Eine
Bibel der Kunstdidaktik
Kirschenmann,
Johannes / Schulz, Frank/ Sowa, Hubert (Hrsg.): Kunstpädagogik im Projekt der
allgemeinen Bildung. München: Kopaed 2006 . 704 Seiten, mit S/W- Abbildungen im
Text. Broschiert. ISBN 13-978-3-938028-67-4. Preis: 24,80 Euro.
Die
Abfolge der Kapitel ist klug gewählt. Das Eingangskapitel stellt dem Leser mit
den grundlegenden Beiträgen u.a. von Hans Dieter Huber („Über das Gedächtnis
der Hand“) und Constanze Kirchner
(„Kinderzeichnung im Wandel“) Texte zur Verfügung, die
schon jetzt einen festen Platz im Kanon kunstdidaktischer Literatur
reklamieren dürfen. Klaus Sachs-Hombach liefert ein Plädoyer für die
Integration der Bildwissenschaft in den Fächerkanon der allgemein bildenden
Schulen.
Am
dichtesten wird der Band dort, wo sich konkrete Perspektiven für die aktuell
wichtigsten Herausforderungen andeuten. Erstmals und umfassend stellt sich die
Kunstpädagogik mit weitgehend realistischem Blick der Diskussion um Standards
und Kompetenzen im Bezugsfeld von schulischem Unterricht (Kapitel 2) und
Lehrerbildung (Kapitel 3). Dabei fällt es der Kunstpädagogik naturgemäß
besonders schwer, die Wirkung ästhetischer Bildungsprozesse zu objektivieren,
was freilich nicht vom Versuch entbindet, die „Nachhaltigkeit künstlerisch-ästhetischen
Denkens und Handelns“ (Schulz) empirisch zu überprüfen und zu begründen.
Nebenbei steht das Fach mit dieser Problematik nicht allein, wie ähnliche
Diskussionen etwa in der Deutschdidaktik belegen.
Dass die Eigenart künstlerisch-ästhetischer Lernprozesse eine gewisse
Standardisierung des im Unterricht Erreichbaren nicht ausschließt, dafür
liefert der Beitrag von Dietrich Grünewald und Hubert Sowa stichhaltige
Argumente. Das Angebot an Kompetenzbegriffen ist inzwischen üppig: Zur
Bildkompetenz reiht sich nun die
Visuelle Kompetenz (Bering), eine Gestaltungskompetenz (Glas/Sowa), eine
Rezeptions-, Wahrnehmungs-, Analyse-, Assoziations-, Synthese-, Interpretations-
und Reflexionskompetenz (Seumel).
Andrea
Dreyer diagnostiziert zu Recht für die Vergangenheit eine Entfremdung der
Kunstpädagogik von zentralen Bezugsfeldern. Kunstdidaktik als
Professionswissenschaft verstanden, bedürfe einer engen Anbindung an die
Erziehungswissenschaften, die Pädagogische Psychologie und die
Sozialwissenschaften. Klaus-Peter Busse erkennt in der bevorstehenden Umstellung
auf BA/MA-Studiengänge zudem die Chance, bestehende Ausbildungskonzepte zu
befragen; zur Diskussion stellt er das für die Universität Dortmund
entwickelte Kerncurriculum.
Ausgehend
von den Optionen der sich formierenden Ganztagsschule (Kapitel 4 mit einem
Basistext von Wolfgang Legler) für das Fach Kunst, untersuchen die Autoren des
fünften Kapitels Strategien einer außerschulischen Kulturpädagogik, was
wiederum einen neuen Blick auf institutionalisierte Formen der Kunstvermittlung
an Schulen ermöglicht.
Der
Band dokumentiert die Pluralität der Positionen, die darüber hinaus in
unterschiedlichsten Textsorten artikuliert werden: Konzeptionelle Entwürfe
stehen neben Polemiken, Essayistisches neben eher literarischen Reflexionsbemühungen,
wissenschaftliche Überblicksartikel neben exemplarischen Praxisberichten. Diese
redaktionell zugelassene Breite mag mancher den Herausgebern als Schwäche
auslegen, andere werden gerade dies als willkommenen Beitrag zur Lesefreude
empfinden. Die kommentierenden und sich einer Wertung nicht enthaltenden
Basistexte am Anfang eines jeden Kapitels stellen die Beiträge der 59 Autoren
jeweils in einen Gesamtkontext.
Bedauerlich
ist allenfalls, dass die Inhalte sich stets dort verflüchtigen, wo die Autoren
das Thema Intermedialität und Digitale Medien umkreisen: So am Ende
des ersten Teils als auch im Schlusskapitel (Kapitel 6) des gesamten
Bandes, wo wir uns mehr erwartet hätten als die gerne wiederholte Pathosformel
einer letztlich neoromantischen Beschwörung des ganzheitlichen Kunstbegriffs.
Iwan Pasuchins Beitrag verdanken wir die wenig bahnbrechende Erkenntnis, dass
der „Ursprung der Intermedialität (…) untrennbar mit der
Menschheitsgeschichte verbunden“ sei (S. 122). Auch ein selbstverliebter
Bildungsfatalismus, wie er in den Texten einiger Multimediawissenschaftler
aufscheint, helfen einer Kunstpädagogik, die nach Perspektiven sucht, nicht
unbedingt weiter. Dies aber vermag den Wert des vorgestellten kunstpädagogischen
Kompendiums in keiner Weise zu schmälern.
Das
Herausgeberwerk ist unverzichtbar für alle, die mit der aktuellen
fachdidaktischen Diskussion befasst sind. Der äußerst günstige Preis sollte
eine weite Verbreitung unter Studierenden, Lehrenden an Hochschulen, sowie
Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen innerhalb und außerhalb der Schule befördern.
Martin
Oswald