LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik
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Referat vom 21. 01. 02
Referentin: Gundula Schiffer
Thema: Erläuterungen zu den Strophenformen Ritornell und Terzine |
Ritornell und Terzine
1. Das Ritornell:
- von italienisch ritornello, Verkleinerungsform zu ritorno = Wiederkehr
- alte Form der italienischen Volkspoesie, die in diesem Kontext zunächst in zahlreichen Volksdichtungen und Volksliedern auftaucht
- beliebig viele dreizeilige Strophen, Reimschema axa, seltener aax oder xaa, wobei statt Reim auch Assonanz auftreten kann (auch bei der eigentlich reimlosen Mittelzeile); ursprünglich bildete ein Ritornell, also eine Strophe allein, das ganze Gedicht; Metrum variabel, in der Kunstdichtung Endecasillabo bevorzugt, im Deutschen diesem gemäß aus jambischen Fünfhebern mit weiblicher Kadenz bestehend, im Französischen durch den vers commun vertreten
- die erste Zeile ist oftmals bedeutend kürzer (meist nur ein Wort) als die dritte Zeile und enthält einen kurzen Ausruf oder eine Frage; bei dem Ausruf handelt es sich meist um Anrufung bzw. Nennung einer Blume, diese erste Zeile wird dementsprechend nach ital. Vorbild auch als Blumenruf bezeichnet
- wird die Eingangszeile durch Verkürzung und teilweise auch durch Rhythmisierung besonders betont, handelt es sich eindeutig um ein Ritornell, bei gleicher Länge der Verse besteht Nähe zur unechten Terzine
- durch die fehlende Reimverzahnung erhält die Ritornellstrophe eine stärkere Einheit als die Terzinenstrophe, bei der sich die Reimverkettung ohne graphisch gesetzte Strophenbegrenzung ins Endlose fortsetzen kann
- erhält im 19. und 20.Jh. zusammen mit anderen Gedichtformen romanischer und orientalischer Herkunft Eingang in Deutschland; als eingeführt gilt es in der Romantik durch Fr. Rückerts Ritornelle (1818), wobei sein Blumenruf daktylisches Metrum aufweist; durch Vertauschung von Hebung und Senkung erhielt der Blumenruf das im 20.Jh. bevorzugte jambische Metrum; im Deutschen im Gegensatz zur ital. volkstümlichen Tradition mit oft satirischer Tendenz gehobene Kunstform der Liebes- und Gedankenlyrik geblieben; die Herkunft der Gedichtform bedingte meist auch eine südlich inspirierte Themenwahl; mit der Wende zum 20.Jh. wurden auch andere Themen in der Form des Ritornells reflektiert; im Verlauf des 19.Jh. ist eine allmähliche Abnahme der Geltung des Ritornells zu verzeichnen; außer von Fr. Rückert besonders von W. Müller und P. Heyse in Übersetzungen und eigenen Gedichten verwendet worden
Der Begriff ritornello in der italienischen Metrik:
- bezeichnet einen Vers oder eine Gruppe von Versen, der bzw. die ein metrisches bzw. strophisches Schema abschließen; findet Verwendung in der ballata; Synonyme sind refrain, ripresa und lat. responsorium
- grundsätzlicher Gebrauch in der ballata: bildet die erste Strophe derselben, wobei der letzte Reim dieser Eingangsstrophe zumeist am Ende der stanza wiederholt wird (siehe Schema)
2. Die Terzine/Terzarima
- von italienisch terzo = der Dritte; Herkunft im Italienischen unterschiedlich erklärt: enstanden aus Streitgedichten oder aber Sonderform der provenzialisch-italienischen Serventese (Dienstlied), kunstmäßige Verwendung als episches Grundmaß zuerst in Dantes Divina Commedia? Dante gilt manchen daher auch als Schöpfer dieser Strophenform, der diese eigens für sein Epos entwickelte
- ital. Strophenform aus drei jambischen Elfsilbern, im Italienischen: weiblich endende Endecasillabi, im Deutschen akatalektische (d.h. vollständiger letzter Fuß = männl. Versausgang) und hyperkatalektische (d.h. eine überzählige Silbe im letzten Fuß = weibl Versausgang) fünffüßige Jamben (alexandrinische Sechsheber und andere Versgänge ebenfalls denkbar) in regelmäßigerem oder freierem Wechsel, im Französischen: vers commun
- vier Möglichkeiten hinsichtlich der Kadenzen im Deutschen: 1. ganz männlich, 2. weiblicher Mittelvers, 3. weibliche Außenverse, 4. ganz weiblich => grundsätzliche Schwierigkeit in der deutschen Sprache, immer einen weiblichen Versausgang zu bilden; am häufigsten: Gedichte, bei denen ganz nach italienischem Vorbild nur weiblich reimende Strophen aufeinander folgen, am zweithäufigsten: Gedichte mit einfachem Reim- und Strophenwechsel = 2. => 3. => 2. => 3.
