| Weit gefasstes Kompendium | |
| Dieser Sammelband enthält die Beiträge eines Symposions, welches unter dem Arbeitstitel: „Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck“, im Januar 2009 an der Universität Augsburg stattfand. Ein Jahr nach dieser Veranstaltung liegt nun ein umfangreicher Band mit 44 Einzelbeiträgen vor. Es ist nach dem 2003 erschienenen Überblick zur Kinder- und Jugendzeichnung, der als Sonderheft von „Kunst und Unterricht“ erschien, ein weiterer Versuch den derzeitigen Stand zur Kinder- und Jugendzeichnungsforschung zu bündeln, sowie angesichts sich rasch wandelnder Lebensverhältnisse zu aktualisieren. Das inhaltliche Spektrum des Bandes ist sehr weit gefasst und reicht von „Erfahrungen aus einer offenen Kunstwerkstatt“ (Holger Erbach) über das „Komische in der Zeichnung von Kindern und Sonderbegabten“ (Max Kläger), „Masters of the Universe“ (Jutta Ströter- Bender), „Kinder fotografieren mit dem Handy“ (Oliver M. Reuter), über den „Einfluss von Computerspielen auf das bildnerische Gestalten“ (Frank Schulz) bis zu Hans-Günther Richters historischer Studie „Kindheit, Genie und Wahn: Die Brüder Martin“. Ein so weit gefasstes Kompendium erscheint zunächst wie eine heterogene Ansammlung – aber gerade diese Vielfalt vermag den gegenwärtigen Diskussionsstand zu spiegeln, zeigt Differenzen auf und kann Hinweise auf neue Herausforderungen geben. Die Herausgeber haben den Band in vier Abschnitte gegliedert: I Vorstellungs- und Darstellungsprozesse in der Kinderzeichnung II Aktuelle Phänomene in der Jugendkultur III Diagnose – Fördern – Unterricht IV Forschung – Methoden – Perspektiven Für den ersten Abschnitt kann der Aufsatz von Hubert Sowa, der die geisteswissenschaftlich orientierte Kunstpädagogik bildungstheoretisch begründet und fächerverbindende Perspektiven aufzeigt, als konstitutiv für die anderen Beiträge gelesen werden. Sowa schreibt, dass im Fach Kunst Vorstellung und Imagination Grundvermögen sind, die in allen Schulfächern und darüber hinaus in der Lebenswirklichkeit einen entscheidenden Beitrag zur allgemeinen Bildung leisten (S.89). Die komplexen Operationen, die bei dem Prozess der Bildwerdung von Bedeutung sind, werden in den weiteren Artikeln vertieft. Bettina Uhlig, Norbert Schütz, Alexander Glas und Edith Glaser-Henzer untersuchen das Bild- und Sprachhandeln sowie die räumlich-visuellen Wahrnehmungen. Diese Beiträge verstehen Zeichenprozesse als genuine Lernprozesse. Der Aufbau bildsprachlicher Kompetenz zeichnet sich wie der Spracherwerb durch zunehmende Komplexität aus. Bild und Sprache sind einander ergänzende Kommunikationsformen und damit als komplementäre Fähigkeiten zu verstehen (Alexander Glas, S. 57). Martin Gerstenberger geht der Frage nach: „Zeichnen Kinder heute anders?“ In seiner Studie vergleicht er 15 Kinderbilder von 1965 mit 88 Arbeiten von Erstklässlern aus dem Jahr 2007. Er bescheinigt den heutigen Kindern einen „qualitativen Verlust im bildnerischen Ausdruck“ (S. 103). Abgesehen davon, dass die geringe Anzahl der Bilder kaum verlässliche Aussagen zulässt, ist es überaus fragwürdig, sich bei den historischen Bildern auf Arbeiten aus dem Britsch-Kreis zu beziehen. Diese Kinderarbeiten waren kein Produkt freier kindlicher Handlungen, sondern Resultat einer starren Stufenlehre in der die Wiederholung einzelner Bildzeichen zum methodischen System gehört. Der zweite Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit den aktuellen Phänomenen der Jugendkultur. Hier – wie auch bei den nachfolgenden Kapiteln – ist im Vergleich mit dem Sonderband von Kunst und