|
LMU, Institut für Komparatistik
Dozent: Dr. Sebastian Donat Proseminar II (A): Metrik |
WS 2001/2002
Referent: Stephan Packard Thema: Anakrusis und Kadenz |
|
Anakrusis (agr. anákrusis Rücklauf, Zurückrudern) Auf Deutsch auch Auftakt . Anfang eines Verses; Bereich vor seiner ersten Hebung. Der Begriff wird sehr unterschiedlich verwendet; er kann bedeuten: Daß der Vers regulär nicht mit einer Hebung beginnt; es sich also etwa um einen iambischen, anapästischen o.ä. Vers handelt. Entsprechend könnte man iambische Verse auftaktig, trochäische auftaktlos nennen; das tut z.B. Wagenknecht. oder Daß der Vers gegen seine Regel mit einer (oder mehr) Senkungen beginnt; daß also etwa ein Hexameter mit einer Senkung begonnen wird. oder Daß eine besonders intensive, bewegungsschaffende Beziehung zwischen der unbetonten und der betonten Silbe am Versanfang vorliegt, wie etwa Schlawe schreibt. Er bringt Eichendorffs Allgemeines Wandern als Beispiel: Vom Grund bis zu den Gipfeln, So weit man sehen kann, [...] oder Daß ganz im Gegenteil die erste unbetonte Silbe syntaktisch oder inhaltlich vom übrigen Vers getrennt ist, etwa das berühmte einleitende ach. Weddige weist auf die Bedeutung des Auftakts (bei ihm: reguläre oder irreguläre Senkungen vor der ersten Hebung) für den Zeilensprung hin: Endet der vorausgehende Vers auf eine Hebung, nennt man die Fortführung ohne Auftakt Asynaphie; endet er auf eine Senkung oder folgt ein Auftakt spricht man entsprechend von Synaphie. Die Asynaphie unterbricht den Versrhythmus, da dann zwei Betonungen aufeinander folgen. Hier etwa bei Trakl:
Heinrich Heine, Die Grenadier in
Deutsche Lyrik vom Barock zur Gegenwart.
Hgg. G. Hay / S. v. Steinsdorff. München
9
1999.
Kadenz (lat. cadere fallen) Versende. Analysiert wird es, wenn der Begriff Kadenz fällt, meist auf Hebungen und Senkungen hin (das Wort kann aber auch allgemein das Versende bezeichnen). Unterschieden wird zwischen männlicher Kadenz, die auf eine betonte, und weiblicher Kadenz, die auf eine unbetonte Silbe ausläuft. (So jedenfalls im Deutschen. In der Lyrik anderer Sprachen wird z.T. anders und sehr viel komplizierter unterschieden, etwa im Mittelhochdeutschen, wo der ganze letzte Takt Beachtung findet und teilweise auch die Zahl der Hebungen im ganzen Vers Einfluß auf die Kadenz hat: als volle Kadenz gilt dann nur ein Vierheber, gleich, wie er endet; Dreiheber sind stumpf (männlich) oder klingend (weiblich/variabel).) In einem festen Silbenschema ist jeder reguläre Vers natürlich von vornherein auf männlich oder weiblich festgelegt. Irregularitäten sind z.B. die Katalexe, Hyperkatalexe, Brachykatalexe usw. (Fortsetzung folgt). Strophenschemen legen meist fest, welche Verse männlich, welche weiblich enden müssen; fast unveränderbar ist das dann, wenn die Verse auf Reime enden: Da der Reim eine betonte Silbe enthält, müssen weibliche Kadenzen mindestens zweisilbig gereimt sein; der Vers, dessen Reim darauf antwortet, hat notwendig an derselben Stelle seine Hebung. Hier bei Heine:
Stehen im selben Lied (oder Gedicht; aber meistens passiert das hier nur bei singbaren Versen...) an der gleichen Strophenstelle unterschiedliche Kadenzen, nennt man das einen Kadenztausch . |