- Reimschema aba bcb cdc...yxy yzyz => an die letzte Strophe wird also als Abschluss eine Schlusszeile mit dem Mittelreim der letzten Terzine angehängt, so dass kein freier Reim übrigbleibt, es entsteht ein Kreuzreim; kann aufgrund Reimordnung auch schon für global geordnet gelten (Wagenknecht, S.71)
- theoretisch ein sich ins Unendliche fortsetzender Kettenreim, der die innere Geschlossenheit der Einzelstrophen bricht und sie zu einer durch Reim verzahnten Reihe dreizeiliger Perioden oft mit Strophensprung (= Satz schließt nicht mit Strophenende ab, sondern greift in die nächste Strophe hinüber) aneinander reiht
- künstlerisch zu meisternde Schwierigkeit = der innere Widerspruch zwischen in sich gerundeter Form des Dreizeilers und versverkettendem Reim; Eigenart der Terzine = die der Theorie nach geforderte Strophenabgrenzung durch Sinnesabschluss nach jeder Strophe bei gleichzeitigem Verbundensein der Strophen durch den Reim => drängender Charakter der Terzinen
- Wesen jeder Strophe ist es, mehrere Verse zu einer wiederkehrenden, aber jeweils in sich gerundeten Form zu vereinen => versverkettender Reim wirkt dem entgegen => Widerspruch scheint aufgehoben bei Betrachtung der Terzine nur als Reimordnung fortlaufender Verse erzählender Gedichte => Schreibweise ohne Zwischenraum
- trotzdem: mit jedem zum drittenmal erklingenden Reim wird syntaktisch und dem Gedanken nach ein Einschnitt erwartet => jede Strophe kann Erzählschritt markieren, Ausdruck einer Empfindung sein oder einen Gedanken gemäß dem Schema These-Antithese-Synthese entfalten
- Dreizahl unterstützt mögliches Schema These-Antithese-Synthese; Reimverkettung günstig für Verknüpfung weltweiter Ideen; geeignet für mysteriöse Themen; gehoben-feierlicher Ton; dieses im Italienischen epische Maß wendet sich im Deutschen mehr ins Lyrische (schon bei Goethe im Monolog des Faust im zweiten Teil der Tragödie, V.4679ff.)
- besondere Beachtung in Deutschland erhält die Terzine in der Romantik, vor allen Dingen durch die Dante-Übersetzungen um 1800; erstes Vorkommen jedoch wahrscheinlich schon am Ende des 16.Jh.s bei Paul Schede Melissus (Psalmenübersetzung, 1572); weitere Nachbildungen in der geistlichen Lyrik des Barock und in der Odendichtung des 18.Jh.s; Goethe schätzte die Terzine zunächst nicht besonders, wurde aber durch Karl Streckfuß` Dante-Übersetzung und durch A.W.Schlegels Verwendung der Strophenform zu eigenen Versuchen angeregt; die Romantiker verwendeten die Terzine besonders bei Übersetzungen (z.B. W. Schlegel bei der von Dantes Divina Commedia), aber auch in eigener Lyrik und im Drama; besonders häufig verwendet von W. Schlegel, Fr. Schlegel, Tieck, Chamisso, Rückert, Platen, Herwegh, H.v.Hofmannsthal
- Formtradition begründenden Anstoß durch Chamissos zahlreiche exotisch situierten Balladen und poetischen Erzählungen => Bevorzugung fremdländischer Stoffe lässt sich bis in das 20.Jh.verfolgen
- neben Überlieferung als Balladenstrophe in Deutschland auch als Widmungsgedicht verwendet worden
- unechte Terzine = Mittelverse werden reimlos gelassen: axa bxb... => auf das Eigentliche der Terzine, die Verkettung der Strophen wird verzichtet; eigentliche Terzine = das umarmende Verspaar jedes folgenden Dreizeilers reimt auf den Mittelvers des vorhergehenden => vornehmste Gestalt des Dreizeilers (Frank, S.54)
Die terzina in Italien:
- aus der dreizeiligen Form der Serventesenstrophe mit Reimverkettung schuf Dante die Terzarima, indem er die Verkettung durchlaufend machte; terzina wurde bald zu einer der beliebtesten Versverbindungsschemata der ital. Dichtung, nicht zuletzt dank Dantes Beispiel im 14.Jh. zum Metrum für das allegorische Lehrgedicht geworden;
