LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik
|
Referat vom 19.11.2001
Referentin: Julia Plajer
Thema: Christoph Küper: Sprache und Metrum
|
Christoph Küper: Sprache und Metrum
1.Versifikationstypologie:
- Was sind die Grundlagen im Deutschen und im Englischen?
- Am Beispiel der metric typology von Lotz
- Beruht nur auf sprachlichen Eigenschaften
à nicht geeignet für eine angemessene Beschreibung innerhalb einer Sprache oder verwandter Sprachen
Verschiedene Aspekte sind versifikatorisch nutzbar
- (einfach) syllabischer Typ
Kriterium: Silbenhaftigkeit der Sprache; Beispiel: ungarische Volksdichtung
- (komplex) syllabisch-prosodischer Typ
Kriterium: Silbenhaftigkeit und prosodische Eigenschaften, pro Typ jeweils eine
- tonaler Typ
zusätzliches Kriterium: Tonhöhe (frequency-defined); reduziert auf nicht-eben und eben; Beispiel: klassische chinesische Dichtung
- dynamischer Typ
zusätzliches Kriterium: Akzent (energy-defined); reduziert auf schwer und leicht; Beispiel: deutsche und englische Dichtung
- quantitierender Typ
zusätzliches Kriterium: Silbenqualität (time-defined); reduziert auf lang und kurz; Beispiel: klassische griechische und arabische Dichtung
Anmerkung: widerspricht: bei griechischem keine temporale Basis der Silbenqualität
- Wagenknecht beschreibt sieben verschiedene Typen, die durch die An,- bzw. Abwesenheit der drei Merkmale charakterisiert sind
- nach Silben gezählt
- nach Größen geordnet
- nach Reimen gebunden:
Aber:
- Einbeziehung der Reimbindung
- Akzent und Silbenhaftigkeit spielen in jeglicher Form sprachlicher Äußerung eine Rolle, Reim ist aber ein zusätzliches Phänomen, daß nicht in jeder sprachlichen Äußerung vorkommen muß (z. B. Stein und Bein frieren basiert auf Phraseologismen mit Reimprinzip Alliteration - Stabreim), zusammen mit metrischer Organisation auftreten kann, aber nicht muß
- Takt als rhythmische Größe
- Auf welchen Grundlagen basiert ein Versifikationstyp?
Einzelne Versifikationstypen beziehen sich auf metrische Einheiten. In welcher Weise werden sie auf sprachliche Größe bezogen?
- Position: normal wird eine Position von einer Silbe besetzt
Durch z. B. Diphtonge können auch zwei Silben eine Einheit besetzen
Beim syllabotonischen Verstyp: Position gehört immer einer von zwei Klassen an (+ strong) à Hebung; (- Strong) à Senkung
Hebung und Senkung: realisiert durch betonte und unbetonte Silben
Versfuß: kleinste strukturelle Einheit bestimmter Versifikationstypen; Kombination von 2 oder 3 Silben von denen (nur) eine Hebung ist
Takt: umfaßt eine Hebung und alles Folgende, ausschließlich der nächsten Hebung
Voraussetzung: Sprechtakt, eine sprachliche Größe und musikalisch-rhythmisches Prinzip à stärkere Tendenz als der Sprechrhythmus zur Isochronie der Takte und Gruppierung von (zweimal) zwei Viererformationen
Weiteres Merkmal: kanonisches Vorhandensein bestimmter Lautfiguren (germanischer Stabreim)
Schema der Deutschen Versifikationstypen
| |
einfach |
komplex |
komplex |
komplex |
| |
Position |
Hebung |
Fuß |
Takt |
| Syllabisch |
+ |
- |
- |
- |
| Syllabotonisch |
+ |
+ |
+ |
- |
| Fußmessend |
- |
- |
+ |
- |
| Akzentuierend |
- |
+ |
- |
- |
| Taktierend |
- |
- |
- |
+ |
+ Relevanz / - Irrelevanz des Kriteriums
2. Der syllabische (silbenzählende) Versifikationstyp
- Metrisches System der polnischen Dichtung
- Untergeordnete Rolle im Deutschen und Englischen
- Folgt romanischem Vorbild des Silbenzählens
- Prinzip ist unökonomisch, da im Deutschen durch den Akzent eine Gruppenbildung leicht möglich ist
- Rein syllabische Dichtung im Deutschen oft mit Endreim gekoppelt
- Unterscheidung zwischen Position und Silbe wichtig im Renaissancevers:
