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II. Siedlungsgeschichtliche Forschungsprojekte
1. "Die archäologische Erforschung der Siedlungs- und Bevölkerungsverhältnisse Mainfrankens vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis in das 4. Jahrhundert n. Chr."
(B. Steidl)
Das in enger Kooperation mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege betriebene Projekt ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1993 - 1999 geförderten Schwerpunktprogramms "Kelten, Germanen, Römer im Mittelgebirgsraum zwischen Luxemburg und Thüringen".
In mehrjährigen Grabungskampagnen wurden hierzu bis 1998 zwei germanische Siedlungen bei Gerolzhofen, Lkr. Schweinfurt und Gaukönigshofen, Lkr. Würzburg großflächig erforscht.
Im Rahmen der noch andauernden Auswertungsarbeiten wird auch das Fundmaterial der übrigen zeitgleichen Fundstellen im Bereich des heutigen Unterfranken berücksichtigt.
Ein besonderes Augenmerk der Untersuchungen liegt auf der Frage nach Art und Umfang des römischen Einflusses auf die germanischen Bevölkerungsgruppen in einem Gebiet, das in enger Nachbarschaft zum Römischen Imperium lag.
Wirkt die technische und wirtschaftliche Überlegenheit der römischen Zivilisation auf den Lebensstil der Germanen ein? Inwieweit gibt es Verzahnungen zwischen beiden Systemen? Wodurch wird die germanische Aggression ausgelöst, die seit dem späten 2. Jh. n. Chr. zu immer häufigeren Übergriffen auf römisches Gebiet führt?
Überraschende Antworten und Einblicke zeichnen sich bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab.
Literatur: B. Steidl, Die Siedlungen von Gerolzhofen und Gaukönigshofen und die germanische Besiedlung des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis 4. Jahrhunderts n. Chr. am mittleren Main. Kelten, Germanen, Römer im Mittelgebirgsraum zwischen Luxemburg und Thüringen. Akten des Int. Kolloquiums zum DFG-Schwerpunktprogramm "Romanisierung" 28. - 30. September 1998 Trier. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 5 (Bonn 2000) 95 - 113;
ders., Konservative Nachbarn Roms: Die Germanen im Vorfeld des Limes. Arch. in Deutschland 3/2001, 32 - 33.
2. "Die römische Polizeistation in Obernburg am Main"
(B. Steidl)
Im Schatten des mittelalterlichen Stadttores von Obernburg sind bei großflächigen Ausgrabungen der Archäologischen Staatssammlung im Jahr 2000 und 2002 weite Teile einer römischen Polizeistation (statio) aus dem 2. und 3. Jh. n. Chr. zu Tage getreten. Zum ersten Mal im ehemaligen römischen Reichsgebiet ist es mit dieser Entdeckung möglich, eine solche Einrichtung archäologisch in ihrer Gesamtstruktur zu erschließen.
Die ursprünglich rund 1.500 Quadratmeter umfassende Anlage wird teilweise von einer Hofmauer abgegrenzt. Im vorderen, zur vorbeiziehenden römischen Straße ausgerichteten Teil liegt das Stationsgebäude, in dem sich neben den Amtsstuben und den Wohnräumen des Polizeisoldaten (beneficiarius) und seines Personals auch ein Gefängnis, Stallungen, Wagenremisen und Vorratsräume befunden haben müssen. Die Funktionen der ausgegrabenen Räume sind in einigen Fällen durch entsprechende Funde zu bestimmen.
Ein kleiner Raum mit aufwändiger Fußbodenheizung und ursprünglich farbiger Ausmalung dürfte als Wohnraum des Benefiziariers genutzt worden sein, während sich über die Funde von Schreibgriffeln und einem Tintenfass die Lage der Schreibstube ermitteln läßt. Als besonderes architektonisches Element ist ein kleiner gepflasterter Innenhof mit umgebender Säulen- oder Pfeilerstellung hervorzuheben, in dem ein Trogbrunnen aufgestellt war, der sein Frischwasser über eine Wasserleitung gespeist erhielt.