- seit dem 15.Jh.: als Äquivalent des elegischen Distichons der antiken Literatur und der stichischen Dichtung in Hexametern in Übersetzungen von Vergils Bucolica und Georgica und entsprechender italienischer Eklogendichtung, ferner für Episteln und Elegien, für die Übersetzung von Ovids Heroiden, ferner für die burleske Dichtung und für die Satire von Ariost; im 19.Jh. terzarima als Metrum für das lyrische Gedicht
- capitolo als Ausdruck für einen Abschnitt in einer Serie von Terzinen nach dem Schema zyz-y => Beispiel Petrarcas Trionfi => bald Terminus für jedes Gedicht aus Terzinen mit Schlussvers; im 14.Jh. vorwiegend moralischer oder politischer Inhalt entsprechend dem Ursprung der Terzine als Serventesenstrophe; bei den Manieristen des ausgehenden 15.Jh. (presecentisti) auch in der Liebesdichtung verwandt; 16.Jh.: wird durch Berni und die poesia bernesca zur bevorzugten Form für burleske Dichtung => seitdem unter capitolo schlechthin das burleske capitolo berneso verstanden
Allgemeines zur Überführung ausländischer Gedichtformen ins Deutsche:
- Überführung englischer, italienischer, französischer, spanischer wie auch morgenländischer Strophenformen in das Deutsche hängt mit einem sich verändernden Weltbewusstsein der Menschen des ausgehenden 18.Jh. zusammen => zunehmende Weltoffenheit und Interesse an anderen Kulturen => Goethe prägt den Begriff der Weltliteratur
- dreizeilige Strophen sind in der deutschen Dichtung durchweg problematisch geblieben; Dreizeiler steht außerhalb des gewöhnlichen Bauprinzips, wonach der geläufige Reim zwei Verse verknüpft, sich zwei Reime zu einem Vierzeiler fügen und dementsprechend geradzahlige umfangreichere Strophen entstehen
Literatur:
- Arndt, Erwin: Deutsche Verslehre. Ein Abriss. Berlin 121990, S.203-206, S.218, S.242-243
- Ciupke, Markus: Des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch. Die metrische Gestaltung in Goethes Faust. Göttingen 1994, S.274, S.287-288
- Elwert, W. Theodor: Italienische Metrik. München 1968, S.120-126
- Frank, Horst Joachim: Handbuch der deutschen Strophenformen. München, Wien 1980, S.53-56, S.64-69, S.71-72
- Giorgio, Bertone: Breve dizionario di metrica italiano. Piccola Biblioteca Einaudi, Nuova serie, 13, Saggistica letteraria e linguistica. Torino 1999, S.27/28, S.170/171
- Merker, Paul/Stammler, Wolfgang (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Dritter Band. Berlin 1928/1929, S.57, S.351
- Wagenknecht, Christian: Deutsche Metrik. Eine historische Einführung. München 1981, S.76, S.135, S.137, S.70/71
- Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 71989
Gedichtbeispiele:
- Alighieri, Dante: Die Göttliche Komödie. Italienisch und deutsch, übersetzt und kommentiert von Hermann Gmelin, Band II, Zweiter Teil, Purgatorio - Der Läuterungsberg. München 1988, S.6/7
- Heyse, Paul: Der verlorene Sohn, in: Paul Heyse, Gesammelte Werke, Dritte Reihe, Band 5 (Hadrian/Alkibiades. Gedichte und Übersetzungen). Lebensbild von E. Petzet. Stuttgart Berlin-Grunewald o.J., S.252/253
- Rückert, Friedrich: XI. Ritornelle, II. Blumen und Blätter; Ritornelli. (L`Ariccia, alla vigilia della festa di S.Pietro e Paolo) 1817, in: Friedrich Rückerts Werke, historisch-kritische Ausgabe, >Schweinfurter Edition<, Werke 1817-1818 (Gedichte von Rom und andere Texte der Jahre 1817-1818), hg. von Rudolf Kreutner und Hans Wollschläger, bearbeitet von Claudia Wiener. Göttingen 2000, S.385; S.565
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