Seele + und (3 Silben) à Seel + und (2 Positionen)
| Beispiel: |
Nun auff heint hab ich liebe Gäst
Meine verwandte und mein best
Freund, Gesellen und gut Nachbawren
Derhalb sol mich kein unkost trawen
Mit den auff frölich zu sein
Und sampt der jungen Frawen mein. (Hans Sachs (zitiert nach Albertsen))
|
3. Der syllabotonische Verstyp
- Metrisches System der russischen Dichtung
- Regelmäßiger Wechsel betonter und unbetonter Silben
- Unterschied zu den fußmessenden Metren: konkrete Verszeilen in syllabotonischem Versmaß kann man nicht durch andere Versfüße beschreiben à Ebene der sprachlichen Realisierung wird vermischt mit der Ebene des abstrakten metrischen Schemas (Unterscheidung der Ebenen sehr wichtig; Abweichen kann aber gewünscht sein, um Monotonie zu vermeiden)
- Im Deutschen fallen auch Silben, die nicht den Hauptakzent tragen oder unbetont sind, auf Hebungen (Líebenden); Im Englischen oft Einsilbler, die einer lexikalischen Kategorie angehören (und daher keine leichten Silben sind) fallen auf eine Senkung (gòod mén)
- Aber: emphatischer oder Kontrastakzent spielt nicht die gleiche Rolle wie ein normaler Wortakzent oder Phrasen -bzw. Satzakzent
| Beispiel: |
Was? schadet dir ein Kuß?
Was schadet dir ein Kuß?
|
- Klassische und moderne Dichter plazieren gern durch emphatischen Akzent hervorgehobene Silben auf Senkungen
| Beispiel: |
Íhn freuet der Besitz; íhn krönt der Sieg (Goethe, Iphigenie auf Tauris)
|
| oder |
The words wé would not speak théy use,
The deeds wé would not act théy flaunt,
Óur nervous silences théy bruise (Elizabeth Jennings, Ghosts) |
- Gestattet als Einziger das counterpointing (Kontrapunktion) durch doppelte Fixierung der Bauelemente (durch Zahl und exakte Angabe ihres Arrangements)
- Erfolg dank enormer Flexibilität in der Zuordnung von sprachlichen und metrischen Einheiten; das Alternieren ist dem Deutschen und Englischen gemein
- Akzentumsprung stress shift
- Komposita: Hándschuh à Fáusthandschùh
- Syntaktische Phrasen: Generál
à Géneral Hindenburg; home-máde à hóme-made ale (iambic reversal)
- Welches Versmaß ist für das Deutsche natürlicher?
Trochäus bildet die Wortstruktur besser ab, der Jambus die Phrasen- und Satzstruktur à Jambus für Konstruktion möglichst natürlicher Verse geeignet (z. B. im Drama)
- Kommt mit und ohne Reimbindung vor (teilweise sogar im gleichen Text)
| Beispiel: |
Sein Geist ist, der mich ruft. Es ist die Schar
Der Treuen, die sich rächend ihm geopfert.
Unedler Säumnis klagen sie mich an.
Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen,
Der ihres Lebens Führer war - Das taten
Die rohen Herzen, und ich sollte leben!
- Nein! Auch für mich ward jener Lorbeerkranz,
Der deine Totenbahre schmückt, gewunden.
Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden.
Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden,
Da war das Leben etwas. Glänzend lag
Vor mir der neue goldne Tag!
Mir träumte von zwei himmelschönen Stunden. (Schiller Wallensteins Tod)
|
4. Der fußmessende Versifikationstyp
- Orientiert sich an klassischen griechischen und lateinischen Vorbildern
- Ausschluß bestimmter anapästisch-daktylischer Verse
| Beispiel: |
Nur wer die Leier schon hob
x x x x x x x
wie Wolkengestalten (Rilke, Die Sonette an Orpheus)
x x x x x
|
- Bestimmte Einsetzungsmöglichkeiten eines Fußes durch einen anderen an bestimmten Verstellen, je nach metrischem Schema
- Keine Diskrepanz zwischen metrischer Einheit Fuß und sprachlicher Realisierung der Silbenzahl erlaubt
- Kein Zählen von Positionen
- Spannung (Doppelbelastung des Akzents) die die einheitliche Wahrnehmung behindert.
