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Ein Blindenrundgang durch die Archäologische Staatssammlung




Blind zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, von kulturellen Programmen ausgeschlossen zu sein. Diesen Beweis liefert die Ärchäologische Staatssammlung München.

Das Museum bietet unter der Leitung von Michael Egger ein deutschlandweit einmaliges und kostenloses Programm für blinde Menschen an. Nachdem erste Versuche mit institutionellen Trägern erfolgreich verliefen und Blinde das Konzept begeistert angenommen hatten, hat das Museum aus diesen Erfahrungen heraus ein besonderes Programm entwickelt.

Darstellung von speziell für blinde Menschen gefertigten Tableaus

Die unglaublich stark ausgeprägten nichtvisuellen Sinne eröffnen Blinden viele Perspektiven, die den Sehenden oft versperrt bleiben.

Deren haptisches Vermögen ist so stark ausgeprägt, dass die Blinden viele Dinge von archäologischen Gegenständen erfassen, die über die reine Funktionalität hinausgehen. Die Didaktik des Blindenrundgangs wird dem besonderen Erkenntnisvermögen der Blinden angepasst.



Programm für blinde Kinder

Für Blinde bestimmt sind spezielle Lernprogramme wie beispielsweise das Projekt "Ein Tag im Leben in der Steinzeit". Der Lehrer einer Schulklasse kann blinden Kindern die Steinzeit an einem Tag auf kreative Art und Weise nahe bringen.

Was macht der Steinzeitmensch, wenn er aufsteht? Er muss Wasser holen. Wie macht er das? Er braucht Gefäße oder Lederbeutel. Deshalb untersucht man zusammen Keramikgegenstände.

Außerdem muss der Steinzeitmensch jagen. In diesem Zusammenhang werden die besonderen Jagdwerkzeuge besprochen: Messer, Harpunen, Pfeilspitzen. So können sich die Kinder die Jagdmentalität des Steinzeitmenschen gut vorstellen.

Dann geht es zum Brotbacken. Es wurde Getreide gemahlen mit einer Unterlage und einem Läufer. Gab es damals Musikinstrumente? Gegenstände werden ausprobiert.

Erlebnisperspektive einer Blinden

Gerda Kloske-Schindlbeck wurde mit einem nur geringen Sehvermögen (Glaukomerkrankung) geboren und wurde im Laufe ihrer Kindheit blind. Nach ihrer Ausbildung an der Blindenschule München arbeitete Gerda als Anfangsstereotypistin bei der Stadt Landshut. Heute trägt sie Verantwortung in verschiedenen Verbänden, die sich um die Belange sehbehinderter Menschen kümmern.

Wir begleiten Gerda durch die Archäologische Staatssammlung.

Gerda hat sich bereits vorbereitet:
"Ein Rundgang beginnt schon zuhause. Ich lese Blindenbücher. Dann, in Zusammenhang mit dem Berühren des Gegenstandes, wird es ein richtiges Bild, das ich von einem Gegenstand bekomme." Der Rundgang ist auch für den Begleitenden eine Herausforderung.

"Es ist nötig, einen guten Begleiter für einen solchen Rundgang zu haben, der von der Materie etwas versteht. Wenn ich in ein Museum komme, dann ist es mein großer Wunsch, dass ich nicht erst bitten und betteln muss, damit ich etwas anfassen darf. Es ist ganz schlimm, wenn man es durchgehen muss und Sachen nur erzählt bekommt." Gerda fasst ihre Eindrücke plastisch in folgendem Satz zusammen: "Je schmutziger meine Hände am Abend sind, desto schöner war der Tag für mich."

Fördern bewusster Wahrnehmung

Der Begleiter sollte fähig sein, den Gegenstand für den blinden Menschen möglichst detailliert zu beschreiben. "Spielen die Farben auch eine Rolle?", wollen wir von Gerda wissen.

"Auf jeden Fall", meint sie. "Wir sind darauf angewiesen, dass man uns erklärt, wie sich die Farben eines Gegenstandes zusammensetzen. Ich möchte gern wissen, wie ich es einzuordnen habe. Dabei sollte die Darstellung sorgfältig sein."

"Wenn jemand sagt, das ist lila, dann muss er schon genauer sagen, wie viele Blau- und Rotanteile der Gegenstand enthält. Erst dann kann ich die Dinge mit meinem inneren Auge zusammenfügen. Dann entsteht die Freude und dann habe ich es auch erfasst."

Wie geht Gerda konkret vor, wenn sie einen Gegenstand in die Hand bekommt?

"Ich mache mir einen Überblick mit beiden Händen." Herr Egger reicht ihr ein Gefäß. Gerda: "Man sieht genau, dass das handgetöpfert ist. Wenn man selber töpfert, dann weiß man, wie schwierig das ist. Allein an der Unterseite spüre ich, dass das von einer Drehscheibe ist."

Hier bemerke ich eine Rille. Das Gefäß muss zerbrochen gewesen sein." Herr Egger bestätigt dies. Gerda: "Man merkt, dass es nicht ganz geklappt hat mit dem Zusammensetzen. Da fehlt eine Ecke. Es ist natürlich wichtig, dass man aufmerksam gemacht wird, wie sich das verhält."

Gerda kann an den Gegenständen Details identifizieren, die dem Sehenden meist verborgen bleiben. Auch ich lerne beim Blindenrundgang viel dazu, weit mehr, als ich in einem "konventionellen" Rundgang je erfahren hätte.



Audiobeitrag: "Eine spezielle Untersuchung"


Diagnostisches Lernverfahren

Gerda stellt durch ihre haptischen Sinne Analogien zu Gegenständen her, die sie kennt. Sie stellt gezielte Fragen. Durch die Wahrnehmung der Details der Gegenstände kann sie ihre Vorstellungswelt sukzessive erweitern.

Herr Egger gibt ihr die notwendigen kontextuellen Sachhinweise. Gerda erinnert sich genau an frühere Formen und Gegenstände und vermag so einen großen Sinnzusammenhang herzustellen. Der Rundgang für blinde Menschen ist ein Erlebnis, das sich lohnt - und das nicht nur für blinde Menschen.



Infos zum Blindenrundgang
Ansprechpartner: Herr Egger 089/21124-445
Zeiten: nach Absprache




 
Eine Vitrine mit Tableaus für blinde Menschen
Betastbare Objekte, auf Tableaus angeordnet.
Die blinden Menschen nehmen die Gegenstände aus dem hier abgebildeten Tableau und untersuchen sie, so zum Beispiel Werkzeug und Schmucktypen aus der Urnenfelderzeit des 12. - 8. Jhdt. v. Chr.
Die Auswahl von Faustkeilen, Speeren und Harpunen aus der Altsteinzeit hilft den blinden Menschen, sich eine plastische Vorstellung vom Leben in der Altsteinzeit machen zu können.
Michael Egger und Gerda Kloske-Schindlbeck beim Examinieren eines Faustkeils