Abstract der Magisterarbeit
"Beiträge zur Geschichte des Augustinerchorherrenstiftes Weyarn in der Barockzeit"

von Florian Sepp

Obwohl die hohe Bedeutung der Prälatenklöster im barocken Bayern unbestritten ist, existieren nach wie vor große Ungleichgewichte im Forschungsstand. Dies gilt zunächst für die Auswahl der Themen: Gut erforscht sind das literarische, musikalische und wissenschaftliche Leben sowie die Kunstgeschichte der Klöster, nur wenig bekannt sind hingegen die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, das Schulwesen und das Wirken der Klöster in den Klosterpfarreien. Zum anderen gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Orden: Gerade die in Bayern sehr zahlreichen Augustinerchorherrenstifte sind bisher stark vernachlässigt worden.

Mit diesen allgemeinen Feststellungen ist auch bereits der bisherige Forschungsstand zum Augustinerchorherrenstift Weyarn umrissen, zu dem nur Spezialstudien über Musik und Theater sowie zur Besitzgeschichte vorlagen. Ziel war es daher, Grundlinien der barocken Weyarner Klostergeschichte zu erarbeiten, wozu fast ausschließlich ungedruckte Quellen herangezogen wurden.

Wie viele andere Klöster erlebte auch das 1133 gegründete Augustinerchorherrenstift Weyarn im 16. Jahrhundert eine schwere Krise. 1607 umfaßte der Konvent nur acht Mitglieder, von denen die Hälfte als Expositi in den beiden Klosterpfarreien lebte. Ende des 18. Jahrhunderts (1796) jedoch gehörten der Gemeinschaft 45 Chorherren an. 17 von ihnen betreuten die fünf Klosterpfarreien, darunter die Wallfahrt Weihenlinden, zwölf waren im Schul- und Studienbetrieb tätig.

Die Rahmenbedingungen für dieses eindrucksvolle Wachstum setzten Kurbayern als weltliche Herrschaft sowie das Bistum Freising als geistlicher Oberherr. Regelmäßig konnten bayerische und bischöfliche Kommissionen auf das Kloster Einfluß nehmen, wenn nach dem Tod eines Propstes die Neubesetzung der Klosterführung anstand. Die Wirkung der bei diesem Anlaß gegebenen Anweisungen ist jedoch gering anzusetzen. Dies gilt selbst für die Zeit Kurfürst Maximilians I., als von kurbayerischer Seite noch echtes Interesse an den klösterlichen Verhältnissen bestand. Bei späteren Propstwechseln standen ohnehin die protokollarischen Fragen zwischen Kurbayern und Freising im Vordergrund. Die ab 1768 einsetzende Verschärfung der kurbayerischen Klostergesetzgebung hat die Entwicklung Weyarns nicht behindert, der Konvent wuchs auch in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Größeren Einfluß auf die innere Entwicklung des Klosters hatte der Bischof, besonders bei der Schlichtung klosterinterner Konflikte. Das bis 1803 bestehende Präsentationsrecht des Salzburger Domkapitels für die Weyarner Pröpste – ein Unikum in der kurbayerischen Klosterlandschaft – hatte keine wesentliche Bedeutung für das Stift: Es verkomplizierte lediglich das Verfahren, produzierte aber auch aufschlußreiche Quellen zu den inneren Verhältnissen des Konvents.

Entscheidend für Weyarn war, daß zwischen 1596 und 1651 zusätzlich zu einer schon im Mittelalter inkorporierten Pfarrei die Übernahme der Seelsorge in vier Pfarreien gelang. Von den nun insgesamt fünf Pfarreien waren dem Kloster nur zwei (und die Wallfahrt Weihenlinden) inkorporiert, wozu die Zustimmung von Bischof und Kurfürst erforderlich war. Alle anderen Pfarreien mußten nach dem Tode eines Propstes dem Kloster wieder neu verliehen werden.

Der Erwerb der Pfarreien (gleichgültig ob inkorporiert oder nur auf Zeit verliehen) war einer der entscheidenden Schritte zur wirtschaftlichen Konsolidierung des Klosters, dessen Konventualen zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch in sehr armseligen Verhältnissen lebten und sogar in der Klosterökonomie arbeiten mußten. Daneben konnte ab 1631 bis Ende des 17. Jahrhunderts die Grundherrschaft des Klosters erweitert werden, wobei Weyarn besonders im 30jährigen Krieg von den Problemen anderer geistlicher Grundherren profitierte. Ein weiteres wirtschaftliches Standbein bildete das Kapitalvermögen, das ebenfalls seit Anfang des 30jährigen Krieges aufgebaut wurde und ausschließlich bei den sicheren Schuldnern Landschaft, Staat und Bistum angelegt war. Die 46.000 fl, die 1803 Staat und Landschaft dem Stift schuldeten, waren jedoch nur zu einem Bruchteil von Weyarn tatsächlich verliehen worden: Der größte Teil dieser Schuldobligationen kam durch Stiftungen an das Kloster. Zusätzlich bauten die Pröpste im 17. Jahrhundert die klösterliche Eigenwirtschaft durch Meliorationen und die Einziehung von bisher verstifteten Gütern aus. Ab dem 18. Jahrhundert vereinnahmte Weyarn immer mehr die Pfründen der betreuten Pfarreien, die intensiv mit der Klosterökonomie verwoben wurden.

