LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik

Referat vom 17.12.01
Referent: Markus Schmidt
Thema: Metrum und Interpretation






Metrum und Interpretation
(anhand eines ausgewählten Gedichtbeispieles aus J.W. Goethe, West-östlicher Diwan)






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Sie haben wegen der Trunkenheit

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Vielfältig uns verklagt,

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Und haben von unsrer Trunkenheit

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Lange nicht genug gesagt.

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Gewöhnlich der Betrunkenheit

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Erliegt man bis es tagt;

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Doch hat mich meine Betrunkenheit

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In der Nacht umher gejagt.

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Es ist die Liebestrunkenheit,

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Die mich erbärmlich plagt,

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Von Tag zu Nacht, von Nacht zu Tag

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In meinem Herzen zagt.

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Dem Herzen, das in Trunkenheit

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Der Lieder schwillt und ragt

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Daß keine nüchterne Trunkenheit

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Sich gleichzuheben wagt.

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Lieb-, Lied- und Weines Trunkenheit,

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Obs nachtet oder tagt,

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Die göttlichste Betrunkenheit,

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Die mich entzückt und plagt.

(aus Saki Nameh, Das Schenkenbuch, S. 95)




  • Reimschema: abababababxbabababab (strophenlos), 20-zeilig
    „Quasi-Ghasele“: kein Königsbait, b-Reimbindung der geraden Verse, nur 1 Waise
    identische, reiche Reimbindung der ungeraden Verse

  • regelmäßiger Wechsel von 3-hebigen und 4-hebigen Jamben
    durchgehend männliche Kadenz => Synaphie (Ausnahme: Verse 3,4 u. 17,18)

  • Sprecher ist der Schenke, ein junger Knabe, der von dem Dichter dazu auserkoren wird
    ihn mit Wein zu versorgen, da er sich mit dem Kellner überworfen hat.
    (erotische Stimmung, Konkurrenz zu weiblichen Wesen)
    Keine semantisch identischen Reime => Steigerung der Trunkenheit über Liebestrunkenheit
    und Trunkenheit der Lieder bis hin zur „göttlichsten“ Trunkenheit
    Gegesatz zu originalen Ghaselen von Hafis








Literatur:

J.W. Goethe, West-östlicher Diwan, 8. Auflage 1988, Frankfurt a. M.
Hendrik Birus (Hrsg.), Johann Wolfgang Goethe – Sämtliche Werke, Briefe,
Tagebücher und Gespräche: Band 2, West-östlicher Diwan
Karin Helm, Goethes Verskunst im West-östlichen Diwan





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letzte Änderung: 26.01.02