LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik |
Referat vom 26.11.01
Referentin: Gundula Schiffer
Thema: Metrik in ihrer Verbindung zum semantischen Aussagegehalt
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Metrik in ihrer Verbindung zum semantischen Aussagegehalt:
1. Elise Riesel: Stilistische Ausdruckswerte der metrischen Formen (1959);
2. Analysebeispiele nach Markus Ciupke: Des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch. Die metrische Gestaltung in Goethes "Faust" (1994)
1. Teil: Wesentliches in der Argumentationsstruktur der Untersuchung Riesels im Hinblick auf den Nexus Metrum-Semantik
- Festlegung von Gegenstand und Ausgangspunkt der Untersuchung Riesels: Beziehung der metrischen Formen zum gedanklichen Inhalt, den sie vermitteln sowie Zusammenwirken derselben mit den sprachlichen Ausdrucksmitteln phonetischer, grammatischer und lexisch-phraseologischer Art à Emil Staiger: Bemühen, "zu begreifen, was uns ergreift"
- nach Aufwerfen zweier Fragen und deren Verneinung Aufstellen einer ersten These: auf 1. Ist die Wahl des Versmaßes von Thematik und Stimmungsgehalt abhängig1 und 2. Besitzen die einzelnen Versmaße absolute Qualitäten, die sie an bestimmte Gedankeninhalte binden? antwortet Riesel mit deutlichem Nein:
- Versmaße (z.B. die vier Grundversmaße der deutschen Dichtung: Trochäus, Jambus, Daktylus, Anapäst) besitzen wie andere stilistische Merkmale keine absoluten Ausdruckswerte
- der stilistische Ausdruckswert wird vielmehr im jeweiligen Kontext der komplex zusammenwirkenden unterschiedlichen stilistischen Faktoren des Sprachkunstwerks entfaltet
- dem Versmaß kommt lediglich die Funktion des Bekräftigens eines bereits vorhandenen Ideengehalts zu
- das Versmaß unterstützt die lexisch-phraseologischen, grammatischen und phonetischen Ausdrucksmittel, die den Hauptanteil am Inhaltsausdruck ausmachen
- Aufwerfen dritter Frage, aus der sich zwei neue Thesen ergeben: auch 3. Sind den größeren metrischen Ordnungseinheiten (Verszeile, Strophen- und Gedichtform) absolute inhaltliche und stilistische Qualitäten eigen? verneint Riesel:
- auch die größeren metrischen Einheiten besitzen keine absoluten, unter allen Umständen gültigen Ausdruckswerte
- aber: dennoch existieren gewisse literarisch-poetische Traditionen, die ihrerseits auf dem Zusammenwirken einzelner metrischer Faktoren (Art der Versmaßverbindung, Arten des Versausgangs, Arten des Reims etc.) beruhen
- Bespiel für literarisch-poetische Tradition im Deutschen: Verwendung der Stanze in vorwiegend feierlichem Kontext à aber: daraus folgt nicht die automatisch feierliche Qualität der Stanze und umgekehrt genauso wenig die obligatorische Bindung erhabener Thematik an die Strophenform der Stanze
- zur Veranschaulichung der ersten These (größere metrische Ordnungseinheit ≠ absoluter Ausdruckswert) führt Riesel die weite Verbreitung des Sonetts im Deutschen an, das inhaltlich ganz unterschiedliche Füllungen erfahren hat: z.B. A. W. Schlegel ("Mustersonett" (was auf formaler Ebene mustergültig verwirklicht wird, wird auch inhaltlich thematisiert) als Preis auf die Schönheit desselben), Heinrich Heine (burleskes Sonett mit komisch-satirischem Inhalt), J. R. Becher (Einführung der in Verbindung mit der Form des Sonetts ganz neuen Thematik des Kämpferischen und Politischen)2
Riesels Ablehnung einer metrischen Skansion ohne Berücksichtigung eines möglicherweise Regelabweichung fordernden Gedanken- und Gefühlsinhalts:
- Riesel kritisiert die deutsche Schulmetrik, die metrische Systeme wie Schablonen auffasst, denen das poetische Werk anzupassen ist. Einer dadurch verursachten Sinnenstellung wird keine Beachtung geschenkt.
