LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik
Referat vom 17.12.01
Referent: Rafael Maguiña
Thema: Unmuts-Strophe





Buch des Unmuts
die Unmuts-Strophe und ihre semantische Leistung




Das Buch des Unmuts (metrisch-prozentual)...

  • ...ist das am stärksten trochäische Buch des Divans (75%)
  • ...ist überwiegend kurzzeilig (81%)
  • ...hat von allen Büchern prozentual am meisten Gedichte mit weiblichen Kadenzen (50%)...
  •    und am meisten Kreuzreim (62%)
  • ...hat fast nur strophische Gedichte

Die Unmuts-Strophe nach Karin Helm ist...

  • eine 4-hebige, trochäische
  • 4-zeilige Strophe
  • mit nur weiblichen Kadenzen
  • und streng durchgeführtem Kreuzreim (abab)

Buch des Unmuts: Aufbau

  • 16 Gedichte
  • Davon sind 8: 4-heb. Trochäen.
  • Davon sind 7: Unmuts-Strophe.

Nennenswerte Beispiele im Buch des Unmuts:
„Keinen Reimer wird man finden...”
„Übermacht, ihr könnt es spüren...”
„Als wenn das auf Namen ruhte”
„Medschnun heisst – ich will nicht sagen...”
„Hab´ ich euch denn je geraten...”


Nennenswerte Beispiele ausserhalb des Buchs des Unmuts:  „Geheimes” (Buch der Liebe)
„Geheimstes” (Buch der Liebe)
„Wer befehlen kann...” (Buch der Betrachtungen)


Unmuts-Strophe – Rhythmus

  • eindeutig Sprech-Verse
  • keine rhythmischen Leitmotive
  • keine rhythmischen (gleichmäßigen bzw. gleichmäßig langen) Kola
  • sondern:
          der Rhythmus lebt vom Wechsel rhythmisch verschiedene Verse
          der Rhythmus überspringt einige metrische Hebungen

Bsp.  „Übermacht, ihr könnt es spüren,

ist nicht aus der Welt zu bannen;

Mir gefällt zu konversieren

Mit Gescheiten, mit Tyrannen.”
x x x x x x x x

x x x x x x x x

x x x x x x x x

x x x x x x x x

Legende: X > X > X > X  



  • rhythmische Stauungen: schwächer betonte Silben werden unbewusst schneller gelesen in Erwartung auf eine stark betonte
  • Hebungen sind ungleichmäßig stark akzentuiert

Unmuts-Strophe – semantische Leistung des Rhythmus

  • Inhaltliche Merkmale unmuts-strophiger Gedichte:
    • dialogischeVerse
    • Sprechen = Appell an ein (nicht anwesendes) Gegenüber
    • die Rede will angreifen, treffen, überzeugen.
  • Die rhythmische Stauungen und die stockende Sprache symbolisieren den sich ansammelnden Unmut,
  • der sich dann in den starken (stärkeren) betonten Hebungen `Luft schafft´.
  • Nämlich bei Silben, deren Gehalt (Inhalt!) das Gegenüber treffen soll, was ihnen Schwere und Durchschlagkraft gibt.

  • Eine `Polemik´ entsteht:       ein `grämliches Resignieren´   <=>   `impulsive Angriffslust´

    Diese `Polemik´, die die Strophe leistet, realisiert sich auf 2 Weisen:

  1. impulsiv-polemische Stellen

    Die 1. Hebung wird viel häufiger rhythmisch realisiert als bei anderen Strophenformen.
          dh. Der Vers wird eminent trochäisch.
                Der Rhythmus kriegt dadurch etwas `Zupackendes´, eine gewisse Sicherheit.

    Bsp.:    „Hab´ ich euch denn je geraten,
    Wie ihr Kriege führen solltet?...”

    „Denken, in Gewalt und Liebe
    Müßten wir zuletzt uns gatten...”

    „Seht ihr aber meine Werke,
    Lernet erst: so wollt´ er´s machen...”


  2. Ausdruck leiseren, mehr distanzierten Sprechens

    Überlegenheit des sprechenden Ichs schafft Distanz von dem Gegenüber und drückt seine `Angriffe´ mittels einem ironischen Tonfall aus.
          dh. Stauungen wirken wie Anläufe, um die Pointe schlagend und treffsicher auszuspielen.

    Bsp.:    „Keinen Reimer wird man finden,
    Der sich nicht den besten hielte,
    Keinen Fiedler, der nicht lieber
    Eigne Melodien spielte.

    Und ich konnte sie nicht tadeln;
    Wenn wir andern Ehre geben,
    Müssen wir uns selbst entadeln;
    Lebt man denn, wenn andre leben?...”







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letzte Änderung: 26.01.02