Wert und Nutzen solcher historischen Arbeit. Ihre
Untersuchung der Ideengeschichte des Zeichen- und Kunstunterrichts
gliedert sich in zwei Teile: zum einen die Genese des Zeichenunterrichts
im 19. Jahrhundert von Pestalozzis „ABC der Anschauung“ bis zu ihrem
Endpunkt in der Methode Stuhlmann, zum anderen die fundamentale
Neuorientierung durch die Kunsterziehungsbewegung bis in die 1930er Jahre.
Dabei wird gerade in der Darstellung und genauen Analyse der z.T. erstmals
ausgewerteten Quellen der Konzeptionen von Pestalozzi bis Fröbel
deutlich, mit welchem reichen philosophischen und pädagogischen
Hintergrund jene Zeichendidaktiken entwickelt wurden, die alle darauf
zielten, über eine elementarisierte Zeichenlehre den Schülern Weltzugang
und Welterkenntnis zu ermöglichen. Hier waren bereits die wesentlichen
Begründungen für eine Zeichen- und Kunstunterricht erarbeitet,
methodisch konzipiert und erprobt, wie Erziehung durch Ästhetik und Kunst
zu höherem Menschentum, Gestaltungslehre und Wahrnehmungsschulung,
Orientierung an Entwicklung und Eigentätigkeit des Schülers, Ausbildung
geistiger Kräfte usw. Der
historische Bruch im Fach liegt – so weist Skladny nach – v.a. in der
ungerechtfertigten Gleichsetzung des Zeichenunterrichts des gesamten 19.
Jahrhunderts mit der daraus schöpfenden, aber funktionalistisch verkürzten
Methode Stuhlmanns, die zur Hauptzielscheibe der Reformbewegung wurde.
Tatsächlich griffen auch die frühen Vertreter der
Kunsterziehungsbewegung ganz selbstverständlich auf Teile der
Zeichenlehren zurück. An deren Unterrichtsergebnissen verblüfft dann
auch die hohe zeichnerische Kompetenz der Schüler, die eben systematisch
ausgebildet wurde. Den
fundamentalen und bis heute wirksamen Bruch bewirkte der Import der
reformpädagogischen Leitidee vom „Kind als Künstler“, das aus sich
selbst heraus schafft. Damit war die Vermittlungsaufgabe von Schule grundsätzlich
in Frage gestellt, was zur bis heute andauernden Unsicherheit darüber führte,
ob und was im Kunstunterricht denn eigentlich vermittelt werden dürfe,
ohne das Kind in seiner analog zum Künstler gedachten Autonomie
gewissermaßen „zu vergewaltigen“. Damit nahm das Fach eine subjektive
Wende: nicht mehr die Erkenntnis von Gestalt- und Formgesetzen gar mit
metaphysischem Anspruch, also die Ausbildung der Wahrnehmung für die
Objektivitäten der Welt, sondern die Hinwendung zur Innerlichkeit, zur
unspezifischen „ästhetischen Erfahrung“ als neuem Paradigma. Skladny
würdigt die unbestreitbaren Gewinne der gewandelten pädagogischen
Grundhaltung, zeigt aber auch, wie sehr noch das aktuelle kunstpädagogische
Denken und Handeln von dieser apokryphen reformpädagogischen Kernüberzeugungen
des „Künstlerkindes“ geprägt ist, ohne dass diese Setzungen noch
gekannt, geschweige denn hinterfragt würden, denn: „Bis heute stehen
die schulische Vermittlung von Kunstgeschichte, theoretischer Inhalte und
nicht zuletzt die systematische Anleitung zum Zeichnen und
praktisch-produktiven Arbeiten in Verdacht, der künstlerischen
Ausdruckskraft des Kindes entgegen zu stehen.“ (S. 247) Die
Folgen sind bis heute eine unklare und überfrachtete Aufgabenbeschreibung
für den Kunstunterricht, der sich v.a. an Kunst, dem Künstlerkind und
dem Bild des Lehrers als Künstler orientiert: „So stehen sich ‚Künstlerlehrer’
und ‚Künstlerkind’ im Kunstunterricht gegenüber und müssen so tun,
als produzierten sie Kunst.“ (S. 288) „Nicht werten und lehren zu dürfen
erschwert also die Arbeit im Kunstunterricht – für beide Seiten. Es
droht die Haltung der Beliebigkeit und damit auch der die Belanglosigkeit
zu entstehen.“ (S. 290) Skladnys historische Arbeit kann hier also
helfen, ein weitgehend unbewusstes Motiv, dass jedoch didaktische
Konzeptionen wie schulische Praxis bis heute prägt, neu zu überdenken,
damit die ambitionierten Fachziel nicht an einem falschen Menschenbild
scheitern. Helene Skladnys zurecht mit dem Forschungspreis der
Friedrich-Stiftung ausgezeichnete Arbeit bietet insofern die durchaus
historisch zu nennende Chance, das Erbe der Kunsterziehungsbewegung neu zu
bewerten und die reiche Tradition jener zeichendidaktischen Ansätze, die
mit der Reformbewegung bis heute als „kunstfremd“ und
„kinderfeindlich“ in Verdammnis gerieten, für heute neu zu
reflektieren. Insofern schließt die Autorin Gustav Hartlaubs meist überlesenem
Diktum „Das Kind ist niemals Künstler“ treffend die entlastende
Parallele an: „und der Kunstlehrer braucht es auch nicht zu sein“. (S.
293) J
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