Einige Grundfragen an Wissenschaftler der Archäologischen Staatssammlung

  • zur Präsentation der vor- und frühgeschichtlichen Kulturentwicklung in Bayern

  • zur Gliederung der Menschheitsgeschichte

  • zur Benennung der frühen Kulturen in Bayern


Frage: Inwieweit wird die Archäologische Staatssammlung ihrem Anliegen, die frühe Kulturentwicklung in Bayern auf Landesebene darzustellen, gerecht?

Prof. Wamser: In der Dauerausstellung ihres Münchener Haupthauses versucht die Archäologische Staatssammlung, am bayerischen Fundmaterial die Grundzüge der Kulturentwicklung und der Kulturverbindungen des Menschen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit auf dem gesamten Territorium des Freistaates Bayern und seiner angrenzenden Regionen in Form eines Überblicks sichtbar zu machen.

Dieser Zielsetzung wird die derzeitige Ausstellung zwar insofern noch nicht voll gerecht, als einzelne Zeitabschnitte und Teilregionen bisher erst durch spärliche Funde belegt sind.

In den 14 Schauräumen hat indes eine repräsentative Auswahl der ur- und frühgeschichtlichen Bestände schon eine erste Aufstellung gefunden, die unseren Besuchern bereits ein beredtes Bild der vielgestaltigen Formenwelt längst vergangener Kulturen, ihres handwerklichen und künstlerischen Schaffens und ihrer Lebensweise vermittelt.

Darüber hinaus arbeiten wir jedoch bereits seit einiger Zeit an einer konzeptionellen Neugestaltung und Aktualisierung unserer Schausammlung durch angemessene Einbeziehung der zahlreichen Neuzugänge aus den zurückliegenden drei Jahrzehnten.

1979 hat das Museum außerdem damit begonnen, durch Zweigmuseen im ganzen Lande die besonderen kulturgeschichtlichen Wesenszüge der einzelnen Regionen sozusagen "hautnah" im jeweiligen authentischen Fundgebiet darzustellen.

Darüber hinaus ist das Museum darum bemüht, durch wechselnde Ausstellungen in München, durch Einrichtung von Ausstellungen und Bereitstellung von Exponaten in zahlreichen Gemeinden und Städten Bayerns, aber auch durch einschlägige Publikationen und eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit, seinem Auftrag als Schaufenster der bayerischen Vor- und Frühgeschichtsforschung nachzukommen, um so den Reichtum Bayerns an archäologischen Zeugnissen wie auch die Vielfalt und den Wandel vergangener einheimischer Kulturen im Vergleich zu auswärtigen und gegenwärtigen deutlich zu machen.

Frage: Nach welchen Kriterien wird die archäologische Einteilung der Menschheits- geschichte in Epochen vorgenommen?

Dr. Gebhard: Maßgeblich folgt die Einteilung der Menschheitsgeschichte kulturellen Aspekten. Der Beginn der Schriftlichkeit ist ein entscheidender Einschnitt, weil dadurch der Aufbau einer festen Verwaltungsstruktur möglich wurde.

Weiter ist der Beginn der Sesshaftigkeit von besonderer Bedeutung, das war zu einem viel früheren Zeitpunkt. Der Bau ortsfester Siedlungen führte zu einer grundlegenden Änderung des Wirtschaftssystems. Damit verbunden ist der Beginn rationeller Vorratshaltung.

Frage: Welche Rolle spielen bei der Altersbestimmung Werkzeuge und Gegenstände?

Dr. Gebhard: Weitere Feinunterteilungen nehmen die Archäologen nach Erfindungen vor. Beispielsweise wurde die Stein-, Bronze- und Eisenzeit nach der Verwendung der jeweiligen Materialien bezeichnet. Die Steinzeit zeigt beispielsweise an, dass der Stein in dieser Epoche das Hauptmaterial zur Herstellung von Werkzeug war.

Frage: Gibt es denn eine universell einheitliche Einteilung der Menschheitsgeschichte?

Dr. Gebhard: Die Epochen der Menschheitsgeschichte fanden weltweit nicht zum selben Zeitpunkt statt. Auch heute gibt es in Java/Indonesien noch Steinzeitkulturen. Auch der Beginn der Schriftlichkeit setzte in Europa zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein. Bei uns haben die Römer die Schrift eingeführt, in Skandinavien kannte man die Schriftsprache erst nach der Jahrtausendwende.

Frage: Worauf beruht denn die Benennung der frühesten Bevölkerungsgruppen Bayerns?

Prof. Wamser: Da historische Namen der Bevölkerungsgruppen aus jenen frühesten Epochen nicht bekannt sind, verwendet die Urgeschichtswissenschaft Hilfsbezeichnungen.

Sie fasst Menschengruppen zusammen, deren gesamte archäologisch überlieferten Lebensäußerungen auf ein einheitliches Kulturbild schließen lassen, und benennt jede Kulturgruppe entweder nach einem archäologischen Merkmal oder nach bedeutenden Fundorten.