- Bewusstmachung, dass einer Unregelmäßigkeit im Versbau gerade ein besonders wichtiger Inhalt entsprechen kann
- als Beispiel für einen metrischen Normenverstoß dient der Hochtonhiatus = Zusammenstoß zweier Akzente/betonter Silben (vgl. Riesel, S.350) à Inhalthervorhebung durch Fehlen der unbetonten zwischen den beiden betonten Silben
- Stilistische Ausdruckswerte der verschiedenen Reimtypen
- Paarreim (aabb) und Kreuzreim (abab) vor allem Merkmal der deutschen Volkslieddichtung; Paarreim Merkmal des Knittelverses sowie häufig im alten deutschen Volkslied; deutsche volkstümlich orientierte Dichtung verwendet gerne den Kreuzreim
- Besonderheit: unterbrochener Reim (xaxa) in der alten deutschen Volksdichtung anzutreffen
- Anfangs- Mittel- und Binnenreime: bei Häufung spielerische Wirkung
- Unreine Reime: auffällig häufiges Auftreten in der deutschen Sprache durch Aufgliederung der Sprache in Dialekte und der darauf beruhenden Reimtradition à in der deutschen Poetik schon seit dem 17.Jh. Reime von labialisierten und nicht labialisierten Vokalen zugelassen (ü-i, ö-e, eu-ei); diese Reimtechnik insbesondere im deutschen Volkslied anzutreffen, aber genauso auch in der "hohen" Dichtkunst (z.B. Goethe, Schiller, Heine)
- Assonanz = unvollständiger Reim als Vorläufer des vollständigen Endreims in der deutschen Volksdichtung anzutreffen
- von besonderem Interesse bei semantischer Aussagekraft stilistischer Mittel: Brechung und Spaltung des Reims à z.B. gebrochener Reim = Teilung eines zusammengesetzten Wortes am Versende so, dass das Bestimmungswort die letzte Silbe der Zeile = das Reimwort bildet, während das Grundwort des Kompositums in die neue Verszeile übernommen wird (Beispiel: Hans Sachs war ein Schuh- / macher und Poet dazu. (Spottvers)) und gespaltener Reim = Bildung eines klingenden Reims, indem sich ein zweisilbiges Wort auf zwei einsilbige reimt (Beispiel: basta Das da! (Erich Weinert)); eignet sich besonders gut für satirische Zwecke (z.B. Heine in den Lobgesängen auf König Ludwig)
Stilistische Ausdruckswerte der Versanordnung (Riesel/Ciupke) - Vergleich der Definitionen von Formen der Versbrechung bei 1. Riesel und 2. Ciupke3
- 1. Zeilenstil = jede Verszeile drückt einen abgeschlossenen Gedanken aus, einfache syntaktische Struktur, jede Zeile ein selbständiger Hauptsatz, in selteneren Fällen ein abgeschlossener Nebensatz, literarisch-poetische Tradition: volkstümlich à Beispiel Goethes Erlkönig:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
- Hakenstil = komplizierterer Satzbau: Gedanke schlängelt sich durch zwei oder mehrere Zeilen hindurch, Pausen nach den einzelnen Zeilen bedeutend reduziert à Beispiel Goethes Prometheus:
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrt` ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär`
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
- Zeilensprung/Enjambement = Übergang eines Satzes von einer Zeile in die andere und auch von einer Strophe in die andere4 à Beispiel Hölderlins Der Mensch:
Kaum sproßten aus den Wassern, o Erde, dir
Der jungen Berge Gipfel und dufteten
Lustatmend, immergrüner Haine
- Riesel warnt nachdrücklich vor einer oberflächlichen Schlussfolgerung wie Zeichenstil = primitiveres Schaffen, Hakenstil = intellektuelleres Schaffen
- 2. Zeilenstil = Versende fällt regelmäßig mit einem syntaktischen Einschnitt oder zumindest dem Ende eines Satzgliedes zusammen, graphische Kennzeichnung durch Satzzeichen nicht zwingend notwendig à Beispiel Faust, V.239-242 (Direktor, Vorspiel auf dem Theater):
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt`ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle
- Könnte man diese Zeilen nach Riesel nicht auch als Hakenstil bzw. Enjambement bezeichnen? à Zeilenstil nach Riesel im Faust z.B. V.300-303 (Mephistopheles, Prolog im Himmel):
Führwahr! Er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
- Hakenstil oder auch Bogenstil = syntaktisches Ende eines Satzes in die Versmitte eines Langverses = allgemein jene Verse, die mehr als vier Hebungen und neun Silben aufweisen, insbesondere solche mit durch Zäsur bewirkter Zweiteiligkeit (z.B. trochäischer Tetrameter, Alexandriner (Beispiel)) gelegt à Beispiel Faust, V.10928-10930 (Kaiser, Des Gegenkaisers Zelt):
Doch zur Bekräftigung bedarf`s der edlen Schrift,
Bedarf`s der Signatur. Die förmlich zu bereiten,
Seh` ich den rechten Mann zu rechter Stunde schreiten.