- Problem der Gewichtigkeit von Silben à Spannung zwischen Metrum und Sprache
- Häufung von schweren Silben ungewöhnlich im Deutschen (unglückliche Formulierung)
Ein hinkjambus oder Choliambus (Hebungsprall) am Ende einer Verszeile à Zeichen des Spotts (nach 5 Jamben metrische Pointe als Trochäus)
| Beispiel: |
drum musst du heut bei tafel statt an versrhythmen
Mit deinem bruder dich erfreun an ersnthaftern
indogermanischen sprachvergleichungsgrundsätzen (Geibel An Denselben)
|
Unterbesetzung von Hebungen à nicht mehr als Hebung erkennbar
| Beispiel: |
Daß ich schon so lange Mensch bin, daß schon so viele Gerechte (Klopstock, Messias)
x x x x x x x x x x
x x x x x x x x x x |
- Weitere Realisierungsform:
- durch Gleichsetzung von Fuß und Takt konnte sich Ampibrachys (xxx) nicht gegen Daktylus (xxx) durchsetzen (Wort- und Phrasengrenzen entscheidende Rolle)
Möglichkeit: Fußgrenzen konvergieren mit Wort- und Phrasengrenzen ; auch durch amphybrachysche Wortfüße wie erschláffen, erínnert, um eine Verwechslung auszuschließen.
- Auch durch äußerliche Kenntlichmachung: Punkt und Betonung der Zäsur.
- Dichter diktierten oft dem Rezipienten Versifikationstyp und metrisches Schema (nicht bei Hexameter: Teil der Allgemeinbildung xxxxx), durch Voranstellung vor den Text à Schema nicht nur erkennen, sondern auch bestimmte Textform (+ traditionelle Inhalte) identifizieren
5. Der akzentuierende Versifikationstyp
- Vertreten durch germanischen Stabreimvers
- Unterschied zum taktierenden Verstyp oft fließend à schwer zu bestimmen
- Akzentuierender: zählt nur die Hebungen, Gesamtsilbenzahl irrelevant
- Taktierender: zählt nur die Takte
à Unterscheidung von Hebung und Akzent bleibt, da keine eindeutige Beziehung zwischen Hebung und betonter Silbe (viele Verse enthalten mehr betonte-hebungsfähige Silben als Hebungen)
- Keine Unterscheidung mehr zwischen akzentuierendem und taktieren Verstyp beim neuhochdeutschen Vers, denn Sprachakzent und Sprechtakt bilden Nexus: best. Silben stärker betont als andere à Takt (gleiche zeitliche Wahrnehmung wie Betonung von Silbengruppen)
- Problematik der Zuordnung von Hebungen und betonten Silben:
- Germanisch: Rhythmus auf Wortakzent; heute: Rhythmus auf Satzakzent
à es gibt keine sichere Regel, auf welcher Wortart die Hebung ist
In neueren akzentuierenden Versen gibt der Dichter eine bestimmte Hebungszahl im Vers vor, und der Rezipient setzt sie dann selbst gemäß der Vorgabe; Aber: meistens mehrere Möglichkeiten
| Beispiel: |
In Pólen im Jáhr Neununddréißg
War eine blútige Schlácht
Die hatte viele St´ädte und D´örfer
Zu einer Wíldnis gemácht. (Brecht, Kinderkreuzzug)
|
à Nicht immer Übereinstimmung von Hebung und Akzent. Diese Strophe könnte auch taktierend sein
|
| |
Sie wollten entrinnen den Schlachten
Dem ganzen Nachtmahr
Und eines Tages kommen
In ein Land, wo Frieden war
|
à Kann man als zweihebig auffassen, oder die beiden äußeren als zwei- die beiden mittleren als dreihebig, oder man kann sie dreihebig interpretieren:
|
| |
Da war eine Schule
Und ein kleiner Lehrer für Kalligraphie.
Und ein Schüler an einer zerschossenen Tankwand
Lernte schreiben bis zur Frie...
|
| oder: |
Da war eine Schule
Und ein kleiner Lehrer für Kalligraphie.
Und ein Schüler an einer zerschossenen Tankwand
Lernte schreiben bis zur Frie... |
| oder: |
Da war eine Schule
Und ein kleiner Lehrer für Kalligraphie.