Unterricht (2003) sehr auffällig, dass inzwischen die Bedeutung der elektronischen Medien weiter zugenommen hat. Jugendliche wachsen heute inmitten bildproduzierender Medien auf. Das elektronische Bild dient hauptsächlich sowohl dem kommunikativen Prozess als auch der eigenen ästhetischen Präsentation. Hier deutet sich für das Fach Kunst ein mögliches Konfliktfeld bzw. eine Grundsatzfrage an, denn mit den künstlerischen Bereichen Zeichnung, Malerei, dreidimensionales Gestalten, Collage und Rollenspiel (Joachim Penzel, Dietrich Grünewald, Wolfgang Schiebel, Ruth Kunz und Bettina Blecha) ist das Fach zeitlich und inhaltlich ausgefüllt. Dagegen steht die Forderung „den Bildanteil in den Medien auszuweiten“ von Bernhard Heinzlmaier (S. 143) und Franz Billmayer möchte surfen „zur kunstpädagogischen Pflicht“ machen (S. 171). Jutta Zaremba wünscht, dass sich das Fach der „aktuellen JugendKunstOnline“ öffnet (S. 185) und Oliver Reuter bedauert, dass das Fotografieren mit dem Handy als „sinnvolle Medienarbeit in den Grundschulen“ noch keinen Eingang gefunden hat (S. 330). Wie wird das Fach, welches jetzt schon unter seiner geringen Stundenzahl leidet, in der Zukunft mit diesen neuen technisch-medialen aber auch zeitlichen Herausforderungen umgehen? Zu den unabdingbaren Voraussetzungen eines kompetenten Kunstunterrichts gehört das Wissen um die gestalterischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen. Die ersten drei Beiträge des dritten Kapitels behandeln dieses Thema: der Artikel von Barbara Wichelhaus untersucht Möglichkeiten und Grenzen diagnostischer Betrachtungen der Kinderzeichnung in der Schule, Christa Seidel stellt ein Modell zur Interpretation von Kinderzeichnungen vor und Hildegard Ameln-Haffke geht der Frage nach, wie sich Aggressionsmerkmale in Kinderbildern zeigen. Die weiteren Aufsätze spiegeln eine andere ungelöste Debatte wider: geht es dem Fach um künstlerische Bildung, um künstlerisches Denken oder geht es um die Vermittlung von Wissen und der Betonung formaler Aspekte? Auf der einen Seite fordert Helene Skladny „systematisch“ Zeichnen zu lernen (S. 311), Stefanie Aufmuth möchte das Naturstudium stärker in den Grundschulunterricht einbeziehen (S. 322) und Katja Brandenburger will mittels der Zeichnung, der Computerkonstruktion und dreidimensionalen Modellen die räumliche Darstellungsfähigkeit schulen (S. 349). Geradezu gegenteilig lesen sich die Beiträge von Holger Erbach, Tobias Loemke und Klaus Ripper. Loemke und Erbach betonen, dass die künstlerische Bildung „unabdingbar“ zu einem umfassenden Bildungsprozess gehört, dass es in der Schule um eigenständiges künstlerisches Arbeiten geht, um persönliche Erinnerungsbilder, um innere Bilder und biografische Aspekte. Spannend zu lesen sind die Fallbeispiele von Klaus Ripper aus dem Unterricht einer Schule für Hörgeschädigte. Gerade weil hier häufig Wahrnehmungsveränderungen oder -defizite anzutreffen sind, kann er aufzeigen, dass eine subjektorientierte Kunstdidaktik eigenes künstlerisches Handeln in ihrer jeweiligen subjektiven Lernsituation hervor zu bringen vermag (S. 378). Die Beiträge im vierten Kapitel behandeln ein sehr wichtiges Feld, das in der Fachdiskussion viel zu lange fast vollständig ausgeblendet blieb: das Thema der Interkulturalität. Martin Oswald weist zu Recht darauf hin, dass sich die Kunstpädagogik dieser Herausforderung bislang kaum gestellt hat. Es gibt kein diagnostisches Instrumentarium, das Wege zum Umgang mit den großen kulturellen Differenzen weisen kann (S. 391). Dabei bestehen gerade für dieses Fach große (bislang