- Müssten nach Riesels Definition nicht auch folgende Zeilen aus dem Faust, V.590-593 (Faust, Nacht) als Hakenstil bezeichnet werden?:
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
- Zeilensprung/Enjambement = Fortführung einer syntaktischen Einheit und damit eines Sinnzusammenhanges über das Versende hinweg in den folgenden Vers hinein, durch Wegfall der ansonsten obligaten Pause am Versende Sprechtempo gesteigert à Beispiel Faust, V.471-474 (Faust, Nacht):
Es dampft! Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt Es weht
Ein Schauer vom Gewölb` herab
Und faßt mich an!
2. Teil: Ciupke statt Riesel: Eine zeitgenössische Fruchtbarmachung metrischer Analysen in Bezug auf deren fundamentalem Beteiligtsein an der Entfaltung des dichterischen Gedankes
2.1 Beispiele zur metrisch-semantischen Erschließung des Faust durch Ciupke5
2.1.1 Grundlegendes zur Form-Gehalt-Beziehung in Goethes Faust
Panthalis (zweiter Teil, Dritter Akt, Arkadien6, V.9962-9965):
Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los,
Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang,
So des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch,
Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.
à Der Titel des Ciupkeschen Werkes als Zitat aus dem Faust ist somit bereits in besonderer Weise mit der Thematik verbunden. Die in jambischen Trimetern = jambisch-alternierend, sechshebig, reimlos sprechende Begleiterin der Helena mokieret sich über die vorausgegangene an Versarten, Rhythmen und Reimen reiche, opernhafte Euphorion-Szene. Als Gestalt der Antike muss ihr ein solcher "Metrenrausch" fremd sein. (vgl. Ciupke, S. 9 sowie S. 146-154)
Ist der Dichter selbst einer Meinung mit seiner fingierten Gestalt der Panthalis, die im freien Verfügen über das Metrum den Sinngehalt gefährdet sieht?
à "[...] die Form, ob sie schon vorzüglich im Genie liegt, will erkannt, will bedacht sein, und hier wird Besonnenheit gefordert, daß Form, Stoff und Gehalt sich zu einander schicken, sich in einander fügen, sich einander durchdringen." (Noten und Abhandlungen zum Divan, zitiert bei Ciupke, S.17) und durch die Stimme des Mephistopheles: Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt. (erster Teil, Studierzimmer, V.1760)
à zweifacher kohärenter Aspekt der Behandlung des Metrums durch Goethe im Faust macht dessen Einzigartigkeit aus: Reichhaltigkeit der Versmaße, wobei diese jedoch funktional eingesetzt werden (Charakterisierung von Personen und ihren Beziehungen, Kennzeichnung geographischer Räume etc.); antiklassische Tendenz: tatsächliche und absichtliche Regelübertretungen sowie Lizenzen, scheinbarer Genuss an semantisch-stilistischer Nutzbarmachung der Versformen à dieser innovative Aspekt mag zuweilen den Dichter selbst beunruhigt haben, doch rechtfertigte er sich durch Funktionalisierung desselben (vgl. Ciupke, S. 18-21 sowie S. 55); erster Teil: "unbefangen-intuitiv", zweiter Teil: "sehr bewußte Formung der Verse" (Ciupke, S. 27)
2.1.2 Der metrische Faust
Der erste große Monolog des Faust bringt diesen räumlich (befindet sich in engem gotischen Zimmer), inhaltlich sowie auch metrisch in die Nähe des historischen Dr. Faustus aus dem 16. Jahrhundert:
- v v - - v v -
Habe nun, ach! Philosophie,
- v v - v - v -
Juristerei und Medizin,
v - v v - v v -
Und leider auch Theologie
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Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
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Da steh` ich nun, ich armer Tor,
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Und bin so klug als wie zuvor!