So erhielt die bandkeramische Kultur - die älteste jungsteinzeitliche Kultur auf dem Boden Bayerns - ihren Namen nach der oft bandschlingenartigen Verzierung ihrer Gefäße.

Ihr ältester Abschnitt - die sogenannte Linearbandkeramik - nach der eingeritzten Linienornamentik ihrer Gefäße, ihr jüngerer Abschnitt - die sogenannte Stichbandkeramik - hingegen nach den vorwiegend eingestochenen (bisweilen mit Ziermustern in Ritztechnik kombinierten) Ornamenten ihrer Keramik.

Für einige jüngere Kulturgruppen der Jungsteinzeit, die Rössener-, Münchshöfener-, Altheimer- und Pollinger Kultur, sind dagegen wichtige Fundorte namengebend.

Letztere Kulturen behalten zwar die bäuerliche Wirtschaftsweise der Bandkeramik mehr oder weniger unverändert bei, unterscheiden sich aber von dieser und untereinander in einigen anderen Teilbereichen der Kultur, so in der Siedlungsweise, der Verzierungsart der Keramik, der Bestattungssitte, am Anteil der Viehzucht an der Gesamtwirtschaft oder in den Kultäußerungen.

Frage: Gibt es "Eselsbrücken" für die zeitliche Fixierung der Kulturepochen?

Dr. Gebhard: 753 Rom schlüpft aus dem Ei - 333 bei Issos Keilerei. Diese Ereignisse stellen jedoch keine epochalen Grenzzeiten dar. Das Jahr 15 v. Chr. bedeutet als Beginn der römischen Besatzung einen großen Einschnitt für die Geschichte nördlich der Alpen.

Frage: Welche Bevölkerung lebte eigentlich zur Römerzeit in Bayern?

Dr. Steidl: Wenn von den "Römern" gesprochen wird, stellt man sich meistens kleine dunkelhäutige "Italiener" vor, die hier im Norden blonden, hochgewachsenen Germanen gegenüberstanden. Das trifft nur zu einem kleinen Teil zu.

Sicher befand sich unter den Soldaten der Legionen - besonders in der Frühzeit - ein großer Anteil von Männern aus Oberitalien, daneben aber auch Südfranzosen, Spanier und andere.

Die übrigen Militäreinheiten, die im zweiten und dritten Jahrhundert am Limes stationiert waren und die wir als Hilftruppen bezeichnen, weil sie kein römische Bürgerrecht besaßen, stammten dagegen aus aller Herren Länder: aus (dem heutigen) Bulgarien, Spanien, Portugal, Südwestfrankreich, Belgien, den Niederlanden, Ungarn und vielen anderen Teilen des riesigen Römischen Weltreiches.

Daneben traten im Laufe der Zeit verstärkt auch Einheimische in die Hilfstruppen ein, um so nach 25 Jahren Dienstzeit das Bürgerrecht und die damit verbundenen Privilegien zu erwerben.

Die Bevölkerung, welche die Römer bei der Eroberung nördlich der Alpen antrafen, waren Kelten. Durch römische Umsiedlungspolitik kamen bald auch Germanen dazu. Vermutlich hat es außerdem einen größeren Zuzug bereits mehr oder weniger stark romanisierter Gallier aus dem heutigen Frankreich gegeben, die sich an der Aufsiedlung des Landes beteiligten.

Der Anteil aus Italien zugewanderter Zivilpersonen dürfte dagegen gering gewesen sein und scheint sich auf einige frühe Städte zu konzentrieren. Insgesamt müssen wir uns also ein buntes Bevölkerungsgemisch im römischen Bayern vorstellen. Menschen unterschiedlichster Herkunft, die jedoch ein Bekenntnis einte: "Romani sumus!- Wir sind Römer!"

Frage: Woher kommen denn die Bayern?

Dr. Rettner: In zeitgenössischen Quellen werden die frühen Bayern als "Baiuvarii" (Bajuwaren) erstmals um die Mitte des 6. Jahrhunderts erwähnt. Früher nahmen Sprachwissenschaftler, Historiker und Archäologen an, die Bajuwaren seien damals aus ihrer Ur-Heimat Böhmen ins heutige Südbayern eingewandert.

Heute ist man hingegen davon überzeugt, dass sich der Stamm der Bajuwaren erst um 500 zwischen Donau und Alpen formiert hat, und zwar aus ganz unterschiedlichen Volkssplittern - aus schon zur Römerzeit ansässigen und bereits assimilierten Elbgermanen, neu zugewanderten Alamannen und Thüringern, aus wenigen Ostgermanen und einheimischen Romanen als Nachfahren der römischen Provinzbevölkerung.

Dieses bunte Völkergemisch hat im 6. Jahrhundert ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt, ein bayerisches Bewusstsein sozusagen. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, woher der Name Baiuvarii/Bayern abzuleiten sei. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass der Name so viel wie "Männer aus Böhmen" bedeute, womit der politisch tonangebende Kern der frühen Bayern gemeint sein soll.


 
 
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