Und ein Schüler an einer zerschossenen Tankwand
Lernte schreiben bis zur Frie...
|
à Ratlosigkeit beim Rezipienten:
- Hebungen müssen deutlich erkennbar sein, um als akzentuierender Vers erkannt zu werden. Wenn das unmöglich ist
à kein Metrum erkennbar
Tendenz zum Parallelismus: Hat sich Rezipient für eine Lesart entschieden, wird er sie beibehalten
- Grandiosestes Beispiel für Verstyp: Hopkins´ The Wreck of the Deutschland
Folgen von Hebungen ohne Senkungen dazwischen oder zerrissen durch viele Senkungssilben
| Beispiel: |
World´ s strand, sway of the sea
0 0 2
Remember us in the roads, the heaven-haven of the reward
4 1 6
|
6. Der taktierende Versifikationstyp
- Läßt sich besten im Vergleich mit akzentuierenden beschreiben
- Gemeinsam: Gesamtsilbenzahl spielt keine Rolle, Hebungen sind wichtig, allerdings nur, weil jeder Takt mit einer Hebung beginnt
- Unterschiedlich:
Taktierender Verstyp: Primär Takt, Sekundär Akzent, Pause möglich
Akzentuierender Verstyp: genau umgekehrt, hier ist Takt nur wichtig als reiner Sprechtakt
- Wichtigster Bauteil des Verses: der Takt; Grundeinheit: Strophe
- Reimbindung
- Deutliche Verstärkung der Tendenz zur Isochronie in Richtung musikalischer Takt; stärkere Isochronietendenz als akzentuierender Verstyp
- Musikalisches Prinzip: nicht jeder Takt muß mit einem Klangereignis gefüllt sein, kann (ganz oder teilweise) pausiert sein, da Tendenz zur Periodenbildung von 4 Takten so stark, daß unter bestimmten Umständen eine sprachliche Kette mit weniger Hebungen durch Pausierung als taktmäßig äquivalent zu einer benachbarten erscheint à Prinzip der Füllungsfreiheit
| Beispiel: |
Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen.
Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
Da wird das Herz noch gewogen.
Da tritt kein anderer für ihn ein,
Auf sich selber steht er da ganz allein (Schiller, Wallensteins Lager, ausdrücklich als Lied gekennzeichnet)
|
à Einführung eines pausierten Taktes rezitatorisch möglich
|
- Wie notiert man ein taktierendes Schema?
x / xvv / xvv / xx / x
x / xvv / xvv / xx / ^
x / xvv / xvv / xvv / x
x / xx / xvv / xx / ^
x / xx / xvv / xx / x
vv / xx / xvv / xx / x (^ ist eine Pause) für Schiller, Wallensteins Lager
- Kein metrisches Schema, sondern abstrakte Darstellung der sprachlichen Realisation des metrischen Schemas
- Berücksichtigt zwar Silbenzahl, aber nicht Zahl der betonten Silben, sondern Hebungen
- Je mehr Silben in einem Takt gesprochen werden, desto kürzer ist die Dauer der einzelnen Silben, für gleichmäßigen Sprechfluß: unregelmäßiger Wechsel von zwei- und dreisilbigen Takten
- Taktierende Gedichte gut vertonbar (Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen);
- Überwiegend liedhafte Gedichte und Balladen
- Werden als taktierend wahrgenommen, wenn sie deutlich sichtbar in 4 Takte strukturiert sind
- Grad der Isochronie abhängig von der Intensität der (gelesenen) Akzente
- Abhängig von sprachlicher Realisation der Hebungen
7. Vergleich der Versifikationstypen
- Syllabischer: verträgt keine große Differenz zwischen Zahl der Positionen und Silben
- Syllabotonischer: läßt durch doppelte Determininiertheit durch Zahl der Positionen (und Fußkonzept) metrische Komplexität zu
- Fußmessender: Jeder Fuß muß deutlich erkennbar sein (Stärke der Hebung und Lage der Silben)
- Akzentuierender und Taktierender: Grundlage Hebung
Unterschied zur Musik: in der Dichtung führen sehr leichte Hebungen oder zusätzliche Akzente zur Störung der Isochronie; oder es bilden sich Takte, die nicht ins metrische System passen
Quellenangabe:
Christoph Küper: Sprache und Metrum. Semiotik und Linguistik des Verses, Tübingen 1988 (S. 253-281)
Christian Wagenknecht: Deutsche Metrik. Eine historische Einführung, München 1981
Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 1989
|