Diese Anstrengungen bildeten nicht nur die Voraussetzung für die Vergrößerung des Konvents, sondern führten ab der Mitte des 17. Jahrhunderts auch zu einer deutlichen Anhebung des Lebensstandards der Chorherren. Trotzdem war Weyarn noch 1803 von der Wirtschaftskraft her eindeutig im unteren Drittel der bayerischen Prälatenklöster anzusiedeln. Gleichzeitig gehörte es jedoch nach der Anzahl der Konventualen zu den zehn größten bayerischen Klöstern. Dieses Mißverhältnis führte zu materiellen Einschränkungen, die die bewußte Entscheidung der Chorherren zum Eintritt in ein armes Stift erforderten.

Die wirtschaftliche Konsolidierung verlief parallel zu einem tiefgreifenden sozialen Wandel im Kloster. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts stammten die Chorherren zu einem guten Teil aus Dörfern der näheren Umgebung und hatten ihre Ausbildung in anderen Klöstern erhalten. Ab 1630 kamen die Chorherren zunehmend aus Städten, Märkten und großen Hofmarksorten, die jesuitischen Gymnasien verdrängten die Prälatenklöster als Ausbildungsorte, die Anforderungen an die schulische Qualifikation erhöhten sich deutlich. Den Abschluß fand diese Entwicklung 1672, als eine bischöfliche Visitationskommission vorschrieb, nur noch Bewerber mit abgeschlossener gymnasialer Oberklasse aufzunehmen. Chorherren, die aus Bauerndörfern stammten oder gar Söhne von Bauern waren, fanden erst ab den 1720er Jahren wieder den Weg nach Weyarn. Ihr Anteil stieg im Laufe des 18. Jahrhunderts – wie auch in anderen Klöstern – deutlich.

Der Blick auf die Weyarner Klosterschulen bestätigt den Eindruck, daß die Rekrutierung von geistigem Potential aus dem ländlichen Raum erst im 18. Jahrhundert wieder zunahm. Das 1643 gegründete Seminar – eines der wenigen nichtjesuitischen Gymnasien Bayerns – war von Anfang an als Elitegymnasium nach jesuitischem Vorbild geplant. Bemühungen um die Volksbildung sind erst ab den 1730er Jahren feststellbar, doch noch im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde das Klostergymnasium erheblich stärker gefördert als das Elementarschulwesen.

Die Hauptaufgabe der Chorherren war jedoch nicht das Schulwesen oder die Wissenschaft, sondern die Pfarr- und Wallfahrtsseelsorge. Weyarn nutzte seine Pfarreien nicht einfach wirtschaftlich aus, sondern verbesserte auch die Seelsorge erheblich.

Die Vergrößerung des Konvents bei gleichzeitiger Neigung der Pröpste zu einer gewissen Selbstherrlichkeit führte ab 1650 zur Entfremdung zwischen Klosterleitung und Konvent. In der entscheidenden Machtprobe von 1685 gelang es den Chorherren, gegenüber dem Propst das Wahlrecht für den Dekan, also den Inhaber des zweithöchsten Klosteramts, und das Zustimmungsrecht für die Novizenaufnahme wieder durchzusetzen. Die Klärung dieser Kompetenzfragen sowie der Verzicht der späteren Pröpste auf eine übermäßig privilegierte Sonderrolle ermöglichten eine äußerst harmonische und ruhige Entwicklung des Stifts im 18. Jahrhundert, das kaum mehr disziplinarische Probleme kannte. Die Kritik der Aufklärung am Klosterleben berührte das als konservativ bekannte Stift kaum, das auch keine Verfallserscheinungen vor der Säkularisation erlebte.

In Konsequenz dieses Prozesses blieb nach 1803 eine Reihe von Chorherren in Weyarn oder kehrte im Alter dorthin zurück. Sie kauften einen Teil der Klosteranlage zurück und lebten weiter zusammen, ein keineswegs singulärer Vorgang. Die Säkularisation war in Weyarn nicht logischer Zielpunkt der Entwicklung, sondern das abrupte und unerwartete Ende einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte.

[Seitenanfang] [Startseite]
[Startseite] [Institut für Bayerische Geschichte]
© Gesellschaft der Münchner Landeshistoriker e.V., 1. Mai 2002, letzte Änderung am 15. Oktober 2002; Impressum.