In Nordrhein-Westfalen wird zur Zeit das Landesprogramm „Kultur und Schule“
diskutiert, das schulisches Lernen durch Projekte der ästhetischen Bildung ergänzen
soll. Das Ausdrucksvermögen, die Wahrnehmungsfähigkeit und die ästhetische
Intelligenz von Kindern und Jugendlichen sollen in Maßnahmen gefördert werden,
die Künstlerinnen und Künstler betreuen. Dies alles findet im Kontext von
Projekten statt, von denen man die Steigerung des Selbstwertgefühls und
sozialen Kompetenzen der Schüler und Schülerinnen annimmt. Die Diskussion und
Implementierung dieser Programme werden von einer erneuten Debatte der Begriffe
„kulturelle Bildung“, „ästhetische Bildung“, „musische Bildung“ und
„künstlerisch-kulturelle Bildung“ begleitet. Viele Kunstpädagogen und
Kunstpädagoginnen reagieren auf diese Programme verstört, weil sie den
Eindruck vermitteln, dass der schulische Kunstunterricht dies nicht leiste oder
die Kunstlehrerinnen und –lehrer dazu nicht in der Lage seien. Das muss sie
natürlich auf den Plan rufen! Sind sie doch alle genau dazu ausgebildet worden,
und als ob es nie Theateraufführungen, Ausstellungen, Bildhauerkurse gegeben hätte,
die ausschließlich von ihnen betreut und initiiert wurden!
Das Buch von Kirchner, Ferrari und Spinner erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Es
zeigt aus einer wissenschaftlichen Perspektive, was „ästhetische Bildung“
ist und verortet diese Lern- und Erfahrungsprozesse im Unterricht, den man
freilich fächerverbindend versteht, weil sich ästhetische Bildungsprozesse natürlich
in allen Fächern niederlegen, was curricularen Anforderungen entspricht.
Bemerkenswert ist, dass das Autorenteam ausdrücklich darauf hinweist, dass die
„Ausgangspunkte ästhetischer Erfahrungen“ in Objekten der Kunst, Literatur
und Alltagsästhetik wie in religiösen Symbolen liegen können. Entsprechend
weit gefasst ermöglicht der Unterricht subjektorientiertes Lernen als
Suchbewegung und „als Hilfe zur identitätsorientierten Selbstbildung“, was
zu einer „Selbstwerterfahrung“ der Kinder und Jugendlichen durch das Ästhetische
führe. Dieser Unterricht ereignet sich in Prozessen der Rezeption und
Produktion. Das Modell, was „ästhetische Bildung“ ausmacht, erarbeiten die
Autoren und die Autorin im Einleitungsaufsatz des Bandes als eine
Auseinandersetzung mit der Anstiftung zur Urteilsbildung durch das Ästhetische,
mit den Theoremen der Einbildungskraft, Imagination, Fantasie, Kreativität und
vor allem mit unterschiedlichen Modellen zur Identitätsbildung im schulischen
Lernen. Damit liegt eine Konsens fähige und zeitgemäße Grundlage der „ästhetischen
Bildung“ vor.
Mit der Hilfe Praxis erfahrener Lehrerinnen und Lehrer entwickelt das Werk in
seinem Hauptteil Beispiele für Handlungschoreografien des fächerverbindenden
Unterrichts, die als Unterrichtsskripte mit Arbeitsmaterial für Schülerinnen
und Schüler präsentiert werden. Schon allein aus diesem Grund eignet sich das
Buch hervorragend für die Lehrerausbildung in beiden Phasen. Beispielhaft wird
kunst- und literaturdidaktisches Denken vom Konzept bis zum Material vorgeführt.
Für jede Unterrichtspraxis wertvoll wird der Band durch die Kopiervorlagen. Über
das szenische Spiel, den Umgang mit Lyrik und Drama bis zu Bildspielen der
zeitgenössischen Kunst erfahren die Leserinnen und Leser alles Notwendige über
den Unterricht, der „ästhetische Bildung“ auslöst.
Es scheint, dass das Buch eine weitere Zielgruppe erreichen wird: die Künstlerinnen
und Künstler, die sich im Rahmen der bildungspolitischen Förderprogramme
fortbilden müssen und nun sehen, wie verwickelt und komplex die didaktische
Umsetzung der ästhetischen Bildung ist. Hierzu bedarf es der Didaktiken der
betroffenen Fächer, für deren Wissenschaftlichkeit und Lebendigkeit das Buch
ein überzeugendes Dokument ist.
Klaus-Peter
Busse