- v v - v v v - v -
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
v - v - v v - v -
Und ziehe schon an die zehen Jahr` (V.354-361)
à Knittelverse: Versmaß, wie es von Hans Sachs oder Sebastian Brandt benutzt wurde, Goethe weicht vom Sachschen Vorbild = Achtsilbigkeit bei männl. Ausgang, Neunsilbigkeit bei weibl., Paarreim, häufig Vierhebigkeit und Alternation ab, Goethes Knittelvers = allein Vierhebigkeit bei freier Senkungsfüllung (oder fehlende Senkung wie in Vers 354), meist Paarreim, gelegentlich freie Reimstellung; Goethe in Dichtung und Wahrheit über den Knittelvers: "[............] Es schien diese Art so bequem zur Poesie des Tages [...]." (zitiert bei Ciupke, S. 41, zu den anderen Ausführungen siehe S. 39-40)
eigene Interpretation: Faust wird hier als Charakter erst eingeführt, das Verzehrende seines Gemüts ist uns noch nicht bekannt, Goethe nimmt bewusst Bezug auf den historischen Dr. Faust, dessen Geschichte zum überlieferten Volksgut gehört à literarisch-poetische Tradition des Knittelverses, Faust hat seine Individualität noch nicht erhalten
Zwei gegensätzliche Stimmungsbilder und ein ganz anderes Charakterbild des Faust erleben wir in der Szene Wald und Höhle des ersten Teils. Die Zeilen des einsamen, sich in die Natur versenkenden Faust im feierlichen Ton des Blankverses = Versmaß für das klassische Drama, jambisch-alternierend, fünfhebig, reimlos
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Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
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Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
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Dein Angesicht im Feuer zugewendet. (V.3216-3219)
werden beim Auftauchen des Mephistopheles umgehend in solche des Madrigalverses = freie Hebungszahl (meist vier- bis sechshebig, seltener zwei- und dreihebig), jambisch-alternierend, freie Reimstellung, der an einigen Stellen sogar Unregelmäßigkeiten (z.B. V.317-3323, Mephisto) aufweist:
v - v - v - v -
Ich wollt` du hättest mehr zu tun,
v - v - v - v - v
Als mich am guten Tag zu plagen. (V.3255-3256) (vgl. Ciupke, S. 72-74)
Robert Petsch in seinem Aufsatz Die dramatische Kunst des "Faust" und in der Festschrift zu dieser Stelle (zitiert bei Ciupke, S.73/74): im Blankvers spricht sich Fausts Sehnen nach `Bändigung` aus, Aufschwung zum `Erhabenen Geist`, gibt diesem die Verantwortung für seine Bindung an Mephistopheles; im Dialog mit Mephistopheles wandelt sich die Stimmung Fausts in eine weitaus unruhigere, was das "von Unregelmäßigkeiten durchsetzte Grundmetrum" (Ciupke selbst, S.74) bezeugt, Monolog und Dialog gehören "zusammen wie das Plus und Minus in der Algebra"
2.1.3 Entwicklung des metrischen Gretchens
In der Gretchen-Tragödie werden vor allen Dingen Knittel- und Madrigalverse verwandt, wobei die ersteren ihrer volkstümlichen Art nach (vgl. Riesel) zunächst Gretchen, die letzteren als die das Grundmetrum ausmachenden und dabei auch als "Faustverse"7 bezeichneten Mephistopheles und Faust zugeordnet werden. Die Knittelverse entsprechen dem eigentlichen Naturell Gretchens. Ihre Entfremdung von sich selbst, wie es durch die Verbindung mit Faust geschieht, wird metrisch durch den Wechsel des Versmaßes, durch Annahme des Madrigalverses markiert. Besonders deutlich wird dies in den Versen 3081-3084 (Garten), wo Gretchen, peinlich berührt durch Faust, der ihr die Hand küsst, "geziert" in Madrigalversen zu sprechen beginnt (vgl. Ciupke, S.62-63):
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Inkommodiert euch nicht! Wie könnt ihr sie nur küssen?
