LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Sebastian Donat
Proseminar II (A): Metrik
Referat vom 22.10.2001
Referentin: Helene Aigner
Thema: Wirkung und Wahrnehmung poetischer Texte




Welche Prozesse laufen bei der Wahrnehmung ab?

spezifische Sprache Sinnesorgan verarbeitendes Nervensystem
akustischer Reiz       >>> Wahrnehmung      >>> Perzept (aufgenommene/gespeicherte Info)       >>>


Sprachkenntnis,
Aufmerksamkeit

Mustererkennung        >>> Segmentierung/Klassifizierung        >>> Identifizierung   


Das sog. 'Perzept' entsteht durch die sukzessive als auch simultane Interaktion von
- Sensorischem Gedächtnis, (sensory store, Loftus/Loftus 1976: Reizspeicher)
- Kurzzeitgedächtnis (primary memory) auditive Struktur, Kapazität von 7(!) Einheiten
- Langzeitgedächtnis (secondary memory) semantische Struktur, Wörterlexikon, Syntax


1. Sprachwahrnehmung als mitvollziehende Wahrnehmung

Lautebene:
Lieberman entwickelt 1957 die sog. 'Motor-Theorie' der Sprachwahrnehmung:
Er behauptet engen Zusammenhang zwischen Produktion und der Perzeption von Sprache;
"Die Fähigkeit der Kategorisierung von sprachlichen Lauten basiert auf der Kenntnis unseres Sprechapparates, die wir durch unser eigenes Sprechen erworben haben." (Darwin, 1976:212)
Bsp. Hörgeschädigte Kinder, Sprechen mit vollem Mund, stilles Lesen;

Rhythmusebene:
"Sprachperzeption und Sprachproduktion wird durch den 'Rhythmus' als organisierende Struktur verbunden." Peters (1975); Rhythmische Wahrnehmung durch 'P-Zentren' der jeweiligen Silben;

Prosodische Ebene:
Hörererwartungen beim intonatorischen Verlauf;
[Prosodie] Lehre von der metrisch-rhythmischen Behandlung der Sprache


2. Probleme der Wahrnehmung von poetischen Texten

a) Unterschiedlicher Charakter von Texten
nichtpoetisch: aktiv, dynamisch, zielgerichtet, Sprecherintension unterstellt, 'Belohnung'
poetisch: hohe Komplexität, 'hermetische Lyrik', mehrmalige Lektüre erforderlich

b) Gestalt des poetischen Textes
Gesamtgestalt eines Textes ist unterschiedlich Prägnant und Komplex auf allen Ebenen.
· Wahrnehmung einer selektiven Ebene, der sog. Primärgestalt
· Wahrnehmung mehrerer verbundener Primärgestalten als komplexes Ganzes durch den Zusammenschließungsprozeß
(verschiedene euphonische Muster lösen eine synoptische Anschauung des Verses aus)

c) Begrenzte Kapazität des Kurzzeitgedächtnis
KG ist auf Verarbeitung von gesprochener Sprache geschult, eine Relation zwischen den Versen wird erkannt, aber das Ganze nicht sinnlich wahrgenommen. Wiederholte Rezeption ist nötig, dann kann der Rezipient die Struktur 'vorauswissen' und auf andere Elemente achten.

· geringe Verarbeitungstiefe = große Verarbeitungsbreite: mehrere Ebenen gleichzeitig, 'divided'
· große Verarbeitungstiefe = geringe Verarbeitungsbreite: eine einzige Ebene, 'selectiv'

d) Ungewöhnlichkeit poetischer Texte
Vom Künstler absichtlich gesetzte Strukturabweichung von regulärer Lesegewohnheit, durch Lautfiguren, metr. Organisation und Wiederholung aber stabilisierte Hörererwartung möglich.

e) Komplexitätssteigerung durch gestörte Lese-Hörererwartung
Störung rückt die Struktur in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit durch Metrumwechsel und abweichende Zuordnung von sprachlichen zu metrischen Einheiten.

f) Dynamisch-temporaler Charakter poetischer Texte
Vers selbst zeitlich strukturierte Größe, wegen Rhythmuselementen und bewußtem Sprechen;


3. Der Text und sein Rezipient - Fragestellungen

Neue Forschungsbereiche der Literaturwissenschaft
· Rezeptionsästhetik (genaue Untersuchung der konstruktiven Rolle des Rezipienten)
· Empirische Literaturwissenschaft (Verknüpfung von Rezipient mit Rezipientensituation)

Wird ein einheitlicher Wahrnehmungsgegenstand vom Rezipienten subjektiv konstruiert?
Sprachliche Fakten versus individuelle Elemente (Tremolo der Stimme, Wortassoziation)

Werden metrische und sprachliche Elemente auf der phonologischen oder phonetischen Ebene untersucht? Nach Küper auf der phonologischen, aber ist das tatsächlich isolierbar?

Was steuert der Rezipient, was erlaubt der Text?
Bestimmen selbstbeigesteuerte (efferente) und (afferente) Bestandteile des Textes die Struktur?
Gibt der Rezipient allein dem Text die Struktur?

Was ist eigentlich 'Text'?
Ein Perzept aus efferenten und aus afferenten Bestandteilen. Murch/Woodworth (1978:24)

Schmidt (1973) unterscheidet die metasprachlichen linguistischen Begriffe:
· 'Text-in-Funktion'
bezeichnet den real fungierenden Text in der Kommunikation;
· 'Textformular'
bezeichnet in der kommunikativen Handlung die Sprachzeichenmenge, ggf. erweitert durch die Menge poetischer Einheiten;
Ist Material für beliebig mögliche Realisierung, spezifische Autorenintension, steuert aktiv die Wahrnehmung;




Literatur:

Christoph Küper, Sprache und Metrum. Semionik und Linguistik des Verses, Tübingen 1988, S. 76-101.




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letzte Änderung: 12.11.01