Metrik und Interpretation Die metrische Gestaltung in
Goethes West-östlichem Divan
Das Buch Suleika
Die Suleika-Strophe
- Die metrische Gestalt
- Vierhebiger Trochäus
- Vierzeilig
- Kreuzreim
- Erstmals im Divan Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen (je zweite und vierte Zeile männlich)
- Gleichmäßiger Wechsel der Kadenzen sowie Kreuzreim wird streng eingehalten
-> In 15 Gedichten des Divans enthalten, davon stehen nur drei nicht im ´Buch Suleika` (An Suleika, Einlass, Bedenklich), jedoch sind auch zwei dieser Gedichte an oder von Suleika gesprochen
-> Diese Strophe ist also fast ausnahmslos Suleika gewidmet, wie es bei keiner der anderen Strophen vorkommt
- Wirkung der Strophe
- Durch neuartiges Erscheinen männlicher Reime entsteht harmonisch gelöstes Ausschwingen (Gegensatz zu ´Buch des Unmuts`)
- Deutliche Teilung der Suleika-Strophe in zwei Verspaare durch längere Pause nach der zweiten Zeile (´Ausschwingen`); es wird eher in Verspaaren als in ganzen Strophe gesprochen
- Hauptfaktor für die Bildung des typischen, liedhaft schwingenden Rhythmus (Rhythmus der Ankunft, des Einmünden in etwas Schönes) ist die rhythmische Gestalt im Versinneren
- Rhythmus
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Leitmotivisch wiederkehrende Tendenz zu dipodischer Betonung (zwei Hauptbetonungen pro Zeile, geringeres Stärkeniveau bei den restlichen Betonungen)
-> Kolon: x x x x x x x (x) (x = rhythmisch voll betont)
- Eindeutige Dipodie vorhanden, im Gegensatz zu allen anderen vierhebigen Trochäen im Divan
- Durch dieses Leitmotiv dipodischer Zeilen verliert der Trochäus sein wichtigstes Charakteristikum, den massiven, auftaktlosen Einsatz und gewinnt statt dessen an Leichtigkeit, da die erste Hebung häufig von leichten, unbetonten Silben gebildet bzw. rhythmisch nicht realisiert wird
-> Vers wird untrochäisch/ statt stark trochäischem Auftakt findet man oft einen zweisilbigen Auftakt
- Bei häufig herausgebildetem Kolon scheint der Rhythmus in gleichmäßig langen Wellen zu fließen (Gegensatz zu ´Unmuts-Strophe`)
- Das Leitmotiv ist, wenn es verdichtet auftritt, hauptsächlich der Rhythmus für Hatems Bekenntnisse zu Suleika (Nicht Gelegenheit macht Diebe...); jedoch scheint das sprachliche Material dem Rhythmus an mehreren Stellen zu widerstreben
-> Es entsteht eine gewisse Spannung zwischen der spielerischen Leichtigkeit des Verses und den tiefen Empfindungen des Sprechers (Zwiespältigkeit)
-> Das stete Streben zu monopodischem Rhythmus (= gleichmäßige Akzentuierung aller Hebungen einer Zeile) vermittelt die Kraft und Fülle des eigenen Erlebens bzw. die Sicherheit der Gefühle des Sprechers
- Beispiele
a) Nicht Gelegenheit macht Diebe...
- entstanden am 12. September 1815, gerichtet an Marianne von Willemer
- Von Hatem an Suleika gerichtet
- Enge Verbindung von metrischer Form und Inhalt:
- Form: Erste und zweite Strophe stockend, unruhiger Wechsel verschiedener rhythmischer Kola; erst ab der dritten Strophe beginnt der schwingende Rhythmus, die Dipodie setzt sich durch, und die Sprache gewinnt an Klangfülle
- Inhalt: In der ersten und zweiten Strophe zeigt Hatem noch Zurückhaltung, ein Sich-Wehren gegen das neue Empfinden (Liebe zu Suleika); die letzte Strophe stellt dann sein (gelöstes, entspanntes) Bekenntnis zu dieser Liebe dar
b) Hochbeglückt in deiner Liebe...
- Entstanden vier Tage später als das Hatem-Gedicht
- Das leichte, gelöste Schwingen fehlt, es ist ernster und gewichtiger
- Euphorischer Einsatz im ersten Vers (Hochbeglückt...) als Kontrast zur einleitenden Negation im vorangegangenen Hatem-Bekenntnis (Nicht Gelegenheit...)