ungenutzte) Potentiale und es könnte der Kunst sogar eine Schlüsselrolle zukommen, weil sich die präsentative Kommunikation für eine Pädagogik der Mehrdimensionalität eignet (S. 399). Dieses Thema wird in weiteren Aufsätzen von Stefan Bittner, Rabea Müller und Ava Serjouie vertieft. Der Band wird abgeschlossen mit Monika Millers Beitrag: „Videografie in der kunstpädagogischen Forschung“ und einem Überblick und Ausblick der Forschungsmethoden zur Kinder- und Jugendzeichnung von Georg Peez. Auf der Rückseite der Publikation steht, dass dieser Band „ein Grundlagenwerk“ sei, welches „das breite Spektrum der Forschungsfragen fundiert darlegt“. Bei dem Versuch, die Herausforderungen zu benennen, die sich aus dieser Bestandsaufnahme für das Fach Kunst ergeben, könnte man vier Felder benennen: 1. Das Fach Kunst wird immer mehr weiblich dominiert. Esther Richthammer schreibt in ihrem Beitrag, das Fach weise im Vergleich zu anderen Schulfächern eine der am stärksten geschlechtsspezifischen Polarisierungen und Umkehrung auf – Jungen sind in den Leistungskursen nur noch eine Minderheit (S. 291). Wird diese Tendenz hingenommen? Was bedeutet diese Entwicklung langfristig? 2. Digitale Medien verändern unser Leben; Kinder und Jugendliche – die Beiträge zeigen dies eindringlich, verbringen mit ihnen täglich viele Stunden. Frank Schulz beschreibt den Einfluss von Computerspielen auf das bildnerische Gestalten, ebenso Annette Wiegelmann-Bals, die nachweist, dass Computerspiele die zeichnerischen Ausdrucksformen beeinflussen (S. 447). Welche Rolle sollen digitale Medien im Fach Kunst spielen, welchen zeitlichen Anteil sollte man ihnen zugestehen? Um diese Fragen beantworten zu können, muss geforscht werden. Anja Mohr weist darauf hin, dass es an geeigneter Software fehlt, welche die medial- ästhetische Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt (S. 466). 3. Angesichts des hohen Anteils von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund wird es Aufgabe der Kunstpädagogik sein, didaktische Konzepte und inhaltliche Modelle zu entwickeln, um die Chancen, die sich dem Fach aufgrund seiner geeigneten Rahmenbedingungen bieten, zu nutzen. 4. Das Fach befindet sich immer in der Gefahr, innerhalb der Bildungsdiskussion an den Rand gedrängt zu werden. Um dieser Tendenz zu begegnen, ist empirische Forschung notwendig. Zukunftsweisend sind dabei Forschungen die interdisziplinär und fachübergreifend angelegt sind. Nicole E. Berner und Gabriele Faust sind Mitarbeiterinnen im Forschungsprojekt „PERLE“ (s. BDK- Mitteilungen, Heft 3, 2010). Untersucht werden die Lern- und Persönlichkeitsentwicklungen von Grundschülern in den Fächern Mathematik, Deutsch und Kunst, wobei Berner und Faust sich mit der Entwicklung und Förderung des kreativen Potentials beschäftigt haben (S. 449). Dieser Band „Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck“ wird seinem Anspruch, den aktuellen Forschungsstand abzubilden und Forschungsperspektiven aufzuzeigen, gerecht. Gleichzeitig wird deutlich, dass innerhalb der kunstpädagogischen Forschung mit den notwendigen Einzeluntersuchungen keine interdisziplinäre Grundlagenforschung – Ausnahme ist das Projekt PERLE – stattfindet. Um das Fach aus seiner bildungstheoretischen Defensive zu führen, wäre anzuknüpfen etwa an die Arbeit von Klaus Mollenhauer (Weinheim und München 1996) oder auch an die große Studie von Hans Günther Bastian, dessen Werk „Musikerziehung und ihre Wirkung“ (Mainz 2000) für die Musikerziehung innerhalb der Bildungsdiskussion befreiende und große bildungspolitische Wirkung hat. Wolfgang Reiß |