Der rückwärtige, offene Hofbereich der Station hat als Sakralbezirk gedient. Einem Brauch oder einer Dienstpflicht folgend errichteten und weihten die Polizisten zum Zeitpunkt ihrer Ablösung dem höchsten Staatsgott Jupiter einen steinernen Altar.
In der mehr als hundertjährigen Geschichte der Station entstand so eine große Ansammlung von reihenweise angeordneten Denkmälern. Neben Reliefdarstellungen mit rituellem Charakter tragen sie auch den Namen der Stifter in sauber gemeißelten Buchstaben. Mehr als 18 Altäre haben die Zeiten überdauert, einige davon noch aufrecht stehend am Ort ihrer einstigen Aufstellung. Andere sind von ihren Sockeln gestürzt. Über 70 bisher gefundene Steinsockel zeugen von der einstmals bedeutend größeren Gesamtzahl. Das Fehlen vieler Altäre geht auf mittelalterliche Steingewinnung zurück. Die sorgfältig gearbeiteten Quader waren seit dem 9. Jahrhundert als Baumaterial begehrt und wurden zur Wiederverwendung ausgegraben und abtransportiert.
Die ganze Anlage zerstörte ein Feuer. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie von aufgeschwemmten Lehmmassen bis zu zwei Meter stark überdeckt und dadurch hervorragend konserviert. Die sehr guten Erhaltungsbedingungen werden detaillierte Aufschlüsse sowohl über die architektonische Gestalt des Bauwerkes geben, wie auch über den Alltag der einstigen Bewohner. Durch die überlieferten Namen auf den Altären tritt ein Teil dieser Bewohner aus der Anonymität heraus, wie beispielsweise LUCIUS VIBUNNUS VINDEX, der seinen Dienst auf der Station im Jahre 144 n. Chr. ableistete und der den ältesten exakt datierbaren Stein setzte.
3. "Die Erforschung der Kloster- und Kirchenanlagen auf der Insel Wörth im Staffelsee, Lkr. Garmisch-Partenkirchen" (B. Haas-Gebhard, B. Wührer)
Aus der Zeit Karls des Großen ist ein wohl im frühen 9. Jahrhundert entstandenes Verzeichnis überliefert, das die Besitztümer eines auch in anderen frühmittelalterlichen Quellen überlieferten Benediktiner-Klosters im Staffelsee enthielt.
Der Wunsch nach einer genauen Lokalisierung dieses überaus reich ausgestatteten Klosters führte im Jahr 1989 in Seehausen am Staffelsee zur Gründung eines Kuratoriums, das sich aus Mitgliedern des LIONs-Clubs Murnau-Staffelsee, der politischen Gemeinde und der Pfarrgemeinde Staffelsee zusammensetzte. Ziel dieses Kuratoriums war es, Geldmittel für Forschungsgrabungen bereitzustellen, die schließlich unter Federführung der Archäologischen Staatssammlung von 1992 bis 1997 stattfanden.
Die Ergebnisse waren außerordentlich: sowohl die Klosterkirche als auch weitere zum Kloster gehörige Gebäude konnten in ihren Grundmauern und Fundamentgruben nachgewiesen werden. Ferner zeigte sich, daß die Fundamente der 1773 abgerissenen und auf das Festland translozierten Pfarrkirche (heute St. Michael in Seehausen) weitgehend mit denen der Klosterkirche übereinstimmten. Lediglich in spätgotischer Zeit wurde, dem Zeitgeschmack entsprechend, ein neuer Chor in das vorhandene Kirchenschiff eingezogen.
Völlig unerwartet kamen jedoch weitere Mauern zum Vorschein, die zu einer kleinen Kirche des 7. Jahrhunderts gehörten. Damit konnte auf der Insel Wörth eines der wenigen Gotteshäuser aus agilolfingischer Zeit nachgewiesen werden.