- Wiederaufnahme von Schlüsselwörtern des Hatem-Gedichts, z.B. ´Liebe`, ´Gelegenheit`, ´Diebe`
c) An Suleika (´Buch des Timur`)
- Grundlegende Ambivalenz in der vierten Strophe: ´Lust` - ´Quaal`
- Soll dazu dienen, das Buch des Timurs mit dem darauffolgenden Buch Suleika zu verbinden
- Es weist deshalb sowohl mit dem Titel als auch mit seiner metrischen Gestalt (Suleika-Strophe) auf das Buch Suleika voraus
d) Vollmondnacht
- entstanden am 24. Oktober 1815
- Obwohl Suleika spricht, ist das Gedicht nicht in der ihr gewidmeten Strophenform verfaßt, sondern in der ungewöhnlichen Form abcbac + Refrain d (nur c endet männlich)
- Asymmetrischer Dialog zwischen einer Dienerin (spricht meistens) und ihrer Herrin Suleika (wichtig: Form der Antwort)
- Inhalt: freiwerdende Klänge und Farben/ Reize; verschiedene Künste auf die Strophen verteilt
- ´Karfunkel`: Verweis auf Hatem-Gedicht?
a) Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der größte Dieb,
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Die mir noch im Herzen blieb.
Dir hat sie ihn übergeben
Meines Lebens Vollgewinn,
Daß ich nun, verarmt, mein Leben
Nur von dir gewärtig bin.
Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Carfunkel deines Blicks
Und erfreu` in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.
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b) Hochbeglückt in deiner Liebe
Schelt ich nicht Gelegenheit,
Ward sie auch an dir zum Diebe
Wie mich solch ein Raub erfreut!
Und wozu denn auch berauben?
Gieb dich mir aus freyer Wahl,
Gar zu gerne möcht ich glauben -
Ja! Ich bin's die dich bestahl.
Was so willig du gegeben
Bringt dir herrlichen Gewinn,
Meine Ruh, mein reiches Leben
Geb' ich freudig, nimm es hin.
Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
Macht uns nicht die Liebe reich?
Halt ich dich in meinen Armen,
Jedem Glück ist meines gleich.
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c) An Suleika
Dir mit Wohlgeruch zu kosen,
Deine Freuden zu erhöhn,
Knospend müssen tausend Rosen
Erst in Gluten untergehn.
Um ein Fläschchen zu besitzen
Das den Ruch auf ewig hält,
Schlank wie deine Fingerspitzen,
Da bedarf es einer Welt.
Einer Welt von Lebenstrieben,
Die, in ihrer Fülle Drang,
Ahndeten schon Bulbuls Lieben,
Seeleregenden Gesang.
Sollte jene Qual uns quälen?
Da sie unsre Lust vermehrt.
Hat nicht Myriaden Seelen
Timurs Herrschaft aufgezehrt!
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d) Vollmondnacht
Herrin, sag was heißt das Flüstern?
Was bewegt dir leis' die Lippen?
Lispelst immer vor dich hin,
Lieblicher als Weines Nippen!
Noch ein Pärchen herzuziehen?
Ich will küssen! Küssen! Sagt' ich.
Schau! Im zweifelhaften Dunkel
Glühend blühen alle Zweige,
Nieder spielet Stern auf Stern,
Und, smaragden, durchs Gesträuche
Tausendfältiger Karfunkel;
Doch dein Geist ist allem fern.
Ich will küssen! Küssen! Sagt' ich.
Dein Geliebter, fern, erprobet
Gleicherweis im Sauersüßen,
Fühlt ein unglücksel'ges Glück.
Euch im Vollmond zu begrüßen
Habt ihr heilig angelobet,
Dieses ist der Augenblick.
Ich will küssen! Küssen! sag' ich.
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Literaturverzeichnis:
- Hendrik Birus, J. W. v. Goethe, West-östlicher Divan, in: Bibliothek deutscher Klassiker
- Johann W. v. Goethe, West-östlicher Divan, dtv, München 1997
- Karin Helm, Goethes Verskunst im West-östlichen Divan, Phil. Diss. Göttingen 1995 (Masch.)
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