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Sie ist so garstig, ist so rauh!
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Was hab` ich nicht schon alles schaffen müssen!
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Die Mutter ist gar zu genau.
In ihrer Verzweiflung im Kerker dann geben Freie Verse = hier: freie Senkungsfüllung bei freier Hebungszahl, gereimt (V.4412-4420) oder gar reimlose Verse (V. 4412 und 4414) ihren dem Wahnsinn nahen Zustand am adäquatesten wieder (vgl. Ciupke, S.63 und 91):
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Meine Mutter, die Hur`,
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Die mich umgebracht hat!
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Mein Vater, der Schelm,
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Der mich gessen hat!
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Mein Schwesterlein klein
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Hub auf die Bein`,
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An einem kühlen Ort;
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Da ward ich ein schönes Waldvögelein;
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Fliege fort, fliege fort!
Die letzten zwei Worte dieser Szene und damit auch des ersten Teils der Tragödie kommen ebenfalls aus Gretchens Mund und bilden den Höhepunkt ihrer im Kerker sich vollziehenden Entwicklung. Ihr Ruf nach Faust (V.4614) Heinrich! Heinrich! bleibt unbeantwortet. Die Loslösung von Faust ist gänzlich vollzogen. Ciupke weist auf die Formale Entsprechung: Innerhalb der Rede Gretchens nimmt die Anzahl reimloser Verse zu, was der sich steigernden Verzweiflung Ausdruck verleiht (vgl Ciupke, S.91). Mit Aufgabe metrischer Ordnungseinheiten wird meiner Ansicht nach überdies angezeigt, dass Gretchen im Begriff steht, sich endgültig von ihrem irdischen Leben loszusagen.
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Fußnoten:
1 als Warnung vor zu voreiligen Schlüssen zu verstehen, R. ist sich durchaus über den Zusammenhang zwischen der Wahl einer metrischen Form in Bezug auf die mitgeteilte Stimmung bewusst (vgl. z.B. ihre folgenden Aussagen bezüglich dem Gebrauch von Stanze und Knittelvers und ihrem Verständnis von einer literarisch-poetischen Tradition) 
2 Findet sich die Thematik des Politischen nicht schon im Kriegssonett (Erfahrung des Dreißigjährigen Krieges) des Barock (z.B. Gryphius)? 
3 hinsichtlich Ciupke beziehe ich mich auf die S.273/274 und S.290 des Glossars aus seinem Werk 
4 Abgrenzung Hakenstil-Enjambement wird meiner Meinung nach nicht deutlich 
5 im Erläutern metrischer Formen beziehe ich mich im Folgenden auf das Glossar aus dem Werk Ciupkes, S.239-290 
6 zur teilweise falschen Bezeichnung der Szene mit Schattiger Hain in einigen Ausgaben vgl. Ciupke, S.126 
7 die Bezeichnung beurteilt Ciupke als irreführend, vgl Glossar, S.287 sowie S.28f. 
Literaturangaben:
Riesel, Elise: "Stilistische Ausdruckswerte der metrischen Formen", in: dies., Stilistik der deutschen Sprache. Moskau 1959, S.353-380
Ciupke, Markus: Des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch. Die metrische Gestaltung in Goethes "Faust". Göttingen 1994
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