Doch sind das nicht die ältesten Spuren menschlicher Bautätigkeit auf der Insel: eine in mehreren Abschnitten nachgewiesene Umfassungsmauer aus spätrömischer Zeit zeugt noch heute von den Vorkehrungen, die seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. zum Schutz der Bevölkerung vor verheerenden Einfällen germanischer Gruppen getroffen worden waren.
Wichtige Fundstücke der Ausgrabungen sind im neu eingerichteten Heimatmuseum von Seehausen zu besichtigen.
Literatur: Brigitte Haas-Gebhard, Die Insel Wörth im Staffelsee. Führer zu arch. Denkmälern in Bayern. Oberbayern 2 (Stuttgart 2000).
4. "Burgenbau, Herrschaftsbildung und Herrschaftsausübung im Raum Grünwald" (L. Wamser)
Im Rahmen der geplanten Neugestaltung Ihres ersten Filialmuseums in der Burg Grünwald erforscht die Archäologische Staatssammlung in Kooperation mit dem Referat Bauforschung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege gegenwärtig die baugeschichtliche Entwicklung der spätmittelalterlichen - seit ca. 1250 wittelsbachischen - Burg und ihrer hochmittelalterlichen - als Ortsadelssitz der Ministerialenfamilie von Derblfing/Grünwald errichteten - Vorgängeranlage. Finanziert wird dieses Forschungsprojekt aus Fördermitteln des Nachlasses Dr. Heinrich von Leveling.
Vorläufiger Übersichtsplan der Burg Grünwald, Lkr. München
Forschungsstand Februar 2002
Vorrangiges Ziel der wissenschaftlichen Erforschung der Burg ist die Ermittlung ihres äußeren Erscheinungsbildes im zeitlichen Wandel der historischen Verhältnisse, insbesondere der einstigen Funktionen der Burg als Mittel und Ort landesherrlicher Machtausübung der bayerischen Herzöge, ihrer Rolle als Symbol und Bauzeuge fürstlicher Repräsentation und Wehrhaftigkeit wie auch ihrer Zweckbestimmung als privilegierter Aufenthaltsort ze iaid (Jagd) und anderer churtzweil, Verwaltungsmittelpunkt der Hofmark Grünwald, aristokratische Morgengabe, Witwensitz, Zollstation, Amtssitz des Jägermeisters in Oberbayern und Ort herrschaftlicher Gerichtsbarkeit.
Zu den Forschungsanliegen gehört auch die Klärung der Frage, welche Rolle die hochmittelalterliche, als Sitz Andechser Ministerialen dienende Vorgängerburg Grünwalds und die jüngste - etwa gleichzeitig mit dieser existierenden - Wehranlage am Platz der 2 km südlich davon gelegenen mehrperiodigen "Römerschanze" in der mittelalterlichen Siedlungsgeschichte dieser Region - insbesondere bei der Erschließung und Besiedlung von neuem Rodungsland - gespielt haben.
Im Mittelpunkt dieses Sektors burgenkundlicher Untersuchungen steht vor allem die Ventilierung der Frage, inwieweit jene siedlungsgeschichtlichen Vorgänge über die Veränderung des Landschaftsbildes hinaus auch soziale und politische Verschiebungen sowie die Bildung neuer Herrschaftsverhältnisse bewirkt haben.
Literatur: J. Wild, Führer durch die Geschichte der Burg Grünwald. In: Kleine Führer der archäologischen Staatssammlung 5 (München 1979);
L. Wamser, Dominicus von Linbruns erster Plan der "Römerschanze" bei Grünwald. Zum Beginn topographischer Vermessen und Plandarstellung archäologisch Geländedenkmäler in Bayern. Grünwalder Porträts XXXI, 2002, 7 ff.
III. Ausgrabungen (ab 1960)
Seit vielen Jahrzehnten führt die Archäologische Staatssammlung Ausgrabungen an ausgewählten Fundplätzen in Bayern durch. Mit den Untersuchungen werden gezielt wissenschaftliche Fragestellungen von überregionaler Bedeutung verfolgt.
Die Archäologische Staatssammlung in ihrer Eigenschaft als museale Forschungsstelle kooperiert dabei mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, dessen Aufgabe der Schutz und - bei drohender Zerstörung durch Baumaßnahmen, Bodenerosion o. ä. - notfalls die archäologische Untersuchung der Bodendenkmäler ist.
Neben verschiedenen Ausgrabungen an vorgeschichtlichen und römischen Fundplätzen lag ein besonderer Schwerpunkt während der vergangenen Jahrzehnte in der Erforschung der frühen bayerischen Klosterlandschaft der Agilofinger- und Karolingerzeit.
Unter den wichtigsten Grabungen der Archäologischen Staatssammlung in den vergangenen 40 Jahren sind zu nennen:
Vorgeschichte
- 1972-1976 Erdwerk der Chamer Kultur bei Dobl, Lkr. Rosenheim (H.-P. Uenze)
- 1983 Erdwerk der Chamer Kultur bei Piesenkofen, Lkr. Regensburg (H.-P. Uenze)
- 1994 Sondagegrabung Oppidum Manching (R. Gebhard)
Römerzeit
- 1959-1962 Villa rustica von Marzoll, Lkr. Berchtesgadener Land (H.-J. Kellner)
- 1967-1974 Terra sigillata-Töpferei und spätrömisches Kastell von Westerndorf und Pfaffenhofen, Lkr. Rosenheim (H.-J. Kellner, J. Garbsch)
- 1977-1981 Villa rustica bei Holzhausen, Lkr. Traunstein (H.-J. Kellner)
- 1978-1980 Mithrasheiligtum von Mühlthal, Lkr. Rosenheim (J. Garbsch)
- 1984 keltisch-römischer Brandopferplatz von Gauting, Lkr. Starnberg
- 2000, 2002 Benefiziarierstation von Obernburg, Lkr. Miltenberg (B. Steidl)
Mittelalter - Frühe Neuzeit
- 1960-1963 merowingerzeitliches Reihengräberfeld von Aubing, Stadt München (H. Dannheimer)
- 1962-1964 Kirche St. Martin in Lauterhofen, Lkr. Neumarkt i. Opf. (H. Dannheimer)
- 1966 frühmittelalterliche Adelsgrablege in Wielenbach, Lkr. Weilheim-Schongau (H. Dannheimer)
- 1969-1972 merowingerzeitliches Reihengräberfeld Dittenheim, Lkr. Weißenburg-Gunzenhausen (H. Dannheimer)
- 1967-1971 Kirche St. Peter und Paul in Aschheim, Lkr. München (H. Dannheimer)
- 1972-1973 merowingerzeitliches Reihengräberfeld von Garching, Lkr. Altötting (H. Dannheimer)
- 1977-1981 karolingische Klosteranlage von Sandau, Stadt Landsberg/Lech (H. Dannheimer)
- 1979-1989 frühmittelalterliche Klosteranlage auf der Herreninsel im Chiemsee (H. Dannheimer)
- 1992-1997 karolingisches Kloster auf der Insel Wörth im Staffelsee (B. Haas-Gebhard, B. Wührer)
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Grabung Gaukönigshofen, Lkr. Würzburg |
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Merkur
Grabung Obernburg, Lkr. Miltenberg |
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Wie Merkur gefunden wurde, lesen Sie unter
Restaurierung |
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Grabung auf der Insel Wörth im Staffelsee, Lkr. Garmisch-Partenkirchen |
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Schlüssel Sondagegrabung Manching, Lkr. Pfaffenhofen a.d. Ilm |
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